Ich werde weiter träumen – Predigt zu Jesaja 29,17-24 von Stephanie Höhner

Ich will nicht aufhören zu träumen. Von einer Welt, in der es anders ist.
Doch es fällt mir schwer, damit nicht aufzuhören.
Ich hoffe auf eine Welt, die anders ist als diese hier:

Dann sollst du erniedrigt werden und von der Erde her reden und aus dem Staube murmeln, dass deine Stimme sei wie eines Totengeistes aus der Erde, und deine Rede wispert aus dem Staube. (Jes 29,4)

Er hat alles verloren. Das schöne Haus mit dem lauschigen Innenhof. Die Teller mit den blaugrünen Ornamenten. Seine Lieblingsschürze, seine Backstube und den täglichen Weg dorthin. Seine Freunde und Nachbarn und die geselligen Abende mit ihnen bei Wein und Oliven.
Er hat noch viel mehr verloren. Seinen Glauben an Gerechtigkeit. Seine Hoffnung auf Hilfe. Seine Zukunft.
Er hat den Boden unter seinen Füßen verloren. Jetzt wohnt er auf fremdem Boden, weit weg von Zuhause.
Neues Land. Neue Sprache. Neue Nachbarn. Am Anfang ist alles fremd. Die Nachbarn. Die Wohnung. Das Essen. Die Sprache.

Denn wie ein Hungriger träumt, dass er esse – und wenn er aufwacht, so ist sein Verlangen nicht gestillt; und wie ein Durstiger träumt, dass er trinke – wenn er aber aufwacht, ist er matt und durstig. (Jes 29,8)

Sie hat alles verloren. Das gemeinsame Kaffeetrinken morgens im Stehen. Den Urlaub am Gardasee, in dem kleinen, gelben Haus. Das Seriengucken an verregneten Samstagen. Die Grillabende mit den Nachbarn auf dem Balkon. Die Weihnachtsgans der Schwiegermutter. Das Aufregen über seine Socken in der Küche. Ihr Zuhause. Ihre Liebe. Ihr Leben.
Jetzt sitzt sie allein in einer neuen Wohnung, auf einem neuen Sofa. Die Nachbarn kennt sie nicht. Urlaub macht sie dieses Jahr im Harz. Morgens wacht sie alleine auf und abends schläft sie alleine ein. Sie hat den Glauben an die Liebe verloren. Die Liebe ihres Lebens.

Starrt hin und werdet bestürzt, seid verblendet und werdet blind!

Ich habe das Staunen verloren. Den Glauben an gute Nachrichten. Ich habe verlernt, entsetzt zu sein. Elendsradiomeldung. Kriegszeitungsberichte. Terrorbildschirm. Jeden Tag auf´s neue. Ich habe meinen Zorn verloren. Bin taub geworden für die Elendsradiomeldung, blind für Kriegszeitungsbericht und Terrorbildschirm. Hinter Schleier ziehen die Nachrichten an mir vorbei. Ob gute oder schlechte – ich höre sie nicht mehr. Ich sehe sie nicht mehr. Ich glaube nicht mehr an sie.
Die Welt liegt in Trümmern, die Stadt, das Leben, die Liebe.
Unter all dem Schutt sind die Träume begraben. Der Glaube und die Hoffnung – ich finde sie nicht mehr.
Ich habe schon so manches verloren und einiges davon wieder gefunden. Manches wurde ersetzt. Irgendwo blieb eine Lücke.
Es tut weh, etwas zu verlieren. Es war nicht die eigene Entscheidung, etwas aufzugeben oder zurück zu lassen. Andere haben entschieden, dass es nicht mehr geht. Oder es passiert einfach so. Manchmal schleichend. Und dann ist es weg. Dann sind Zuhause und Freunde verloren, die Hoffnung und das Mitgefühl.
Ein Haus kann ersetzt werden, aber es ist nicht mehr sein Haus.
Eine neue Liebe kann wachsen, aber es ist nicht mehr diese Liebe, es ist eine andere.
Und irgendwo bleibt immer eine Lücke.
Es geht nicht nur das Haus verloren, die Nachbarschaft, der tägliche Weg zur Arbeit. Es geht nicht nur der gemeinsame Urlaub verloren, die Familienfeiern. Es geht das Leben verloren, das Leben, wie es gerade war. Es geht das Vertrauen verloren. Das Vertrauen, dass das Leben beständig und sicher ist. Dass die Liebe ewig bleibt. Dass es gut werden wird in der Zukunft.
Und manchmal geht auch die Hoffnung verloren. Darauf, dass es wieder gut werden kann. Darauf, dass sich die Lücke schließt. Darauf, dass ich etwas Neues finde.
Dann liegen Hoffnung, Glaube, meine Träume unter Schutt vergraben, dicke Steine und Platten erdrücken sie.
Ich möchte wieder träumen können. Von einer Welt, in der jemand wieder zu Hause ist, auch wenn es ein fremdes Land ist. In der er wieder Nachbarn hat und mit ihnen isst und trinkt und von morgen träumt und das kein Alptraum ist.
Ich möchte wieder träumen können. Von einer Welt, in der jemand wieder lieben kann, auch wenn sie die eine Liebe verloren hat. In der sie wieder lebt, auch wenn es allein ist.
Ich möchte wieder träumen können. Von Radiomeldungen über grenzenlose Länder, Zeitungsbildern, auf denen aus Trümmern Häuser gebaut werden, in denen Menschen leben und lieben.
Ich möchte träumen können wie Jesaja, als er alles verloren hat: Seine Nachbarn, sein Haus, sein Land. Er hat den Boden unter seinen Füßen verloren, lebt jetzt auf fremden Boden.
Doch er hört nicht auf zu träumen:

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.
Im Schatten der Bäume werden sie sitzen bei Wein und Oliven, sein frisch gebackenes Brot essen. Brot aus dem Weizen der eigenen Felder. Obst von den Bäumen im Garten. Abends werden sie in ihren neuen Häusern schlafen, ohne Bombenhagel und Kriegsgetöse.

Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus der Dunkelheit und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn.
Sie werden sehen in die Gesichter fröhlicher Menschen, die zusammen feiern, an langen Tischen im Garten mit bunten Lampions. Sie werden Hand in Hand am Fluss entlang spazieren und morgens lange bei Kaffee und Toast zusammen sitzen. Sie werden liebe Worte hören, ein zartes „Gute Nacht“ und „Ich bin für dich da.“

Und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten.
Bomben und Gewehre werden verstummen, Machthaber werden Macht verlieren und Soldaten ihre Helme ablegen. Aus den Trümmern von gestern werden Häuser von morgen gebaut. Auf den Schlachtfeldern weiden Schafe. Das Schlauchboot auf dem Mittelmeer gehört zum Badeurlaub. In den Klassenzimmern lernen Mädchen und Jungen zusammen das Einmaleins. Zeitungen schreiben Geschichten vom neuen Leben. Richter sprechen Recht nach den Gesetzen. Nachbarn feiern zusammen, alle bringen etwas mit: Ihre Sprache, ihr Essen, ihre Geschichten.
Und ich werde wieder hinsehen und hinhören, ich werde gerne hinsehen und hinhören und mich berühren lassen vom Leben. Von meinem eigenen und dem anderer. Egal woher sie kommen, wo sie wohnen, wen sie lieben.

Bis dahin halte ich die Augen offen und versuche aus dem Dunkeln jetzt schon kleine Triebe der neuen Wälder zu entdecken.
Und ich sehe ihn mit seinen neuen Freunden an einem Tisch sitzen, er hat Brot gebacken und sie essen es einfach aus der Hand.
Ich sehe sie im lichten Fichtenwald wandern, Rast machen in einem Café bei Milchkaffee und Käsekuchen. Ihr neues Sofa zu Hause hat bereits den ersten Rotweinfleck und daneben stapeln sich die Krimibücher.
Im Radio höre ich immer noch Elendsmeldungen, sehe Terrorbilder. In all dem Nachrichtenrausch halte ich inne und werde traurig.
Ich will nicht aufhören zu träumen von einer Welt, die anders ist als diese.
Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat: Wohlan, es ist noch eine kleine Weile. Amen.