Aus dem Tal der Ohnmacht - Predigt zu Markus 9, 17-27(-29) von Lars Hillebold

Wenn der Körper sich streckt und wie ein Baum zur Erde fällt

Sie kamen als Eltern vom Berg der Freude und der Verzückung über ihr neugeborenes Kind nach Hause. Der zweite Sohn war gesund zur Welt gekommen. Er wuchs heran. Wurde älter. Alles war gut. Das erste Jahr. Das zweite Jahr.

Kurz nach dem dritten Geburtstag dann ohne Vorwarnung: Das Zucken der kleinen Armen und Beine. Das verzerrte Gesicht. Mitansehen. Nicht helfen können. Ein Anfall dauert Sekunden; das Gefühl der Ohnmacht ist ewig. Ihr Stoßgebet schrie nach Hilfe: Gott, mach was.“ Setz dem Unheimlichen ein Ende. Richte ihn auf, der am Boden liegt und nicht weiß, was ihm geschieht. Ihr Blick zum Himmel war Sehnsucht. Die Worte sollen Wahrheit werden: „Jesus, ergreif seine Hand und richte ihn auf, und er steht auf.“ Aber so ist es nicht geworden. Sie kamen vom Berg der Freude über ihr neugeborenes gesundes Kind und sind inzwischen nach Jahren auf der Ebene einer anderen Wirklichkeit angekommen. Ihr Kind hat Epilepsie. Ärzte, Heilpraktikerin, Jünger sollten das Unheimliche austreiben und sie konnten’s nicht. Sie können es nicht erklären und sie finden nicht die Ursache. So ist es geblieben: Wenn der Körper sich streckt und wie ein Baum zur Erde fällt. Wenn die Atmung stockt. Manchmal kommt Schaum aus dem Mund, der sich mit Blut vermischt, wenn er sich auf die Zunge gebissen hat. Das Zucken der inzwischen großen Arme und Beine. Das verzerrte Gesicht. Nach ein bis zwei Minuten ist es überstanden. Der Körper entspannt sich wieder. Sein Schutzhelm bewahrt ihn vor Platzwunden. Peinlich ist ihm, wenn er die Kontrolle verliert über alle Körperfunktionen. Und wenn sie alle drum herumstehen und schauen. Hilflos. Mit jedem unvermeidbaren Anfall, manchmal kleine und unbemerkte am Tag und in der Nacht, gehen Gehirnzellen unwiederbringlich verloren. Unmöglich, sie wiederzuholen. Sie waren damals losgezogen vom Berg. Sie haben Täler durchschritten. Wird es so bleiben?

Er lebt mit dem Unheimlichen und weiß nicht, was wird. Er sehnt sich, was noch möglich werden könnte. Er fürchtet sich aber auch, was ihm alles unmöglich ist. „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt? Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Im Tal der Ohnmacht

Petrus, Jakobus und Johannes waren mit Jesus auf dem Berg der Verklärung. Dem Ort, an dem Gott so unmittelbar scheint, dass man gerne Hütten bauen und für immer dort bleiben möchte. Alles leuchtete in klarem Licht und nichts schien unmöglich. „Wir glauben! Wir bekennen! Uns ist alles möglich“, hatten sie von ihrem Berg über die ganze Welt ausgerufen. Alle Sorgen von oben schienen ihnen nichtig und klein. Und sie hätten Hütte um Hütte bauen können. Für Mose, der ein ganzes Volk befreite. Für den Propheten Elia, der unübertroffene Siege und Erfolge errungen hatte. Ja, alles ist möglich denen, die glauben. Für Abraham kam ihnen ein Zelt in den Sinn. Denn dort hatte er Gottes Stimme gehört: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Nächstes Jahr komme ich wieder und deine alte Frau Sara wird einen Sohn haben.“ Schließlich eine Hütte für Hiob. Der hatte Haus und Hof verloren und erkannt: „dass du, Gott, alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.“ So steigen sie leicht und beschwingt vom Berg der Verklärung hinunter und treffen im Tal auf den Dämonen der Ohnmacht.

Sie konnten’s nicht. Mir helfen. Sie konnten es alle nicht: die Jünger, mein Vater, die umstehenden klugen Köpfe, die Schaulustigen - ja vor allem, ich selber konnte es nicht. Ich kann mich nicht wehren. Ich kann mich nicht schützen. Die Macht über meinen eigenen Körper wurde mir geraubt. Das Schalten der Nervenzellen im Gehirn hat eine andere Macht übernommen. Meine Nervenzellen tanzten mit mir. Ich will das nicht. Sie spielen mit meinem Willen. Ich will nicht nichtspielen. Wenn sie doch endlich Ruhe gäben. Da, er hat was gesagt. Ich habe es nicht hören können. Es ist so still. Plötzlich. Er ergriff meine Hand. Er bindet mich an ihn. Sollte es so bleiben? Er hält mich fest. So ruhig. So soll es bleiben. Er hält mich. Werden jetzt die anderen Stimmen in mir ohnmächtig? Wenn sie an der Macht waren, dann kann ich nichts steuern. Das ist auch jetzt so. Steuert er mich? Ohnmächtig war ich. Oder bin ich tot? Nein, er hält mich. Dieser Jesus. Er richtet mich auf. Bestimmt er mich. Ich glaube es; oder doch nicht? Stehe ich wieder? Kann ich es allein? Alleine wieder stehen? Ich glaube. Ich kann es nicht glauben. Was ist geschehen?  

 

Wi(e)der stehen

Ganz andere sind in diesen Tagen aus dem Tal der Dämonen heraus auf dem Gipfel ihres politischen Erfolgs angekommen. Im Sammelbecken hatten sie sich getroffen, die heimlichen Rechten und die unheimlich Enttäuschten. Blühende Landschaften haben sich nicht überall gebildet. Und selbst unter den Gebildeten finden sich Ängste vor den Fremden und einer allzu globalen Welt. Vielleicht ist die Welt so sehr vernetzt, dass viele nur noch darüber zu stolpern scheinen?

Da ergriff er ihre Hände, richtete sie auf, dass sie wieder stehen. Und anders stolz sind auf ihr Land, in dem Fremde willkommen sind. In einem Land, das zu seinem Wohlstand steht und zum Teilen bereit ist. Als ein Volk in Vielfalt aus seiner Geschichte heraus in der Gegenwart dankbar lebt. Für eine Zukunft der Menschen einstehen, die aus Angst und Armut heraus sich vielleicht nicht anders zu helfen wussten, als das zu wählen, was sie nun mal gewählt haben.

Da ergriff er unsere Hände, richtete uns auf, dass wir wieder stehen. So widerstehen wir denen, die ein demokratisches Volk zu ihrem machen wollen, als hätte irgend jemand die Macht zu bestimmen, wer das Volk ist. So widerstehen wir denen, die andere jagen wollen oder gar entsorgen. So  widerstehen wir auch denen, die das alles klein reden oder allzu höflich einfangen. Manche wissen nicht, welchen Inhalt sie gewählt haben. Sie haben die alten nicht mehr wählen wollen, die vom Berg angeblich nicht mehr in die Täler kommen. Und da wartete geschickt eine Alternative, die von Alternativen ja sonst wenig wissen will. Manche aber wissen allzu gut, wen sie gewählt haben. Und beides das Nichtwissen und das Zurückwollen in alte Zeiten ist mir unheimlich. Die bisher im Tal verborgenen rechten Tendenzen werden sichtbarer auf dem Gipfel von 12,6 %. Sie sind aus dem Tal nach oben gekommen und sprechen vom Berg herunter wie Machthaber, die jagen und sich ihr Volk zurückholen wollen, was weder ihr Volk noch ihr Recht ist. Ich bin nicht ihr Volk. Mich brauchen sie nicht zurückholen.

Da er ergriff meine Hand, richtete mich auf und hier stehe ich. Auf Bergen und in Tälern. Wir als Kirche stehen nicht über der Politik. Wir stehen auch über keiner Partei. Wir gehen in die Höhen und in die Tiefen einer Gesellschaft mit. Und wenn es dran ist, finden wir deutliche Worte. So war es nicht immer. So kann es aber sein. Wir werden später nicht sagen: wir konnten’s nicht. Wir konnten‘s nicht wissen. Wir konnten‘s nicht hören. Wir konnten‘s nicht sehen. Wir machen uns nicht zum Affen. Denn wir haben es gelesen und gehört: Auch sprachlose Geister sind machtvoll. Sie sind taub auf manchem Ohr. Gerade das macht sie so unheimlich. Sie können Argumente einfach überhören. Wir sollen die gebieterischen Worte Jesu nutzen? Diese Macht haben wir nicht. Auch werfen wir niemanden ins Feuer und niemand soll im Wasser ertrinken.

Da ergriff er deine Hände, richtete dich auf, dass du wieder stehst: Das kann nur jeder für sich sagen. Das kann jede von sich aus sagen. Ich widerstehe. Denn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

 

Ins Gebet nehmen

Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Am Ende steht das Gebet. Für die Eltern und ihr epileptisches Kind. Den Vater und den Sohn. Vielleicht sogar für sprachlose Geister und taube Ohren. Für Menschen, die irre gehen in der Wahl ihrer Worte und Taten. Für uns. Unsere Kirche. Für mich.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Das ist der Anfang meines Gebetes. Worte gegen allen Anschein. Worte für den Widerstand. Mit einem Berg voller Fragen. Tälern voller Enttäuschung. Ich glaube, bete ich und fahre fort: hilf meinem Unglauben. Denn beides ist wahr. Ich bitte um Heilung. Doch Wunder gibt es nicht immer wieder. Ich wage die Worte des Widerstands. Ja, vielleicht werden sie verhallen. Ich stehe am Ende mit dem da, mit dem Jesus anfängt: Diese Art - und andere Unarten - kann durch nichts ausfahren als durch Beten. Also bete ich:

 

An dich, Gott, glaube ich; hilf meinem Unglauben.

Du kannst Menschen heilen. Dir sei geklagt, warum die einen und die anderen nicht.

Ich prüfe mein Herz. Ich kenne es nicht immer genau.

Manches Fremde ist mir unheimlich. Scheu bin ich.

Angst habe ich auch vor dem Morgen und Grauen. Völlig unbegründet.

Meinen Grund hast Du gelegt.  Doch schwanke ich hin und her.

Dann wird es plötzlich wie Licht. Stille.

Als wäre es Tod. Doch es wird Leben.

Du hast die Macht. Halt mich fest.

Ich weiß nicht immer wohin mit mir und mit dir.  

Doch ich will, dass mein Herz dich festhält und Ruhe findet. In dir.

Nimm mich bei der Hand, richte mich auf,

dass ich stehen kann, widerstehen kann.

Ich war in Tälern und auf Bergen.

Im Glauben und im Unglauben, bist du nah bei mir.

Du tust mir gut. Im Elend war ich. Mit dir nicht allein.

Ich glaube. An dich Gott. Hilf meinem Unglauben.

 

Amen.