Beten. Bringt das was? – Predigt zu Kolosser 4,2-6 von Christian Stasch

Liebe Gemeinde,

Ein Text aus den frühen Zeiten des Christentums, ein Ausschnitt aus einem Brief. Vielleicht geht ja vieles von damals einfach nahtlos weiter bis heute. Kolossä damals, Winzlar heute, wie aus einem Guss. „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue.“ Seid beharrlich im Gebet – vielleicht sagen Sie: Ja bin ich doch, ich bete regelmäßig, z. B. abends. Sie könnten sagen: Danksagung. Ja, mache ich doch, ich danke für das Grün dieses Frühlings, für meine Familie, für meine Gesundheit. Und Sie könnten sagen: Für andere beten, ja, das mache ich auch. Immer wieder mal. Vielleicht ist das so. Ich behaupte aber dennoch: Insgesamt ist das Beten in die Krise gekommen. Viele Fragezeichen und kritische Anfragen: Beten nützt doch nichts, es bewirkt nichts. Oder: Wenn denn Gott unveränderlich ist, wieso sollte er sich dann durch menschliche Bitten beeinflussen lassen? Oder: Beten macht Menschen passiv. Anstatt sich aktiv für Veränderungen auf Erden einzusetzen, flüchten Sie sich zu ihrem Gott. Und, noch radikaler: Da der Gottesgedanke brüchig geworden ist, ist auch das Beten zurückgegangen und vielen Menschen abhandengekommen.

Beten ist nicht selbstverständlich. Daher möchte ich mit Ihnen zusammen schauen, wer heutzutage wie betet: Menschen im Sport (1), in der Politik (2), in der Kirche (3). Und so mit Ihnen darüber nachdenken, was es mit dem Beten auf sich hat.

1. Sport

Sportler beten. Besonders: Fußballer beten. Sie bekreuzigen sich, sie blicken nach einem Torerfolg mit geöffneten Händen zum Himmel, viele haben religiöse Tattoos auf der Haut. Ich wundere mich darüber. Fast scheint es so, dass in der Gesellschaft über Glaube und Gebet immer weniger gesprochen wird, dafür aber auf den Spielfeldern der Fußballstadien umso mehr. Sollen die Siegchancen erhöht werden durch das Gebet? Dafür beten, dass Hannover 96 in der Bundesliga bleibt? Sieg gegen Hertha? Das wären ja wirklich egoistische Gebete, die auf Sieg beten. Und was soll das bringen? Fans der Gegenseite beten vielleicht auch so, und was dann? Gebet gegen Gebet? Ich halte davon nichts. Viele Fußballer beten aber gar nicht so egoistisch, sondern durchaus mit mehr Weitblick. David Alaba von Bayern München zum Beispiel. Oder auch der mexikanische Stürmer Chicharito, er spielte lange für Leverkusen. Der sagt: „Es tut mir unheimlich gut zu beten, deswegen spreche ich mit Gott, so oft es geht, wie mit einem besten Freund. Zum Beispiel auch kurz vor Anpfiff des Spiels, wenn ich mich hinknie und Gott um Bewahrung bitte für beide Mannschaften, denn Verletzungen sind mit das Schlimmste, was ich in meiner Karriere erlebt habe.“

Und solche Sportlergebete werden nicht nur an den dreieinigen Gott adressiert, sondern auch an Allah, so z.B. von Mesut Özil, dem deutschen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln, einem gläubigen Muslim. Er betet sogar direkt während der Nationalhymne. Auf türkisch. Es gibt ihm Kraft und Zuversicht.

Für einen fairen Sport zu beten und dafür, dass es keine Verletzungen gibt, das kann ich gut nachvollziehen. Ich spiele Basketball (unterste Spielklasse) und mache das ähnlich. Ich bitte Gott darum, dass alle gesund bleiben – und spiele dann auch selber nicht so ruppig und gefährde keinen. Da wirkt sich mein Gebet direkt auf mein Verhalten aus. Allerdings bete ich im Stillen. Große fromme Gesten auf dem Spielfeld finde ich deplatziert. 

2.  Politik

Politik und Religion sollen grundsätzlich getrennt sein. In einem Gottesstaat möchte ich nicht leben, sondern bin dankbar, hier zu leben, in unserem modernen, demokratischen, säkularen Staat, wo die Religion ermöglicht und geschützt wird, aber nicht vorgeschrieben ist.  Z.B. ist jede Ministerin oder Minister beim Leisten des Amtseides frei, noch die Formel „so wahr mir Gott helfe“ anzufügen, oder eben nicht! Und dass hier Freiheit herrscht, ist ein Segen.

Aber es gibt sie, gläubige und betende Volksvertreter in allen Parteien.  Der grüne Ministerpräsident Winfrid Kretschmann sagt: „Das Vaterunser ist für mich das Gebet schlechthin. (…) In diesem Gebet fühle ich mich immer aufgehoben. Bei Gott bei Jesus, bei den Menschen, die mir nah und fern sind. Und es „passt“ immer.“ 

Die SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig ist ohne Kirche, Glauben, Beten aufgewachsen. Später aber hat sie Menschen kennengelernt, die sich aus dem Glauben heraus für die Wende 1989 in der DDR stark gemacht haben und sich für Gerechtigkeit und Nächstenliebe eingesetzt haben. Schwesig sagt, dass sie sich heute dieser Werte vergewissern kann: im Gebet. Und außerdem betont sie: „Beten erdet mich. (…) Beten kann Kraft geben, uns mit anderen Menschen zu verbinden und gemeinsam etwas zu verändern.“

Für die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) verbindet sich mit dem Beten auch eine Erinnerung aus ihrer Kindheit: „Als meine kleine Schwester mit 11 Jahren starb, haben wir an ihrem Bett Totenwache gehalten mit Kerzen und Gebeten. Ich war damals 13. Diese Nacht mit meiner Familie half mir, das Unfassbare zu akzeptieren, keine Angst mehr zu haben und im Gespräch mit Gott halt zu finden.“

Schließlich der Linke-Ministerpräsident Bodo Ramelow, der sich wundert: „Es ist schon seltsam, dass die Gebete anderer Religionen, etwas der Muslime, die sich gen Mekka verneigen, als anstößig angesehen werden, ausgerechnet von denen, die gerne vom „christlichen Abendland“ sprechen.“ Und über sich selbst sagt Ramelow: „Ich bete nicht deshalb, weil ich den Kinderglauben hätte, dass der liebe Gott herabsteigt und meine Probleme löst. (…) Ich akzeptiere schlicht, dass es mehr gibt als das, was menschlicher Geist alleine zu fassen vermag. Daraus will ich Kraft schöpfen.“

Hätten Sie das gedacht? Ich bewerte PolitikerInnen nicht nach ihrem Glauben, sondern nach ihrer Politik und ihrer Glaubwürdigkeit. Dennoch muss ich gestehen:  Diese gerade genannten Politikerinnen und Politiker finde ich mutmachend. Weil sie sich zum Glauben und zum Beten bekennen und vielleicht auch manchen blöden Spruch oder abschätzige Bemerkung in Kauf nehmen. Sie zeigen deutlich: Im Glauben gegründet sein und zugleich eine rationale vernünftige Politik zu machen, das ist kein Wiederspruch.

3. Kirche

Wir beten in jedem Gottesdienst. Nicht nur hier, aber auf jeden Fall hier. Alle Gebetsformen kommen im Gottesdienst vor, geradezu exemplarisch: Danken und Loben, Klagen Bitten, und Für-Bitten (also für andere bitten). Wir danken dafür, überhaupt Gottesdienst feiern zu dürfen. Wir loben Gott in der Liturgie: „Ehre sei Gott in der Höhe.“ Wir klagen Gott die Zerrissenheit und den Unfrieden auf Erden, bitten für uns selbst um inneren Frieden und wir beten für die Welt.  

Auch wer gerade nicht betet und selbst der, der niemals betet, benutzt diese fünf Formen im Grunde ständig: Überprüfen Sie mal ihren Alltag, das Gespräch mit der Nachbarin, das Telefonat mit den Kindern. Selbst in kleinen Floskeln kommen sie vor.  Der Dank: „Danke, mir geht´s gut.“  Das Lob: „Ich bin überwältigt, ich könnte die ganze Welt umarmen.“ Oder ganz schlicht: „Gut siehst du aus!“. Die Klage: „So ein Mist!“. Die Bitte: „Ich hoffe, das wird schon wieder!“ Und die Fürbitte: „Ich wünsche dir gute Besserung!“

Wir Christen bedenken unser Leben vor Gott, unseren Alltag, die Welt, das was uns umtreibt, mal laut gesprochen, mal singend, mal im inneren Gespräch. Hier in der Kirche tun wir es mit Worten, bei denen sich möglichst viele wiederfinden können. Deshalb sind Gebete in der Kirche, auch wenn wir PastorInnen uns noch so bemühen, meist etwas allgemeiner, manche sagen auch „formelhafter“ oder sogar: „langweiliger“. Richtig ans Eingemachte geht es im persönlichen Gebet. An ganz unterschiedlichen Orten gesprochen: still für sich in der Kirchenbank, aber auch ganz woanders, beim Radfahren, oder beim Musikhören, oder bei der Gartenarbeit, oder beim ruhigen Blick auf das Steinhuder Meer oder die Nordsee, oder in einer schlaflosen Nacht.

Der Leipziger Dichter und Theologe Christian Lehnert ist mal zum Thema Gebet interviewt worden. Auf die Frage, was denn ein gutes Gebet ausmacht, antwortet er: „Ein Gebet ist dann ein gutes Gebet, wenn es auf eine offene Gottsuche ausgerichtet ist. (…) Ein gutes Gebet ist ein wirkliches, ein ehrliches Gebet.“

Und? Bringt das Gebet dann was? Nützt es?

Ja. Ehrlich.

Amen.

 

Mitverwendete Literatur: publik-forum 24 / 2016