Bob Dylan - eine Geschichte vom Suchen des Verlorenen - Predigt zu Lukas 15,1-7 von Frank Fuchs

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. (Lk 15,1-7)

Liebe Gemeinde,
der amerikanische Sänger und Liedermacher Bob Dylan hatte die besondere Gabe, verlorenen Menschen nachzuspüren. Dies war sicherlich mit ein Grund dafür, dass er zahlreiche Preise erhielt. Zuletzt wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.
In dem Gleichnis vom verlorenen Schaf kehren sich die Verhältnisse um. Der Hirte lässt seine Herde zurück und geht dem verlorenen Schaf nach. Voller Freude ist er darüber, dass er es gefunden hat.
Dass sich die Verhältnisse umkehren, darum geht es auch in Bob Dylans Lied „The times there are a changing“. Es entstand 1964 inmitten einer unruhigen Zeit für die Vereinigten Staaten von Amerika. In diesem Jahr griffen die USA aktiv in den Vietnamkrieg ein. In demselben Jahr hatte die Bürgerrechtsbewegung für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung einen großen Erfolg gefeiert. Die Rassentrennung in den USA wurde offiziell aufgehoben. Doch bis wirklich alle Ungerechtigkeiten beseitigt waren, war es noch ein langer Weg. Die Aussage, dass sich die Zeiten ändern, entsprach dem Lebensgefühl einer neuen Generation. Das Lied erinnert auch an das Leben Dylans in dieser Zeit: „Der wandernde Sänger steht als Prophet an der Straßenecke, fordert die Passanten zum Stehenbleiben auf und verkündet die unmittelbar bevorstehende Zeitenwende.“ (Heinrich Detering, S.38)
In dieser Zeit war Bob Dylan Sprachrohr und Aushängeschild der Bürgerrechtsbewegung. Im Jahr zuvor hatte er sich an dem Marsch auf Washington beteiligt, der medial weltweit ausgestrahlt hat. Dort hat Bob Dylan ein eigenes Lied selbst gesungen. Sein Lied „Blowing in the wind“ wurde von Peter, Paul & Mary gesungen.
Die Zeiten änderten sich. Für die Geschichte der USA war es so etwas wie eine Zeitenwende, dass nun weiße und schwarze Bevölkerung dieselben Rechte haben sollten. Denn zuvor gab es zum Beispiel noch getrennte Sitzplätze in Bussen und Bahnen und viele weitere Bestimmungen, die die schwarze Bevölkerung diskriminiert haben. Die Sehnsucht nach einer Zeitenwende bestand auch darin, dass der Vietnamkrieg enden sollte und eine Zeit des Friedens für die Vereinigten Staaten von Amerika anbrechen sollte.
Bob Dylan war mit seiner Lyrik und seinen Liedern das perfekte Sprachrohr dieser Bewegung. Eindringlich konnte er das Unrecht, das die schwarze Bevölkerung erlitt, beim Namen nennen. Dem Gefühl der Verlorenheit dieser Menschen in der US-amerikanischen Gesellschaft gab er eine Sprache. Ganz besonders eindrucksvoll gelang ihm das in dem Lied „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“, in dem er den Mord an der schwarzen Haushälterin und die milde Bestrafung des weißen Täters anklagt. Sein Gefühl für Gerechtigkeit zeichnet ihn ganz sicher aus und hat zu seinem Ruhm beigetragen. „Was aus meiner Musik herauskommt“, sagte er einmal, „ist der Ruf zur Handlung“. (Detering S.35)
Es gehört zu den Brüchen in seinem Leben, dass er es nicht aushielt, auf eine Rolle festgelegt zu werden. Bei der Verleihung einer Auszeichnung für sein Engagement für die Bürgerrechtsbewegung kam es kurze Zeit später zum Eklat. Er würdigte nicht die Veranstalter, sondern wehrte sich gegen sie, indem er sich schroff gegen die Vereinnahmung seiner Kunst für politische Zwecke wandte. Es zeigt sich: Im Hintergrund seines Handelns stand immer sein Ziel, er selbst sein zu dürfen. Auf dem Hintergrund solcher Ereignisse ist vielleicht leichter zu verstehen, warum er den Nobelpreis nicht persönlich entgegennahm. Oder auch warum er bei Konzerten nicht zum Publikum redet, wie ich ihn selbst einmal beim Konzert in Aschaffenburg erlebt habe.
Bob Dylan hatte schon in jungen Jahren großen Erfolg mit seiner Art, seine Liedtexte zu gestalten und musikalisch umzusetzen. Das, was ihm an Stoffen und Melodien begegnet ist, hat er immer recht frei verwendet, wie einer seiner Biographen schreibt. Wenig hat er sich darum geschert, auf seine Quellen hinzuweisen. Wie er sich bei anderen Autoren bedient hat, so ist er auch mit biblischen Motiven umgegangen. Er hat sie aufgegriffen und verwandelt – wie eben mit Gospelmotiven, dem Auszug aus Ägypten.
Sein Leben war auch von Misserfolgen und Krisen geprägt. Es gab Alben, die beim Publikum nicht ankamen. Und privat wurde seine Lebenskrise darin offenbar, dass 1977 seine Ehe mit Sara Lownds auseinanderging und ihm das Sorgerecht für die vier gemeinsamen Kinder entzogen wurde.
Sicherlich suchte er in all dem Schweren in seinem Leben nach Halt. Er fand es, in dem er sich ganz bewusst dem Christentum zuwendete. Als Auslöser gilt, dass ihm ein Fan statt Blumen ein Kreuz auf die Bühne warf. In einem Hotelzimmer erlebte er den Gekreuzigten wie damals Paulus – als etwas Reales. Dylan ließ sich taufen. Er will nun mehr darüber wissen, was ihm widerfahren ist, und besucht eine Bibelschule. Er studiert die Bibel intensiv und will von nun an ganz bewusst als Christ leben. Einmal sagte er: „Ich wollte lernen, das bewusst zu tun, was ich vorher unbewusst tat.“ Er selbst, der verloren war in seinem Leben, vernebelt durch Drogen und zu keiner festen Bindung fähig, musste sich nun selbst finden lassen.
Drei Alben sind Ende der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre ganz mit christlichen Themen besetzt. Die Lieder brachten ihm eher begrenzten Erfolg, natürlich auch Ablehnung ein. Mit dem dritten Album war der Tiefpunkt seiner öffentlichen Anerkennung und den Verkaufszahlen erreicht. In dem Lied „I believe in you“ auf dem ersten dieser drei Alben singt Dylan daher, dass er am Glauben festhält, auch wenn Menschen ihn dafür ablehnen sollten oder es ihm Nachteile bringen sollte. In dieser Phase wird er sogar zum Verkündiger des Glaubens in seinen Liedern. Wenn er sich auch später wieder weltlichen Themen in seinen Liedern zugewandt hat, so hat er sich doch auch nie von dieser für ihn so wichtigen Phase – ja sogar vielleicht rettenden - losgesagt.
In dieser besonders bewusst christlichen Phase Bob Dylans war ich selbst ein junger Mensch. Als Jugendlicher begegnete mir Dylan als einer, der sucht und Fragen stellt in seinen Texten, der aber auch Antworten findet. Mich hat er beeindruckt, weil er ein Mensch ist, der den Menschen, der verloren ist, dem keiner mehr glaubt und der sich in den Dornen der Gesellschaft verfangen hat, aufsucht. Den schwarzen Boxer Rubin „Hurricane“ Carter, der wohl zu Unrecht wegen Mordes im Gefängnis saß, hat er aufgesucht. Mit dem Lied „Hurricane“ hat er ihm eine Stimme gegeben. Auf die Initiative Dylans hin wurde er später entlassen.
Nun wurde das Lebenswerk eines Menschen mit dem Literaturnobelpreis geehrt, der den Mut hatte, anderen Menschen, die verloren sind, wie ein guter Hirte nachzugehen. Und in der Verlorenheit seines Lebens hat er sich auch selbst finden lassen. Es passt allerdings zu ihm, wenn er sich auch darauf nicht festlegen lässt. Deshalb war er auch nicht auf all die Auszeichnungen bedacht, die ihm zuteilwurden, auch nicht den Literaturnobelpreis. Er wollte einfach er selbst bleiben. Als Superstar ist das schwer genug. Eigentlich wollte er auch gar kein Vorbild für andere sein. Sein Beispiel zeigt aber, dass es sich lohnt, anderen Menschen, die verloren sind, nachzugehen – und sich vom guten Hirten finden zu lassen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Die biographischen Daten wurden im Wesentlichen dem Buch „Bob Dylan“ von Heinrich Detering entnommen, Stuttgart 20066. Daraus wurde zitiert.

Es wäre gut, wenn ihm Gottesdienst ein Lied bzw. Lieder von Bob Dylan erklingen würden.
Passend wäre auch das Gesangbuchlied „We shall overcome“, Hessen-Nassau 636