Abschied, „because I’m happy“ – Predigt zu Johannes 16,16(17-19)20-23a von Wolfgang Grosse

Abschied.
Sonntagabend. 18 Uhr Neun. Grau hängen die Wolken am Himmel. Bremen Hauptbahnhof. Gleis 1. Ich sehe dem Zug hinterher. Auf Wiedersehen. IC 2435 nach Halle.

Das war‘s dann wohl. Endgültig. Meine Tochter geht ab heute ihren eigenen Weg. Morgen beginnt ihr Studium. Die letzten Wochen, Monate neben viel Organisieren und Suchen nach einer „Studentenbude“, ist bei mir immer wieder der unausgesprochene Gedanke von Abschied. Aber ihre Lust zum Neuanfang hatte mich stets aufs Neue angesteckt. Hatte dunkle Gefühle nicht zugelassen. Eine kleine Weile noch …
Ach, was soll’s: Wir haben doch alle Zeit der Welt! Manchmal kam es mir vor: Wir waren uns in den letzten Wochen näher als in den 18 oder 19 Jahren davor. Die Rücklichter des Zuges verschwimmen im einsetzenden Nieselregen. Dann macht der Zug eine Kurve. Verschwunden in der Ewigkeit. Die Zuganzeige auf dem Gleis rattert metallen mit ihren Blechlettern. 18 Uhr Siebzehn: Ankunft aus … ich lese nicht zu Ende.

Heute war Abfahrt. Heute war Abschied. Heute war Traurigkeit. Der Vater schluckt still eine Träne hinunter. So stehe ich da. Noch eine kleine Weile.
Mich fröstelt. Bremen hat einen Durchgangsbahnhof. Es zieht „wie Hechtsuppe“. Diese Redensart hat weder mit einem Hecht noch mit einer Suppe zu tun. Die „Hechtsuppe“ stammt aus dem Hebräischen und heißt eigentlich "hech supha". Dieser hebräische Ausdruck wurde in den jiddischen Sprachgebrauch übernommen. Man sagte also, es zieht wie „hech supha“, wie ein Sturmwind. So fühle ich mich jetzt. Ein Sturmwind braust durch meinen Kopf, durch mein Herz. Paula, Paulinchen, als sie klein war. Eigentlich Paula Johanne, die „Kleine, der Gott gnädig ist“. Die Urgroßmütter haben Namenspatronin gestanden. Nun ist sie groß geworden. Und Gott war gnädig. 19 Jahre lang bisher. Wie die Zeit vergeht ... Ach, Kinners … stilles Seufzen. Ich erinnere mich noch gut. Damals im Krankenhaus. Ich war dabei. Die Wehen. Die Schmerzen. Die Geburt. Das Glück, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Ich durfte die Nabelschnur durchtrennen. Sie sozusagen eigenständig werden lassen. Geschöpflich wirken. Bei diesem kleinen, nicht wirklich schönem Wesen, schrumpelig, schreiend, Kasein verschmiert. Aber Paula war wunderschön. Neue Schöpfung. Neuanfang. Alle Angst vorher war weggeblasen. Indem ER seinem Odem einblies, als SEIN Sturmwind zärtlich das Leben einhauchte.

Eine kleine Weile, dann sahen wir uns an, eine kleine Weile lang. Paula und ich. Die Welt war eins. Und Frieden. Und Liebe. Keine Fragen mehr. Die Fragen kamen wieder. Natürlich. Nur wenig später. Als wir gemeinsam gekrabbelt, die ersten Schritte gewagt haben. Dann sind wir gegangen, Hand in Hand, aber auch: immer selbstständiger. Die Taufe: Sie gehört nicht mir. Sie gehört Gott. Der erste Abschied.
Der Kindergarten. Gefühlsmäßig allein gelassen, aber für sie „no problem“. Für mich schon. Der zweite Abschied. Die Schule. Andere Menschen wurden wichtig. Freundinnen und Freunde. Nicht mehr nur die Eltern. Der dritte Abschied. Dann die Jugend. Abschiede über Abschiede. Der erste Freund. Blöder Nebenbuhler, hey Töchterchen! ICH war doch bisher der Mann für sie. Und sie sagte fröhlich: „Ich bin dann mal weg.“ „Ich bin heute Abend nicht da.“ „Ich weiß nicht, wann ich wiederkomme.“ „Ich schlafe heute Nacht bei XY.“ Manchmal noch nicht einmal eine Info. Wenn ich Glück hatte lernte ich „ihn“ sogar kennen. Jedes Mal Fragen über Fragen. Jedes Mal auch Angst. Jedes Mal auch ein wenig Trauer. Unbewusst natürlich nur, im Rückblick. Der Abschied rückte näher. Über Jahre. Als wir zusammen gingen. Aber das war mir nicht so klar. Eine kleine Weile noch …
„Eile mit Weile …“ dachte ich: Wir hatten doch alle Zeit der Welt! Hatten wir nicht. Zumindest nicht nach meinem Empfinden. Im Rückblick. Die Zeit verging so schnell. Viel zu schnell. Gestern noch die Geburt. Heute stehe ich auf dem Bahnhof und winke. Ach, Kinners … stilles Seufzen. Sie, Menschen- … Gottesgeschöpf, „Kleine, der Gott gnädig ist“: zusammen haben wir gelacht und geweint. Zusammen haben wir Bäume ausgerissen und versucht die Welt zu verändern. Im Kleinen haben wir es auch geschafft. Darauf bin ich ein wenig stolz. In unserer kleinen Welt. Ich hab‘ ihr von IHM erzählt, Gott.
Ich hab‘ ihr von IHM erzählt, Jesus. Ich hab‘ ihr von IHM erzählt, dem Heiligen Geist, dem Tröster. Sie hatte immer Fragen, immer wieder: Was bedeutet das? Wie soll ich das verstehen? Und oft hat sie dann selbst eine Antwort gefunden. Sie hat gesungen, im Kinder- und Jugendchor: Jauchzet Gott, alle Lande! Trotz Zweifel und Angst: Über Gott, über sich, über die Welt. Schaffe ich das? Vielleicht hat sie es nicht gehört. Aber Gott oder Jesus oder der Tröster, der Heilige Geist hat jedes Mal gesprochen: „Hey, es ist doch nur für eine kleine Weile!“ Immer diese blöde Angst!

Ich weiß: Ein Pastor als Vater ist vermutlich nicht immer einfach. „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh geraten selten oder nie.“ Ich grinse. Nicht jedes Sprichwort ist wahr. Da wehre ich mich gegen. Ich bahne meinen Weg durch die Eingangshalle des Bahnhofs. Wie viele Abschiede und Wiedersehen werden gerade in diesem Moment von Menschen erlebt?
„Nur eine kleine Weile … aber wir sehen uns wieder …“. Beim Abschied auf dem Bahnsteig, als sie schon im Abteil war und das Fenster hinunter geschoben hatte, da sah sie mich an. Mit einem ganz bestimmten Blick. Nur einen Moment lang. Was bedeutet das?
Ich kannte diese Augen. Drei große Fragezeichen darin. Mindestens drei. Dann sagte sie: „Ist doch nur für eine kleine Weile … bis bald!“ Ihr eigener Weltschmerz aufgefangen und gleichzeitig den Papa getröstet. Oder war es in diesem Moment - dann doch für uns Beide - als in mir der Pastor verstummte: ER? Aus Paulinchen ist Paula Johanne geworden. Frau Grosse. Um genau zu sein. 19 Jahre alt. Der Zeiger auf der großen Bahnhofsuhr über mir klackt. Zeit vergeht. ER hat sie in seiner Hand. Ich gehe zum Auto. Krame den Schlüssel hervor. Glück gehabt. Kein Zettel hinter dem Scheibenwischer. Keine Politesse ist da gewesen. War ja nur für eine kleine Weile. Autotür auf. Autotür zu. Stille. Ich schließe die Augen. Atme tief in mich hinein. Spüre den Odem Gottes. Die Traurigkeit schwindet. Angst verfliegt. Freude bricht sich Bahn. Unbändig. Ohne Fragen. Denn ich weiß: ER war da. ER ist da. ER wird da sein. Gestern. Heute. Morgen. Mein Herz freut sich. Und meine Freude soll niemand nehmen. Ein kurzes Tippen auf den Knopf vom Autoradio: „Because I'm happy!“ Pharrell Williams. Passt. Jauchzet Gott, alle Lande! Keine Fragen mehr.
Gott gibt Gnade. Für Groß und Klein. Ich fahre nach Hause. Paula ist behütet. Ich auch. Neuer Anfang. Neue Freiheit. Für sie. Für mich. Und das Wiedersehen wird lauter Freude sein. Nur eine kleine Weile …

In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Joh 16,33)
Amen.

 

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