Für das Leben ein Herz – Predigt zu 1. Korinther 10,16,17 von Maximilian Heßlein

Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist's. So sind wir, die vielen, ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben. 1. Korinther 10,16.17

Liebe Gemeinde,

Abend ist es geworden. Vorabend des Karfreitags. Die dunklen Schatten ragen schon in diese Zeit hinein. Und doch ist hier noch Licht und Leben. Hier ist noch Kraft und Gemeinschaft. Nur dieser Abend noch. Dann muss alles geschehen. So sind auch wir zusammen und lassen uns fallen in die Ereignisse, die da kommen sollen.

Schließen Sie doch einmal für einen Moment die Augen, schalten wir gemeinsam ab von den Gedanken, die uns an diesem Abend in die Kirche begleitet haben, und spüren wir miteinander unserem Leben nach. Wer müde ist, wird merken, wie Arme und Beine schwer sind. Vielleicht schließen sich die Augen auch ganz schnell oder sie fallen einfach zu vor Erschöpfung und Anstrengung des Tages und der zurückliegenden Zeit. Dann soll jetzt also Ruhe einkehren.

Ja, der Leib mag ruhen; denn in ihm ist unser Leben geborgen. – So genießen wir seine innere Wärme und weiche Anmut. Wir spüren zugleich seine Zerbrechlichkeit.

Unsere Füße aber stehen auf festem Boden. Sie sind gegründet auf der Erde und halten die Beine, mit denen wir uns aufrichten und fortbewegen, gehen oder rennen oder auch einfach einmal innehalten und stehen.

Der Oberkörper, Rücken, Flanken und Bauch, richtet uns auf. Er lässt uns sitzen. Die Bauchdecke hebt und senkt sich mit jedem Atemzug in großer Ruhe. Noch ist Frieden. Noch ist kein Geschrei und auch keine Klage zu hören. In dieser Ruhe spüren auch wir auch Arme und Hände, mit denen wir greifen, was uns in der Welt entgegen kommt. Sind die nicht wunderbare Werkzeuge des Lebens? Unsere Hände können streicheln und liebkosen. Sie können auch einmal hart sein und ermahnen. Manchmal ballen sie sich zur Faust. Sie wehren sich. Wer seinen Arm oder seine Hand je in einem Gips hatte, der weiß übrigens, wie eingeschränkt man ist, wenn dieses Werkzeug einmal nicht funktioniert.

Aber wenn die Händen sich durch das Leben tasten, wenn sie fühlen und spüren, was die Umgebung und das Leben ausmachen, dann öffnet sich eine ganz eigene Welt. Das lässt sich schon an den Bänken in der Kirche gut nachvollziehen. Wer an diesen entlangfährt, erkennt, was dem Auge verborgen bleibt: kleine Veränderungen und Unebenheiten, aber genauso die weiche Wärme des Holzes.

Über allem aber steht unser Kopf. Hoch ragt er empor. Mit ihm nehmen wir alles wahr. Riechen, Schmecken, Hören und Sehen. Er ist unser Gesicht. Ausweis für die Menschen, die uns begegnen.

Mitten in unserem Körper aber schlägt ein Herz. Fest und rhythmisch. Immer wieder. Noch ist Ruhe. Auch das Herz merkt es. Es schlägt und schlägt. Kein Leben ohne das Herz. Kein Ende des Lebens, solange es schlägt.

Unser Leib, liebe Gemeinde, er lebt. Fühlen Sie einfach einmal dieses Leben, das in Ihrem Körper steckt. Ist das nicht etwas Wunderbares?

[Pause]

Wir, die Vielen des heutigen Abends, sind ein Leib, sagt der Apostel Paulus. Wir leben als eins und gehören zusammen, ein gemeinsames Leben. Das hat er schon vor nahezu 2000 Jahren so festgehalten. Und wenn ich auf die Kirche, auf uns heute Abend schaue, dann gilt das heute immer noch. Ja, dieser Leib lebt. Daran gibt es keinen Zweifel.

Diesem Leben hat sich der Apostel Paulus ganz und gar verschrieben. Er kämpft um seinen Erhalt. Manchmal ist er dabei unerbittlich. Manchmal ist er am Ende seiner Kraft. Aber immer wieder macht er sich auf. Ihn treibt eine tiefe Sehnsucht danach, in der Gemeinschaft und in diesem Leben zu bleiben.

Aber warum ist ihm das so wichtig? Warum nimmt er all die Entbehrungen auf sich, die ihm im Leben beim Aufbau dieser Gemeinschaft begegnen? Und warum schmeißt er nicht alles hin und geht seiner Wege? Das wäre viel einfacher.

Wer schon einmal solch intensive Lebensphasen des Kämpfens und Ringens verlebt hat, der weiß doch, wie sehr einen das beeinträchtigt. Da werden der Schlaf unruhig und die Nächte kurz. Das Herz pocht bis zum Hals. Da kreisen die Gedanken immer um dieselben Probleme. Einen Ausweg scheint es kaum zu geben.

Die Bibel erzählt an ganz unterschiedlichen Stellen von genau diesen Lebensphasen: Es ist so, als Jakob nach dem Betrug an Esau vor seinem Bruder flieht und des Nachts wach liegt auf offenem Feld. Der König Saul ist darin gefangen. Es nimmt ihn so mit, dass er letztlich in Raserei verfällt. Wenn ich genau hinschaue, finde ich das sogar bei Jesus Christus wieder. Im Garten Gethsemane flieht er vor den ankommenden schweren Gedanken in die Unruhe und die Schlaflosigkeit.

Es sind offensichtlich urmenschliche Erfahrungen. Die kennen Menschen, seit es sie gibt.  

So kennt sie auch der Paulus. Immer wieder steht er in harten Auseinandersetzungen mit seiner Gemeinde in Korinth über die Frage des wahren Christseins. Was zeichnet unser Miteinander aus? Manchen Strauß hat er darüber mit den Menschen ausgefochten. Aber an der Gemeinschaft will er unbedingt festhalten.

Hier nämlich spürt er das Leben. Hier sieht er die Zukunft und findet endlich Ruhe für die marternden Gedanken. Es ist eine paradoxe Konstruktion. Was ihm nun das Leben so schwer macht, soll endlich dazu führen, dass Ruhe und Frieden überhaupt sein kann.

Wer nämlich schon einmal in traurigen Zeiten den Trost eines anderen erfahren hat, wird das nachvollziehen können. Wem unvermittelt Hilfe zuteil geworden ist, weiß, wie erleichternd das ist. Wer in großer Gefahr von anderen gerettet wurde, sieht das eigene Leben und das der anderen mit neuen Augen. Der erkennt also, dass wir nicht allein existieren können, sondern angewiesen sind darauf, dass wir mitgetragen, mitgehalten und gemeinsam in die Zukunft geschickt sind.

„Wir sind ein Leib!“, sagt der Apostel.

Wir liebkosen und ermahnen einander. Wir tasten uns  vorwärts und gehen aufeinander zu. Wir sehen manchmal das  Leben mit neuen Augen und häufig müssen wir uns auch wehren. Der Leib aber öffnet so die Zukunft.

Doch jeder Leib wäre tot, wenn er nicht durch das kraftvolle Schlagen des Herzens erhalten würde. Spüren Sie Ihren Herzschlag noch?

[Pause]

Der Leib lebt. Dieses Herz ist die Quelle all unserer Kraft. Aus diesem Herz lebt die Gemeinschaft.

Daraus hat schon die Gemeinschaft der Jünger gelebt. Auch an diesem Abend vor den heraufziehenden Katastrophen des Lebens. Wie lange schon haben sie sich zusammengefunden. Wie lange schon sind sie miteinander durch das Leben gegangen, haben miteinander gelacht und geweint, haben manche gefährliche Situation überstanden und alles miteinander geteilt. Wie groß waren die Wunder, wie heftig der Streit mit den Gegnern. Wie tief waren die Geheimnisse, die das Leben umgaben und wie weit sind sie doch gekommen. Gestärkt durch die Gegenwart und die Kraft Jesu, der sie geführt und geleitet hat. Er nämlich war ihr Herz, das die Gemeinschaft am Leben erhielt.

Nun aber ist es Abend geworden. Dieser Leib der Gemeinschaft droht sein wichtigstes Teil zu verlieren. Die Jünger wissen an diesem Abend, dass dem Herrn ein schwerer Gang bevor steht. Sie ahnen: Ihr Herz wird aufhören zu schlagen. Unter den Peitschenhieben und Hammerschlägen der Folterknechte des römischen Statthalters Pilatus wird es verstummen. Der Leib soll sterben. So haben es die Oberen beschlossen.

Jesus Christus spürt die Anspannung, die über der Runde der Jünger liegt. Er spürt sie in sich selbst. So stiftet er ihnen das Mahl, dessen Einsetzung wir heute feiern. Er pflegt seine lieben Menschen. Jesus Christus tut etwas, das nur Gott selber tun kann. Der Herr bläst seinem Leib schon heute Abend neues Leben ein. Das ist ein Akt der neuen Schöpfung Gottes. Die Ostern stehen unmittelbar bevor und überbrücken die Zeit. Denn mit jedem neuen Mahl wird diese neue Schöpfung wieder wahr.

„Ihr sollt leben.“, spricht Jesus Christus zu seinen Jüngern. „Ich werde eure Gemeinschaft am Leben erhalten. Das Herz wird weiter schlagen. Immer dann, wenn ihr dieses Brot miteinander teilt, immer dann, wenn ihr gemeinsam aus diesem Kelch trinkt, bin ich mitten unter euch und gebe euch die Kraft für das Leben. So haltet zusammen, wie der Leib zusammenhält, dass ihr gemeinsam an mir bleiben könnt.“

Paulus weiß um die Stärke dieses Miteinanders. Und in diesem Wissen sorgt er für die Menschen, die er zum Glauben gebracht hat. Daraus lebt unsere Kirche bis auf den heutigen Tag. Allein Jesus Christus ist unsere Kraftquelle. Schmecken wir gemeinsam und sehen wir, wie gut uns der Herr tut und wie wohl er es mit uns in Leben, Sterben und Auferstehen meint. Amen.