"Demut? Respekt!", Predigt zu 1. Petrus 5, 1-5 von Klaus Pantle

1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teil habe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: 2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern mit Hingabe; 3 nicht als solche, die herrschen über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. 4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.
5 Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
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Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter.
Liebe Gemeinde, Menschen, die in der Stadt leben und öffentliche Verkehrsmittel nutzen, kennen die Erfahrung: Man sitzt mit einem Buch in der Straßenbahn und will in Ruhe lesen. An der Haltestelle geht die Türe auf, ein Jungmann steigt ein mit zwei weißen Stöpseln im Ohr, und von einem Moment auf den anderen badet man mit den anderen Insassen des Waggons in einem Klangmeer aus wummernden Bässen und harten Rhythmen. Sich darin weiter auf sein Buch zu konzentrieren, fällt schwer, vor allem, wenn der Sitznachbar noch im Rhythmus mit den Füßen wippt, oder den Rhythmus mit den Fingern mitklopft. Da kann man abgründige Phantasien entwickeln, wie sich die Belästigung am besten abstellen ließe. Wenn man eine Melodie hören oder das Gesungene bzw. das Gerappte verstehen könnte! Aber außer Bässen und Rhythmen hört man nichts. Dabei wäre das, was man hier mithören könnte, gelegentlich durchaus kunstvoll und tiefsinnig.
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Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
Die unter jungen Menschen weit verbreitete Kultur des Hip-Hop mit in den Knien hängenden Cargo-Hosen, Graffitimalerei, akrobatischen Tanzformen und dem oft in rasendem Tempo über einen rhythmischen Klangteppich gesprochenen Raps entwickelte sich zu Beginn der 80-iger Jahre in den Schwarzen-Ghettos von Brooklyn. Es ist keine „gute Botschaft“, kein „Evangelium“, das „Grandmaster Flash and the Furious Five“ in einem ersten großen Hit (1982) unter dem Titel „The Message“ unter die Leute bringen. Es ist die wahre Botschaft vom Alltag im Ghetto. Grandmaster Flash beschreibt die Obdachlosen, die sich von Müll ernähren, die Junkies, die Crack-Raucher und die Huren, die alltägliche Gewalt auf der Straße, das vermüllte Umfeld und die verfallenden Häuser. Über das neugeborene Kind rappt er: „Gott lächelt über dir, aber ihn schüttelt’s auch/ denn nur Gott weiß, was du alles durchmachen musst/ Du wirst im Ghetto aufwachsen und ein drittklassiges Leben führen/ Deine Augen werden ein Lied von tiefem Hass singen“, denn dir steht die typische Biographie eines Ghetto-Kids bevor, mit Schulabbruch, Bewunderung für die Zocker, Diebe, Zuhälter und Dealer, die Kohle haben, und voraussichtlich wirst du versuchen, es ihnen nachzutun und im Knast landen und am Ende „singen deine Augen den traurigen, traurigen Song/ wie du so schnell gelebt hast und so früh gestorben bist.“ Der wiederkehrende Refrain gleicht einem Klagepsalm: „Schubs mich nicht, denn ich stehe dicht vor dem Abgrund/ Ich versuche, nicht meinen Kopf zu verlieren/ Manchmal ist es wie im Dschungel/ Ich frage mich, wie ich es schaffe, nicht unterzugehen.“ Das Video zum Song endet damit, dass ein Polizeiauto vorfährt. Polizisten springen heraus, nehmen die fünf dürren schwarzen Künstler ohne ersichtlichen Grund fest und karren sie weg.
Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
Tut Gott das? Er mag über dem Kinde lächeln, aber ihn schüttelt es auch angesichts eines Alltags für viele Menschen voller Ausgrenzung, Rassismus, Gewalt und Perspektivlosigkeit. Die Hip-Hop-Kultur kreist unablässig um diese Themen, aber auch um die Suche nach Gerechtigkeit und Liebe. Unterschiedliche Künstler haben zu der Frage, wie man sich am besten wehrt, verschiedene Positionen. Nur in einem ist man sich einig: Die an Jesus und Gandhi orientierte Strategie der Gewaltlosigkeit Martin Luther Kings und der alten Bürgerrechtsbewegung ist gescheitert. Was hat sie denn gebracht, diese Strategie? Gott widersteht den Hochmütigen? Ach ja? Und den Demütigen gibt er Gnade? Zeig mir, wo!
Als Konsequenz daraus sagen die Einen: Veränderung gibt es nur durch militanten Widerstand. Gewaltloser Widerstand? Das funktionierte nur, wenn die, die uns unterdrücken, sich dadurch zu Mitgefühl bewegen ließen. Dafür müssten sie ein Gewissen haben. Aber haben die das? Wir fordern Respekt! Jetzt! Und Gerechtigkeit! Das erfordert einen radikalen Wandel im Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Aber auch die Gewalt unter uns selbst im Ghetto muss aufhören! Sofort! - Die Anderen, die sogenannten „Gangsta-Rapper“, propagieren etwas anderes: Lasst uns Kohle scheffeln, so viel wie möglich, und wenn es mit kriminellen Methoden geht. Ihre Texte und ihre Kostümierungen mit Statussymbolen wie dicken Goldketten und großen Schlitten erscheinen einem wie die groteske Überzeichnung der typischen weißen neoliberalen Haltungen und Werte. Ganz unplausibel ist das nicht. Für Unterprivilegierte bedeutet Besitz Freiheit. Der Berliner Rapper Bushido, ein Migrantenkind aus dem Ghetto von Neukölln, rappt, seit er mit seiner Musik viel Geld verdient: Immer kalkulieren: Was kann ich bei Lidl kaufen?/ Heut' könnt' ich mir einen ganzen Lidl kaufen!/ Hast du was, bist du was. Von wem er das wohl gelernt hat?
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Liebe Gemeinde, ich kenne viele Eltern, die angewidert die Stirn runzeln, wenn sie über die musikalischen Präferenzen ihrer Kinder sprechen. Fachleute wundern sich, warum ausgerechnet weiße Mittelschichtskinder Ghetto-Musik hören. Ich vermute, darauf gibt es eine einfache Antwort. In dieser Musik geht um Themen, die für jeden Heranwachsenden elementar sind: um Selbstbehauptung im Alltag und Selbstbewusstsein in den  Auseinandersetzungen des Lebens. Es geht um Respekt! Um Anerkennung. Um gerechte Lebensverhältnisse, die Chancen eröffnen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Der Film „8 Mile“ zeigt eine Welt, die uns fern ist und verschlossen scheint, aber die doch zu unserer Welt gehört. Dargestellt werden darin sogenannte „battles“. Das sind ritualisierte Wettkämpfe, in denen die Aggression weißer und schwarzer Jugendlicher nicht durch körperliche Gewalt, sondern durch Redeschlachten über elektronisch generierten Rhythmen kanalisiert wird. Der so verehrte wie verhasste weiße Rapper Eminem verkörpert Rabbit (Kaninchen) und spielt dabei Teile seiner eigenen Biographie nach. Rabbit muss eine Niederlage nach der anderen einstecken. Er lebt mit seiner Mutter und der kleinen Schwester in einem Wohnwagen in einer Obdachlosensiedlung am Rande von Detroit, auf der falschen Seite der „8 Mile“, einer Straße, die die weißen von den schwarzen Vierteln trennt. Seine Freundin betrügt ihn. Am Arbeitsplatz in der Autofabrik wird er schikaniert. Seine schwarz-weiße Clique wird von anderen gedemütigt. Er selbst gilt zwar als genialer Rapper, aber in entscheidenden Situationen versagen ihm die Nerven. Er gerät ins Stocken und kommt nicht in den „Flow“, den weitgehend selbstvergessenen Redefluss, der die besten Ergebnisse in diesen rituellen Schimpfduellen erzielen hilft. Im Finale eines Wettbewerbs tritt er gegen den schwarzen Cliquenführer Papa Doc an. Im Verlaufe seines Redeflusses beschimpft er nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, den Gegner, sondern er benennt seine eigenen Schwachpunkte, zeigt auf seine Wunden und resümiert: „I’m a piece of fucking white trash. I say it proudly.“ („Ich bin ein Stück beschissener weißer Müll. Ich sage mit Stolz.”) Anschließend übergibt er das Mikrofon seinem Gegner und stellt ihm die Aufgabe: „Sag diesen Leuten etwas, was sie noch nicht über mich wissen.“ Der gibt ihm stumm das Mikrofon zurück.
Jugendliche, die sich mit Eminem alias Rabbit identifizieren, durchleben mit ihm eine Katharsis, an deren Ende sie begreifen: Ich bin, was ich bin! Und ich bin stolz darauf! Rabbit fährt hier eine Art „Christusstrategie“. Zu erwarten wäre gewesen, dass er sich aufgeblasen und den Gegner verbal niedergemacht hätte. Aber die Extremsituation im Finale des Wettbewerbs führt zu einer Identifikation mit den eigenen Makeln, mit der eigenen Gebrochenheit, und die macht ihn paradoxerweise zum Gewinner. Der Jugendliche Rabbit, der in der Lage ist, seine Wunden zu zeigen, erliegt ihnen nicht. Er erlangt das, was jedes Kind, jeder Jugendliche, jeder Erwachsene braucht, um sich im alltäglichen Lebenskampf zu behaupten: positiven Stolz, Selbst-Souveränität, das Selbstbewusstsein, zu sich selbst zu stehen. Rabbit zeigt eine Art aggressive Demut, die keine falsche Demut ist, die Menschen unten hält, sie kuschen und notwendige Konflikte vermeiden lässt. Reibung, Streit, Abgrenzung, ein gewisses Quantum an Aggressivität und damit auch mögliche (Selbst)Verletzungen sind notwendig für die Entwicklung einer Person zur Persönlichkeit, die weiß, welche Werte ihr wichtig sind. Für Eltern, Pädagogen und andere Erwachsene ist das manchmal schwer auszuhalten. Aber man sollte Heranwachsende nicht entmutigen und zu falscher Demut nötigen, vor allem nicht, wenn sie aus unterprivilegierten Schichten stammen.
und wenn sie meinen du stehst nie wieder auf, dann lass sie reden junge
  zeig ihnen das ist dein traum, du wirst ihn leben
  und beweist diesen leuten die niemals an dich geglaubt haben
  das was sie haben, kannst du auch haben
  denn wenn sie meinen du hast hier nix verloren
  dann zeig es ihnen, zeig es allen, keiner hält dich mehr auf
  komm lass dich fallen, heb den kopf und blick einfach nach vorn
  und jetzt versuchs, ich sag versuchs, alles wird gut (Bushido).
Manchen Schülern schadet es sicher nicht, wenn sie so etwas auf dem Schulweg zu hören.
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Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.
Liebe Gemeinde, Demut muss man sich leisten können. Man kann als saturierter Mittelschichtler natürlich mit dem Finger z.B. auf den „bösen“ Bushido aus dem Neuköllner Migranten-Ghetto zeigen. Aber man kann auch „demütig“ den Blick auf die Zusammenhänge unseres gesellschaftlichen Systems wenden, die sich in den Texten dieser Rapper spiegeln. Im Predigttext wird Demut übrigens zuerst und vor allem von den Gemeindeleitenden gefordert, also von den Lebenserfahrenen, die für andere Verantwortung tragen. Von ihnen wird ein demütiger Blick auf „die da“ um sie gefordert.
Demut muss man sich leisten können. Das hat etwas mit dem sozialen Status und dem Lebensalter zu tun. Thomas D., Mitglied der „Fantastischen Vier“, einer Gruppe Stuttgarter Mittelschichtskinder, die in der Szene lange als Spaß-Hip-Hopper verspottet wurden, rappt nach 25 Jahren im Geschäft als älterer, lebenserfahrener Familienvater:
Knie nieder, Nichts, und danke der Welt
  dass sie dir ein zu Hause gibt und dich am Leben hält…
  Du hast die Wahl ob hier das Paradies oder die Hölle ist
  denn Du bist Schöpfer deiner Welt obwohl du Teil von ihr bist …
  Du willst ein Held sein, dann tritt für die Welt ein
  und lass die Liebe wieder Spiegel deines Selbst sein
  es ist deines Lebens Ziel dass du es auch liebst
  und du gewinnst dein Ego spielend wenn du Es aufgibst
  Du hast dir Liebe geschworen und hast dazu den Mut
  dann wirst du neu geboren durch Lektionen in Demut
Neu geboren durch Lektionen in Demut– dazu gehören Erfahrungen mit den Grenzen der eigenen Fähigkeiten, durchgestandene Konfrontationen mit der eigenen Zerbrechlichkeit und Sterblichkeit und die Entwicklung eines Rückgrats, das es einem ermöglicht, zu eigenen Fehlern zu stehen. Neu geboren durch Lektionen in Demut kann man sein Ego zurücknehmen und mehr Sorge tragen für sein Umfeld, mehr Verantwortung übernehmen und zu einer Demut finden, die in Hingabe übergeht. Die Bessergestellten in unserer Gesellschaft, die Thomas D. als Zielgruppe im Blick hat, sind für diese „Botschaft“ keine schlechte Adresse. Denn Demut hat dort zurzeit gewiss keine Hochkonjunktur.
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4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.
Liebe Gemeinde, eine Demut, die aus Lebens- und Glaubenserfahrung gespeist ist, beruht auf der Erkenntnis: Alle innerweltlichen Spannungen, sämtliche Ungerechtigkeiten und Konflikte werden wir niemals mit unserem menschlichen Vermögen lösen können. Schon gar nicht durch Gewalt. Aber diese Erkenntnis ist kein Grund, umfassende Erlösung nicht zu erwarten und darauf nicht zu hoffen. Wenn sie geschieht, dann durch den Einbruch einer überweltlichen Macht in unsere Wirklichkeit, die wir Gott nennen. In der Hip-Hop-Kultur taucht häufig der Begriff „One Love“, die „Eine Liebe“ auf: als Sehnsuchtsziel, als Hoffnungshorizont, als Spiegel seines Selbst und manchmal auch einfach als Grußformel im Alltag. Alles was ich will ist Friede und Liebe auf diesem Planeten (und ist das nicht das, wie Gott es geplant hat?) – rappt eine der militantesten schwarzen Gruppen, Public Enemy. Hier geht es um die „Eine Liebe“, die nicht aufgeht in einer privaten spirituellen Erfahrung des Glaubenden. Sie wird auch nicht nur erfahrbar im wie immer vorstellbaren Eingehen des Glaubenden in Gottes Liebe nach dem Tod. Gemeint ist die Einheit aller Menschen vor Gott, die eine große, alle Rassen und Generationen verbindende und umschließende Liebe. Liebe als soziale Erfahrung. Liebe, die alle und alles erlösen kann und erlösen wird. In einem Lied des jamaikanischen Sängers Bob Marley („One Love“), das für viele Rapper große Bedeutung hat, heißt sinngemäß, fast wie im Predigttext: Wenn Er, „The Man“ (der Mann /der Menschensohn) kommt, dann kommt es nicht zur gewalttätigen Vernichtung der Bösen als Voraussetzung für die Heraufführung eines 1000-jährigen Friedensreiches, sondern alles wird auf wunderbare Weise, wie es im Anfang war:Eine Liebe. Wie am Anfang, so wird es auch am Ende sein. Man muss das immer wieder sagen, singen und hören. Denn in der Aufführung solcher alter und neuer Texte, im Nachsprechen und Nachhören, in der (rhythmischen) Wiederholung entfaltet sich für diejenigen, die aufmerksam sind, bereits jetzt etwas von der Macht und der Kraft dieser Liebe. Amen.