Gott kommt zu uns - Predigt zu Kolosser 1,24-27 von Rainer Stahl

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!“

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Heute feiern wir „Epiphanias“, das Fest der „Erscheinung des Herrn“, übersetzt in ein allbekanntes deutsches Wort: Wir feiern wieder „Weihnachten“. Denn den Tag der Geburt von Jesus aus Nazareth kennen wir nicht. Wir wissen, dass die Entscheidungen für konkrete Termine etwas mit der Ersetzung früherer, andersreligiöser Termine zu tun hatten – also mit dem Sieg des Christentums über vorherige Religionen. Deshalb feiern wir in der Westkirche meisthin Weihnachten zum früheren Fest der „siegreichen Sonne“, des „Sol invictus“, am 25. Dezember. Der ostkirchliche Weihnachtstermin, mit dem die Erinnerung an die Taufe Jesu und an das Weinwunder von Kana verbunden ist, wurde vielleicht bewusst auf einen Termin des Dionysos-Kultes gelegt und wird deshalb am 6. Januar gefeiert. Aber im Tiefsten und Wesentlichsten geht es zu beiden Terminen – am 25. Dezember und am 6. Januar – um dasselbe: das Kommen dessen in unsere Welt, der göttliche Qualitäten trägt, um das Kommen Gottes zu uns.

 

Ich muss bekennen, dass ich erst beim dritten oder vierten Lesen unseres Predigttextes den Zusammenhang zu diesem großen Thema begriffen habe! Wo kommt in diesem Abschnitt des Briefes eines Paulusschülers an die Gemeinde in Kolossä, der ganz unter der „Maske“ seines Lehrers schreibt, das Kommen Gottes in unsere Welt, das Kommen Gottes zu uns vor? Ich bin zusammen mit der gesamten christlichen Kirche der Überzeugung, dass Gott im gekreuzigten Jesus aus Nazareth zu uns gekommen ist. Wer in Form dieses Glaubens auch im Jahr 2018 sein Kommen zu uns erwartet und erhofft, diejenigen ahnen: In unsere gebrochene Welt kommt er auch als Auferstandener nur – weil er ja der auferstandene Gekreuzigte ist (!) – im Zusammenhang mit Leiderfahrungen. Deshalb schreibt unser Briefschreiber – und ich nehme jetzt den Hauptgedankengang auf:

 

„Nun freue ich mich in meinen Leiden für euch und fülle an meinem Fleisch stellvertretend auf, was an Mängeln der Leiden / der Drangsale Christi an seinem Leib, nämlich dem Kreis der Herausgerufenen / der Gemeinde / der Kirche (noch) besteht. Sein / ihr [des Kreises der Herausgerufenen / der Gemeinde/ der Kirche] Diener bin ich geworden [...], um das Wort Gottes zum vollen Missionserfolg zu bringen.1 Das apokryph gebliebene / das geheim gehaltene Geheimnis [...] ist nun seinen Heiligen offenbart [...] – nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1,24.25aα.b.26aα.b.27b).

 

Dieses Bibelwort gehört nicht zu denjenigen, denen ich mich öfter aussetze, sondern es ist für mich eher ein „fremdes Wort“. Aber aus römisch-katholischem Bereich bei Lektüre oder Predigthören, war mir dieses Wort schon bekannt. Und bei einer Gelegenheit bin ich direkt mit ihm konfrontiert worden – und das war mir sofort gegenwärtig, als ich diesen Text las: Am 17. und 18. September 1994 habe ich als Persönlicher Referent des damaligen Landesbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen meine Kirche bei den Feierlichkeiten zur Errichtung des Bistums Erfurt vertreten. Lebhaft erinnere ich mich an den großen Gottesdienst auf den Domstufen und dem Domplatz am Sonntag, dem 18. September, in dem der Apostolische Nuntius dem bisherigen Apostolischen Administrator, Bischof Dr. Joachim Wanke, zum Zeichen dafür, dass er nun Diözesanbischof ist, den Bischofsstab überreichte. Am Tag vorher gab es einen Ökumenischen Gottesdienst im Dom, bei dem Erzbischof Dr. Johannes Degenhardt, Paderborn, ein bewegendes Grußwort gesprochen hat – und die Gläubigen des Gebietes Erfurt nun in das selbständige Bistum entließ. Dieses Grußwort beendete er in römisch-katholischer Weise mit dem Hinweis auf den ersten Satz unseres Predigtwortes, dass der Apostel „an seinem Fleisch erstatte, was an den Leiden Christi noch fehle – für seinen Leib, das ist die Gemeinde“. Ich fragte mich sogleich, ob hier das Leiden Christi für uns als doch nicht ausreichend angesehen werde, und habe Erzbischof Degenhardt in einem langen Schreiben meine Fragen dargelegt. In seiner Antwort hat Erzbischof Degenhardt, der übrigens im Jahr 2001 zum Kardinal erhoben wurde, eindeutig festgehalten:

 

„Wir sind uns völlig darin einig, daß die Endgültigkeit des Opfers Christi nicht geschmälert werden darf. Wahrscheinlich wird aber unsere Auffassung in folgendem Punkt differieren:

Wir Christen sind als Mitarbeiter Gottes und Mitarbeiter Jesu Christi berufen, auch an seinem Heilswerk mit ihm und in ihm und durch ihn beteiligt zu sein. Jesus Christus will – jedenfalls nach katholischer Auffassung – nicht alles allein tun. Deshalb ist das Mittleramt Jesu nicht beeinträchtigt, sondern vielmehr zeigt sich der am Kreuz gestorbene, auferstandene und erhöhte Herr als Haupt der Kirche und die Gemeinschaft der Glaubenden als sein Leib. Wir Katholiken sind der festen Überzeugung, daß sowohl die Heiligen der Kirche als auch die Getauften und Gefirmten und mit der heiligen Eucharistie Gestärkten am Erlösungswerk Christi in ihrer Weise und zu seinem Lob und Ruhm teilnehmen, Anteil bekommen.“

 

Auch Bischof Wanke, dem ich natürlich meinen Briefwechsel zur Kenntnis gegeben habe, hat mir großartig geantwortet: „Kol 1,24 verstehe ich übrigens auch nicht als satisfaktorische Leiden, sondern als ‚ädifikatorische‘ Leiden. Wer wahrhaft in dieser Welt Christi Jünger sein will, muß auch in den παθήματα seinem Herrn ähnlich werden.“ Diese Antwort darf ich ein wenig übersetzen: In Kolosser 1,24 geht es nicht um rettende, rechtfertigende Leiden, aber es geht in dieser Bibelstelle um auferbauende, die Gemeinschaft stärkende Leiden, insofern eine an Christus glaubende Person auch im Leiden diesem Christus ähnlich wird.

 

Da ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass wir von der ausschließlichen Frage nach der Bewertung des Weges und Handelns Jesu Christi weggeführt werden und uns aufmerksam machen lassen darauf, dass das Reden, Handeln und Leiden von jeder Christin und jedem Christen heute auch – vielleicht geheimnisvoll – Wirkungen für die Gemeinschaft dieser Christinnen und Christen, dieser Herausgerufenen, dieser Gemeinde, dieser Kirche hat. Kirche ist mehr als nur eine Versammlung, sie ist eine Schicksalsgemeinschaft! Und ist es nicht so, dass genau dahin auch der Gedankengang unseres Briefschreibers zielt? Lassen wir uns darauf ein!

 

Als Herausforderung des diesjährigen Epiphaniasfestes liegt also auf dem Tisch: Wir setzen uns als Christinnen und Christen dem Erscheinen des leidenden Christus aus und werden darauf hingewiesen zu befragen, zu prüfen, auszuloten, inwiefern unsere Leiden im Zusammenhang stehen mit dem Weg der Gemeinschaft der Herausgerufenen, der Gemeinde, der Kirche heute. Können wir alle unsere Leiden in diesen Horizont einstellen? Oder nur einige? Wenn ja, dann welche? Dieses große Feld kann ich nicht abschreiten. Aber zwei Hinweise seien mir erlaubt:

 

Auch unsere ganz persönlichen Leiden können geheimnisvolle Wirkungen für die Gemeinschaft der Glaubenden und über sie hinaus haben. Als ich am 21. August 2012 zur dritten und letzten Hochdosis-Chemotherapie, nach der dann die Transplantation meiner eigenen Stammzellen anstehen würde,  ins Krankenhaus kam und mein Zimmer bezog, fiel dem pflegenden Studenten auf, dass ich mir das Losungsheft der Herrnhuter bereit legte. Er meinte: „Ah, die Losungen!“ und fügte noch hinzu: „Man freut sich auf der Station, dass Sie kommen.“ ...

 

Die eigentliche Zuspitzung wird im Text selber gegeben: Leiden und Dienst haben das Ziel, „das Wort Gottes in seiner Fülle zu predigen“, oder wie Hans Hübner übersetzt –: „um das Wort Gottes zum vollen Missionserfolg zu bringen“ (Vers 25b). Es geht also um die Leiden, die sich aus unserer Treue zum Glauben, aus unserer Bereitschaft ergeben können, anderen von unserer Glaubensgewissheit zu berichten. Wenn dies auf Ablehnung und Verächtlichmachung stößt – „Du mit Deiner Kirche. Nur Verbrechen hat sie begangen. Es ist ihr doch immer um Macht gegangen, und auch jetzt kungelt sie mit dem Staat.“ Wenn dies zu Vereinsamung und Isolation im Nachbar- und Freundeskreis führt – „Ich will auch an der Jugendweihe teilnehmen wie alle anderen. Warum soll das neben meiner Konfirmation, die keiner sonst in meiner Klassengruppe mitfeiert, nicht möglich sein?“ Die konkrete Entscheidung angesichts solcher Leiderfahrungen – einmal als Vorwurf seitens der Kritiker, dann als Frage seitens der Betroffenen zur Sprache gebracht – kann ich nicht vorschreiben. Das tut auch der Briefschreiber nicht!

 

Aber, es ist mein Auftrag, Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, die Augen dafür zu öffnen, dass solche Leiderfahrungen geheimnisvoll der Stärkung der Gemeinschaft der Herausgerufenen, der Gemeinde, der Kirche dienen.

 

Es sei mir erlaubt, es dabei bewenden zu lassen. Über Leiderfahrungen, die ich vom Hören-Sagen her kenne und die viel zu oft ungleich größer sind, möchte ich jetzt nicht theoretisieren. Für sie gilt gewiss um vieles mehr, was schon für unsere Leiderfahrungen gilt und was dieses Epiphaniasfest uns deutlich macht: In diesen Unsicherheiten, in diesen Zweifeln, in diesem Leid ist der leidende Christus an unserer Seite und stärkt uns und baut geheimnisvoll seine Kirche, seine Gemeinde, seinen Kreis der Herausgerufenen.

Amen.

 

„Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre Eure Herzen und Sinne bei Christus Jesus, unserem Herrn!“

 

1 I  Vgl. zu dieser Übersetzung: Hans Hübner: Art. πληροω, EWNT III, 1983, Sp. 261.