Kurswechsel

Liebe Gemeinde,

wir feiern diesen Gottesdienst zwischen Banktürmen und Notunterkünften, zwischen Deutschland und Sambia, zwischen arm und reich.

Dafür haben wir einen umstrittenen Bibeltext ausgesucht. Manche Theologen halten ihn für den schockierendsten Text des Neuen Testaments überhaupt: Das Gleichnis vom beschuldigten Verwalter. Es beginnt so:

Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Und zu den Jüngern sagte Jesus: Es war einmal ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter. Der wurde bei ihm verklagt, er verschleudere sein Vermögen. Da rief er ihn zu sich und sagte: Was höre ich da über dich? Leg die Schlussabrechnung vor, denn du kannst nicht länger Verwalter sein!

(Lukasevangelium 16,1+2 (Bibelserver): In der Lesung Text und Quelle: Eigene Übersetzung angelehnt an die Zürcher Bibel, Zürich 2007)

Pfarrer Christian Reiser, Predigt: Ein Großgrundbesitzer feuert seinen Verwalter. Wegen vermeintlicher Untreue. Sein einträglich-komfortabler Karrieresessel entpuppt sich als Schleudersitz. Nur noch seine letzte Bilanz soll er vorlegen.

Ob der Verwalter wirklich seinen Chef hintergangen hat, ist nicht erwiesen. Vielleicht hatte er Neider. Vielleicht wurde er gemobbt? Verwalter eines großen Gutes zu sein, war attraktiv. Ein Managerposten. Gut bezahlt, viel Prestige.

Doch damit ist jetzt Schluss. Beim Geld hört die Freundschaft auf. Die Kündigung liegt auf dem Tisch. Was tun?

Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Der Verwalter aber sagte sich: Was soll ich tun, da mein Herr mir die Verwaltung wegnimmt? Für Feldarbeit bin ich nicht stark genug, und zu betteln schäme ich mich.(Lukas 16,3)

Pfarrer Christian Reiser, Predigt: Der Verwalter behält einen kühlen Kopf. Checkt die Lage. Statt zu spekulieren, wer ihm alles böse mitgespielt hat, konzentriert er sich darauf, was er selbst aus eigener Kraft tun kann.

Zwei Möglichkeiten kommen ihm in den Sinn. Doch beide taugen nicht für ihn. Für die Feldarbeit ist er zu schwach. Zu lange in Plüschsesseln gesessen, übergewichtig vielleicht, keine Muskeln. Von wegen, die einfachen Arbeiten sind leicht!

Betteln könnte er auch. Doch das ist ihm zu peinlich. Er, der bislang reiche, mächtige Mann, muss andere um Almosen anflehen. Ihn schaudert es.

Doch dann, ein Geistesblitz:

Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Jetzt weiß ich, was ich mache, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin. Und er rief die Schuldner seines Herrn, einen nach dem andern, zu sich und sagte zum ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?

Der sprach: Hundert Fass Olivenöl. Er aber sagte zu ihm: Da, nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib schnell fünfzig! Darauf sagte er zum zweiten: Und du, wie viel bist du schuldig? Der sagte: Hundert Fuhren Weizen. Er sagte zu ihm: Da, nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.(Lukas 16,4-7)

Pfarrer Christian Reiser, Predigt: Er hat’s! Das ist seine Chance. Noch ist er Verwalter, noch kann er etwas tun: Die Schuld der Schuldner nachlassen. Die werden sich dann später an ihn erinnern! Die werden sich ihm verpflichtet fühlen.

Gerettet!

Durfte er das? War das rechtmäßig? Die Theologen streiten sich. Einige sprechen von klarem Betrug. Luther nennt ihn den „unehrlichen Verwalter“. Andere weisen darauf hin, dass der Verwalter das Recht hatte, Schulden zu erlassen. Und das kann ja durchaus auch mal klug sein. Lieber weniger zurückbekommen, als alles fordern und am Ende komplett leer ausgehen.

Mag sein, dass der Verwalter klug, ja sogar legal gehandelt hat. Aber war es fair? Es war ja nicht sein Geld! In unserer durch Finanzkrise und Bankenskandale gezeichneten Zeit sind wir hier sehr sensibel. Viel Geld von Steuerzahlern ging verloren –viele Sparer wurden geprellt. Gerade verhandelt das Landgericht Frankfurt gegen sieben suspendierte Mitarbeiter einer großen Bank. Vorwurf: Bandenmäßige Steuerhinterziehung. Reiche sparen sich Steuern mit Hilfe von Banken. Sie legen Geld in Briefkastenfirmen an – in Panama, Niue und der Isle of Man.

Sich an fremdem Eigentum vergreifen, ist ein Tabu. Du sollst nicht stehlen. Wer es tut, muss bestraft werden.

Der Verwalter verschleudert das Eigentum des Großgrundbesitzers. Was passiert, als

der Deal ans Licht kommt?

Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Und der Herr lobte den Verwalter der Ungerechtigkeit, weil er klug gehandelt hatte. (Lukas 16,8a)

Pfarrer Christian Reiser, Predigt: Das müssen wir uns auf der Zunge zergehen lassen: „Der Herr lobt den Verwalter“. Ja, wieso denn das? Ist der Großgrundbesitzer einfach ein guter Verlierer, der erkennt, dass der Verwalter so handelt wie er: Entschlossen und immer zu eigenen Gunsten und immer mit Gewinn?

Sollen wir es etwa alle so machen wie der Verwalter: Fremdes Geld verzocken und dann noch auf Lob von höchster Stelle warten? Ein neuer Skandal! Doch Jesu Fazit klingt fast so:

Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem Mammon der Ungerechtigkeit, damit sie euch, wenn er ausgeht, aufnehmen in die ewigen Wohnungen. (Lukas 16,9)

Pfarrer Christian Reiser, Predigt: „Macht euch Freunde mit dem Mammon der Ungerechtigkeit“. Ein gefährlicher Satz, der nur für sich genommen so klingt, als ob es vor allem darauf ankommt, etwas Gutes mit Geld zu tun – egal woher es kommt, egal ob es mit Waffengeschäften, Drogenhandel oder Erpressung verdient wurde.

Doch das meint Jesus nicht.

„Macht euch Freunde mit dem Mammon der Ungerechtigkeit“, das heißt: Gebt das Geld für das Richtige aus, statt es zu horten und zu zählen. Ja, verschleudert es für das Gute. Macht es wie der Verwalter. Nicht um Euch eine Freude zu machen, sondern damit Ihr mit dem Geld Freunde gewinnt.

Wie wichtig Freunde sind, erkennt der Verwalter ja erst, als er vor dem Ruin steht. Sein Gehalt, Ehre, Ansehen, alles geht verloren. Da begreift er: Wichtig ist nicht das Geld, sondern das, wofür es steht, was es verspricht und was es regelmäßig nicht hält, wenn es wirklich drauf ankommt. Wichtig sind Glück, gute Beziehungen zu anderen Menschen, Frieden, Freunde.

„Macht euch Freunde mit dem Geld – aber seid dabei wachsam. Es bleibt der Mammon der Ungerechtigkeit“, sagt Jesus. Nicht nur Schwarzgeld, alles Geld! Denn das Wirtschaftssystem, in dem er gelebt hat und in dem wir heute leben, ist ungerecht. Manche hungern, andere müssen täglich weit gehen, um Wasser zu holen, andere prassen und wissen nicht, wohin mit ihrem Geld. „Diese Wirtschaft tötet“, sagt der Papst.

Darum wechselt Euren Kurs. Setzt Euer Leben nicht – wie gerade in Frankfurt viele – auf das Geld! Befreit euch von der Herrschaft des Mammons – so wie der Verwalter. Wechselt euren Kurs, damit mit dem Geld die Freundschaft nicht aufhört, sondern anfängt. Investiert Eure Liebe, eure Zeit, eure Leidenschaft und auch euer Geld für die gute Sache Gottes.

Ihr seid eingeladen in seine „ewigen Wohnungen“, in sein Reich! Den Ort zum Fröhlichsein; zum Genießen, zum Vergessen, was das Herz früher beschwerte. Zum Staunen über das erste Grün oder die Sterne in der Nacht. Den Ort,an dem alle Menschen glücklich und in Frieden leben können.

Noch hat dieser Ort keine Postleitzahl. Er ist noch im Werden. Doch manchmal können wir schon etwas davon erleben. Im versonnenen Gesichtsausdruck des Jungen, der die Mondfinsternis bestaunt und sagt: „Ich könnte noch die ganze Nacht hier stehen und zusehen“. In der besorgten Frage eines Fremden, ob er mir helfen könne. In der Begegnung eines Managers und eines Obdachlosem in dieser Kirche. Solche Momente erleben, ja zu solchen Momenten beitragen, das macht das Leben reich.

Klar, der Verwalter bleibt eine etwas zweifelhafte Figur. Warum sieht Jesus ihn als Vorbild?

Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Ja, die Kinder dieser Welt sind im Verkehr mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts! (Lukas 16,8b)

Pfarrer Christian Reiser, Predigt: Der Verwalter ist ein „Kind dieser Welt“. Mit ihren Spielregeln kennt er sich bestens aus. Er findet einen Weg, sich zu retten. Und geht ihn konsequent, entschlossen. An dieser Stelle – und nur an dieser Stelle – können wir, die Kinder des Lichts, von den Kindern dieser Welt lernen.

Urkunden fälschen oder fremdes Geld verschenken, das nicht. Sondern sich mutig entscheiden, wofür wir unsere Zeit, unsere Energie und unsere Leidenschaft einsetzen. Was wirklich wichtig ist. Was in der Zukunft zählt.

Und das entschlossen zu tun, das macht den beschuldigten Verwalter zu einem Vorbild für uns!

Und so stellt uns Jesus mit diesem Gleichnis am Ende vor dieselbe Entscheidung wie auch in der Bergpredigt:

Prof. Wolfgang Nethöfel, Lesung: Niemand kann zwei Herren dienen. Denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird sich an den einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld. (Lukas 16,13)

Amen.