Der Freund des Bräutigams – Predigt zu Johannes 3,22-30 von Matthias Wolfes

Darnach kam Jesus und seine Jünger in das jüdische Land und hatte daselbst sein Wesen mit ihnen und taufte. Johannes aber taufte auch noch zu Enon, nahe bei Salim, denn es war viel Wasser daselbst; und sie kamen dahin und ließen sich taufen. Denn Johannes war noch nicht ins Gefängnis gelegt. Da erhob sich eine Frage unter den Jüngern des Johannes mit den Juden über die Reinigung. Und sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: Meister, der bei dir war jenseit des Jordans, von dem du zeugtest, siehe, der tauft, und jedermann kommt zu ihm. Johannes antwortete und sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel. Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe, ich sei nicht Christus, sondern vor ihm her gesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund aber des Bräutigams steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme. Diese meine Freude ist nun erfüllt. Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen. (Joh 3,22-30, Luther Jubiläumsbibel 1912)

 

Liebe Gemeinde,

der Täufer Johannes ist gewiss keine der neutestamentlichen Gestalten, die man unbedingt als Sympathieträger bezeichnen muß. Er ist in seinem ganzen Charakter harsch, ein Eigenbrötler, etwas Fanatisches mag auch von ihm ausgehen. Er steht für diejenigen, die sich ausschließlich einer einzigen Sache hingeben und dabei engstirnig wirken. Man kann sich nicht leicht vorstellen, dass ein solcher Mensch Anhänger gefunden hat, und zwar selbstdenkende Anhänger. So kann es auch nicht ausbleiben, dass unter dem Eindruck der Tauftätigkeit Jesu im Johannes-Kreis Unruhe ausbricht. Sie scheinen irritiert zu sein und möchten wissen, wie sich die beiden Täufer, Johannes und Jesus, zueinander verhalten. Vielleicht tun sie das auch in der Absicht, sich ihrerseits neu zu orientieren.

Gerade diesem mürrischen Johannes aber gelingt nun in seiner Auskunft auf diese Frage ein sehr schönes Bild. Zunächst hören wir die naheliegenden Hinweise auf die schlechthinnige Abhängigkeit eines jeden Menschen von Gott, der „alles“ gibt, also auch geistliche Kraft und Autorität. Auch fehlt nicht die bereits bekannte Selbstbeschreibung. Er, Johannes, ist der Vorausgesandte. Seine Aufgabe besteht darin, dem Anderen den Weg zu bahnen und dann, wenn dieser gekommen sein wird, sein eigenes Wirken als vollendet zu betrachten. Das ist nun geschehen, und deshalb ist auch „meine Freude nun erfüllt“. „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.“ (Joh 3,29b f)

Inmitten dieser Sätze aber steht noch ein weiterer: „Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund aber des Bräutigams steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme.“(Joh 3,29) Dieses Bild spricht mich am meisten aus unserem Text an. Mir scheint, dass hier das Wesen von Freundschaft ausgesprochen worden ist. Ein Freund ist derjenige, der sich am Wohlergehen, am Glück und auch dem Wachstum eines Anderen freut. Er ist ihm gegenüber selbstlos, und zwar intuitiv oder auch der Absicht nach, denn mit der Selbstlosigkeit ist es keine so ganz einfache Sache. Wichtig ist: Es geht ihm nicht um sich in diesem Verhältnis, sondern um den Anderen. Er ist bei ihm, er „steht und hört“, das heißt: er ist auf ihn ausgerichtet, nimmt ihn wahr und sucht ihn in allen seinen Äußerungen recht zu verstehen. Indem der Andere sich äußert oder einfach auch nur er selbst ist, „freut“ er sich an ihm.

 

I.

Zunächst wollen wir einen Blick auf den Zusammenhang werfen, in dem diese Auskunft des Täufers steht. Es sind ja vielfach starke Figuren, die uns in den Evangelien begegnen. Jesus ist der alles umstrahlende Mittelpunkt. Um ihn herum halten sich viele weitere Personen, Männer (die Jünger) und Frauen, auf. Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer, die punktuell auftauchen. So schildert der Evangelist Johannes unmittelbar zuvor das Gespräch Jesu mit einem der „Obersten unter den Juden“ (Joh 3,1), dem Pharisäer Nikodemus.

Meist ergibt sich das jeweilige Verhältnis aus der Darstellung der Evangelisten. In unserem Text aber spricht die handelnde Person selbst aus, wie sie sich ihre Rolle im Blick auf Jesus vorstellt. Und da greift der Sprecher auf dieses Bild vom Freund des Bräutigams zurück. Warum gerade ein Bräutigam? Die Antwort liegt wohl auf der Hand: Wer selbst bereits geheiratet hat, der weiß, daß dieser Moment der Eheschließung einer der Höhepunkte des Lebens ist. Das gilt für den Bräutigam genauso wie für die Braut. Die Situation, in der man eines von beidem ist, ist das Ergebnis eines meist langen und intensiven Geschehens. Der Tag der Hochzeit selbst ist aufgeladen mit allen möglichen Elementen der Bedeutsamkeit, von den Gästen, der Örtlichkeit, der Kleidung bis hin zu den Erwartungen, aber auch der eigenartigen Erleichterung und zugleich der großen Anspannung.

In solch einer Situation nun befindet sich gerade derjenige, von dessen Freund im Bild des Täufers die Rede ist. Er ist der Freund eines Mannes, der in diesem Augenblick einen Höhepunkt seines Lebens erlebt. Und gerade jetzt, als es einem Anderen offenkundig sehr gut geht, gelingt es dem Freund ihm Freund zu sein. Ohne irgendwelche Missgunst, ohne Hintergedanken, ohne Neid, kann er ihm zur Seite stehen, seine Bekundungen des Glücks wahrnehmen und sich daran freuen, daß es ihm gut geht und wohl ist.

 

II.

Lebe lang und gedeihe.“ „Live long and prosper.“ Dieses große Segenswort (vgl. Num 6,24) ist auch die Zusammenfassung der Haltung und Gedanken, die einen Freund beseelen, wenn seine Freundschaft wahrhaftig ist. Wir leben in einer Welt der Missgunst, der falschen Gedanken und des Neides, davon kann man sich jeden Tag zur Genüge überzeugen. Freundschaft ist daher eine Form des Widerstandes gegen die Wirklichkeit der Welt.

Mir scheint, dass die Figur des „Freundes des Bräutigams“ uns durchaus und mit Kraft eine Art Vorbild sein kann. Ein Freund ist derjenige, von dem ich weiß, daß ich ihm vertrauen kann. Ich kann ihm anvertrauen, was mich bedrängt. Vielleicht nicht immer alles, aber ich weiß: Das, was ich ihm anvertraue, findet bei ihm Gehör und Verständnis. Er ist mir ja zugewandt, er kann gar keinen falschen Gebrauch von meinen Mitteilungen machen.

Wem aber könnten wir auf diese Weise vertrauen? Wem könnten wir uns in unbeschränkter Offenheit anvertrauen? Wem die Wahrheit unserer selbst zumuten? Das muss man durchaus fragen. Freundschaft ist ein sehr hohes Gut. Sie ist selten und wertvoll. Wer in der Lage ist, jemandem in diesem Sinne seinen Freund nennen zu können, darf sich glücklich schätzen. Das Licht fällt in dieser Sache aber auch auf uns selbst zurück: Denn das Vorhandensein oder eben auch das Fehlen eines solchen Freundes ist der beste Beweis für den Charakter einer Person. Eines treuen Freundes, denn man muss realistisch sein: Freunde sind Menschen, die unsere Fehler, Schwächen und Schattenseiten kennen, ohne uns ihretwegen zu verurteilen und denen wir deshalb dennoch vertrauen können. Freunde sind Menschen, die sich trauen, einen zu ermahnen, zu korrigieren. Sie sind diejenigen, die ein offenes Wort mit einem sprechen und denen er das auch zugesteht. Die aber auch da sind, wenn wir nicht Mahnung brauchen oder Bemängelung und Korrektur, sondern Hilfe, Trost und Beistand. Auf deren stützenden Arm wir rechnen können. Ein Freund wäre da, in der letzten Stunde, im letzten Augenblick, und er würde sagen: „Ich hab’ Dich lieb.“

 

III.

Nun lassen Sie uns aber zum Ende auch noch jene Wendung machen, die auf uns selbst geht. Wir wollen hier nicht fragen, ob wir einen solchen Freund haben oder aufgrund der Beschaffenheit unserer selbst überhaupt haben können. Sondern wir fragen, was wir tun können, um uns unsererseits freundschaftsfähig zu machen. Es geht  nicht nur darum, einer bestimmten Person gegenüber ein Freund zu sein und nun das eigene Verhalten in dieser ganz bestimmten Konstellation zu beurteilen oder auch zu korrigieren.

Es geht auch darum, auf eine Weise sich zu verhalten, die es anderen allererst möglich macht, Vertrauen zu uns zu fassen. Und da wird es dann sehr konkret. Leider besteht unter uns Menschen eine starke Neigung über andere zu sprechen, die nicht anwesend sind. Dabei fällen wir leicht Urteile oder wenigstens Meinungsäußerungen, die, hätten wir sie ins Angesicht der betreffenden Person hinein auszusprechen, ganz unverantwortlich wären und die wir dann auch gewiss niemals von uns geben würden. Und allein da beginnt schon das Problem.

Ich meine, dass der erste Schritt auf dem Weg, von dem hier die Rede ist – nämlich freundschaftsfähig zu werden –, darin besteht, überhaupt gegen die Neigung anzugehen, anderen im Modus der Kritik zu begegnen. Es ist die Macht des Negativen, einer destruktiven, aus der nichts Gutes kommen kann, die in so überwältigender Intensität unser ganzes Fühlen und Denken, unser Tun und Lassen bestimmt. Wie viel wäre gewonnen, wenn es uns gelänge, an dieser Stelle wachsamer uns selbst gegenüber zu sein. Dann würden wohl auch viele der unbedachten, der peinlichen und bisweilen auch regelrecht zerstörerischen Bekundungen unterbleiben, die wir so leichtfertig von uns geben und die zu bedauern uns dann hinterher reichlich Gelegenheit gegeben ist, wenn wir gewissenhaft sind.

In diesem Sinne wäre die erste Übung auf dem Weg des Freund-werden-Könnens ein gerütteltes Maß an Selbstkontrolle. Der Gewinn bestünde darin, dass uns sehr rasch deutlich wird, wie viel Energie wir in der Auseinandersetzung mit den anderen permanent verlieren. Gelassenheit, diese große, geradezu zauberhafte Chiffre des gelungenen Lebens, kann sich überhaupt erst dann am Horizont unserer eigenen Erwartungen einstellen, wenn wir es wirklich schaffen, jene Kraft der schlechten Verneinung abzubauen. Wir hätten selbst davon den größten Gewinn, und in diesem Sinne darf man hier durchaus auch etwas nützlichkeitsorientiert sprechen.

Wie bewundernswert sind dagegen all jene, denen solche Übungen gar nicht auferlegt sind. Die einfach aus sich selbst heraus dem Anderen offen und freimütig sich darbieten können. Diese Menschen gibt es. Es ist  eine große innere Stärke, die sie zu solcher Offenheit befähigt. Ob der Täufer Johannes einer dieser Charaktere gewesen ist, kann man schwer beurteilen. Er hat aber die Idee davon doch deutlich genug formuliert. Und auch das ist bedeutsam. Er wusste, um was es sich handelt bei dem „Freund des Bräutigams“.

Amen.