"Am Anfang war das Staunen..." - Predigt zu Genesis 1, 1-4a. 26-31a; 2, 1-4a von Thomas Ammermann

Am Anfang war das Staunen...
Liebe Gemeinde!
Sie alle kennen sicherlich die Schöpfungsgeschichte der Bibel, jenen Bericht von der Erschaffung der Welt in sechs Arbeitsschritten plus Ruhepause, der – zumindest in seiner ersten Wirkung auf uns - ein wenig an die Aufbauanleitung für den IKEA-Schrank der Modellserie „Björn“  erinnern mag: Starke Bilder, aber schwache Erklärungen. Auf den ersten Blick erscheint alles einfach und klar, aber wenn man genauer hinschaut, passen die Elemente nicht recht zusammen... (Eigenaufbau ausgeschlossen!) Mit den Kosmologien der modernen Astrophysik oder den Erkenntnissen der Evolutionslehre kann diese eisenzeitliche Grobskizze – mehr Bühnenbild als Forschungsatlas – jedenfalls nicht mithalten.
Aber darum geht es auch gar nicht – ging es übrigens nie. Denn die Welt ist kein IKEA-Schrank. Wir müssen sie nicht nachbauen, noch nicht einmal vollständig verstehen, sondern schlicht lernen, in ihr zurechtzukommen und vernünftig mit ihr umzugehen. Oder anders: Wir müssen lernen, uns selbst zu verstehen, unsere Rolle als Geschöpfe in dieser Welt, denen Gott eine Aufgabe zugedacht hat und ein Ziel, von dem her der ganze Spielplan dieses „Welt-Theaters“ Sinn macht.
Entsprechend bekommen Sie heute als Predigttext auch nicht einfach das biblische Vollzugsprotokoll der göttlichen Weltschöpfung vorgesetzt, sondern jene Auszüge, in denen es um das für uns Wesentliche geht, darum, wer wir selber sind und vor allem, wer Gott ist, der uns ins Sein gerufen hat - und wozu... Hören Sie den 
Predigttext: Genesis 1, 1-4a. 26-31a; 2, 1-4a
1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. 3 Und Gottsprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis (...)
26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde,zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. 29 Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. 30 Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. 31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe,es war sehr gut. (...)
1 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. 2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, undruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. 4 So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.
Liebe Gemeinde, am Anfang war das Staunen!
Ich stelle mir vor, dass der Verfasser dieses antiken Schöpfungsdramas ein tiefgründiger Mensch war, einer, der sich Gedanken machte über die Welt, das Leben der Menschen und Tiere und wie alles zusammenhängt. Er wollte verstehen, Antwort finden auf die ewigen Fragen nach dem Woher und Wohin des Lebens, dem Sinn allen Mühens und dem Urheber der Gesetze des Werdens und Vergehens auf dieser Welt. In meiner Fantasie lasse ich ihn – vielleicht ein junger Priester der alten Jerusalemer Schule? – auf der Mauer einer babylonischen Festungsanlage sitzen und grübelnd in den nächtlichen Sternenhimmel schauen, als ihn das große Staunen ergreift: „Gott, ist das schön! ... Am Anfang schuf GOTT Himmel und Erde!“ – So lautet die elementare Einsicht, die sich seiner bemächtigt. „Die scheinbar chaotische Unzahl der Sterne da draußen über uns, die Vielfalt und Fülle des Daseins auf dem weiten Erdkreis um uns herum... - all das bildet eine Einheit, eine klug gestaltete Ordnung (Kosmos!) und wir alle – ich selbst, der ich hier sitze – sind ein Teil davon. Gott hat mich gemacht und er hat etwas mit mir vor!“
...Am Anfang war das Staunen. Staunen über Gott und Beginn aller Selbsterkenntnis. Ich staune, also bin ich!
Wohl jeder von uns kennt seinerseits solche „magischen“ Momente, in denen ihm – vielleicht unter dem gestirnten Himmel einer lauen Aprilnacht – auf einmal alles klar wurde, worüber er schon lange nachgegrübelt und nie Gewissheit erlangt hatte, in denen all die bangen und ach so abstrakten Fragen nach Gott und dem Sinn des Lebens zurücktraten, um in seinem Herzen der einen großen Antwort Platz zu machen: „Du, Gott, bist da, und du siehst mich, inmitten der unendlichen Weite des Daseins um mich herum, machst mich zu deinem Gegenüber - zum Ebenbild Gottes – auf Augenhöhe. ...Und alles wird gut!“
Das, liebe Gemeinde, sind solche – im wahrsten Sinne „wunderbaren“ - Momente des Staunens. Augenblicke, in denen wir uns selbst erkennen - wer und wozu wir da sind - im Angesicht Gottes, der uns gemacht hat. Doch Staunen ist mehr als bloßes Erkennen. Es bedeutet Erleben. Wahrnehmung der Welt aus der Perspektive des lebendigen, des zum Leben erwählten Geschöpfes. Aber es ist nicht leicht, darüber zu reden, andere Menschen teilhaben zu lassen an einer derart nahe gehenden Erfahrung. - Das  ist wie beim Lotto-Spiel: Für den Gewinner mag sich wie ein Wunder anfühlen, was ihm geschieht, für alle anderen aber, die bloß mit ansehen, wie Zahlen gezogen werden, ist nichts Besonderes dabei...
Deshalb ist der biblische Schöpfungsbericht, mit dem wir es heute zu tun haben, auch heute noch so wichtig. – Heute gerade! Denn in ihm ist das Staunen bewahrt, jener magische Moment, in dem einem plötzlich klar werden kann - auch ohne wissenschaftliche Beweisführung – wer wir sind und welchen Sinn unser Dasein hat. Am Anfang ist immer das Staunen. Schöpfungswunder der Seele und Beginn allen Trostes... 
Zumindest in dem Punkt ist das Genesis-Szenario nach wie vor allen modernen Entwürfen der Astrophysik und Evolutionsbiologie weit überlegen. Denn in ihm wird für uns nicht nur denk-, sondern erlebbar, dass allen Geschöpfen, und so auch uns, eine Rolle und Aufgabe zugewiesen ist im Drama des Werdens und Vergehens auf dieser Welt und darüber hinaus... 
„Herr, unser Herrscher, ... wenn ich sehe die Himmel, deiner Hände Werk, ... was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst ... Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk...“(aus Psalm 8) So jubelt der Beter des achten Psalms - offenbar ein Kollege unseres jungen Priesters – im Rausch der Erfahrung des eigenen Wertes vor Gott. 
Übersetzt heißt das: WIR SIND GEWINNER! Wir haben das große Los gezogen, das Los des Lebens. Denn wir sind gewollt! Wir sind nicht bloß irgendwie entstanden, sondern von Gott auf ein Ziel hin geschaffen worden. Oder sagen wir gleich: Hin auf den „siebten Tag“ - jene große Metapher für die Vollendung der Schöpfung, wenn alles ruht in Gott.
Tatsächlich bilden der Anfang und der Abschluss unseres Predigt-Textstücks ja so etwas wie eine geistige Klammer (oder eine Hand?), welche das Werden der Welt, über das dazwischen berichtet wird, umschließt. Hören Sie mal:
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ So geht´s los. „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser...“ Im Folgenden erfahren wir von den einzelnen Schöpfungswerken Gottes und dann heißt es: „So vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, ... undruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken ... Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn...“Ein Rahmen der Kontemplation:Am Anfang schwebt der Geistund am Ende wird abermals auf ein „Geistgeschehen“ verwiesen, den Segen Gottes über seiner Schöpfung am siebten Tag. Dazwischen aber tummelt sich das Leben. – So wird der Sabbatsegen des siebten Tages zum Sinnbild der Geborgenheit aller Kreatur in Gott.
Wie immer also mein Leben gerade aussehen mag – das darf ich daraus schließen -, es wird niemals sinnlos sein. Denn Gott hält es in den Händen. Oder wie es in Psalm 8 heißt: Er „gedenkt“ seiner Menschen. Denken Sie mal drüber nach und kommen auch Sie ins Staunen!
Aber bitte nicht zu lange. Denn allem Fühlen will ein Handeln folgen! Am Anfang mag das Staunen sein - Beginn aller Selbsterkenntnis -, aber Staunen ist immer nur der Anfang! Zumindest für uns Menschen. Denn nun heißt es, unsere Existenz selbst auszufüllen, unser Dasein (wieder) anzupacken und sinnvoll zu gestalten. (Damit es nicht beim bloßen Sinnen bleibt.)
„Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde (...) und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan...  (...) Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe,es war sehr gut. (...) So - und nicht anders -vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke...“ Unsere Berufung zur verantwortlichen Mitgestaltung der Welt, zum Herrschen und Fruchtbringen,  spielt offenbar eine wichtige Rolle auf dem Weg der Vollendung von Gottes Schöpfung!
Und zum Glück ist die kein IKEA-Schrank, an dessen Aufbau wir nur scheitern könnten. Entsprechend dürfen wir ihren „biblischen Bauplan“ auch nicht allzu naiv lesen und womöglich sklavisch in die Tat umzusetzen trachten, was da vom Herrschen, Fruchtbarsein und Untertanmachen gesagt wird . Vielmehr gilt es, mit dem eigenen Verstand zu ergründen, was wichtig und richtig erscheint im Dienste des Lebens und selbst kreativ zu werden, um uns im „Welttheater“ nach Gottes Regie als freie und verantwortungsvolle Akteure zu erweisen.
Lassen Sie uns dazu noch einmal unsere „geistliche Bühnenskizze“ zur Hand nehmen: Gottes Schöpfung, lesen wir da, begann mit der Erschaffung des Lichts. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde (...) Und Gottsprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Licht steht bei uns gemeinhin für Erkenntnis, für die Fähigkeit zu kritischer Unterscheidung – nicht zuletzt und besonders im wissenschaftlichen Sinn. „Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da (unter)schied Gott das Licht von der Finsternis...“
Weiter unten dann, als Höhepunkt des Schöpfungswerkes, wird schließlich die Erschaffung des Menschen verkündet: „Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen...“
Liebe Gemeinde, das erste und das letzte Schöpfungswerk, die Erschaffung des Lichts und die des Menschen, gehören zusammen. Gott schuf das Licht – die Fähigkeit zur Unterscheidung - und das Licht war gut! Gott schuf auch uns Menschen und zwar als Wesen, die vielleicht nicht immer „gut“ sind, nichts desto trotz aber den Unterschied kennen zwischen hell und dunkel, gut und böse, richtig und falsch. Und indem Gott uns zum Licht der Erkenntnis berufen hat, wurden wir zu Wesen, die IHM gleichen...
„Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei...“ Im verantwortungsvollen Dienst an der Welt, zu dem wir berufen sind, nimmt die menschliche Ebenbildlichkeit Gottes Gestalt an (inklusive Astrophysik und Evolutionslehre). 
Es geht also darum, dass wir Licht und Finsternis, Klugheit und Dummheit, Gutes und Schlechtes, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden lernen - zu allererst natürlich bei uns selbst –, um „Gutes“ zu bewirken und die Welt unsererseits ein wenig voran zu bringen in Richtung jener verheißenen Vollendung des großen Sabbattages, da alles zur Ruhe kommt in Gott.
Jeder und jede von uns ist auf seine und ihre Weise dazu in der Lage, denn alles, was wir brauchen, hat Gott uns an die Hand gegeben, bzw. ans Herz gelegt. Allem voran seinen Segen. „Gott“, heißt es in unserem Schöpfungsepos,„segnete sie (die Menschen) und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über (...)alles Getier (...) Und (...) sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise...“ usw.. Kurz gesagt: Um als „Juniorpartner“ Gottes in der Welt für Ordnung zu sorgen, sind wir eingeladen ordentlich zulangen! 
Spätestens am Morgen nach unserem nächtlichen „Sterne-Staunen“ gilt es daher, uns der Wirklichkeit dieser Welt, wie sie heute ist, (wieder) neu zu stellen, um unsererseits schöpferisch darauf hinzuwirken, wie sie sein könnte! - Wie sie nach Gottes Willen (wieder) werden sollte: Zu einem Ort des Genügens und der Entfaltung für alle ihre Bewohner. Denn dass die Schöpfung diesbezüglich buchstäblich aus den Fugen geraten ist - wie so ein abgewirtschafteter, von jahrelangem unsanften Gebrauch arg ramponierter Kleiderschrank der Modellserie „Björn“ – liegt leider nur zu deutlich auf der Hand. Indes hängt nicht weniger als die Würde unseres eigenen Menschseins davon ab, ob und wie es uns gelingt, jene Mitgeschöpfe zu würdigen, die unserer Zuwendung „untertan“ zu machen Gott uns geheißen hat. Entsprechend dürfte nun auch klar sein, was es mit Gottes Aufforderung zur Mitregentschaft tatsächlich auf sich hat: „Seid fruchtbar“ – nämlich für die Schöpfung!„Und (er)füllet die Erde“ – nämlich mit Segen!„Und herrscht“ – durch die Macht eurer Fürsorge! So lautet der Ruf unseres Schöpfers, über das eisenzeitliche Staunen des priesterlichen Sternguckers und die vielen Jahrhunderte hinweg, direkt in die Gegenwart dieser sonntäglichen Feierstunde hinein! – Eine gute Gelegenheit für jeden und jede von uns, liebe Gemeinde, um darüber nachdenken, wie solches in der Praxis Ihres und meines je eigenen Lebens aussehen kann. Konkret: Finden Sie heraus, was Gott, der uns sein Ebenbild im Antlitz unserer Nächsten zuwendet (Menschen und Tieren!), heute von Ihnen erwartet! 
AMEN