Immer noch Ostern – Predigt zu Lukas 24,36-45 von Hans-Hermann Jantzen

 

Liebe Gemeinde,
die Botschaft ist raus: „Christ ist erstanden!“ Am Ostermontag ist diese Nachricht eine Nachricht von gestern. Am Tag danach: Katerstimmung? Predigtkater?[1]
Aber noch ist Ostern. Ostern ist noch lange nicht vorbei. Ostern geschieht immer wieder und immer dort, wo Menschen sich für den Auferstandenen öffnen. Wo wir uns Herz, Sinn und Verstand öffnen lassen für das, was Gott mit uns und mit der Welt vorhat.
Darum feiern wir auch am Tag danach noch Ostern. Der Gottesdienst am Ostermon-tag ist mehr als ein Nachgesang. Wir singen fröhliche Danklieder, weil wir in der Gewissheit leben: Die Sache Jesu geht weiter.

Ich lade Sie zu einem kleinen Osterspaziergang ein. Wir begleiten die beiden Jünger von Jerusalem nach Emmaus und zurück. Wir haben die Geschichte eben als Evangeliumslesung gehört. Behutsam hat der fremde Weggefährte sie aus ihrer Trauer und Verzweiflung herausgeholt. Zuerst erkennen sie ihn nicht, aber dann, als er das Brot bricht, gehen ihnen die Augen auf. Was macht’s, dass er so unvermittelt, wie er sich zu ihnen gesellt hat, auch wieder verschwindet. Noch am späten Abend eilen sie zurück nach Jerusalem. „Brannte nicht unser Herz…?“ (Lk 24,32) Und sie bringen ihren verängstigten Freunden die gute Nachricht: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ (Lk 24,34)

Das brennende Herz fragt nicht. Es singt und jubelt. Die Fragen kommen später. Und die Zweifel. Der Verstand schaltet sich ein. Kann so etwas überhaupt seien – Auferstehung? Ist da wirklich etwas dran? Oder ist alles nur Einbildung? Wunschdenken überhitzter Gemüter?
Solche Fragen haben schon die erste Gemeinde in Jerusalem umgetrieben. Lukas versucht, Antworten zu geben - in den Bildern seiner Zeit. Der Predigtabschnitt für heute folgt unmittelbar auf die Emmausgeschichte. Nun allerdings nicht mehr zart-poetisch, sondern ganz massiv. Hören Sie aus dem Lukasevangelium im 24. Kapitel.

Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm's und aß vor ihnen. Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden. (Lk 24,36-45)

Ich werde jetzt nicht in die Falle tappen, die evangelikale Fundamentalisten gern aufstellen: Da seht ihr es, Auferstehung des Fleisches! Keine Erscheinung, kein frommes geistliches Erleben, keine Vision…  Ganz real. Leiblich. Zum Anfassen. „Und die Bibel hat doch Recht.“
Ich bin überzeugt: damit würden wir dem Text Gewalt antun. Und wir würden vermutlich genau so in die Bredouille kommen wie jener Ordensgeneral der Jesuiten, zu dem eines Tages ein Archäologe kommt. In großer Aufregung erstattet er ihm Bericht über seine Ausgrabungen in Jerusalem: „Ich habe das Grab Jesu gefunden!“ „Das ist ja wunderbar“, sagt der General. „Ja, ja“, entgegnet der Archäologe bedrückt, „aber das Grab war nicht leer. Das Skelett Jesu lag darin.“ „Wie?“ ruft der Ordensgeneral erstaunt, „dann hat er also wirklich gelebt?“

Die Frage, ob die Auferstehung Jesu wörtlich, also physisch-körperlich zu verstehen ist, ist keine moderne Frage. Sie gehört schon ins erste Jahrhundert. Schon die erste Gemeinde hat damit gerungen. Kritiker und Spötter von außen setzten der Gemeinde zu: Was ist denn nun mit eurem Auferstandenen? Jesus war doch gar kein echter Mensch. Er hatte nur einen Scheinleib. Seine ganze Botschaft hat weder Hand noch Fuß.
Schweres Geschütz. Lukas hält dagegen. „Fasst mich an! Ein Geist hat kein Fleisch und keine Knochen!“ lässt er den Auferstandenen sagen. Drastischer geht es kaum. Und der Gipfel der Sehnsucht nach handfesten Beweisen: Jesus bittet um etwas zu essen und verspeist vor den Augen der Jünger einen Fisch. Keine Ostergeschichte der Bibel geht so weit.

Schauen wir noch einmal in den Text. Jesus tritt mitten unter die Jünger mit dem Friedensgruß: „Friede sei mit euch!“ Die Ähnlichkeit zur Geschichte vom ungläubigen Thomas (Joh 20,24ff.) ist augenfällig. Seit urchristlichen Zeiten ist dieser Gruß ein Zeichen für die Gegenwart des Auferstandenen. Erstaunlich, dass die Jünger trotzdem in Panik geraten. Sie denken: „Das kann nur ein Geist sein.“ Eine alte Handschrift spricht von einem Gespenst (griechisch: phantasma). Das trifft die Sache gut.

Der Auferstandene – nur ein Hirngespinst seiner Anhänger? Diesem spöttischen Vorwurf will Lukas den Wind aus den Segeln nehmen. Nein, der Auferstandene ist kein Hirngespinst. Seine Gegenwart ist real! Man kann sie erfahren. Man kann sie spüren. Im Hören auf sein Wort. Im gemeinsamen Singen und Beten. Man kann sie anfassen und schmecken. In der Mahlgemeinschaft. Die Botschaft des Jesus von Nazareth hat Hand und Fuß. Und sie wirkt über seinen Tod hinaus weiter.

Und der Fisch? Auch er taugt nicht als „physischer Beweis“ für die Realität des Auferstandenen. Seit es christliche Gemeinden gibt, ist der Fisch ein Erkennungszeichen der Christen. Die griechischen Anfangsbuchstaben von „Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter oder Heiland“ ergeben das griechische Wort ICHTHYS, und das heißt auf Deutsch: Fisch. Der Fisch ist zum Zeichen der Tischgemeinschaft geworden. Bis heute. Wo immer sich Menschen in Jesu Namen versammeln und miteinander essen, ist der Auferstandene mitten unter ihnen gegenwärtig.

„Seht meine Hände und meine Füße. Fasst mich an…“ Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit Ihrem Osterglauben geht. Ich habe mich oft damit herumgeschlagen, wie diese massiven Sätze zu verstehen sind. Ich habe gelernt: Es tut meiner Osterfreude keinen Abbruch, wenn ich sie als metaphorische Rede, als Bildersprache deute. Statt mich daran wundzureiben, wie das nun genau passiert ist mit der Auferstehung, bin ich frei geworden, nach der Gegenwart des Auferstandenen in meinem Leben und in der Welt zu suchen. Und ich finde sie vielfach.

Ich erlebe sie da, wo ich mit unserem schwer behinderten Enkel lachen und spielen kann. Wenn er mich anstrahlt, wenn er mir mühsam die Buchstaben vorspricht, die er neu in der Schule gelernt hat. Dann wird mein Herz, das mir oft schwer war und mit Gott gehadert hat, leicht und froh.
Ich erlebe die Gegenwart des Auferstandenen, wo Schwestern und Pfleger, Krankenhausseelsorger oder Mitarbeiterinnen des Hospizbesuchsdienstes liebevoll und respektvoll mit schwerkranken und sterbenden Menschen umgehen. Wir haben das im letzten Sommer selber dankbar erlebt, als meine Schwiegermutter bei uns zu Hause sterben durfte.
Ich erlebe die Gegenwart des Auferstandenen, wo Menschen dagegen aufstehen, wenn andere wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion ausgegrenzt und verächtlich gemacht werden. Es ist für mich Ausdruck der Osterhoffnung, dass nach wie vor so viele Menschen beruflich oder ehrenamtlich den Geflüchteten mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie stehen für eine offene Gesellschaft, getragen von Vertrauen, Toleranz und Dialog.
In einem neuen Osterlied hört sich das so an:

Manchmal feiern wir mitten im Tag
ein Fest der Auferstehung.
Stunden werden eingeschmolzen, und ein Glück ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Wort
ein Fest der Auferstehung.
Sätze werden aufgebrochen, und ein Lied ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Streit
ein Fest der Auferstehung.
Waffen werden umgeschmiedet, und ein Friede ist da.

Manchmal feiern wir mitten im Tun
ein Fest der Auferstehung.
Sperren werden übersprungen, und ein Geist ist da.
                                                                                                (Text: Alois Albrecht)

„Seht meine Hände und meine Füße…“ Ich begreife: Der Auferstandene bleibt der Gekreuzigte. Weil es Gott ernst ist, auch in meiner Angst, in meiner Schuld, in meiner Gottverlassenheit, an meiner Seite zu bleiben.
Aber der Gekreuzigte ist eben auch der Auferstandene! Der Tod behält nicht das letzte Wort. Gott sagt „ja und amen“ zu dem Weg Jesu ans Kreuz und erklärt ihn zum Weg ins Leben. Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind stärker als Hass, Gewalt und Tod. Das Böse kann nur mit Gutem überwunden werden.
Die Osterbotschaft „Der Herr ist auferstanden!“ – eine Nachricht von gestern? Ganz und gar nicht. Sie wirkt weiter. Sie berührt und verändert unser reales Leben. Sie ist existentiell, lebensentscheidend. Weil sie die Hoffnung beflügelt. Die Hoffnung auf Leben – mitten in einer todesvesessenen Welt.
Ich bin froh, dass heute immer noch Ostern ist und morgen und die kommenden Tage auch. Wo wir unser Herz sprechen lassen, da blüht das Leben auf. Auch da, wo wir auf den ersten Blick nur Tod und Verfall sehen.
„Ostern ist die härteste Währung der Hoffnung.“ hat Berthold Brecht einmal gesagt. Er hatte verstanden: Wenn wir nichts über den Augenschein hinaus hoffen, dann können wir gleich einpacken. An dieser Hoffnung möchte ich festhalten und mich von ihr beflügeln lassen.
Amen.

 

[1] Diesen Predigteinstieg verdanke ich Jutta Noetzel, Göttinger Predigtmeditationen 71, S.221.