Begründete Hoffnung – Predigt zu Jesaja 29, 17-24 von Martin Weeber

Kann man ohne Hoffnung leben? Kann man leben ohne die Aussicht, dass sich die Dinge, die schwer sind und belastend, irgendwann und irgendwie zum Besseren kehren? Es ist auf jeden Fall furchtbar traurig, ohne Hoffnung leben zu müssen. Menschen brauchen Hoffnung.

Von einer großen Hoffnung redet der heutige Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja:

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,  welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen. (Jes, 29,17-24)

Alles wird besser, alles wird gut werden. Der Prophet spricht diese Worte in eine hoffnungslose Zeit hinein. Er redet zu Landsleuten, die furchtbar leiden unter schlimmen Zuständen:

Tyrannei, Krieg, Unterdrückung, Unrecht, Not. Ich könnte jetzt erklären, wie die damalige Situation war im Lande Israel. Aber das ist gar nicht nötig: Tyrannen, Spötter, Unheil, Unrecht.

Das gibt es auch heute noch in so vielen Gegenden der Welt. Und alle, die leiden unter den Tyrannen und Spöttern, unter dem Unheil und dem Unrecht, die hoffen darauf, dass sich die Dinge zum Besseren wenden, dass die Tyrannen und Spötter ihre Macht verlieren und dass heilvolle und gerechte Verhältnisse einkehren.

Hoffnung vermag Menschen eine unglaubliche Energie zu verleihen. Ich stelle mir vor:

Ein junger Mensch in Afrika. In seiner Heimat hat er schlechte Aussichten. Er macht sich auf den Weg durch die Wüste, Richtung Mittelmeer. Er weiß ziemlich genau, welche Gefahren ihn erwarten.

Er weiß, dass er sich auf Menschen verlassen muss, die an ihm als Person überhaupt kein Interesse haben. Sie sind nur an seinem Geld interessiert. Es rührt sie nicht, wenn er beinahe verdurstet.

Protestiert er, setzt es Schläge. Und geht die Überfahrt schief – es ist ihnen egal: „So what?“ „Was soll’s?“ Und trotzdem macht er sich auf den Weg: Wochenlang, manchmal monatelang unterwegs.

Was ihn antreibt, ist die Hoffnung. Die Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa.

Hoffnung gibt uns Menschen Kraft. Hoffnungslosigkeit macht uns schwach.

Wenn eine keine Hoffnung mehr hat, dann gibt sie sich auf. Manche sagen, Depressionen seien die Krankheit unserer Zeit. Und die Hoffnungslosigkeit gehört zu den markantesten Gesichtszügen der Depression: „Es wird ja doch nicht mehr besser.“

Der Prophet sieht die Lage anders:

„Es wird alles besser werden. Es wird alles gut werden.“

Das ist für ihn eine Botschaft, die von Gott selber herkommt:

„Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.“

Es ist Gott selber, der die Dinge in die Hand nehmen wird. Gott selber zeigt sich dem Propheten Jesaja als Grund der Hoffnung. Gott ist kein Gott, vor dem man Angst haben müsste.

Respekt: ja, aber keine Angst. Wir sollen auf Gott hoffen. Gott will die Dinge zum Besseren wenden.

Gut ist es, wenn man das von Gott erwartet, wenn man Gott das zutraut. Der Apostel Paulus im Neuen Testament findet eine wunderschöne Formulierung: Er bezeichnet Gott als „Gott der Hoffnung“.

Ein Leben ohne Hoffnung ist ein trauriges Leben. „Guter Hoffnung sein“: Das war einmal ein Ausdruck für’s Schwanger sein. Vor lauter Untersuchungen und Kontrollen und Diagnosen fällt es heute manchmal gar nicht mehr so leicht, einfach „guter Hoffnung“ zu sein.

Ohne Hoffnung können wir kaum leben.

Freilich: Hoffnung kann auch enttäuscht werden. Wer hätte das nicht schon erlebt:

Man erhofft sich irgendetwas Schönes – und dann stellt es sich als enttäuschend heraus.

Der Urlaub nicht so schön wie erhofft. Das Essen nicht so gut wie erwartet.

Oder viel gravierender: Der Mensch, von dem ich mir so viel erwartet habe, erfüllt diese Erwartungen in keiner Weise. Das gehört auch zu den Lektionen des Lebens: Dass man lernt, mit enttäuschten Hoffnungen umzugehen.

Weil sie enttäuscht werden kann, hat die Hoffnung einen zweischneidigen Ruf:

Einerseits sagt man: „Du darfst die Hoffnung nie aufgeben.“ Andererseits heißt es im Sprichwort:

„Hoffen und Harren hält manchen zum Narren.“

Gar nicht so einfach ist das mit der Hoffnung.

Ich denke noch einmal an die hoffnungsvollen Worte des Predigttextes – und wieder fällt mir der Apostel Paulus ein:  „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ (Römer 15, 13)

Gott ist ein „Gott der Hoffnung“: Heißt das auch, dass Gott selber Hoffnungen hat und Hoffnungen hegt? Und können Gottes Hoffnungen auch enttäuscht werden? Was erhofft Gott sich selber? Was erhofft Gott sich von uns Menschen? Und wie geht Gott damit um, dass wir seine Hoffnungen so oft enttäuschen? Es gibt Zeiten, da gönne ich es mir, keine Nachrichten anzuschauen oder anzuhören.

Auch die Zeitung lese ich dann nicht. Wenn ich es dann wieder tue und es mir vor Augen führe, was in der Welt so alles an Bösem geschieht, dann ist die Sache für mich ziemlich klar:

Wir Menschen werden den Hoffnungen nicht gerecht, die Gott in uns setzt.

Andererseits ist mir aber durch den Verzicht auf den Konsum der Nachrichten auch wieder vor Augen getreten, wie viel Grund wir doch haben, ein hoffnungsvolles Leben zu führen:

Kinder werden geboren und wachsen heran. Der Wechsel der Jahreszeiten geschieht in großer Ruhe:

Auf den Winter folgt der Frühling, auf die Finsternis der Morgen. Die Generationen folgen aufeinander – und die jungen Leute sind sympathisch, freundlich und wohlwollend. Es wird beileibe nicht alles immer schlechter. Ich höre den Erzählungen alter Menschen zu und erfahre, unter welchen Grobheiten und Herzlosigkeiten sie einst gelitten haben. Froh und dankbar bin ich dann, dass man sich heutzutage doch sehr viel mehr darum bemüht, freundlich mit den Schwächen der Menschen umzugehen. Ich lebe gerne in unserer Zeit (auch wenn ich es durchaus sehe, wo die Probleme liegen). Es gibt doch viele Gründe, unsere Welt grundsätzlich hoffnungsvoll zu betrachten.

Begründete Hoffnung.

Interessanterweise führt auch Gott Gründe dafür an, dass wir uns seine hoffnungsvolle Sicht auf die Welt zu eigen machen sollen. Er verweist nicht einfach nur darauf, dass er alles lenkt und in Händen hält. Er verweist auf ein ganz spezielles „Werk seiner Hände“.

Wenn wir dieses Werk betrachten, dann soll uns das davon überzeugen, dass wir Grund haben, Gottes Zusagen zu vertrauen.

Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Auf die Kinder sollen wir schauen!

Dann wird unser Herz voller Hoffnung werden.

Die Kinder sind dasjenige Werk der Hände Gottes, auf dessen Überzeugungskraft Gott am meisten setzt, wenn er uns zur Hoffnung anstiften will:

Jedes Kind sollen wir betrachten als einen Beweis der Güte Gottes.

Gut, wenn uns am Anblick der Kinder dann aufgeht, dass es durchaus noch andere Hinweise darauf gibt, dass die Hoffnung auf Gott eine begründete Hoffnung ist.

Und wunderbar, wenn eine Hoffnung in uns aufkeimt, die es wagt, sich vorzustellen, dass Gottes Güte hinausreicht über das Leben, wie wir es kennen.

Ein letzter Gedanke: Ich rechne damit, dass etlichen unter Ihnen das alles nicht einleuchtet.

Sie bleiben skeptisch. Wie wäre es dann mit folgender Überlegung: Lasst uns einfach um unserer Kinder willen die Welt hoffnungsvoll anschauen. Und lasst uns unsere Kinder möglichst lange verschonen mit unserem Wissen über all das Leid und Unglück in der Welt. Es gibt meines Erachtens eine moralische Pflicht dazu, die Welt hoffnungsvoll zu betrachten. Sonst wird man verrückt.

Noch besser ist’s freilich, wenn es Gott gelingt, eine wirklich starke Hoffnung in unser Herz zu pflanzen!

„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“

Amen