Ich fühle mich wie neugeboren - Predigt zu Kolosser 2, 12-15 von Heinz Behrends

Unter der Dusche

Sie steht unter der Dusche, verschwitzt war sie, der Chef hatte sie unter Druck gesetzt, einige Telefonate hatten sie genervt, jetzt ist Feierabend, sie steht unter der Dusche, die Brause erfrischt ihr Gesicht, das Wasser rauscht an ihrem Körper herunter, sie wäscht all den Schmutz des Tages ab. Sie genießt die frische Luft auf ihrer Haut, sie streckt sich und spricht in sich hinein: „Jetzt fühle ich mich wie neugeboren“.

Auch er ist nach Hause gekommen. Der Tag war wie ein langer Marsch mit vollem Gepäck auf den Schultern. Er haut sich hin und schläft so tief wie versunken in eine andere Welt. Am nächsten Morgen, nach 12 Stunden Schlaf, steht er auf und fährt, bevor er zur Arbeit geht, ins Schwimmbad

Eine äußere Reinigung nach der Dusche, eine physische nach langem Schlaf. Eine Vorerfahrung dessen, was das Neue Testament eine Neugeburt nennt. Es ist das Thema am Sonntag nach Ostern. Quasimodogeniti.

In der Alten Kirche war es der letzte von acht Tagen vom Ostersonntag an. In der aufgehenden Sonne des Ostermorgen getauft trugen die Getauften eine Woche lang ihr weißes Taufkleid.
Weiß ist die Farbe von Quasimodogeniti. Weiß, die Farbe der Reinigung, der Vollendung. Quelle und Ziel aller Farben. „Weißer Sonntag“ ist der andere Namen des heutigen Sonntags.

Ein Fest der inneren Reinigung, der Neugeburt.

„Möchtest du neugeboren werden?“ – „Nein, eigentlich nicht“. „Bist du mit dir zufrieden?“ – „Doch, schon“. „Wieso?“ – „Nun ja, ich bin nicht schlecht“. „Fühlst du dich manchmal bedrängt, unfrei, unter Druck?“ – „Ja, das schon eher“. „Möchtest du das loswerden, davon befreit sein?“ – „Ja, das wäre gut“.

Dann musst du schauen, was deinen Lebenskreis einengt. Wovon du dich trennen musst. In der Sprache des Kolosser-Briefes: „Was bei dir absterben muss“. Denn wo neues Leben sein soll, da muss etwas anderes sterben. Wo ich neues Land betreten will, muss ich eine Grenze überschreiten.

Eitelkeit verhindert Beziehung

Die Eitelkeit engt mich ein. Ich bin abhängig vom Lob anderer. Das größte Problem aller Beziehungen. Ich komme nach Hause, es sind nicht sofort alle Ohren auf mich eingestellt, zu hören, was mich beschäftigt. Ich habe Geburtstag, aber drei Freunde lassen nichts von sich hören. Ich bin verunsichert. Haben sie meine mail nicht bekommen? Ich muss nachhelfen, dass man mich beachtet. Das auffällige Auto, die schrille Frisur, die lauten Witze auf der Party. Ich möchte, dass man mir sagt, wie gut ich bin. Ich rede nach dem Mund, gehe jedem Streit aus dem Wege. Der Mensch möchte wahrgenommen werden. Sein Handeln ist davon bestimmt, aggressiv oder zurückgezogen. Mitten im freien Land ein Knecht.

Neid macht abgängig

Der Neid engt mich ein. Ich sehe mich immer in Beziehung zu dem, was der andere hat. Was er hat an Reichtum, an Wissen, das kränkt mich, es macht mich klein. Was hat sie, was ich nicht habe? Neid macht abhängig. Die andere Seite des Neides ist der Geiz. Was ich habe, das habe ich aus meiner eigenen Kraft, das sichert mein Leben, das gebe ich nicht her. Geiz macht abhängig. Der Werbespruch „Geiz ist geil“ hat sich schnell überlebt.

 

Angst engt ein

Das dritte, was in mir sterben soll, damit ich neu geboren werde, ist die Angst. Sie geht tiefer als Eitelkeit und Neid, sie ist die Mutter aller schlechten Gefühle. Sie sieht in allem ein Problem. Sie sieht Gespenster überall, lässt unsichere Schritte tun oder nötige vermeiden. Sie sieht ihren Weg nur in Sicherungs-Maßnahmen. Sie macht einsam. Ein Lebens-Kampf. Die Briefe von Else Lasker-Schüler sind dafür ein beredtes Zeugnis. Sie schreibt: „Glauben Sie mir, ich bin wie auf einem Schlachtfeld oder im Graben. Ich fasse die Welt nicht mehr, diese Verzwickungen und so alles. Ich glaube, ich habe mir große Mühe gegeben, aber auch vieles verschuldet. Es ist immer die Folge von der Folge“ (Werke und Briefe, Frankfurt. 1998)

So zieht sich ein Leben trotz aller Sensibilität langsam zu und weiß keinen Weg mehr. Else Lasker-Schüler starb vereinsamt in Jerusalem.

 

Eitelkeit, Neid und Angst. Sie alle machen abhängig. Neugeboren sein aber bedeutet: Befreit sein von aller Knechtschaft. Die Grundmelodie der Bibel schlechthin. Aus Ägypten, dem Land der Knechtschaft durch das Meer in die Freiheit. Reingewachsen von der alten Last. In der Taufe wird es nachempfunden, durch das Wasser ins Leben gezogen. In der Sprache des Apostels Paulus „Sterben und Auferstehen“. Der Schreiber des Kolosser-Briefes nimmt dieses Bild auf und macht es stark.


Wie geht das alles? Nur durch eine Kraft, die sich gegen alle Enge stellt. Es ist dieselbe Kraft, die Christus auferweckt hat. „Auferstanden aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten“. Eitelkeit, Neid und Angst wachsen in der Ferne zu Gott. Der Mensch, der selbst-bestimmt leben will, auf sich bezogen, in sich verkrümmt ist. Der Meister seines eigenes Lebens sein will. Die Gottesferne nennt die Bibel „Sünde“. „Ihr wart tot in euren Sünden“, so der Predigttext.

 

Bilder der Befreiung

Neugeboren, befreit seid Ihr. Der Autor des Kolosser-Briefes schwelgt in Bildern. Argumentieren kann man da nicht. Es ist der Glaube, der Wirkung zeigt. Er hat den Schuldbrief ans Kreuz geheftet. Da steht in einem Brief, was ich alles versprochen habe, zu tun, zu sein. Vergeblich, nur mit mir beschäftigt war ich. Der Schuldschein wird mit zwei Strichen durchgekreuzt. Es ist noch zu lesen, was drauf stand, aber er ist entwertet. Die Römer richteten ihr T-Kreuz an der Stelle auf, wo sie einen Feind in die Flucht geschlagen hatten. Ans Kreuz hängten sie alle erbeuteten Waffen. Am Kreuz hängen Eitelkeit, Neid und Angst. „Er hat die Mächte öffentlich zur Schau gestellt und einen Triumph aus ihnen gemacht“. Der Autor leiht sich Bilder aus der römischen Welt. Der Kaiser kehrte heim und führte die bezwungenen Mächte im Triumphzug mit sich. So auch ich. Alles was mich eingeengt hat, das ist bezwungen, ich bin frei.
Wie geht das? Wie gerät das vom Kopf ins Herz? Wie wird es zu einer lebensschaffenden Kraft, zu einer Erfahrung „Ich fühle mich wie neugeboren?“

 

Wie die neugeborenen Kinder

Das Geheimnis ist der Glaube. „Mit ihm seid auch ihr auferstanden durch den Glauben“. Ja, am Ende ist das alles eine Frage des Vertrauens. In der katholischen Liturgie heißt dieser Sonntag „Quasimodogeniti infantes“. Wie die neugeborenen Kinder. In Ostfriesland gehen nach der Geburt eines Kind die Kinder in der Nachbarschaft von Haus zu Haus und rufen „Bi uns is’n lüttje Wicht upstahn“: Bei uns ist ein kleines Mädchen auferstanden“. Eine Geburt ist eine Auferstehungserfahrung. Neues Leben schafft Vertrauen.

 

Kinder durchschauen alles
In der Beziehung zu Christus bin ich auferweckt, werde ich wachsam. „Er hat alle Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet“. Ich bin nicht mehr mit mir selbst beschäftigt. Wir durchschauen wie Kinder es tun.  Darum durchschaue ich die Eitelkeit der Präsidenten dieser Welt. Ich durchschaue den Geiz der Neureichen, ich durchschaue die Angstmacher, das Handwerkzeug der Machthungrigen. Papst Johannes Paul II hat den Sonntag Quasimodogeniti zu einem Sonntag der Barmherzigkeit erklärt. „Selig sind die Barmherzigen“. Daran messen wir uns als Menschen, die zu Christus gehören.

Nach seinem tiefen Schlaf steht er auf, fährt ins Schwimmbad, dreht seine 40 Bahnen, er freut sich am Ab- und Auftauchen. Begraben sein und auferstehen. Wie neugeboren geht er in den neuen Tag.

Liedvorschlag: In dunkler Nacht wollen wir ziehen (Taizé)