Ich bin dann mal fischen – Predigt zu Johannes 21,1-14 von Margot Runge

Ostern ist ganz handfest: Es gibt Arbeit und Brot. Das ist existenziell für die meisten Leute. Damals und heute. Und es ist nicht selbstverständlich. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass die Arbeit genug einbringt. Die Leute haben die ganze Nacht auf dem See gefischt und kommen doch mit leerem Boot heim. Andere kriegen 2,50 Euro für zwölf Stunden Handyzusammenbauen, Turnschuhnähen oder Bananenpflücken. Arbeit haben und davon leben können, das ist nicht dasselbe. Das wissen alle, die in den 90-er Jahren alle ihre Kräfte und Ersparnisse in eine Ich-AG gesteckt haben und aufgeben mussten.

Ich bin dann mal fischen, sagt Petrus, und eine Handvoll kommt mit. Von irgendetwas müssen sie leben. Petrus hat Familie in Kapernaum, hungrige Mäuler, die auf Essen warten. Sie bilden eine  kleine Genossenschaft auf Zeit, vielleicht auch nur, um das Boot zu mieten oder zu unterhalten. Da ist es schon ein Verlust, wenn die Arbeit einer ganzen Nacht umsonst ist – am Tag lässt es sich nicht fischen. Pech gehabt, zucken manche vielleicht mit den Schultern. Doch für Arme ist es eine Katastrophe, denn sie bringt das ohnehin knappe Überlebens-Budget ins Wanken.

„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ diese Frage empfängt sie nach ihrer anstrengenden Nachtschicht am Ufer. Nein, sie haben nichts. Kein Fisch, kein Brot. Aber sie werden noch einmal herausgeschickt, an eine andere Stelle, von einem Unbekannten, der herumlungert und den sie nicht erkennen können. Reichlich hundert Meter, und weiter rechts sollen sie die Netze auswerfen.

Komischer Typ. Warum fährt er nicht selbst aus, wenn er sich so gut auskennt? Warum kassiert er die Fische nicht selbst ein, wofür sie sich die Nacht um die Ohren geschlagen haben? Eine Falle? Oder will er einen Anteil am Fang? Eine Provision?
Dass einer sie nicht betrügen will, sondern solidarisch ist und ihnen, obwohl er selbst Hunger hat  („Kinder, habt ihr nichts zu essen“), die besten Fischgründe zeigt, das ist eher üblich bei Jesus und seinen Schüler/-innen. Doch nur ein Liebender kommt auf die Idee: Sollte es Jesus selbst sein, der Lebendige?

Unglaublich. Das Netz ist prall gefüllt mit lauter großen Fischen, Arbeit, die sich lohnt. Am Ufer brennt ein Feuer. Der Unbekannte erwartet sie und hat ihnen sogar Frühstück vorbereitet. Irgendwoher hat er Brot und Fische aufgetrieben, auch wenn es nicht reicht. Sie müssen noch ein paar von den frisch gefangenen bringen. Ist es nun Jesus? So richtig trauen sie sich nicht zu fragen.

Übrigens ist es so ähnlich wie vor Monaten, als sich unendlich viele Leute mit knurrendem Magen am Ufer drängten. Damals hatte ein einziges Kind etwas zu essen dabei, fünf Brote und zwei Fische. Das Kind gab ab und alle haben Brot und Fische geteilt und es reichte. Waren es Tausende?  (Joh 6,1-13)
Jedenfalls können heute alle satt werden, wenn wir auf der Erde gerecht teilen. Wäre das nun ein größeres Wunder als damals, als das Kind fünf Brote und zwei Fischen verschenkt hat?
 

Ein Kind kam zu dir und gab/ an jenem Tage /
seine fünf Brote für dich, ohne zu fragen. /
Zusammen habt ihr die Kraft, Hunger zu stillen. /
Zusammen habt ihr die Macht, Hunger zu stillen.  1

Heute ist der See Genezareth eine Touristenattraktion. Schiffe schippern Schaulustige aus aller Welt über die Wellen. Am Ufer eilt das Personal hin und her und beköstigt die Massen. Für besondere Gäste wird abends am Ufer gegrillt. Ein Highlight in der Dunkelheit. Fast so wie damals.
Jesus unterschiede sich wohl kaum von den dienstbaren Geistern in aller Welt, die das gutbetuchte Publikum – oder die, die sich dafür halten – von vorn und hinten bedienen.

Jesus kellnert. Er schürt Feuer am Strand, brät Fisch und Brot. Er schlüpft in die Rolle der Frauen, die für’s Essen zuständig sind. Er macht Frühstück. Die Jünger_innen fragen sich: Ist es Jesus? Ist er so nicht?

Erkennen sie ihn? Besser: was sehen, was erkenne sie eigentlich? Das bleibt in der Schwebe. Und das ist gut so. Denn immer wieder behaupten Leute, sie wüßten ganz genau, wie Jesus wäre, was er meinen oder nicht meinen würde. Ihnen wäre sonnenklar, wie Gott zu verstehen sei, und ihr Weg zu Gott sei der einzige.
Diese Ostergeschichte versperrt sich den schnellen Antworten. Sie zeigt auch, daß es um schnelle Antworten überhaupt nicht geht.

Wie die Jünger_innen Ostern erlebt haben, davon erzählt die Bibel viele und völlig unterschiedliche Geschichten. Jesus zeigt sich in verschiedener Gestalt, als Wanderer, als Gärtner, als Geliebter, als Verwundeter mit Narben und Folterspuren, als Hungriger, als (Gefängnis-)Einbrecher.
Immer wundern sich die Jünger_innen, manchmal fürchten sie sich sogar. Aber immer verändert sich etwas für sie. Sie kehren um. Sie verlieren ihre Angst. Sie begreifen Zusammenhänge. Sie beginnen zu reden. Sie treten überzeugend auf. Sie kommen in Bewegung. Sie lassen sich nicht einschüchtern. Sie wachsen über sich hinaus.

Ostern hat so viele Gesichter, weil wir viele Gesichter haben und in verschiedenen Situationen stecken.
Deshalb bedeutet Ostern, Auferstehen, Aufstehen für jede_n etwas anderes. Aufstehen heißt für jede_n eine andere Herausforderung, eine andere Verwandlung, eine andere Überraschung. Die Hoffnung trägt viele Namen, selbst wenn auf die manchmal niemand so schnell kommt.
Aber immer ist Ostern ganz handfest. In unserer Geschichte heißt Ostern: es gibt Arbeit und Brot. Ich bin dann mal fischen, sagt Petrus.

1 (aus Spanien, Weltgebetstag 2011 - Chile)