Mein Freund hat einen Weinberg – Predigt zu Jesaja 5,1-7 von Rainer Claus

Eine kleine Umzugskiste muss er noch auspacken. Und das ist die Schwerste. Nicht vom Gewicht her, sie ist mit Bilder und Kleinigkeiten gefüllt. Schwer wird ihm das Herz, wenn er die Bilder sieht und die Vergangenheit noch einmal in die Hand nimmt. Eigentlich könnte er die ganze Kiste wegwerfen. Fünf Jahre seines Lebens, Erinnerungen an eine große Liebe. Aber das schmeißt Du nicht einfach so weg. Er greift in die Kiste und zieht wahllos etwas heraus. Ein Eintrittsticket. Depeche Mode in Hamburg. Dort hatten Sie sich kennengelernt, anschließend geschrieben. Tom hatte sich mächtig ins Zeug gelegt. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick. Als sie nach einem Jahr einen Job in Süddeutschland angeboten bekam, da zog er kurzer Hand mit. Er unterstützte sie beim Neuanfang in der Firma, obwohl er selbst einen neuen Job hatte. ER war der Kümmerer. Er war der, der die Steine aus dem Weg räumte und hielt ihr den Rücken frei. Sein Freund Mattis fragte ihn einmal, warum er soviel Herzblut in diese Beziehung investierte, mehr als für ihn gut war. „Ach du mit deinem BWL Studium. Meinst du Liebe muss sich immer auszahlen“, hatte er geantwortet. „Ich liebe diese Frau eben. Dann kann man nix machen.“

(Lektorin liest jeweils den Bibeltext)

Aus dem Buch des Propheten Jesaja: Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte.

Das Ticket vom ersten Konzert landet im Altpapier. Genauso wie die Einladungskarte zu ihrer Hochzeit und die Fotos aus dem Toskana Urlaub. Weg damit. Es war vorbei. Irgendwann hatte er gemerkt: wenn du immer nur gibst und nichts zurückbekommst, breitet sich Leere in Dir aus. Anfangs hatte er gehofft, die Liebe wird schon noch wachsen. Sie braucht einfach Zeit. Aber in ihrem kargen Alltag fühle er sich bald alleine und die Verletzungen nahmen zu. Worte waren wie Messer.

Lektor:

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte aber er brachte schlechte.

Der Termin beim Anwalt war bitter. Er war wütend und hatte ihr alle Schlechtigkeit an den Kopf geworfen. Alles, was sich angestaut hatte. Die Geschichte einer Enttäuschung. Dabei hatte alles so gut angefangen.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Der Prophet Jesaja singt ein Lied und erzählt eine Liebesgeschichte. Mein Freund hatte einen Weinberg. Poetische Worte. Wie technisch klingt dagegen unser heutiges Wort „Beziehung“ Zur Zeit Jesajas hatte jeder sofort bei dem Stichwort „Weinberg“ eine Liebesgeschichte vor Augen. Liebe ist wie ein Weinberg, also wie ein Garten, der angelegt wird. Du kannst seine Schönheit und Fülle genießen, die saftigen Trauben. Du musst aber auch Steine wegräumen, Wege anlegen, etwas aufzubauen.  Ein schönes Bild für die Liebe.

Diese Geschichte geht nicht gut aus. Es gibt keine guten Trauben, der Weinberg bringt keine Frucht, obwohl der Winzer alles getan hat. Am Ende müssen oft Anwälte und Gerichte entscheiden über das Ende von Beziehungen. So auch im Weinberglied.

Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

Enttäuschte Liebe tut weh. Der Schmerz entlädt sich oft in Wut und Zorn. Was mir eben noch am Liebsten war, möchte ich kurz und klein schlagen. Der enttäuschte Liebhaber im Weinberg-Lied sagt:

Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahlgefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 

Eine enttäuschte Liebe. Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Eine Geschichte, in der Menschen sich wiederfinden können mit ihren Verletzungen und Verwüstungen. Das passt zur beginnenden Passionszeit. Wir legen in dieser Zeit alles in Gottes Hand, was im Leben nicht wachsen konnte, was verkümmert ist, wo wir andere enttäuscht haben oder Enttäuschung mit uns tragen.

Doch das Lied geht weiter. Nimmt eine Wendung und weitet den Horizont. Hört es selbst:

Des HERRN Zebaoth Weinberg ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Es geht um die Liebe Gottes zu seinem Volk. Gott ist enttäuscht, verletzt und wird zornig. Das Gottesvolk, sein Weinberg bringt keine gute Frucht, obwohl er sich unermüdlich einsetzt. Jesaja, der Prophet hat es vor Augen: Die Eliten sind korrupt und bereichern sich auf Kosten der Armen. Statt Gut-Tat, gibt es Blut-Tat. Das Volk Israel als Weinberg Gottes hat versagt. Die Menschen sind böse, gewalttätig. Statt gute Früchte zu bringen, gibt es nur bittere Trauben. Eine Gesellschaft versinkt im Unrecht. Für Jesaja gibt es keine Liebe zu Gott ohne die Liebe zum Nächsten. Was auf dem Marktplatz passiert, hängt zusammen mit dem, was im Tempel gesagt wird. Bei ihm wird die Liebe groß gedacht, wird politisch und geht über das, was zwischen zwei Menschen passiert weit hinaus. Gott will Recht und Gerechtigkeit. Das ist die Ansage des Propheten Jesaja. Wo eine Gesellschaft nicht darauf achtet, dass es allen gut geht, verkümmert das Leben. Klare Ansagen im Weinberg Gottes im achten Jahrhundert vor Christus.

Gott hat einen Weinberg, immer noch. Obwohl er ihn doch enttäuscht aufgeben wollte. Erst neulich wurde dieser Weinberg neu vermessen, kartographiert und fotografiert Ich habe die Bilder im Internet gesehen. Die Raumsonde EOS hat den Weingarten Gottes umrundet, der Planet, den wir Erde nennen. Das sind Bilder von atemberaubendere Schönheit. Vollkommenes Blau der Meere, die Wälder im satten Grün und majestätisch grau die Rücken der Berge.

Nachts leuchten die Städte dieser Welt wie funkelnde Sterne. Gott hat sich wirklich Mühe gegeben mit diesem Weinberg. Es ist genug für alle da. Der Boden ist fruchtbar und das Wasser so klar. Hier könnten sie wachsen die Trauben der Gerechtigkeit. Saftig und prall. Hier könnten sie wachsen die Trauben des Friedens. Sonnengetränkt.

Aber wer genau hinsieht, von oben, aufs Ganze gesehen, erkennt die Spuren der Verwüstung. Die Antarktis ist auf dem Rückzug. Das schimmernde Weiß verschwindet mehr und mehr. Aus dem satten Grün der Wälder werden immer mehr aschegraue Felder. Rauchschwaden so groß, dass sie selbst aus dem All zu sehen sind. Im klaren Blau der Meere treiben ganze Kontinente aus Plastik.

Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen,  und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 

Manchmal fürchte ich mich und denke dass es zu spät ist für unseren Weinberg und dass Gott, der gute Weinbergbesitzer sich aus dem Staub gemacht hat. Vielleicht konnte er es nicht mehr mitansehen, all dieses Blut, das zum Himmel schreit, all diese Zerstörung von Leben. Vielleicht hat er enttäuscht einen neuen Garten angelegt, eine neue Liebe gefunden, irgendwo in einer fernen Galaxy, was weiß ich denn schon von seiner Unendlichkeit.

Aber dann sehe ich seinen Gärtner kommen, fröhlich pfeifend, die Gießkanne in der Hand. Behutsam richtet er die geknickten Reben auf, schlägt Pflöcke ein, die die Pflanzen halten. Prüfend pflückt er eine Traube, steckt sie sich in den Mund und muss lächeln. Kommt her zu mir, sagt er, ich bin der Weinstock und ihr die Reben. Solange ihr mit mir verbunden seid, bekommt ihr neue Kraft. Er nimmt seine Gießkanne und es strömen Recht und Gerechtigkeit wie Wasser.                     

Mein Freund hat einen Weinberg, ich will das die Geschichte diesmal gut ausgeht und hole schon mal die Harke aus dem Schuppen. Nimmst du die Gießkanne. Dann sind wir schon zwei. Und wo zwei oder drei – na, ihr wisst schon… Der Umzugskarton ist leer. Vor ihm liegen zwei Stapel. Ein Haufen mit Erinnerungsstücken, von denen er sich trennen will. Die Wut ist vergangen.

Was war, soll ihn nicht mehr gefangen nehmen. Den zweiten Stapel mit Erinnerungen will er bewahren. Es gab auch gute Zeiten. Vielleicht ist das der Humus, auf dem etwas Neues wächst. Irgendwann will er  wieder lieben. Mein Freund wird einen Weinberg haben. Er wird ihn umgraben und edle Reben pflanzen. Er wird einen Turm bauen und warten. Und er wird gute Trauben bringen.

Amen