Aufbruch - Predigt zu 2. Mose 13, 20-22 (Silvester) von Monika Waldeck

Manche wandern entschlossen mit festem Blick in die Ferne. Manche bleiben immer wieder zögernd stehen und schauen zurück. Manche gehen mit müden Schritten und schmerzenden Gliedern. Manchen steht die ängstliche Ungläubigkeit noch ins Gesicht geschrieben, tatsächlich auf dem Weg zu sein. Manche tänzeln voller Vorfreude allen voraus. Manche müssen getragen werden. Manche strahlen zuversichtliche Gelassenheit aus.

 

Es muss eine bunte Truppe gewesen sein, die da unterwegs war, aus der Sklaverei in Ägypten auf dem Weg ins gelobte Land, in dem Milch und Honig fließen. Männer, Frauen, Kinder in jedem Alter. Unterwegs auf einer langen Wanderung durch Wüste und Meer, aus der Zeit gefallen, zwischen den Fronten, zwischen dem alten und einem ersehnten neuen Leben.

 

Was sie in Ägypten gehabt haben, das wissen sie. Auch ein Leben in der Sklaverei kann Sicherheit geben. Was sie erwartet, können sie sich noch nicht vorstellen. Aber nun sind sie tatsächlich aufgebrochen. Sie haben sich auf den Weg gemacht. Sie wagen es, sich der Führung Gottes anzuvertrauen. Das ist der bewegende und bewegte Beginn der Glaubensgeschichte Israels mit seinem Gott.

Kann es auch eine Glaubensgeschichte für Menschen auf der Schwelle zum Jahr 2018 sein? Kann es uns helfen bei unserer Frage danach, wo Gott auf den Wanderungen unseres Lebens spürbar ist, besonders in den Situationen, in denen wir uns heimatlos und entfremdet fühlen?

 

Aufzubrechen bedeutet einerseits extreme Verunsicherung, Angst, Zweifel. Andererseits kann ein Aufbruch erwartungsvoll und neugierig stimmen. Und manchmal erleben Menschen in solchen Situationen alles gleichzeitig. Ein Hin- und Hergerissensein zwischen den unterschiedlichsten Gefühlen.

 

Das Volk Israel muss auf seiner Wanderung viel aushalten, Hunger, Durst und Verfolgung, es muss sich organisieren, um zu überleben und nicht alle werden es am Ende schaffen. Eine aufregende, eine anstrengende, eine lebensgefährliche Zeit mit ungewissem Ausgang liegt vor ihnen.

 

Gott weiß das. Er rechnet mit dem Zweifel, er rechnet mit der Überforderung und Schwäche der Menschen. Er übernimmt die Führung. Bei Tag zieht er in einer Wolkensäule, bei Nacht in einer Feuersäule vor ihnen her, damit sie weitergehen können. Niemals lässt er sie allein. Niemals weicht er von seinem Volk. Manchmal sind sie sich der Führung Gottes sicher, manchmal zweifeln sie an ihr. Kaum sind sie unterwegs, bereuen es Einige schon, überhaupt losgezogen zu sein, weg von den Fleischtöpfen Ägyptens. Die Wanderung ist lang und führt durch die Öde der Wüste. So wenden sich viele murrend von ihm ab und beginnen den Tanz um das goldene Kalb.

 

Einfach lässt sich der Abstand zwischen Gott und seinem Volk dann nicht überspringen. In der Wolke und im Feuer zeigt er sich, aber manchmal reicht es nicht, um die Zweifel am Sinn und Ziel der Wanderung zu zerstreuen.

 

So sind wir Menschen, zu allen Zeiten bis auf den heutigen Tag. Gott kann uns so fremd und fern erscheinen wie wir uns selbst oft genug. Ich jedenfalls finde mich in diesen alten Geschichten wieder. Ich weiß nicht, wie es ausgeht, was mich sorgt und belastet. Ich weiß nicht, ob ich morgen noch da sein werde. Ich weiß nicht, wie ich die Krisen, die mir das Leben zumutet, durchstehe und wo ich dann sein werde und wer ich dann bin. Dann wünsche ich mir Gewissheit, dass Gott alles so macht, wie ich es benötige. Aber Gewissheit gibt es im Glauben nicht. Gott kann ich mir nicht zunutze machen wie ein Werkzeug, das darauf wartet, gebraucht zu werden. Glauben heißt, in der Sehnsucht, in der Hoffnung zu bleiben, auf Gott zu vertrauen, auch wenn alle äußeren Umstände dagegensprechen.

Gerade jetzt in der Weihnachtszeit frage ich mich: Ist nicht auch im Licht des Sterns über der Krippe von Bethlehem der Schein von Gottes Feuersäule enthalten? Wenn wir Gottes Verheißung ernst nehmen, dann sind wir auf dem Weg in die Freiheit und den Frieden des gelobten Landes, - aber wir sind noch nicht da. Hier auf der Welt sind wir nie ganz zu Hause, sondern unterwegs, in unseren ganz unterschiedlichen Stimmungen und mit ganz unterschiedlichen Schritten.

Ein Mann, der vor 25 Jahren aus Russland eingewandert ist, erzählt im Seelsorgegespräch kurz vor Weihnachten, dass er nach 13 Umzügen in Russland und Deutschland nun endlich sesshaft geworden ist. Er hat ein kleines Haus gebaut, auf das er stolz ist. Mittlerweile haben sich Enkelkinder eingestellt. Es sind nur  noch ein paar Jahre bis zur Rente, die ihm nach einem arbeitsreichen Leben etwas mehr Zeit für seine verschiedenen Interessen schenken würde. Aber dann verstirbt seine Frau nach einem kurzen schweren Krankheitsverlauf. Seither ist nicht mehr arbeitsfähig und darum belastet ihn auch finanzielle Unsicherheit. Er sagt, er habe den Eindruck, dass ihm sein Leben immer schneller entgleite.

Und während er so erzählt und seinen Lebensspuren noch einmal folgt, fällt sein Blick auf das kleine Kreuz mit dem Bibelvers auf dem Tisch und er sagt: „Das ist immer mein liebster Spruch gewesen. Der hat mir früher oft die Perspektive zurechtgerückt. Vielleicht sollte ihn auch jetzt wieder öfter lesen und bedenken.“ Er liest das Wort aus dem Hebräerbrief: “Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr. 13,14)

Und dann fällt ihm ein, dass er noch Handlungsmöglichkeiten hat. Unter dem Eindruck seines Bibelwortes überlegt er, dass er ja nicht unbedingt an seinem Haus festhalten müsse, nach so vielen Umzügen in seinem Leben werde er auch eine neue Bleibe finden. Vielleicht solle er einfach akzeptieren, dass er im Augenblick einfach nicht arbeiten könne und sich nicht selbst weiter unter Druck setzen.

Was das Lesen eines Bibelverses alles bewirken kann! Seitdem kommt mir dieses Wort häufiger in den Sinn. Auch wir Christen sind ein wanderndes Gottesvolk. Die Verheißung Gottes setzt uns in Bewegung. Wir sollen uns nicht auf falsche Sicherheiten verlassen. Die zerbrechen schnell, wenn wir in eine Krise geraten.

Die Dichterin Hilde Domin, die im Nationalsozialismus als Jüdin Erfahrung mit Exil und Fremdheit machen musste, nimmt in wunderbar treffenden Bildern auf, was für sie diese Verheißung bedeutet:

Ich habe Heimweh nach einem Land
in dem ich niemals war,
wo alle Bäume und Blumen
mich kennen,
in das ich niemals geh,
doch wo sich die Wolken
meiner
genau erinnern,
ein Fremder, der sich
in keinem Zuhause
ausweinen kann.

Ich fahre
nach Inseln ohne Hafen,
ich werfe die Schlüssel ins Meer
gleich bei der Ausfahrt.
Ich komme nirgends an.
Mein Segel ist wie ein Spinnweb im Wind,
aber es reißt nicht.
Und jenseits des Horizonts,
wo die großen Vögel
am Ende ihres Flugs
die Schwingen in der Sonne trocknen,
liegt ein Erdteil
wo sie mich aufnehmen müssen,
ohne Pass,
auf Wolkenbürgschaft.

In diesen paradoxen Bildern vom Land, in dem das Ich niemals war, wo aber doch alle es kennen, kann sich das biblische Land der Verheißung wiederfinden lassen. Es ist fremd, aber doch vertraut, es ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig. Ich bin eine Fremde, die kein Zuhause hat und sich selbst fremd bleibt. Die Schlüssel zum Zuhause werden nicht mehr gebraucht. Und wie fühlt sich das an? Das Bild vom Segel erzählt davon. Es ist wie eine Spinnwebe, zart, angespannt, verletzlich, scheinbar leicht zu zerreißen, aber hat doch eine Stärke, die den Stürmen trotzt.

Das Land der Sehnsucht „jenseits des Horizonts“ liegt zwischen Diesseits und Jenseits, Sein und Nichtsein, Bekanntsein und Fremdsein. Es ist ein Land des „Zwischen“ mit allein der Sicherheit einer „Wolkenbürgschaft“. Unsicherer geht es nicht, aber sicherer auch nicht. 1 Das Land der Verheißung kann nur erreicht  werden, wenn wir unsere Zerrissenheit ernstnehmen. So sind wir unterwegs auf unserer Wanderung durch die Zeit und unser Leben. Die wir zurücklegen mit forschem Schritt, oder zweifelnd und zögernd. Manchmal tragen wir Schwächere, manchmal müssen wir selbst getragen werden.

Eins aber ist gewiss an der Schwelle zum neuen Jahr: Gott wird wieder an unserer Seite sein, in einer Wolkensäule oder im Licht des Sterns von Bethlehem.

Amen.

 

1 I Stephanie Lehr-Rosenberg: „Ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug.“ Umgang mit Fremde und Heimat in Gedichten Hilde Domins, Würzburg 2003, S. 144-147