Argumente für den guten Hirten - Predigt zu Johannes 10,11-16.27-30 von Christian Bogislav Burandt

Argumente für den guten Hirten

Liebe Gemeinde!

Das Bild einer Schafherde taucht vor unserem Auge auf, passend zur Jahreszeit. Große Schafe und kleine Lämmer bewegen sich zu einem neuen Weidegrund. Der Hirte gibt die Richtung an, damit die Herde nicht kopflos durch die Gegend irrt und womöglich zu Schaden kommt. Ein Hund läuft umher und sorgt dafür, dass der Wille des Schäfers umgesetzt wird. Der Hirte steht mit seinem langen Stab an der Stelle, wo es brenzlig werden könnte. Auch auf Wölfe muss ja in Niedersachsen wieder geachtet werden! Auf dem Arm trägt der Hirte ein kleines Lämmchen, das sich verletzt hat.

Das Bild vom guten Hirten, liebe Gemeinde, hat sich uns tief eingeprägt. In die Schichten unseres Bewusstseins genauso wie in unser Unterbewusstsein. Auch Menschen, die noch nie eine echte Schafherde samt Schäfer gesehen haben, lassen sich von diesem Bild ansprechen. Es ist schon so: Uralte Menschheitserfahrungen verdichten sich in dem Bild von dem guten Hirten; so dass es seine Leuchtkraft auch im Zeitalter von Navigationsgeräten, Tablet-Computer und Smartphone nicht ohne weiteres verliert. Denn das Bild vom guten Hirten nimmt unsere Sehnsucht nach Geborgenheit ebenso wie unseren Wunsch nach jemandem, der uns auf den richtigen Weg schickt, der mitgeht und uns auf dem eingeschlagenen Weg auch beschützt.

„Ich bin der gute Hirte!“, spricht Jesus Christus. Damit beansprucht Christus das Hirte-Sein für sich. Persönliche Nähe vermittelt er: Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, sagt er. Das bedeutet Geborgenheit; aber Jesus Christus weist auch hin auf den richtigen Weg, der zum Leben, zum ewigen Leben führt. Meine Schafe hören meine Stimme... und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben.

Ein größerer Anspruch ist kaum denkbar. Wer die Rede Jesu ernst nimmt und annimmt, für den kann es nur und ausschließlich Jesus Christus als guten Hirten geben. - Das lateinische Wort für Hirte ist Pastor. Aber im Gegenüber zu Jesus Christus sind alle Pastoren, auch die, die sich anstrengen, nur als Mietlinge anzusehen... –

Freilich, es tauchen Bedenken auf: Darf überhaupt jemand einen solchen hohen Anspruch erheben? Trotz aller Leuchtkraft gibt es in der Moderne am Hirtenbild scharfe Kritik. Ja, man versuchte durchaus, sich des Hirtenbildes selber zu entledigen! Zu kindlich, darauf angelegt, Führer-Gestalten zu verherrlichen und zu autoritär lautet die Kritik.

Zu kindlich. Sollen wir uns als unmündige blöde Schafe betrachten? Kindische Abhängigkeit macht krank. Siegmund Freud hält in seinem berühmt gewordenen Satz fest: „Der Mensch kann nicht ewig Kind bleiben, er muss endlich hinaus ins ‚feindliche Leben’.“

Darauf angelegt, Führer-Gestalten zu verherrlichen, so lautet der zweite Einwand. Nach den grauenhaften Erfahrungen mit an die Macht gekommenen Führer-Gestalten im letzten Jahrhundert, da fragt vielleicht der eine oder die andere, ob nicht das Modell vom Hirten auf den Abfallhaufen der Geschichte gehört. So wie es vor kurzem einer ganzen Reihe arabischer Machthaber gegangen ist.

„Zu autoritär“, lautet der dritte Einwand. Wo bleiben bei dem Bild der Schafherde mit dem Hirten Demokratie und Mitbestimmung? Kritische Geister fragen, ob nicht die verhängnisvolle Struktur von Befehl und Gehorsam mit dem Hirtenbild einfach mitgeliefert wird!

Nun. Den Gegnern des Hirtenbildes kann man zunächst rein äußerlich mit deren eigenen Argumenten begegnen: Der Mensch kann nicht ewig Kind bleiben, das ist richtig. Aber der Mensch wird in seiner Seele immer der eigenen Kindheit verhaftet bleiben, wenn er nicht innerlich zugrunde gehen will! Das Hirtenbild mag kindlich sein, kindisch ist es nicht!

Immerhin ist gerade dies 10. Kapitel aus dem Johannesevangelium mit der Hirtenrede Jesu in der Zeit des Kirchenkampfes von entscheidender Wichtigkeit gewesen. Gegen den Druck der Nationalsozialisten und der deutschchristlichen Kirchenpolitik beriefen sich die Christen der Bekennenden Kirche auf diese Aussage: Jesus Christus ist der gute Hirte, der allen Ansprüchen von menschlichen Führern vorzuziehen ist und auf den allein in Kirche und Gemeinde zu hören ist! (man vergleiche die Barmer Theologischer Erklärung von 1934 ; EG 810). Gerade die Rede von Jesus Christus als gutem Hirten birgt demnach ein erhebliches kritisches Potential gegenüber allen, die Leitungsämter wahrnehmen oder sich Leitungskompetenzen anmaßen!

Und schließlich ergibt sich aus dem Gegenüber von Schafen und Hirten zwar ein Autoritätsgefälle, aber eines das begründet ist: in der größeren Weitsicht und Kenntnis des Hirten gegenüber den instinktbefangenen Schafen. Allerdings erfährt das Bild des guten Hirten durch das Geschick Jesu Christi ja noch seine besonderen Ausweitungen. Und die Sprachgestalt in unserem Predigttext bleibt bei der einladenden Anrede; jeder Befehlston fehlt hier!

Damit kommen wir zur Entfaltung des Hirtenbildes in unserem Text. Es ist ja nicht irgendjemand, der sich uns als guter Hirte empfiehlt, sondern Jesus Christus; also der, der zugleich das Lamm ist, das die Sünde der Welt trägt! Er ist der gute Hirte, weil er sein Leben einsetzt für uns, weil er sein Leben lässt für die Schafe. Das geht über ein Hirtenbild hinaus. Das Kreuz steht im Hintergrund des Anspruches Jesu; er ist vorangegangen durch Hölle und Tod, um uns zum Leben zu führen. So haben wir auch in der Epistel gehört von Christus, der unsere Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz. Jesus Christus verheißt die Gabe des Ewigen Lebens. Er kann dies, weil Gott ihn von den Toten auferweckt hat. Mein Vater, der mir die Schafe gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.

Beim Nachdenken stelle ich fest: Es gibt keinen anderen biblische Text, den ich bei Trauerfeiern und Beerdigungen so oft vortrage, wie diese Bildrede vom guten Hirten. Woran liegt das? Ich denke, gerade in diesen Worten teilt sich der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus so mit, dass Trauernde Trost finden: Er verheißt Schutz und Orientierung, die besonders Menschen brauchen, die einen anderen verloren haben. Er vermittelt über den himmlischen Vater die Hoffnung auf das Ewige Leben, die besonders tröstlich ist, wenn ein irdisches Leben zu Ende gegangen ist. Und er spricht uns seine Vertrautheit mit uns zu, er kennt die Seinen. Wie wohltuend ist das, wenn in der Trauer so vieles unkenntlich wird...

Nicht am Hirtenbild an sich, an Jesus Christus als Hirten und Bischof unserer Seelen, daran hängt die Seligkeit. Entscheidend ist, ob wir die Stimme des guten Hirten hören wollen oder nicht! Hier entscheidet sich die Zukunft. Der gute Hirte ist da. Er wartet auf uns.

Herr Jesus Christus, lass uns deine Liebe spüren. Hilf uns, dir allein als unserem guten Hirten zu folgen. Tröste du uns auf Wegen im finsteren Tal; auch durch die Gemeinschaft derer, die in Deinem Namen zusammenkommen. Schenke Du uns Lebensmut und neue Kraft und erneuere uns in der Hoffnung auf das Ewige Leben.

AMEN