Manchmal schmeckt einem das Leben nicht - Predigt zu Johannes 6,30-35 von Peter-Michael Schmudde

Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Joh 6,35)

Am Anfang kannst Du nicht genug bekommen: Wenn Du aufwachst, wartet es schon auf Dich: Das Brot des Lebens. Es schmeckt nach Kakao, Kindergarten und Käse, nach Murmeln und Ball und Roller, nach Buntpapier und Knete, nach Schnee und Blüten und Äpfeln mit Zimt. Du hast keine Mühe. Es ist da: Wenn Deine Eltern Dich küssen und in die Luft werfen, wenn sie Drachen mit Dir fliegen lassen oder im Sommer ans Meer fahren. Es ist da, weil Dir jeder Tag das Beste verspricht. Und weil Du jeden Tag neu anfangen kannst. Du hungerst nach jedem neuen Tag, weil Du groß werden willst, weil es so lange dauert, bis die Kerzen auf dem Geburtstagskranz wieder brennen, weil es unendlich ist bis zum Lichterbaum.
Das Leben. Das Brot des Lebens. Es hilft Dir größer zu werden und stärker und neugierig zu bleiben. Es ist da und ist so selbstverständlich: Das Leben.

Und er sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Joh 6,35)

Irgendwann schmeckt das Brot nach Brotbüchse und Matheheften, nach Turnhalle und Schulhof, nach Pflicht und nach frühem Aufstehen.
Es schmeckt nach Ermahnungen der Eltern. Es schmeckt auch nach schlechten Noten und heimlichen Ferienwünschen. Und wenn es Dir schmeckt, dann ist immer zu wenig davon da. Die Festmähler werden weniger. Und Du merkst ganz langsam, dass das alltägliche Brot manchmal langweilig ist oder hart.

Doch Er sagt Dir wieder: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Joh 6,35)

Dann kommt ein Hunger, den Du nicht kanntest. Und das, was Du täglich zu Dir nimmst, schmeckt nach ziellosen Liebesbriefen und Trennungstränen. Es schmeckt nach Sehnsucht und Aufbruch. Es schmeckt nach Zukunft. Manchmal auch nach nichts. Es schmeckt nach Konfirmandenstunden und langweiligen Predigten, nach erstem Bier und nach nächtelangem Lernen. Manchmal liegt Zukunftsangst darauf. Und Du fragst Dich, ob das jetzt immer so weiter geht.
Du würzt es mit Freunden, die es mit Dir teilen. Manchmal sind es die falschen und manchmal die richtigen. Es schmeckt nach Entscheidungen: Wie willst Du Dein Brot verdienen? Und sein Geschmack mischt sich mit Wolken von Mopedbenzin und Zigaretten, mit Wodka und Cola. Und morgens schmeckt Dir sein fader Geschmack manchmal nicht.

Und Er sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Joh 6,35)

Ab und zu schaust Du auch neben Dich. Du siehst, wie andere zu kauen haben am Leben. Du hast die Welt inzwischen ein bisschen besser im Blick. Und Du merkst, dass es so wenig gerecht zugeht. Manch einer hat sich verschluckt. Andren schmeckt es nicht, was ihnen täglich vorgesetzt wird. Und dann gibt es die, denen das Lebensbrot völlig fehlt. Du gibst ab von dem, was Du hast. 

Inzwischen wiederholst Du die Worte dessen, der da spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Joh 6,35)

Vielleicht hast Du den Menschen gefunden, der mit Dir teilt, was er zu kauen hat am Leben. Es ist gut zu teilen, das hast Du inzwischen gemerkt. Wenn es gut geht, schmeckt es auch ganz gut, das Lebensbrot. Und es hat seine Würze mit den Kindern, die Du großwerden siehst. Mit der Arbeit die Dich fordert. Mit den Festen, die Du feierst.

Und immer noch spricht Er zu Dir: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Joh 6,35)

Du hast Entscheidungen gefällt. Aus den Möglichkeiten ist Deine Wirklichkeit geworden. Ob es Dir immer schmeckt? Oder ist inzwischen das Kauen so schwer geworden und Dein Hunger so klein?
Inzwischen weißt Du: Das Leben schmeckt manchmal nicht nur nach Zahnweh, sondern auch nach Krankenhäusern und Friedhöfen, nach langen einsamen Abenden, nach Sehnsucht und fauligem Laub auf herbstnassen Straßen. Es schmeckt nach Kälte zwischen grauen Häuserwänden und schlechten Nachrichten.
Manchmal geht sein Geschmack Dir verloren.

Doch Einer spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Joh 6,35)

Wie wird es sein an dem Tag, wo Dein Hunger aufhört? Wenn Du zu schwach bist, weiter zu kauen am Brot des Lebens? Wirst Du den Weg gehen können, der Dich woanders hinführt? Und wohin gehst Du dann?

Einer lädt Dich an seinen Tisch. Und er spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Joh 6,35)

Und Du stehst mit den anderen um den Tisch des Herrn. Ein kleines Stück Brot, ein winziger Weinhauch vom Kelch.
Und Du schaust Dich um und siehst sie vor Dir: Sie alle, denen das Brot des Lebens manchmal schmeckt. Du siehst sie, die sich manchmal die Zähne daran ausbeißen, am Leben, wie Du. Und manchmal schlucken wir alle so schwer an dem Brot unseres Lebens.

Und Du siehst Dich im Kreis der Jünger von damals. Der seltsame Freund nimmt das Brot und den Wein. Und er gibt es allen und spricht: Das ist mein Leben für Dich, Leib und Blut, das bin ich – für Dich.

Und Du sitzt dabei als sie trauern um ihren Glauben am Abendbrottisch in Emmaus, siehst, wie einer das Brot teilt. Und wie dann der Eine plötzlich da ist, der spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Joh 6,35)

Und Du wünschst Dir, dass es heute so sein könnte: Dass er das Brot des Lebens mit Dir teilt. Heute hier. Und morgen bei sich zu Haus.
Ja: Ich will es nehmen, das Leben, das Du mir gibst. Denn davon werde ich leben. Amen.