»Ein schweres Evangelium« - Predigt zu Matthäus 22,1-14 von Michael Greßler

I. Jerusalem
Ein großer Krieg war gekommen.
Heulen und Zähneklappern.
Blut und Tod.
Es ist das Jahr 70. Die Römer zerstören Jerusalem. Töten die Menschen. Sie verbrennen die Stadt.  Der Tempel liegt in Schutt und Asche.Grausiger Höhepunkt eines Krieges, der schon vier Jahre tobt.
Jerusalem war danach sechzig Jahre lang unbewohnbar. 1,1 Millionen Juden waren umgekommen. Siebenundneunzigtausend wurden in die Sklaverei verkauft. Der Preis auf dem Sklavenmarkt ging in den Keller.Überangebot. Und auch der Goldpreis brach ein. Massenhaft wurde Kriegsbeute verkauft. Tempelgeräte und Privatschmuck.
Ein paar Jahre später. Der Evangelist Matthäus sitzt und schreibt. Irgendwo in Syrien, ein Stück weg von Jerusalem. Er schreibt die Geschichte von Jesus auf.  Das Evangelium. Wort des Lebens.
Matthäus schreibt und er fragt sich:  Wie konnte es geschehen?
Da fällt ihm eine Jesusgeschichte ein. Die von der großen Einladung. Vom Gastmahl Gottes. Von den Menschen, die kommen. Und von denen, die wegbleiben.
Er denkt sich: »Ja, so muß es sein. Sie wollten ja nicht an Jesus glauben. Und das haben sie nun davon. So einfach ist das.«
Dann fängt er an, zu schreiben.
Ein bisschen anders, als Jesus es wohl gemeint hat. Auf seine Weise:

Das Himmelreich gleicht einem König,  der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen;  doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg,  einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Die Übrigen aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. (Mt 22,1-14)

Ist es wirklich so einfach? So einfach, wie Matthäus schreibt? Einfach so: »Das kommt davon«?
Der große Krieg – eine Strafe Gottes für sein eigenes Volk?
Ich bin mir da nicht so sicher. Im Gegenteil.
Wir wissen heute ziemlich genau Bescheid über jenen großen Krieg. Matthäus hätte es eigentlich auch wissen können. Da ging es um Steuern und Macht, um Aufstand und militärische Gewalt, es ging um Strategie und Politik.
Da ging es um lauter Dinge, die Menschen machen. Schlimm genug das alles. Aber von einer Strafe Gottes höre ich nichts.


II. Wittenberg
1531 in Wittenberg.  Es ist der 22. Oktober. Martin Luther steigt auf die Kanzel von Sankt Marien. Zweimal, einmal am Vormittag, am Nachmittag dann noch einmal.
Er liest das Evangelium – die Worte, wie sie Matthäus einst aufgeschrieben hat.

Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen; … aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Die Übrigen aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. (Mt 22,2.5-8)

Luther auf der Kanzel. Das Volk steht unten – zwei seiner Schüler haben Schreibzeug dabei und schreiben mit.
Dann fängt er an zu predigen: »Dies Evangelium ist einfach, wie ihr seht, und es ist schrecklich, weil es von denen gesagt ist, die Gottes Wort verachten.«
Eigentlich ganz einfach. Und einfach ganz schrecklich.
Luther steht auf der Kanzel und predigt ein Evangelium, das so recht keins sein will.
Er hatte ja selbst schon wieder einen Krieg erlebt, damals vor sieben Jahren, als der Bauernkrieg tobte.
Damals war er entsetzt von der Gewalt. Aber es ist ihm nicht viel mehr eingefallen, als neue Gewalt.
»Wider die aufrührerischen und mörderischen Rotten der Bauern« hat er geschrieben. Und die Fürsten haben seinen Ruf nur zu gern gehört. Bei Frankenhausen kam die Entscheidungsschlacht. Achttausend Bauern gegen sechstausend Landsknechte. Es dauerte nur drei Stunden. Dann waren etwa zwanzig Landsknechte tot. Und sechstausend Bauern.
Nein, in seiner Predigt am 22. Oktober 1531 zu Wittenberg ist Luther nicht darauf eingegangen. Vielleicht sind sie ihm ja noch einmal durch den Kopf gegangen, die vielen Opfer. All die Toten. Mord und Blut. Heulen und Zähneklappern.
Und so predigt er. Er predigt klug. Und richtig.
Er sucht das Evangelium in unserer Geschichte. Das Wort des Lebens. Und, ja, er findet es. Die »Große Einladung«.

Das Himmelreich gleicht einem König,  der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen; […]Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! (Mt 21,2.4b)

»Kommt, denn es ist alles bereit! Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist. …Kommt her, ihr seid geladen!« (Ps 34,9f)

Aber dann macht Martin Luther dasselbe, wie Matthäus. Er weiß ja auch von jenem großen Krieg damals, als Jerusalem zerstört wurde. Er sieht die Juden in seiner Stadt, Gottes Volk, zerstreut unter alle Völker. Wenige Meter hinter ihm, draußen an der Stadtkirche, da ist dieses schreckliche Schmäh- und Hassbild: Die Judensau.
Und er predigt vom abschreckenden Beispiel. »Seht euch die Juden an! Sie haben Propheten getötet und am Ende Gottes Sohn zu Tode gebracht. Und nun seht ihr, wie es ihnen geht: Der Tempel ist zerstört, sie sind verstreut in alle Welt. Lasst euch warnen, sonst geht’s euch genauso. ‚Das kommt davon.’ Heulen und Zähneklappern.«
»Dies Evangelium ist einfach, wie ihr seht, und es ist schrecklich, weil es von denen gesagt ist, die Gottes Wort verachten.«
Ist es wirklich so einfach? Auch, wenn Luther es so gepredigt hat am 22. Oktober 1531 – ich bin ich mir da nicht so sicher. Im Gegenteil.


III. Camburg
2017, 25. Juni.
Die Geschichte ist weitergegangen.
Juden und Christen gingen getrennte Wege, immer wieder Schuld und Gewalt gegen Gottes Volk. Es kam ein zwanzigstes Jahrhundert. Es kamen Kriege, größer als alle, die bisher gewesen waren. Es kam der Holocaust.
Und wo Matthäus eins saß und schrieb, in Syrien, tobt ein aktueller großer Krieg. Menschengemacht wie alle anderen.
Heulen und Zähneklappern. Es hört nicht auf.

Dann sprach der König zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus  und brachten zusammen, alle, die sie fanden,  Böse und Gute; und der Hochzeitssaal war voll mit Gästen. (Mt 21,8-10)

So kennen wir’s, und so hören wir es gern. Evangelium. Wort des Lebens. »Kommt, denn es ist alles bereit.«
Der Hochzeitssaal voll von Gästen. Es könnte so einfach sein. Und ist es doch nicht.
Wo wir doch die »eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche« bekennen.
Wo doch alle eins sein sollten. Alle Christen und alle Menschen. Gäste bei Gott.

»Dies Evangelium ist einfach, wie ihr seht, und es ist schrecklich, weil es von denen gesagt ist, die Gottes Wort verachten.«
So hat Martin Luther einst gepredigt. »Schwer für die anderen. Und einfach für uns. Wir hier drinnen und die da draußen – und sie werden schon sehen, was sie davon haben – und ‚Heulen und Zähneklappern’. Das kommt davon«.
Nein. So einfach ist es nicht.
Wo stehen wir selbst?

Da ging der König hinein zum Mahl, sich die Gäste anzusehen,  und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen  und hast doch kein hochzeitliches Gewand an?  Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis! Da wird sein Heulen und Zähneklappern. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. (Mt 21,11-14)

Wo stehe ich?
Wo stehe ich nach meiner langen Geschichte – und nach einer Weltgeschichte voll großer Kriege und Blut und Tod, Heulen und Zähneklappern?
Wo stehe ich mit meinen eigenen Gedanken?
Ich denke ja auch manchmal: »Richtig so. Selber schuld. Hat er aber auch verdient!«
Ich ertappe mich auch bei solchen Gedanken:  »Wir hier … und die anderen dort«. Ich mache selbst die Dinge schwer, die Gott eigentlich einfach gemeint hat. Und ich gebe einfache Antworten, wo ich viel genauer hinschauen müsste.

Wo stehe ich in diesem Evangelium, das so recht keins sein will?
Ich habe keine Antwort. Eine einfache schon gar nicht.
Ich weiß es auch nicht besser als Matthäus oder Martin Luther.
»Dies Evangelium ist einfach, wie ihr seht, und es ist schrecklich, weil es von denen gesagt ist, die Gottes Wort verachten.«
Nein, dieses Evangelium ist nicht leicht. Auch nicht für mich. Und wer sagt, es sei leicht, der macht es sich zu einfach. Dies Evangelium ist ein schweres Evangelium. Auch für mich.
Aber ich will es hören. Und nicht aufhören damit.
Das Wort des Lebens will ich hören. Selbst in einer Geschichte, die so dunkel daherkommt. Und auch in einer Welt voll Blut und Tod. Auch mit meiner eigenen Geschichte und in meiner eigenen Schuld.
Ich will hören. Diesen einen Satz. Das Wort, auf das es ankommt:»Kommt, denn es ist alles bereit.«
Und ich will kommen. So gut ich kann. Amen.