Ein unmoralisches Anliegen - Predigt zu Markus 10,35-45 von Inke Raabe

Ein unmoralisches Anliegen

Markus 10, 35 bis 45 (Evangelium des Sonntags)
Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.
Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde! „Ein unmoralisches Angebot“ – so heißt ein amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 1993. Dieses unmoralisches Angebot erreicht das junge Ehepaar David und Diana, er ist Architekt, sie Immobilienmaklerin, erfolgsverwöhnt, die beiden, gutaussehend, vielleicht sogar ein bisschen glamourös. Umso schwerer ist es für sie, mit der Schuldenkrise zurecht zu kommen, in die sie plötzlich geraten. Für die Schlüsselszene spielt in der Villa des Milliardärs John Cage, der die beiden zu sich eingeladen hat.
„Sie haben etwas, was ich nicht habe“, sagt Cage zu David mit Blick auf dessen wunderschöne Frau, der damals 31-jährigen Demi Moore, bei einem unverfänglichen Spiel Pool-Billard.
„Man kann halt nicht alles für Geld kaufen“, entgegnet David, „es gibt eben Grenzen.“
„Nicht viele“, erwidert Gage, gespielt vom unvergleichlichen Robert Redford mit smarter Coolness und einem Hauch Arroganz. „Nehmen wir an“, sagt er, „nehmen wir an, ich böte Ihnen eine Million Dollar für eine Nacht mit Ihrer Frau.“ Regie und Kameraführung sind großartig in diesem Moment. Sekunden verharren sie auf den Gesichtern von Diana und Dave. Empörung spiegelt sich in ihnen. Abscheu und Widerwillen, „So eine Nacht geht schnell vorbei, und das Geld reicht für ein ganzes Leben“, sagt Cage, während die schwarze Kugel mit der Acht über das Feld rollt.
David und Diana sind sich einig. „Der Teufel soll Sie holen“, sagen sie übereinstimmend. Aber man sieht in ihren Gesichtern, dass das Böse längst seine Saat ausgeworfen hat und dass das unmoralische Angebot des Amerikaners nicht ins Leere gehen wird.

Von einer, wenn auch nicht so anrüchigen, jedoch ebenso verwerflichen Anfrage erzählt unser heutiger Predigttext aus dem Markus-Evangelium.
Die Jünger sind schon eine Zeitlang mit Jesus unterwegs. Sie haben viel gehört vom Reich Gottes. Sie haben alles aufgegeben für den Mann aus Nazareth: ihre Familien, ihre Berufe, ihr Zuhause. Nun sind sie unterwegs nach Jerusalem, und immer wieder deutet Jesus an, dass das für ihn und seine irdische Mission das Ende bedeuten könnte. Die Jünger haben Angst, sie haben Angst um ihn - und um sich selbst.
Lassen Sie mich in Gedanken die Szene verfilmen.
Es ist ein langer Tag für Jesus und seine Jünger gewesen. Sie sind nur langsam vorangekommen, immer wieder haben Menschen sie aufgehalten und Jesus um seinen Segen und um seinen Rat gebeten. Es ist spät geworden, die Nacht ist lau, sie schlagen unterwegs ihre Decken auf und entzünden ein Feuer am Wegesrand. Leise lassen sie in kleinen Gruppen den Tag Revue passieren.

Langsam verstummen die Gespräche, einer nach dem anderen schläft ein. Nur Jesus und die Söhne des Zebedäus, sie heißen Jakobus und Johannes, sitzen noch am Feuer und stochern nachdenklich in der Glut. Die Kamera hält lange auf die Gesichter der Brüder. Sie schielen immer mal wieder zu den Schlafenden hinüber. Ihnen liegt etwas auf dem Herzen, die Spannung ist greifbar. Wir sehen Jesus. Konzentriert wirkt er. Abwartend. „Na los, raus mit der Sprache“, denken wir, die Zuschauer, „was ist los, was wollt ihr?“ Schließlich beginnt einer der Beiden. „Du Jesus, wir hätten da mal eine Bitte an dich.“ „Gerne“, sagt Jesus, „was kann ich für euch tun?“ Und dann rücken sie heraus mit ihrer zutiefst unmoralischen Anfrage: „Wir möchten gerne, wenn dein Himmelreich kommt, die beiden besten Plätze haben, links und rechts neben dir in deiner Herrlichkeit.“
In Jesu Gesicht bewegt sich nichts. Konzentriert ist er und still. Der Regisseur inszeniert die Szene sorgsam und klug. Er will, dass wir, die Zuschauenden die Emotion, die Empörung, den Ärger in uns selber spüren. Dann schwenkt die Kamera auf die Jünger und landet schließlich auf dem einem, der sich schlafend stellt und der das unmoralische Anliegen der Zebedaiden mithört. Seine Lippen pressen sich aufeinander, Zorn und Enttäuschung stehen in seinen Augen, die er nun erwartungsvoll auf Jesus richtet.

Jakobus und Johannes - Jesus hat sie nicht zufällig als Jünger ausgewählt, er braucht sie für seinen Heilsplan. Sie sind starke Persönlichkeiten: Ja, sie können den Kelch des Leides trinken, den Jesus trinken wird. Ja, sie können die Taufe in den Tod ertragen, die Jesus ertragen wird. Sie sind bereit, für die Sache Jesu zu sterben. In der Bibel tragen sie den Beinamen „Donnersöhne“: Die Geschwister sind emotional, ein bisschen aufbrausend, (Lk 9, 7ff), engagiert, vielleicht sogar Leitfiguren. Jesus hält große Stücke auf sie, nimmt sie sogar mit auf den Berg der Verklärung (Mk 9, 2ff). Vielleicht ist ihnen das zu Kopf gestiegen. Die Bitte der Zebedaiden ist unmoralisch: Sie wollen bevorzugt werden, sie wollen sich ihre Plätze sichern. Sie denken an sich, nicht an die Gemeinschaft, nicht an den Nächsten. Sie sollten es besser wissen. Sie sollten wissen, dass ihr Anliegen vermessen ist.

Lassen Sie mich auf das unmoralische Angebot des Anfangs zurückkommen. Menschen kann man nicht kaufen, Liebe ist nicht erwerblich. Das Ehepaar im Film ist sich einig. Aber sie beschließen: Wir sind stark genug, wir schaffen das. Er kriegt seine Nacht, wir seine Millionen. Meinen Körper kann er haben, meine Seele bekommt er nie. Sie irren sich. Mit dieser einen Nacht ziehen Misstrauen, Angst und Verzweiflung in ihre Ehe ein. Der Riss lässt sich nicht kitten.  Das unmoralische Angebot hat an den Festen dessen, was alle drei für unerschütterliche Wahrheit hielten, gerüttelt. Es wird deutlich: Moral ist mehr als eine Frage der Sittlichkeit. Moral ist der Schutzwall vor dem Abgrund der eigenen Begierden.

Die unmoralische Anfrage der Zebedaiden lässt uns in ihren seelischen Abgrund blicken: Johannes und Jakobus wollen Macht. Anerkennung. Ruhm. Sie wollen ihre Namen in den Geschichtsbüchern lesen. Sie wollen etwas bedeuten in dieser und in der kommenden Welt. Dafür verletzen sie den Verhaltenscodex unter den Jüngern, hintergehen ihre Mitbrüder, fallen den anderen in den Rücken. Und die reagieren sehr ärgerlich, als sie davon hören. Die Zebedaiden erinnern mich in ihrem maßlosen Ehrgeiz an Al Kaidha-Kämpfer und Selbstmord-Attentäter. 72 Jungfrauen am Ende und ein der Lobpreis als Märtyrer – sie sind bereit, dafür zu sterben und andere mit in den Tod zu reißen.

Was sind Ihre, was sind meine Abgründe? Was treibt uns eigentlich an, was führt uns in Versuchung? Es gibt verzweifelt Chronisch-Kranke, die sich auf das unmoralische Angebot von Organspenden aus armen Ländern einlassen. Die einen kämpfen mit unerlaubten Mitteln um sportliche Siege, andere tun dasselbe für ihren Arbeitsplatz. Manche Mutter würde für ihr Kind ihre Seele verkaufen. Bei Matthäus ist es übrigens die Mutter der Zebedaiden, die das unmoralische Anliegen an Jesus richtet. Unmoralische Angebote versprechen Jugend, Blicke in die Zukunft, Kontakt zu unseren verstorbenen Liebsten. In jeder und jedem von uns lauern Abgründe, in denen die unmoralischen Angebote des Bösen fruchtbare Böden finden. Und der Humus, der die Saat gedeihen lässt, ist Angst oder unstillbare Sehnsucht. Es ist nicht sinnvoll, die Wälle einzureißen, die uns vom Abgrund trennen.

Jesus sieht, was den Jüngern verborgen bleibt. Er sieht Jakobus und Johannes ins Herz so wie er uns ins Herz sieht. Und er sieht in ihren Abgrund: Da ist wohl ihre Liebe zu ihm, aber auch ihre Liebe zueinander, aber es Liebe in ihrer verletzlichen und eifernden Form, Liebe, die besitzen und für sich allein haben will. Da ist die Angst, zu sterben. Zu sterben und dass es dann so sein könnte, als hätte es sie nie gegeben. Jesus sieht das – und versteht. Darum reagiert er so unbegreiflich milde auf das unmoralische Anliegen der beiden Brüder. Milde und doch deutlich. „Es steht mir nicht zu, euch Plätze im Himmel zuzuweisen“, sagt er schließlich, fast als habe er Mitleid mit ihnen.
 „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an“, erklärt er später den Jüngern und macht ihnen ein anderes, ein befreiendes, lebensrettendes Angebot. „Ihr sollt miteinander anders umgehen“, sagt er. „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ Macht es wie ich, sagt er. Ich diene, und ich gebe mein Leben als Lösegeld für viele.

Jesus bietet nicht Reichtum, Macht und Geld, er bietet Erlösung an. Erlösung vom Sund, Errettung vor den inneren Abgründen, Sinnstiftung über den Tod hinaus. Er geht als Beispiel voran, geht den guten Weg mit allen Konsequenzen, damit auch wir ihn gehen können ohne Furcht.
Jesus bietet ein neues, ein anderes Leben an. Und das ist kein unmoralisches Angebot, das am Ende mehr nimmt als es gibt. Das ist keine Nacht mit dem Teufel, der alle Liebe zerstört. Es ist kein kurzes Schillern im Rampenlicht von Ruhm und Macht. Jesus bietet Liebe an, die verschwenderische Hingabe ist. Er bietet den Jüngern und uns einen Platz im Himmel: Es ist der Platz neben dem Nächsten, der Not leidet. Wer der Erste sein will, der mache sich selbst zum Diener. Wem das gelingt, der sitzt hier wie dort neben Jesus, zu seiner Rechten oder zu seiner Linken, ganz in seiner Nähe - neben dem, der sein Leben als Lösegeld gab für uns.