„Andreas , der andere Jünger, Ben und Frida und …“ – Predigt über Johannes 1,35-42 von Jochen Riepe

                                                                         I

Ein Spruch  , der einem gefällt … ein Satz , der hängen geblieben ist … ein Wort , das mich getroffen hat . ,,Wo wohnst du?“  – ,‚Woran glaubst du?“. Und sie kamen und sahen, wo er wohnte und sie blieben jenen Tag bei ihm. ,,Bleiben“ – über Nacht , bed and breakfast , einen Sommer lang , ein ganzes Leben …

                                                                        II

„Konfirmation“  - im Fernsehen, im Fernsehspiel am Freitagabend1. Ohne seine Eltern einbezogen oder informiert  zu haben lässt Ben, 15 Jahre alt, sich taufen. Vielleicht haben seine Freunde ihn zum Unterricht mitgenommen, vielleicht war es die nette Pastorin oder der offene Großvater, vielleicht auch so etwas wie ein innerer Drang, ein Muss. In einem religiös neutralen Elternhaus aufgewachsen  hat er sich entschieden, zur Gemeinde Jesu zu gehören und sich bald konfirmieren zu lassen. Ohne großes Bohai, eher still, aber wohl  mit dem guten Gefühl: So ist es für mich richtig. Ben ist nun ein evangelischer Christ und als er vom Taufgottesdienst heim kommt und seinen überraschten, verstörten Eltern berichtet , ist für ihn das alles ziemlich ‚cool‘    - unsensationell und zugleich konsequent.

                                                                          III

Ben  … und nun Andreas und der ‚andere Jünger‘ … ‚und sie kamen und sahen, wo er wohnte und blieben jenen Tag bei ihm‘. Nachfolge Jesu. Was bringt den Stein ins Rollen? Für die beiden Johannes-Jünger ist es  zunächst das Zeugnis ihres alten Lehrers, des Täufers, der Jesus sieht und den gewaltigen , soz. aus der Fülle der Sprache Israels  schöpfenden, Satz spricht: ,,Siehe, das Lamm Gottes“. Keine langen Vorhaltungen, kein aufdringliches Zureden, vielmehr  die unausweichliche Weitergabe einer Erkenntnis und persönlichen Einsicht: ,,Der ist es.“  ,,Lamm Gottes“ – mit diesem Christus-Bild ruft Johannes Gottes Geschichte mit seinem Volk auf, Gottes Verheißungen, die Schuld der Menschen, aber eben auch die Vergebung der Sünden. „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“ (Joh 1,14). Alle Hoffnungen, alle Lasten werden konkret und leibhaftig in diesem einen.

                                                                            IV

Kann ein alter Lehrer einen solchen Einfluß auf seine Schüler haben, dass sie gleichsam von selbst gehen und sich dem anderen zuwenden? Für den Evangelisten jedenfalls ist der Täufer darin das Vorbild, der Inbegriff eines Lehrers, dass er im entscheidenden Augenblick sich selbst zurücknehmen kann: „Jener muss wachsen, ich aber abnehmen“ (Joh 3,30), wird er bald sagen und vielleicht darf man etwas spekulieren : Ist es nicht so, dass Erkenntnis , Rat und Wort von uns Älteren erst dann gehört werden, wenn diese Selbstzurücknahme bei den Jüngeren gespürt wird ? Wer abtritt, bewusst und überzeugend, gereift  in der Erkenntnis, dass Neues kommt, betritt zugleich einen weiten Raum des Gesprächs, und es ist, als hätten Andreas und der andere Jünger eben darin die Freiheit gefunden, dem neuen Lehrer zu folgen. Es gibt einen, bei dem man glauben und sprechen lernen kannst, ja : muß ! „Was hier geschieht“, steht unter der ‚Notwendigkeit des göttlichen dei‘2.

                                                                              V

Andreas, der andere Jünger, Ben und Frida und ich komme auch mit … Wo wohnst du? Woran glaubst du? Ein Wort, in dem man wohnen kann, das meinem Leben Raum gibt …

Aber, es gibt doch so viele „Worte“ oder „Wörter“, Sätze und Sprüche!! Bens Eltern und besonders sein Stiefvater stellen dann soz. die Gretchenfrage unserer Zeit: Muß es denn das Christentum sein? Evangelische Kirche, dass hört sich in unserer liberalen, weltoffenen, aufgeklärten Familie nach Engführung oder gar Engstirnigkeit an! Und in einer gemeinsamen „Zelt- Übernachtungsaktion“, in dieser seltsam-vertrauten Mischung aus Nähe und Abstand, führt der Zweit-Vater dem Sohn die Fülle der Möglichkeiten, den Reichtum spirituellen Lebens  von Katmandu über den Heiligen Berg Kailash  bis zu den „Kraftorten“ im  Kaschmir  vor Augen. Sollen wir nicht erst einmal verreisen und dies alles kennenlernen? Was suchst du ? Weißt du denn, was du suchst? Und bevor du dich soz. heimisch-provinziell entscheidest, solltet du den Welthorizont abschreiten. Die Fülle der Möglichkeiten. Und überhaupt: Muß man sich denn entscheiden, wir leben doch ohne feste Bindung auch ganz gut…

                                                                                VI

Ihr habt es noch im Ohr, liebe Gemeinde: „Was sucht ihr?“, so fragt auch er, das „Lamm Gottes“, der neue Lehrer, den sie bald den „Messias“ nennen werden. Jesus bremst soz. die „Überlauf-Bewegung“ der Johannes-Jünger leicht ab, er konfrontiert, unterbricht, um dann selbst jene Notwendigkeit zu erfahren, der Andreas und sein Freund folgen: „Rabbi , wo hast du deine Bleibe ?“ Wo wohnst du? Nicht wahr, sie suchen, ja ,aber soz. nicht fixiert in sich selbst, im ‚Sumpf‘ der eigenen Motive und Sehnsüchte. Sie wollen seinen Ort, seine Bleibe, sein Wort kennenlernen und sich damit in gewisser Weise, ja,   „auseinandersetzen“ .

 Es gibt einen Lehrer. Es gibt einen Rabbi, bei dem man sprechen und glauben lernen kann : Ist er glaubwürdig ? Kann man ihm folgen? Ist das ‚Lamm Gottes‘ ein ‚guter Hirte‘? Ist sein Wort Gottes Wort oder eigener Dünkel?  Nachfolge, Jünger Jesu werden und Glied seiner Gemeinde werden,  dies folgt einer gewissen göttlichen Logik und Ordnung (und jeder Glaubende weiß hinterher, dass es gar nicht anders ging!). Dieser Weg folgt auch den Stimmen der Väter, ihrem Rat und ihrer Orientierung. Aber beides  braucht zugleich den Willen zum Lernen, zum Aneignen, zum Verstehen und Sprechen. Eine Vorgabe will doch erworben sein. Jesus heißt bei Johannes Logos, Wort, und oft ist dies übersetzbar mit: ein Raum der Begegnung, in dem man Hören, Sprechen, Streiten, Lieben  lernen kann.

                                                                                     VII

Das wusste auch die Erfinderin von Ben, die Autorin Beate Langmaack , die für die ARD das Drehbuch zur „Konfirmation“ schrieb. Mag Bens Umfeld, mögen seine Eltern, sein Stiefvater, einen weiten, freigeistigen Horizont haben, mögen sie heute in Nepal und morgen im Kaschmir zu Gast sein und einen „intuitiven Tourismus“ (B. Strauß) in Sachen Religion pflegen. Fülle aber und große Leere liegen manchmal nah beieinander. Ben jedenfalls sucht das Konkrete, ein kenntliches Gegenüber, eine Person wie die „wilde“ Frida, die ihn herausfordert. Er braucht eine Gruppe, die ihn trägt und Neues erprobt – Konfirmandenfreizeiten, sage ich nur und ihr wisst Bescheid! – und dann, ja, dann braucht, „benötigt“ er ein Wort, einen Satz in Gestalt des guten alten Konfirmationsspruches.

Ist das Druck? Not ? Qual der Wahl oder höhere Notwendigkeit ? Da mögen wir lächeln und doch weiß jeder oder fast jeder evangelische Christ, wie gerade ein solches Wort unser Innerstes beschäftigen und irritieren, ja, aufstören  oder auch im Gespräch mit Eltern und Paten sich uns wunderbar erschließen kann. „Es gibt eine Notwendigkeit, die nicht zwingt, sondern befreit‘3.  Darum heißt es ja auch: Solch ein Satz ist die ganze Bibel, Gottes ganze Befreiungs- und Verheißungsgeschichte „für dich persönlich“. Bens filmischer Weg zur Konfirmation ist immer wieder unterbrochen oder erleuchtet oder aufgeschreckt durch bekannte Bibelverse , die er – die Bibel in der Hand – bedenkt und mit Frida bespricht : ‚Und nähme ich die Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer …‘ 

                                                                             VIII

Wo wohnst du?“ – „Kommt und seht“ , sagt daraufhin Jesus und nimmt sie mit  „und sie kamen und sahen , wo er wohnte, und sie bleiben jenen Tag bei ihm“.

 Bleiben … bei ihm , dem Lehrer, dem Messias, dem Lamm Gottes … one night , bed and breakfast , einen Sommer lang , ein ganzes Leben … Kommen und sehen … Besser kann man vielleicht das , was wir Christen ‚Glauben‘ nennen, nicht wiedergeben : Kommen , sehen , erproben, es wagen , im Gespräch zu bleiben . Mit ihm , dem Lehrer , dem „Mystagogen“  ,  das Haus des Glaubens, das Haus der Sprache erkunden und die wunderbare Erfahrung machen dürfen , wie hier göttliche und menschliche Notwendigkeit und Freiheit einander halten oder zusammenwachsen.

Natürlich : Für manche bleibt es eine Art one-night-stand, andere bleiben zum Frühstück, noch andere kehren immer mal wieder ein. Auch im Haus des Wortes gibt es viele Möglichkeiten, eben „viele Wohnungen“ (Joh 14,2). Was wurde aus Andreas und dem anderen Jünger? Was wird aus Ben und Frida? Ja, und was wird aus mir ?

                                                                             IX

Konfirmation. Befestigung. Bekräftigung. Bestärkung. Ein Ja zum Ja. Woran glaubt Ben denn nun? Wo wohnt er? Die nette Pastorin wird ihm das Wort zusprechen, das er sich selbst ausgesucht hat. Dass er in ihm  „ein-und ausgehe“  (Joh 10,9), es sich anverwandle  und seine Wohnung im Haus des Glaubens finden kann.

1 I ARD 16.6.17  Regie :  S.Krohmer / Drehbuch : B. Langmaack (innerhalb der ARD-Reihe : Woran glaubst du ?)

2 I H.  Thyen , Das Johannesevangelium , 2005, S.129

3 I P. Strasser , Journal der letzten Dinge, 1998, S.64