Das Glück auf alten Sofas und harten Kirchenbänken – Predigt zu 1. Korinther 1,26-31 von Katharina Wiefel-Jenner

Schaut doch euch selbst an, Brüder und Schwestern! Wen hat Gott denn da berufen? Es gibt ja nicht viele unter euch, die nach menschlichen Maßstäben klug oder einflussreich sind oder aus einer angesehenen Familie stammen. Gott hat sich vielmehr in der Welt die Einfältigen und Machtlosen ausgesucht, um die Klugen und Mächtigen zu demütigen. Er hat sich die Geringen und Verachteten ausgesucht, die nichts gelten, denn er wollte die zu nichts machen, die in der Welt etwas 'sind'. Niemand soll sich vor Gott rühmen können. Euch aber hat Gott zur Gemeinschaft mit Jesus Christus berufen. Mit ihm hat er uns alles geschenkt: Er ist unsere Weisheit – die wahre Weisheit, die von Gott kommt. Durch ihn können wir vor Gott als gerecht bestehen. Durch ihn hat Gott uns zu seinem heiligen Volk gemacht und von unserer Schuld befreit. Es sollte so kommen, wie es in den Heiligen Schriften steht: »Wer sich mit etwas rühmen will, soll sich mit dem rühmen, was der Herr getan hat.« (Übersetzung der Basisbibel).

 

Ihr Lieben,

 

seht ihr sie? Da in der zweiten Reihe links. Jetzt schaut sie ein wenig verlegen und es ist ihr peinlich, dass von ihr die Rede sein soll. Sie möge es uns verzeihen. Es ist Paulus, der den Blick auf sie lenkt.

Jeden Sonntag kommt sie. Auch als sie noch jünger war, kam sie Sonntag für Sonntag. Ihren Händen sah man an, wie hart sie arbeiten musste. Früher waren sie rau und rissig.  Gerötet. Zwischen den Fingern schälte sich die Haut. Hundert Mal am Tag waren sie im heißen Spülwasser. Wenn sie das Gesangbuch zur Hand nahm, hatten ihre geschwollenen Finger Mühe, die dünnen Seiten umzublättern. Jetzt ist sie alt. Jetzt machen Maschinen ihre Arbeit – und jüngere Frauen (mit Kopftuch). Sie sitzt und hat ihr Gesangbuch in der Hand. Sie summt die Paul Gerhardt-Verse vor sich hin. Früher hatte sie eine schöne Stimme. Ihr Rücken erinnert sich, wie der Schmerz leichter wurde, als sie „Nichts, nicht kann mich verdammen , nichts nimmt mir meinen Mut“ gesungen hat. Sie würde gerne noch öfter die alten Lieder singen. Die vertrauten Worte tun doch so gut. Die Jungen mögen nicht mehr singen: „Der Grund, da ich mich gründe, ist Christus und sein Blut“. Verstehen kann sie es nicht, dass die Konfirmanden das nicht mehr lernen. Aber als sie jung war, waren die Zeiten anders. Da waren die alten Worte verständlicher. Jetzt ist es eben anders und solange ihre Knie es erlauben, wird sie auch am nächsten Sonntag zum Gottesdienst aufbrechen. Sie wird sich auf ihren vertrauten Platz setzen und wenn es sein muss, mit ihrer altgewordenen Stimme auch diese neuen Lieder mitsingen.

 

Da hinten in der vorletzten Reihe haben sie weniger Mühe mit den neuen Liedern. Schön, dass die Teamer heute auch da sind und die Konfirmanden nicht allein gelassen haben – obwohl es doch noch so früh am Morgen ist. Normalerweise seid ihr ja im Jugendkeller. Die abgelegten Sofas dort sind durchgesessen. Das Tuch auf dem Billardtisch müsste auch mal wieder erneuert werden. Die anderen kommen mit ihren guten Zensuren nicht hierher. Die anderen haben schon ihren Studienplatz. Die anderen tragen die richtigen Marken. Die anderen haben Beziehungen. Die anderen stehen immer auf der richtigen Seite. Sie haben das hier nicht nötig, wenn es ernst wird. Sie brauchen nicht den Klang des Lobpreises auf  Gott. Sie brauchen nicht dieses warme Gefühl, wenn inmitten von abgewetzten Möbeln das Glück erwacht. Aber ihr seid hier, obwohl das Sofa im Jugendkeller altersschwach ist. Denn ihr spürt, dass es hier eine Gerechtigkeit gibt, die weiter reicht als alle Beziehungen für ein Praktikum oder einen Ausbildungsplatz. Ihr kommt, weil die Verlässlichkeit hier nicht von Zensuren abhängt. Ihr kommt, weil ihr merkt, dass das kaputte Sofa auf einem Grund steht, der auch vom Tod und anderen Katastrophen nicht erschüttert werden kann. Schaut euch gegenseitig an! Die anderen sehen gut aus. Sie werden zu den Schönen, Reichen und Mächtigen gehören. Aber ihr seid Gottes Lieblinge.

 

Wir hier sind Gottes Lieblinge, wir sind die Berufenen, sagt Paulus. Mit uns hat sich Gott eingelassen. Für uns ist Gott Mensch geworden und hat sich ganz auf unsere Seite gestellt. Was für ein unglaubliches Privileg! Gott für uns! Das könnte uns zu Kopf steigen. Eigentlich könnten wir damit doch vor den Großen, Mächtigen und Schönen der Welt auftrumpfen. Wir mit den rissigen Händen, den abgetragenen Kleidern, den ausrangierten Sofas. Wir, die keine geldwerten Beziehungen haben, die nur alte Lieder singen, die bei jedem Wettbewerb als Letzte ankommen. Wir, die vom Himmel mehr erwarten als von einer Lebensversicherung. Wir, die im Fremden den Bruder und die Schwester suchen, die sich den Frieden so dringend wünschen. Sorge muss Paulus unsertwegen nicht haben. Wir trumpfen schon nicht auf. Dafür sorgen längst die Verächter des Glaubens. Sie sagen, die Bibel sei wissenschaftlich nicht haltbar. Sie sagen, die Kirche habe so viel Schlimmes angerichtet – immer wenn es ernst wird, erinnern sie uns an Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und Missbrauch. Und dann machen sie den Glauben für alle Kriege der Welt verantwortlich. Sie verachten uns als Gutmenschen und finden Christus nur wichtig, wenn er das Eigene vor den Fremden beschützt. Keine Sorge, Paulus. Das mit dem Rühmen um des Glaubens willen hat sich von selbst erledigt. Hier triumphiert niemand.

 

Regt sich da Widerspruch? Seht ihr das anders? Ich schaue in die zweite Reihe nach links. Ich schaue zu euch Teamern. Ihr stimmt mir also zu: weder die unbequeme Bank und die zerlesenen Seiten des Gesangsbuchs noch das alte Sofa sind ein Grund zum Auftrumpfen. Und auch, dass wir Gottes Lieblinge sind, ist kein Grund zu triumphieren? Die Gewissheit, dass wir zu Christus gehören, ist doch ein Grund? Über den Tag und die Nacht hinaus haben wir doch diese Gewissheit, dass wir bei Christus aufgehoben sind. Ich sehe, dass ihr mit Paulus auf einer Linie seid. Ihr haltet euch an den Apostel. Der kennt nur einen Grund zu triumphieren. Gott selbst ist der Grund, sich zu rühmen. Gottes Wort ist ein Grund – auch wenn man manchmal Erklärungen braucht, um es zu verstehen. Und die Liebe ist ein Grund. Und die Gerechtigkeit. Und der Frieden, den wir schon erfahren, wenn wir uns hier in der Bank von Christus ansprechen lassen. Und die Erleichterung, wenn wir uns von den alten Worten auffangen lassen. Und der gemeinsame Atem, wenn wir so beieinander sind und gemeinsam beten und singen und merken, wie Christus uns verwandelt. Das ist das Glück, dessen wir uns  mit der Zustimmung des Apostels rühmen.

 

Ich schaue noch einmal in die zweite Reihe nach links. Ich schaue noch einmal zu euch Teamern. Das neue Jahr hat gerade erst begonnen. Wer weiß, wie viele Gelegenheiten es geben wird, sich Gottes zu rühmen. Die Mächtigen und die Verächter Christi werden uns Tag für Tag genau beobachten. Zeigen wir ihnen, warum das Glück auf alten Sofas und in unbequemen Kirchbänken sitzt und über Gott jubelt.

Amen.