Familienangelegenheiten - Predigt zu Genesis 50,15-21 von Angelika Überrück

Liebe Gemeinde,
Ende gut, alles gut? Das ist heute die Frage! Unser Predigttext ist das Ende einer der längsten Geschichten des Alten Testamentes. Es ist das Ende der Geschichte von Josef und seinen Brüdern. Diese Familiengeschichte erzählt von Gottes Wirken im Leben. Sie erzählt aber auch vom Umgang mit Konflikten und Schuld in einer Familie.
Zunächst möchte ich Ihnen die Geschichte kurz erzählen, damit Sie sich in den Schluss besser hineinversetzen können.
Jakob, der Vater der Familie, hat zwölf Söhne.
Josef ist der zweitjüngste Sohn der Familie und der Liebling seines Vaters. Jakob ist stolz auf ihn. Eines Tages schenkt Jakob seinem Sohn Josef einen schönen bunten Rock. Die Brüder reagieren verständlicherweise mit Neid und Eifersucht, denn der Vater schenkt ihnen nichts. Und Josef tut auch noch alles, um diese Eifersucht weiter zu schüren. Er zeigt überall den neuen Rock und möchte bewundert werden. Dann träumt er, dass er der Mächtigste der Brüder sein wird und dass die Brüder vor ihm auf die Knie fallen. Und er erzählt es sogar noch seinen Brüdern, die daraufhin immer wütender auf Josef werden. Sie überlegen, wie sie ihn loswerden können, um endlich die Liebe ihres Vaters für sich zu haben. Sie unternehmen einiges, trauen sich aber nicht, Josef zu töten, weil er ja trotz allem ihr Bruder ist. Und so verkaufen sie ihn schließlich als Sklaven nach Ägypten, als gerade eine Karawane vorbeizieht. Den Bruder sind sie damit los.
Ihrem Vater Jakob erzählen sie, dass Josef von einem Tier gefressen wurde. Jakob ist tieftraurig. Die Liebe, die er Josef geschenkt hat, erhalten die Brüder trotzdem nicht. Vielmehr ist die Familie nun durch Trauer und Schuld stark belastet.
Josef kommt in Ägypten in das Haus des Pharao und erhält über Umwege immer mehr Ruhm und Ansehen. Schließlich wird er Verwalter von Ägypten, weil er die Träume des Pharao deuten konnte. Er träumt von Hungerskatastrophen, die kommen sollen, und baut Getreidesilos, um vorzusorgen.
Tatsächlich kommt eine Hungerkatastrophe. Den Ägyptern geht es weiterhin gut dank der Vorsorge von Josef. Aber in allen anderen Ländern ist große Not und so kommen alle nach Ägypten. Auch Josefs Brüder reisen nach Ägypten, um dort einzukaufen. Und so begegnen sich die Brüder wieder.
Die Brüder fallen vor ihm nieder, so wie Josef es einst geträumt hatte. Sie erkennen ihn nicht, aber er erkennt sie und nutzt die Lage aus, denn er ist immer noch traurig und verletzt über das, was ihm die Brüder angetan haben. Und so lässt er sich zunächst einmal einige Dinge einfallen, die den Brüdern das Leben schwer machen, bevor er sich dann doch zu erkennen gibt. Jakob kommt ebenfalls nach Ägypten und alles erscheint in bester Ordnung. Die Vergangenheit spielt keine Rolle mehr bis, ja bis Jakob stirbt.
Also: Ende gut, alles gut? Nicht so ganz.
Denn nun kommt unser Predigttext.
Mit Jakob ist nicht nur der Vater gestorben, der sicher auch nicht ganz unschuldig an dem Verlauf des Verhältnisses der Söhne zueinander war. Mit Jakob ist auch der gestorben, der die Familie zusammengehalten hat. Die Brüder bekommen Angst. Sie fürchten sich vor Vergeltung. Denn mit dem Vater ist auch der weg, der sozusagen ihr Schutz war. Josef hätte Jakob nie etwas angetan, aber ihnen, den Brüdern? Die Schuld über das, was sie Josef angetan hatten, was jahrelang vergraben worden war. Sie wird wieder lebendig.
Noch ist nicht alles gut, denn der alte Familienkonflikt ist ungelöst.
Aber unser Predigttext will uns nun zeigen, wie die Brüder einen Weg finden, doch mit ihrem Familienkonflikt und der Schuld umzugehen.

Und da hat diese Geschichte mit uns zu tun. Auch wir haben eine Familie. Wir leben in Familienbeziehungen. Die meisten haben zwar nicht so komplizierte Familienverhältnisse wie Josef und seine Familie. Aber von Schuld und Unrecht ist keine Familie frei. Wir tun uns als Menschen immer wieder weh, in der Ehe, als Geschwister, in der Beziehung, in der Familie, im Freundeskreis. Gerade wenn wir uns gut kennen, wenn wir wissen, wo die oder der andere verwundbar ist, passiert es schnell, dass wir uns verletzen. In einem harmlosen Streit, in einer nur so eben dahingesagten Bemerkung. Ich kenne genug Familien, in denen es wegen Erbschaftsangelegenheiten so viele Auseinandersetzungen gab, dass die Familien nicht mehr miteinander reden. Die Ausgangssituation von Jakobs Familie - Streit, Verletzung, Schuld - ist eine menschliche Situation, wie wir sie auch immer wieder erleben.
Und wie Josef und seine Brüder gehen wir uns dann aus dem Weg, weichen einander aus, trennen uns. Wir lassen den Konflikt ruhen und tun in unserem Alltag so, als ob er gar nicht existiert.
Die Ausgangssituation unseres Predigttextes ist eine, die wir aus unseren eigenen Familien und Beziehungen kennen. Aufgrund eines Todesfalles kommen alle wieder zusammen. Plötzlich treten die alten und unausgesprochenen Konflikte wieder hervor.
Wie sieht der Weg nun aus, den der Predigttext aufzeigt, um die Konflikte zu lösen?
Die Brüder versuchen einen neuen Anlauf: Sie weichen sich nicht mehr aus, sondern treten die Flucht nach vorne an. Sie machen eine Art Bestandsaufnahme und denken neu über ihre Situation, über ihre Familie nach. Dabei gestehen sie sich selbst ihre Schuld ein. Sie machen sich klar, dass vieles nicht richtig war, was sie getan haben. Sie spüren gleichzeitig auch, dass sie in Josefs Hand sind. Denn er hätte allen Grund, sauer auf sie zu sein. Schließlich ist er nur durch seine Brüder ein Leben lang von der Familie getrennt gewesen. Das alles wird ihnen bewusst. Aber dabei belassen sie es nicht. Sondern sie gehen einen zweiten Schritt und wenden sich an Josef. Allerdings gehen sie nicht direkt zu Josef, sondern schicken einen Boten. Zu groß ist die Angst, zu klein noch ihr Mut. Denn sie haben in dem Moment ja keine Ahnung, wie Josef selbst sein Leben beurteilt und wie er reagieren wird.
Verschiedene Möglichkeiten sind denkbar: Eine Möglichkeit wäre, dass Josef sauer ist, weil sie ihm sein Leben lang keinen Platz in der Familie gegeben haben, weil er immer das schwarze Schaf war, der, der ausgestoßen war. Die zweite Möglichkeit ist die, dass Josef nichts mehr mit seinen Brüdern zu tun haben will. Er kann so mit seinem Leben zufrieden sein. Und das, was war, ist Vergangenheit, mit der er nichts mehr zu tun haben will. Die Möglichkeit, auf die die Brüder hoffen: Josef kann freundlich reagieren und ihnen vergeben und es kann zu einer neuen Beziehung kommen. Das alles ist offen, als die Brüder den Boten zu Josef schicken.
Es erfordert Mut, sich seinen Fehlern und seiner Schuld zu stellen. Damals wie auch heute bei uns. Einem anderen zu sagen: „Du, ich habe etwas falsch gemacht!“, ist immer auch ein Risiko. Denn die Frage „Wie nimmt der andere das auf? Wird er die Gelegenheit ausnutzen?“, die ist immer ungeklärt.
Die Brüder schicken also den Boten zu Josef und, um ihn positiv zu stimmen, berufen sie sich auf ihren Vater. „Dein Vater hat uns vor seinem Tod die Anweisung gegeben: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.“
Dabei belassen sie es aber nicht. Es scheint ihnen nicht zu genügen, denn sie fügen eine persönliche Bitte hinzu: „Deshalb bitten wir dich: Verzeih uns unser Unrecht! Wir bitten dich bei dem Gott deines Vaters, dem auch wir dienen!“ Bei dieser persönlichen Bitte berufen sie sich auf Gott. Sie bitten um Vergebung im Angesicht Gottes. Sie hoffen, dass Josef dem Gott seines Vaters treu geblieben ist, der sie miteinander verbindet, auch wenn der Vater nicht mehr lebt.
Die Brüder haben erste Schritte getan. Nun ist Josef dran.
Josef weint. Was er sagt, erfahren wir nicht. Die Tränen reichen. Vielleicht sind es Tränen der Freude, weil ein neuer Weg, ein neues Miteinander möglich wird. Vielleicht sind es Tränen der Erleichterung, weil nun auch er alte Fehler und Schuld benennen kann. Vielleicht weint Josef auch über die verpassten Lebensmöglichkeiten, die er mit seinen Brüdern hätte haben können. Oder weil sie ausbrechen können aus dem Teufelskreis von Lüge und Schuld. Das bleibt offen.
Nun erfolgt der dritte Schritt der Brüder, nachdem das vorsichtige Herantasten geklappt hat. Als die Brüder hören, dass Josef weint, da gehen sie selber los. Da liefern sie sich ihm völlig aus. Denn sie fallen vor ihm auf die Knie und sagen auch noch: „Wir sind deine Knechte.“ Josefs Traum vom Anfang ist tatsächlich wahr geworden. Auf Seiten der Brüder ist da aber keine Eifersucht mehr. Sondern Anerkennung und die Bitte, ihnen freundlich zu begegnen.
Und Josef? Er macht deutlich, dass er nicht über seine Brüder richten oder herrschen will. Das sagt er ganz deutlich: „Stehe ich denn an Gottes statt?“
Josef und seine Brüder begreifen, dass nur Gott über ihr Verhalten urteilen kann und wird. Aber durch das Eingestehen ihrer Verletzungen und Fehler, haben sie die Chance, noch einmal neu zu beginnen. Das tun sie nicht mit großen Worten, sondern mit Taten.

Ende gut, alles gut? Ja, denn Josef hat viel gelernt in seinem Leben.
Er hat auch in den schwierigsten Situationen seines Lebens Gottes Hilfe erfahren und weiß nun, dass Gott es gut meint mit ihm und seinen Brüdern. In all dem Schlimmen, das er hat durchmachen müssen, hat er gespürt, dass Gott da ist. Auch wenn es nicht so schien, hatte Gott es doch gut gemeint.
Das finde ich toll an Josef, dass er im Nachhinein positiv auf sein Leben blicken kann.
Und so sagt Josef zu seinen Brüdern: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Und er verspricht ihnen, dass er nun für sie sorgen wird und alle am Leben erhalten. Damit ist ein Neuanfang gemacht.
Josef wird beschenkt, denn die Brüder bleiben ihm erhalten. Er hat endlich einen Platz in seiner Familie gefunden, ohne Angeberei, ohne Hilfe, einfach mit seiner Bereitschaft, das Leben aus Gottes Hand zu nehmen.
Die Brüder werden beschenkt. Die Last ihres Lebens ist ihnen genommen. Auch für sie hat Gott es gut gemacht, denn nun müssen sie nicht verhungern. Und sie können ihrem Bruder Josef versprechen, ihn am Ende seines Lebens im Land seiner Väter eines Tages zu beerdigen.
Bei Josef und seinen Brüdern ist am Ende alles gut. Und bei uns?
Vielleicht kann uns diese Familiengeschichte auch Mut machen zu einem Neuanfang. Vielleicht kann sie uns helfen, in unseren Familienkonflikten noch einmal neu nachdenken über das, was war. Und dann auch den ersten Schritt zu gehen.
Und ich wünsche mir, dass auch wir so wie Josef einmal auf unser Leben zurückblicken können und sagen können: Gott gedachte es gut zu machen. Dass auch wir über unser Leben sagen können: Ende gut, alles gut. Amen.