Der menschliche Gott – Predigt zu Genesis 11,1-9 von Eberhard Busch

Beim gegenwärtigen Gedenken an die Reformation vor 500 Jahren ist viel von Martin Luther die Rede. Hören wir von ihm den nachdenkenswerten Satz: „Darum wurde Gott Mensch, damit wir vermeintlichen Götter zu Menschen würden!“ Gott widersteht also mit Ernst den Hochmütigen, auch denen, die in aller Bescheidenheit hochmütig sind. Aber er tut es uns zugute. Er tut es nicht mit einem drein schlagenden Hammer, sondern er tut es auf eine höchst humane Weise. Er tut es, indem er selbst Mensch wird. Gott sei Dank! „Darum wurde Gott Mensch, damit wir vermeintlichen Götter zu Menschen würden!“ Die sagenhafte Geschichte vom Turmbau zu Babel veranschaulicht uns dieses Evangelium.

Da läuft freilich zunächst Erhebliches schief: Menschen wollen sich selber unter den Völkern „einen Namen machen“ (Gen 11,4b). Sie sind darum von dem Ehrgeiz angetrieben, von der Erde aus in den Himmel zu kommen. Und sie geben sich dabei größte Mühe. Der Hoch-Bau, den sie im Sinn haben, soll noch höher sein als alle Wolkenkratzer. Der soll ein Himmelskratzer werden, „dessen Spitze bis in den Himmel reicht“ (Gen 11,4). Demnach ist ihre ganze Tätigkeit durchaus eine religiöse Unternehmung. Ein heutiger Gelehrter hat jüngst erklärt, die Menschheit sei nahe daran, sich vom bisherigen homo sapiens, dem vernunftbegabten Menschen, höher zu entwickeln zum homo Deus, das heißt: zum Menschgott. Und schnell ist auch ein neues Buch erschienen mit diesem Titel: Homo Deus, Menschgott. Aber wohlgemerkt, so ganz neu ist dieser Traum nicht. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird erzählt, wie eine Schlange die Ureltern versucherisch lockte: „Ihr werdet sein wie Gott“ (Gen  3,5). Und beim Turmbau zu Babel wollen die Menschen das nun verwirklichen, wollen sich einen Namen machen. Sie wollen dorthin, wo Gott wohnt, um neben ihm Platz zu nehmen, vielmehr um ihm seinen Platz zu nehmen. Sie wollen sich aufführen wie ein Gott, eben als ein Menschgott. Natürlich, sie sind religiös, aber ihre Religion dient vor allem ihrem Ich. Ihre Religion besteht darin, sich selbst an die erste Stelle zu rücken. Dabei mögen sie all die Riten pflegen, die zu einer Religion gehören, mit Babytaufe und Konfirmation und dann eine Bestattung, in der der Mensch noch einmal hochgelobt wird. Doch ihr Unternehmen ist hohl, weil Gott, der wahre, der lebendige Gott dabei nicht mitmacht. Sie brauchen ihn anscheinend auch nicht, weil sie an sich selbst genug haben. Sie pflegen eine Religion, in der sie nur sich selbst meinen. Es geht ihnen um einen Kult, wie er beim Propheten Jesaja beschrieben ist: Da basteln sie sich einen Gott, um dann vor ihrem eigenen Gebilde niederzuknien und es anzubeten (Vgl. Jes 44, 17). So wollen sie sich einen Himmel nach ihrem eigenen Geschmack machen. Aber indem die Leute beschäftigt sind mit dem Bau eines himmelstürmenden Turms, geschieht das, was in Psalm 2 steht: „Der im Himmel wohnt, lacht über sie.“(Ps 2,4) Ihr Hochmut ist gepaart mit Dummheit. Damit haben sie nämlich auf der ganzen Linie nicht gerechnet: mit dem lebendigen Gott. In unserer Geschichte wird noch spöttischer gesagt: „Da fuhr Gott hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.“ (Gen 11,5) So als ob er sehr kurzsichtig wäre und gar eine Brille brauchte, steigt er herab, um sich das menschliche Unterfangen aus der Nähe anzuschauen. Jener Hochbau ist in seinen Augen offenbar kleinkariert. Die Menschen zu Babel hatten gesagt: „Wohlauf, lasst uns einen Turm bauen.“ (Gen 11,3) Aber nun spricht Gott dem entgegen, sein anderes Wohlauf: „Wohlauf, lasst uns hernieder fahren.“ Gott lässt sich von noch so klugen oder törichten Machenschaften nicht aufhalten. Er wird nicht im Geringsten ausgeschaltet durch den Versuch, ihn an die Seite zu schieben.

Im Gegenteil: Wenn der Mensch solch einen Versuch startet, wird er erfahren, was wir im Unser-Vater-Gebet zu Gott sagen: „Dein ist die Macht“. Und Paul Gerhardt spricht uns im Lied hoffnungsvoll zu: „Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.“ (EG 361,7) Der Mensch bedroht nur sich selber, wenn er das vergisst. Noch einmal Martin Luther: „Darum wurde Gott Mensch, damit wir vermeintlichen Götter zu Menschen würden“. Daran fehlt es uns doch in so vielen Hinsichten: an Menschlichkeit. Und darum sitzt Gott nicht nur im Regimente. Darum steht er auf. Darum kommt er herab, ja, darum fährt er hernieder, in die Tiefe, wo wir Menschen uns selbst lebensgefährlich bedrohen. Da muss Gott eingreifen. Und er wird eingreifen. Da muss er sie wachrütteln. Er greift ein in seinem strengen Erbarmen.

Die Strenge zeigt sich darin, dass er den Menschen nicht gelingen lässt, was sie hier im Schilde führen. Er tut das nicht, weil er Angst hat um sein eigenes Dasein. Er tut das, weil er Angst hat um den Menschen und sein Überleben. Er setzt sein eigenes Dasein dafür ein, dass wir Menschen leben und überleben. Darum sagt er unzweideutig Nein zu unseren Verkehrtheiten. Dieses Nein ist für uns zweifellos hart. Sein Nein besteht darin, dass er sich zu den Taten querstellt, mit denen wir uns übernehmen. Sein Nein besteht darin, dass es uns Menschen nicht gelingen kann, uns an die Stelle Gottes zu setzen. Und achten wir genau drauf: Das Nein bringt Gott zur Geltung nicht durch ein bloßes Verbot, das man ja auch übertreten kann. Das Nein bringt er ganz ungehindert zur Geltung durch seine mächtige Gegenbewegung: „Da fuhr der Herr hernieder.“ (Gen 11,5a) Dem Menschen kann man nicht so schnell Grenzen setzen. Aber damit, dass Gott in seiner Gegenbewegung zum menschlichen Hochmut sich erniedrigen kann und erniedrigt hat, damit ist Gott für uns Menschen echte Grenze.

Wo jedoch Gott nicht mehr Herr in unserem Haus ist, da sind wir damit gestraft, dass wir auch untereinander nicht mehr auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Da geraten wir in eine endlose traurige Kette von Missverständnissen – zwischen Eheleuten, zwischen Erwachsenen und Jugendlichen, zwischen uns und unseren Nachbarn, zwischen mancherlei Völkern und zwischen den politischen Lagern. Da denkt man oder sagt man: Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben. Und das gegenseitige Unverständnis muss nicht an verschiedenen Sprachen liegen. Oft reden Menschen dieselbe Sprache und verstehen sich gleichwohl keineswegs und können sich nicht verständigen. Und oft gerät man wegen Nichtigkeiten hart aneinander. Ich hörte einst einen Studenten in einem blöden Streit seinen Kameraden anschreien: „Ich biete Dir hiermit mein Sie an!“

Der Dichter Goethe hat einmal darüber geklagt, „dass niemand den andern versteht, dass keiner bei denselben Worten dasselbe denkt wie der andere.“ Wer kennt das nicht? Geht es so unter uns zu? Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat einen aufwühlenden Roman geschrieben mit dem Titel „Durcheinandertal“ und er sagt darin, dass wir alle in diesem schrecklichen Tal hausen. Wir kennen doch die sprichwörtliche babylonische Sprachverwirrung, in der keiner mehr sich dem Anderen begreiflich machen kann. Wer kann sich da noch seinem Nächsten anvertrauen. Die Menschen in Babel wollten sich eigentlich mit ihrem Turmbau einen ehrenvollen Namen unter den Völkern machen. Aber nun bekommt durch Gottes Gegenzug der Name „Babel“ verdientermaßen die Bedeutung: Wirrnis, Tohuwabohu, Chaos.

Allerdings: Gott vernichtet die Babel-Sünder nicht. Sein strenges Erbarmen ist gleichwohl und gerade so lauter Erbarmen. Mögen die Menschen in ihrer Wirrnis es noch nicht verstehen, es ist ganz und gar gnädig, dass Gott ihnen ihr Vorhaben nicht gelingen lässt. Es ist gut, dass er einen Strich durch ihre Rechnung macht, denn diese Rechnung ist grundfalsch. So wird Platz geschaffen für einen Neubeginn. In seinem Nein ist ein Ja verborgen, ein Ja, das eines guten Tages ans Licht treten wird. Denn Gott ist ein menschlicher Gott. Und weil er ein menschlicher Gott ist, darum ist es eine Wohltat sondergleichen, dass er dafür eintritt und dafür sorgt, uns vermeintlichen Götter zu Menschen zu machen, um noch einmal den Reformator zu zitieren. Inmitten der heute ja herrschenden endlosen Unmenschlichkeiten ist es höchste Zeit, dass wir aus unseren hochfliegenden Träumen einmal aufwachen und endlich menschlich werden. Hat Gott nicht davor zurückgescheut, Mensch zu werden, wie sollten wir da nicht gerne Menschen sein.

Wir hören auf die Geschichte vom Turmbau zu Babel in diesen Tagen des Pfingstfestes. Worum geht es da? Wir feiern es recht, wenn wir es tun mit der Bitte zu Gott, es möge sich unter uns wiederholen, in unseren Kirchen und Gemeinschaften, was uns vom ersten Pfingstfest in Jerusalem erzählt wird. Da seien verschiedenste Menschen beisammen gewesen. Und plötzlich, so heißt es,  (Apg 2,2) Pfingsten ist das Fest des heiligen Geistes. Was da geschehen ist und was auch bei uns „braust“, wenn es sich wiederholt, das ist das Gegenstück zu dem Turmbau zu Babel von der Erde Richtung Himmel. Umgekehrt: So wie damals Gott vom Himmel hoch „hernieder fuhr“, so kommt an Pfingsten Gottes Geist zu uns herab, trifft uns, „wie wenn ein gewaltiger Wind daherfährt“.

Und der macht uns nicht sprachlos. Seine Wirkung zeigt sich zuerst darin, dass er Menschen den Mund öffnet, so dass jeder zu Wort kommt. So verschieden sie reden, sie reden alle von demselben, von den großen Taten Gottes, von seinem strengen Erbarmen. Und so mannigfaltig ihre Ausdrucksweisen sind, es wird doch verstanden, was sie sagen. Wiederum, was sie sagen, geschieht in bunter Verschiedenheit, in mancherlei Sprachen und wird in ihnen wohl verstanden. Gottes heiliger Geist sorgt für Einigkeit in der Vielfalt und für Vielfalt in der Einigkeit. Die von ihm bewegten Menschen sind nun gar nicht himmelsstürmerisch, aber sie werden recht menschlich und werden hinbewegt zu ihren Mitmenschen. Sie werden verbunden mit ihnen, mit solchen, die vielleicht eine sehr seltsame Sprache reden und eine eigenartige Herkunft haben, und ihre Botschaft wird doch von ihnen verstanden und führt dazu, dass sie untereinander zu Freunden werden! Das ist das Ende der Verkehrung im „Durcheinandertal“. So erreicht die frohe Botschaft auch uns. So sendet sie auch uns aus zu Helfern unter selbst fremden Zeitgenossen. So macht sie uns willig, einander die Hand zu reichen.