"Gottes Geschichte und die Welt, in der wir leben" - Predigt über Jesaja 25, 8-9 von Werner Schwartz

Gottes Geschichte und die Welt, in der wir leben
Text
Der Herr wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der Herr hat's gesagt.
9 Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der Herr, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«
Predigt
Ist das die Welt, in der wir Ieben? Keine Frage: Das fänden wir gut, ganz großartig. Das würde unsere kühnsten Träume erfüllen. Aber ist es so unglaublich:
Der Herr wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach des Volkes in allen Landen ... Zu der Zeit wird man sagen: Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe … Lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.
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Nein, die Welt, in der wir leben, sieht anders aus. Vielfach gezeichnet vom Tod in seinen tau send Formen.
Gleichgültig, wo man hinsieht: Der Tod tritt uns entgegen in der Familie, in der eigenen Lebensgeschichte. Jeder, jedem von uns werden Erinnerungen gegenwärtig.
Tod ist da und lebensbedrohende Krankheit oder wenigstens das Gefühl, älter zu werden, schwächer, abzunehmen an drängendem, zupackendem Leben. Der Tod begegnet uns in dem Weltgeschehen, das wir zur Kenntnis nehmen: Mord in den Schlagzeilen, Terror in den Nach richten, Unfälle, Erdbeben, Kriege, Tod und kein Ende.
Und der Tod kreuzt unseren Weg in seiner versteckten Gestalt — überall dort, wo das Leben bedroht ist, wo Menschen geknechtet sind, wo sie unfrei sind, vom ganzen Leben abgeschnitten, wo sie an ihrem Leben verzweifeln und keinen Sinn mehr erfahren. Leben, vom Tod gezeichnet, ist nicht nur in den Folterkellern der Welt zu finden, sondern auch unter uns, wenn Menschen unter den robusteren anderen leiden. Menschen haben gelernt, sich zu fügen, sich unterzuordnen, einzustecken. Aber ihnen ist dabei die Unbekümmertheit und Freiheit und Kraft ihres Lebens abhanden gekommen. Sie wagen nicht mehr aufzumucken. Sie finden sich mit dem ab, was so Leben heißt. Sie haben ihre Träume verraten und ihre Hoffnungen heruntergeschraubt. Sie sind müde geworden.
Tod, Verlust von Leben ist auch da, wo einer keine Arbeit hat, und die anderen sehen nicht ein, ihre Arbeit und ihr Geld, ihren Wohlstand zu teilen. Sie haben Angst, darüber das zu verlieren, was sie Leben nennen. Tod ist da, wo über andere weg entschieden wird, weil es bequemer so ist und schon immer so war. Tod an allen Ecken und Enden.
Ist das nicht die Welt, in der wir leben — jedenfalls für den, der ein bisschen Empfindsamkeit und Gefühl für Not über die Kämpfe seines Lebens hinweggerettet hat, der nicht ganz hart geworden ist?
2
Abfinden möchten wir uns damit allerdings nicht. Das hieße: hart werden, nichts Gutes mehr erwarten, sich nur noch durchschlagen, anderen und dem eigenen Leid gegenüber zynisch werden. Nur: was hilft gegen den Tod?
Vielleicht ein Blick in die Natur. Die Erfahrung, die wir in diesen Tagen machen, dass nach dem Winter die Natur mit unbändiger Kraft zu neuem Leben erwacht, immer wieder. Die Knospen sind prall voller Leben. Wir haben einander Eier geschenkt, Symbole des Lebens, das die Schale sprengt.
Vielleicht hilft gegen den Tod der zaghafte Gedanke (an Positives,) an Gutes, das wir er lebt haben, die Erinnerung an schöne Stunden, an erfüllte Augenblicke in unserem Leben, eine Erinnerung, die offenkundig nicht unterzukriegen ist. Aus dem Schönen, das wir erfahren haben, schöpfen wir Kraft, die uns begleitet. Ja, wir sollten dieses Gute pflegen, ein wenig aufmerksamer dafür sein, und wir würden das Stück Himmel selbst in der Pfütze wahrnehmen.
3
Doch so recht hilft das nicht. Damit ist der Tod noch nicht auf ewig verschlungen. Fragen bleiben und kehren immer wieder. Was hilft, ist der scheinbar altmodisch-alte Glaube, der Glaube an Gott, der den Tod verschlungen hat, die Ostererfahrung.
Das klingt nun ebenso vertraut wie weltfremd. Nichts Neues, einfach der alte Glaube? Aber gerade der fällt ja so schwer, schwerer noch als der Versuch, Jesus in seiner Menschenliebe als Vorbild zu nehmen. “Wie finde ich nur den Weg dahin, zu diesem Glauben?
Es gibt wohl keine bessere Antwort als wiederum eine ganz altmodische Auskunft: Ich finde den Weg dahin, indem ich Anschluss finde an die Geschichte Gottes mit seinen Menschen. Indem ich in dieser Geschichte heimisch werde, in ihr lebe. Indem ich mich darauf einlasse, meine Welt zu sehen als eine Welt, in der Gott am Werk ist. Die er geschaffen hat, für die er da ist, der er treu ist, an der ihm liegt. Wie damals, als er die zum Untergang verurteilte Sklavenhorde aus den Händen der Ägypter befreit hat. Wie damals, als er ihnen ein Land gegeben hat, in dem sie Heimat und Leben finden konnten. Wie damals bei Jesus, wo Gottes Treue sich als grenzenlos erwiesen hat.
4
Denn Jesus ist der Mensch, der grenzenlos Gott vertraut. Für ihn ist die Treue Gottes ohne Grenzen. Er akzeptiert daher keine hoffnungslosen Fälle und keine hoffnungslosen Situationen. So lädt er, aus der Kraft dieses Vertrauens, die Gottlosen zu neuem Vertrauen ein. Die Sünder ruft er zur Umkehr, die Kranken heilt er, die Besessenen macht er frei, den Armen gibt er die Zuversicht, dass sie aus Gottes Reichtum leben.
Er hört, auf die alte jüdische Botschaft von der kommenden Gottesherrschaft davon, dass der Frieden sich am Ende gegen den Streit durchsetzt, die Wahrheit gegen die Lüge, das Leben gegen den Tod, und er wagt es, den Anbruch dieser Herrschaft hier und jetzt anzusagen und zeichenhaft zu vollstrecken: Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe,. Von jetzt an siegt das Leben.
Und als es für ihn selbst ans Leiden und Sterben geht, da nimmt er auch sein Verlassenwerden noch als ein Zeichen für Gottes weitergehende Treue, die selbst den Tod umgreift.
Da noch betet er den Psalm des Vertrauens (Psalm 22), den Psalm, der mit dem Schrei der Verzweiflung beginnt und in der Zuversicht und im Lob Gottes endet:
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch finde ich keine Ruhe ... Ich bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke …
Dann erinnert sich der Beter an das, was seine Vorfahren erfahren haben:
Unsere Väter hofften auf dich: und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden. Auch wenn die Not noch so groß ist … (Gewaltige Stiere haben mich umgeben, mächtige Büffel haben mich umringt. Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf wie ein brüllender und reißender Löwe. Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs ... Du legst mich in des Todes Staub.)
Auch wenn die Not noch so groß ist, es bleibt die Erinnerung an Gottes Hilfe in der Vergangenheit, und daraus kommt der Mut zu bitten:
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe ... Meine Stärke, eile, mir zu helfen! … Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere.
Da schlägt die Stimmung um, Hilfe kommt, und Dankbarkeit und Lob folgen:
Du hast mich erhört. Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen: Rühmet den Herrn, die ihr ihn fürchtet ... Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er‘s.
Auf diesen Gott vertraut Jesus. Das geht den Herrschenden zu weit. So viel Vertrauen stört die Ordnung. Sie kreuzigen ihn. Doch der Ge kreuzigte bleibt nicht im Tod. Sein Vertrauen wird nicht enttäuscht. Gott steht zu seiner Treue. Er erweckt ihn aus dem Tod auf zu neuem Leben. Die kommende, vollendete Welt Gottes bricht an.
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Das ist Gottes Geschichte mit der Welt. Sie lädt uns ein, in ihr und aus ihr zu leben: Bibeln gibt es genug, in denen wir lesen können. Und jeden Sonntag feiern die Gemeinden Gottesdienst. Das kann die Welt sein, aus der wir leben. Das kann unsere Gedanken beschäftigen. Das kann unser Leben erfüllen.
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Und wenn das die Welt ist, aus der wir leben, dann bleibt die Welt, in der wir leben, nicht so, wie sie ist. Dann verändert sich viel. Dann glaube ich nämlich nicht mehr an den Tod und seine Macht. Dann glaube ich an Gott und seine Treue. Das macht mich frei zum Leben und zum Sterben. Frei, das natürliche Sterben anzunehmen, in Frieden zu sterben und die Verstorbenen herzugeben. Und das macht mich frei, gibt mir Mut und Kraft zum Protest gegen den Tod — überall, wo ich ihm begegne.
Das nimmt mich hinein in die Arbeit Gottes, Tränen abzuwischen von allen Angesichtern und die Schmach des Volkes aufzuheben in allen Landen. Das nimmt mich hinein in die Arbeit, den Tod mitten im Leben zu bekämpfen, damit die Freude und der Jubel über Gott jetzt schon immer lauter werden, denn er befreit Menschen zum Leben und bietet ihnen sein Heil ohne Grenzen an.
Damit ist der Tod nicht aus der Welt verschwunden. Dennoch werden wir immer wieder neu mit Gottes Kraft aus der Verzagtheit (und der Resignation) herausgeholt, um dann um so dankbarer zu erleben:
Beides kann eines sein: die Welt, aus der wir leben, und die Welt, in der wir leben — beides die Welt Gottes, der uns grenzenlos liebt, der will, dass wir leben. Denn unser Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Amen.
 
Predigtschlussgebet
Gott, wir danken dir, dass du ein Gott bist gegen den Tod und für das Leben. Du hast Jesus Christus auferweckt und damit dem Tod die Macht genommen und dem Leben den Sieg gegeben.
Hilf uns zu glauben, was ewig gilt: dass das Leben und die Liebe am Ende siegen. Und hilf uns zu leben aus diesem Glauben. Hilf uns einzutreten für Leben und Liebe in deiner, unserer Welt. Amen.
 
Liedvorschläge
alle Osterlieder, vornehmlich die mit einem Ausblick auf das Verhalten der glaubenden, darunter 103, Gelobt sei Gott im höchsten Thron – 107, Wir danken dir, Herr Jesu Christ – 108, Mit Freuden zart zu dieser Fahrt – 115, Jesus lebt, mit ihm auch ich