Der auferstandene Jesus verwandelt Menschen wie je zuvor - Predigt zu Lukas 24,36-45 von Karl Friedrich Ulrichs

Da reden sie und reden. Sie reden wie wir reden, wenn wir etwas nicht verstehen, etwas nicht glauben können, wenn uns etwas verwirrt: Sie reden durcheinander, leidenschaftlich, fragend, zaghaft der eine, fast euphorisch der andere. Dass Jesus auferstanden sei. Und dass das nicht möglich sei. Da reden sie und reden, sie können nicht anders. Schweigen können sie nicht.

Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!
Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist.
Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?

Da reden sie und reden. Und in ihre Worte klingt hinein sein Wort: „Friede sei mit euch!“ Das ist sein Wort: Friede, sein Wort, an dem er zu erkennen ist wie an seiner Stimme. Bevor unsere Ostermontagsgeschichte überhaupt richtig beginnt, ist das Wichtigste schon gesagt: Friede. Und es ist vom Wichtigsten gesagt. Von dem, der mitten unter uns tritt, wenn wir reden von ihm und seiner Auferstehung. Wenn man vom Teufel spricht, kommt er – das stimmt nicht, wahr ist: Wenn man vom Auferstandenen spricht, kommt er. In unsere Worte über den Auferstandenen mischen sich die Worte des Auferstandenen. Und dann ist er unter uns. Lebendig ist er bei uns. Seine Lebendigkeit zeigt sich an seinem Wort. Und sein Wort in seiner Lebendigkeit.

Die Freunde hören wohl, trauen aber ihren Augen nicht. Gehört haben sie Jesus, was sie aber sehen, kann er nicht sein – sondern ein Geist. Der Zweifel des Herzens trübt unsere Augen noch stärker, als er die Ohren trügt. Sie hören Jesu Gruß und seine vertraute Stimme und sehen ihn nicht. Einen Geist sehen sie, wo doch ein wahrer Mensch zu sehen ist. Angst nimmt Geister wahr, wo keine sind. Und dennoch ist es sehr vernünftig, dass sie sich erschrecken und einen Geist zu sehen meinen. Verrückt wäre es anzunehmen, der tote Jesus wäre wieder bei ihnen. Verrückt ist, was uns an Ostern zugemutet wird. Wir wollen das heute nicht ermäßigen und uns zu leicht machen. Denn wenn wir jetzt so reden über Jesus, über sein neues Leben – es könnte ja sein, dass er mitten unter uns tritt.

Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.
Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. 

Der auferstandene Jesus kommt zu seinen Freunden. Er zeigt ihnen seine Hände. Er zeigt, was er getan hat, was er angefasst hat, wem er seine Hände aufgelegt hat zu Heilung und Segen, der gekrümmten Frau, dem toten Kind, wem er mit seinen Händen Brot und Wein und Gewissheit und Gemeinschaft gegeben hat. Dass das wahr ist, sehen sie an den Wunden seiner Hände.

Der auferstandene Jesus kommt zu seinen Freunden. Er zeigt ihnen seine Füße. Er zeigt ihnen die Wege, die er mit ihnen und sie mit ihm gegangen sind – in die Dörfer und Städte,  zu den Menschen am Rande und zum Maulbeerfeigenbaum, auf dem Zachäus saß. Und schließlich der lange Weg zu Fuß nach Jerusalem und die Wege dort nach Gethsemane ins Gebet und dann gefesselt zu denen mit Macht und Hass, am Ende die schweren Schritte nach Golgatha, dabei statt der zwölf Freunde zwei Kriminelle. Dass das wahr ist, sehen sie an den Wunden seiner Füße.

Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen?
Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor.
Und er nahm's und aß vor ihnen.

Seine Hände also und seine Füße mit den Wunden. Die müssen doch weh tun, entsetzlich weh! Hat Jesus denn keine Schmerzen? Und wenn er keine hat – ist es dann Jesus? Diese Fragen stellen sich die Freunde gar nicht – sie freuen sich. Wir können es ihnen nicht verdenken. Sie freuen sich so sehr, so ausschließlich, dass sie nicht glauben. Sie kommen einfach aus dem Staunen nicht heraus. Nicht glauben können vor Freude – Lukas macht es uns nicht leicht mit seiner Geschichte des auferstandenen Jesus. Und das ist auch ganz richtig so – es ist ja auch nicht leicht. Wir kommen aus dem Staunen ja auch nicht heraus. Je länger ich diese Geschichte lese, desto mehr staune ich. Was heißt eigentlich die überaus höfliche Frage „Habt ihr etwas zu essen?“ – Habt ihr zu essen? Seid ihr gut versorgt? Oder heißt diese Frage: Kann ich bitte etwas zu essen bekommen? Ich habe Hunger. Sie verstehen ihn richtig und stillen seinen Hunger. Sie geben ihm etwas, ein Stück gebratenen Fisch. Mit seiner Frage nach Essen macht Jesus seine Freunde zu Menschen, die etwas geben, die sich kümmern statt im eigenen Kummer zu verharren. Am Hunger wird er als leibhaftiger Mensch erkannt. Und indem er „vor ihnen“ isst, macht er sie zu Zeugen seines Lebens. Dass Jesus „vor ihnen“ isst, ist keine Demonstration, sondern ein Dienst. Der auferstandene Jesus verwandelt Menschen wie zuvor. Er lässt uns teilhaben an seiner Auferstehung.

Eine alte Predigt über diese Geschichte habe ich gelesen, einen Satz nur, der in diese Geschichte hineingemogelt wurde. In einigen mittelalterlichen Handschriften wird Jesu Essen vor seinen Freunden weitergeschrieben: „… und die Reste gab ihnen.“ Übrigens haben – für die Feinschmecker unter uns – gerade diese Handschriften den Fisch noch mit Honig verfeinert. Es kann jedenfalls gar nicht anders gewesen sein: Der auferstandene Jesus schafft Gemeinschaft beim Essen wie zuvor. Er gibt, was er selbst empfängt. Und ich glaube wie die mittelalterlichen Mönche, die diesen Gedanken hineingeschrieben haben, Jesus will, dass auch wir Gemeinschaft haben beim Essen, im Kloster, in der Familie, in der Gemeinde, mit den Gästen, die in unsere Stadt kommen, wegen Luther die einen, wegen Gewalt und Armut die anderen.

Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen.
Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.

Der auferstandene Jesus verwandelt Menschen wie zuvor. Aus Menschen, die durcheinander reden, werden Menschen, die zuhören. Vom gegenwärtigen Jesus lassen sie sich erinnern an seine Worte. Und die, die gerade noch redeten und redeten, die eben noch verschlossen waren im Reden und Zweifeln und in zweifelhafter Freude, sie werden offen für die Unglaublichkeiten der Heiligen Schrift – Sie wissen schon: das mit Abraham und dem Glauben, das mit Mose und der Freiheit und wie Beter um Gottes Ohr ringen und Propheten um seinen Mund und das mit Jesus, dem Heiland. Der auferstandene Jesus verwandelt Menschen wie zuvor. Wenn wir die Schrift verstehen, dann nur, weil der auferstandene Jesus uns das Verständnis dafür geöffnet hat. Oder andersherum und weiter gedacht: Wenn wir die Schrift verstehen, erweist sich Jesus als der, der lebt. Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!
Amen.