Hölle der Einheit, Himmel der Vielfalt – Predigt zu Genesis 11,1-9 von Katrin Berger

Eine Welt, eine Menschheit, eine Sprache.

EINE GEMEINSCHAFT, EINE EINHEIT, alle gleich und zusammen vereint.

Utopia, eine Ebene im Lande Schinar.

Zu schön, um wahr zu sein. So perfekt, dass es Angst macht. Besser kann es nicht mehr werden, nur noch schlechter.

Also:„Das muss alles so bleiben, Augenblick verweile doch, du bist so schön!“1

Also: Den Augenblick feuerfest einbrennen, verewigen in Stein, einmauern den Moment, die Einheit und Gleichheit festzementieren.

Ein Zeichen setzen, groß und hoch, ein Turm, einer für alle, alle für einen: „Dass wir uns nicht zerstreuen über die ganze Erdfläche!“ (Gen 11, 4)

Lieber wie Sklaven Lehmziegel fabrizieren als DAS zu riskieren: Eine Erde, eine Menschheit, eine Sprache.

Ein Ort, ein Name, ein Projekt.

EINE GEMEINSCHAFT, EINE EINHEIT, alle gleich und zusammen vereint in der Angst, DAS zu verlieren.

Also: „Verweile doch, du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“2

EINE GEMEINSCHAFT, EINE EINHEIT, alle gleich und zusammen vereint an einem Ort, in einem Projekt, um sich einen Namen zu machen.

Utopia, eine Ebene im Lande Schinar, Babylon.

Ein Augenblick, der Anfang der Menschheitsgeschichte wunderschön, paradiesisch, fühlt sich an wie himmlische Ewigkeit. Ein Augenblick. Nicht länger, denn dann kommt die Angst. Dazu hat Gott nicht seinen Segen gegeben: Gleichsein müssen, einem Namen Rechnung tragen, für ein Denkmal leben, sind die Fesseln der Hölle.

 

Ich möchte nicht einmal wirklich darüber nachdenken, wie es wäre, in so einer Stadt zu leben. In der die ganze Welt zusammen ist, aber alle gleich sind, uniform. In der die ganze Welt zusammen ist und Angst hat, ihre Einheit zu verlieren. Ich bekomme Beklemmungen, ich muss an die vielen Beispiele in Geschichte und Gegenwart denken. Erst Utopia, dann Katastrophia.

„Fesseln“, denke ich: Vielleicht sind sie ja nur gleich, WEIL sie Angst haben.

Angst vor anderen Welten und Kontinenten, Angst vor anderen Sprachen und Deutungen,

Angst vor einem anderen Leben – dem eigenen und dem der anderen.

Eingekesselt in der Ebene, umgeben von „Manweißesliebernicht“.

Ich würde soviel vermissen.

Mindestens den Grand Canyon und den Rhein, den Döner und Croissants mit Butter, meinen Hund Perla aus Polen und die englische Sprache.

Es gibt viele deutsche Ebenen, wo ich mein Leben verbringen könnte, wo jedem Anfang ein Zauber innewohnte3, aber wenn ich diesen Anfangszauber hätte festhalten müssen und niemals mehr woanders hingedurft hätte, er hielte mich gefangen: in Fesseln.

Denn am Grand Canyon wie am Rhein, mit dem Döner in der Hand und dem Croissant im Bauch, am anderen Ende von Perlas Hundeleine und Englisch sprechend bin ich ein anderer Mensch. Nicht gleich ich. Nicht wie die anderen Frauen, Deutschen, Menschen. Ich bin es nie gewesen, zumindest nie länger als einen Augenblick, Identität oder Authentizität, immer nur jetzt und gleich wieder anders.

Die Anfangszauber waren überall schön: mit Brigitte am Grand Canyon, mit Gerald am Rhein, mit Mama im Dönerladen und Papa am Atlantik. Mit Perla am Kanal und alleine in Amerika. Aber für immer?

„Fesseln“, denke ich: Was muss man sich beschränken, begrenzen, wenn alles dann so bleiben soll, wie es ist, auf „dass wir uns nicht zerstreuen über die ganze Erdfläche!“ (Gen 11,4)

EINE GEMEINSCHAFT, EINE EINHEIT, alle gleich und zusammen vereint an einem Ort, in einem Projekt, um sich einen Namen zu machen.

Eingekesselt in der Ebene, umgeben von „Manweißesliebernicht“.

 

Ich möchte nicht einmal wirklich darüber nachdenken, wie es wäre, in so einer Kirche glauben zu müssen. In der alle Christen zusammen sind, alle gleich sind, uniform. Alle verstehen sich, verstehen alles gleich: Gott und die Bibel, Taufe und Abendmahl. Gehen alle in einen Gottesdienst, singen am liebsten die gleichen Lieder (wahrscheinlich wären das die alten Choräle aus dem neueren Evangelischen Gesangbuch), beten alle um das Eine, spenden ihre Zeit und Geld für das Gleiche, in einem Gotteshaus.

Es gibt Menschen, die fänden das himmlisch, paradiesisch geradezu. Ich frage mich, wie lange sie das täten. Denn sie müssten dann wirklich ALLES dafür tun, dass es so bleibt.

 

Für mich wäre so eine Kirche die Hölle. Ich wäre in so einer Kirche eine Verräterin; ich würde verstoßen nach „Manweißesliebernicht“, dem Land, in das es mich zieht.

Ich würde dorthin letztlich gerne „gehen“ und ich habe es auch schon getan, damals in Krelingen, als mir andere junge Theologiestudenten sagten: „Du musst das so glauben, wie mein Vater, der ist Pfarrer, der glaubt es richtig.“

Ich würde letztlich immer wieder gerne ausziehen aus einer solchen Gemeinschaft: Aus Neugier, aus Langeweile, aus Liebe zur Welt und mir selbst, heraus aus den Fesseln der Angst, dem Sklavenhaus der Einheit.

Ich würde letztlich gerne gehen, denn ich wäre gesegnet, wenn ich mich zerstreuen dürfte über die Erde, getrieben vom Geist der Freiheit (1.Kor 3,17). Ich wäre gesegnet mit anderen, die mit mir die Erden füllen würden, ich wäre nicht allein und wir wären fruchtbar (Gen 1,28).

Ich wäre dankbar, wenn Gott endlich kommt und dem Einbrennen, dem Verewigen in Stein, dem Einmauern und Festzementieren des Anfangszaubers ein Ende machte und den Turm der Gleichmacherei zu einer Bauruine.

Ich wäre selig, wenn es weitergehen dürfte, die Kirche sich entwickeln dürfte, so bunt und reich wie die Völker und Länder dieser Erde.

Ich wäre hoffnungsvoll, wenn wir uns nicht mehr sofort einig sein müssten, wenn wir voreinander stehen, uns anbabbeln und in die Welt zerstreut würden.

Denn ich weiß: Nur wer vor sich hinbabbelt, in die Welt zerstreut wird, spricht irgendwann seine eigene Sprache.

Ich habe Gott erfahren mit denen, die anders waren als ich, die anders von Gott redeten und deren Bibelinterpretation ich zuerst gar nicht verstanden habe: Jesus als schwarzer Sklave? Deren Gottesdienste mich irritierten, meinen Glauben in Frage stellten: So laut, so politisch.

Wenn Abendmahl und Taufe mehrere Deutungen haben, wenn das Brot nach Honig schmeckt und die Taufbecken in der Kirche immer voller Wasser sind, dann ist das himmlisch für mich, für einen Augenblick, paradiesisch, dann sind wir uniert, zusammen, aber in Vielfalt, in Spannung, die trägt. Mit anderen Rhythmen, in anderen Sprachen, mit anderen Liedern, an anderen Orten. Dann muss ich mitsingen, ich muss zu den anderen hingehen, genauer hinhören. Dann kommen wir uns nah trotz aller Verschiedenheit, dann wird es Pfingsten, dann fährt Gott zu uns hernieder. Dann höre ich die anderen in meiner Sprache von den großen Taten Gottes reden (Apg 2,10), dann sind wir ein Leib mit vielen Gliedern (1.Kor 12,4-11), mit einer Mission für eine zerstreute Menschheit (Mt 28,19), in einer vielfältigen Welt.

 

 

1 I Faust. Eine Tragödie, Johann Wolfgang Goethe.

2 I Ebenda.

3 I Stufen, Herman Hesse.