Mit vollen Händen – Predigt zu 1. Korinther 2,1-10 von Gerlinde Feine

Die Schöne-Sachen-Schublade

„Ich kann doch nicht mit leeren Händen kommen!“

So sagte meine Mutter immer, wenn wir irgendwo eingeladen waren. Und wenn es einen Anlass gab – einen Geburtstag, eine Taufe oder Konfirmation – dann durfte es auch nicht einfach eine Schachtel mit Pralinen sein oder ein Blumenstrauß. Nein, etwas Besonderes musste her. Etwas, das schön war und nützlich. Das man sich selbst wohl kaum leisten würde und von dem man vielleicht noch gar nicht wusste, dass man es brauchte.

Dann ging sie zum Juwelier. Der verkaufte bei uns auch Uhren und Besteck und allerlei Haushaltsnippes, und dort gab es eine Schublade mit schönen Sachen, aus der meine Mutter dann diese besonderen Geschenke auswählte: Zuckerzangen und Sahnelöffelchen. Servierschalen für Knabberkram. Serviettenhalter und Messerbänkchen. Manches mit hübscher Gravur oder einem stilisierten Sternzeichen. Anderes einfach wunderbar glänzend und von elegantem Design.

Nichts davon war lebensnotwendig. Einiges einfach nur zum Staunen. Und alles erregte Aufmerksamkeit, wenn es aus der Geschenkverpackung hervorkam. „Wie wunderbar!“ Und auch praktisch. Auf alle Fälle eindrücklich. Genau das, worauf es ankam. Nicht mit leeren Händen gekommen zu sein. Einen guten Eindruck zu hinterlassen. Eine freundliche Beziehung aufzubauen. Sich in Erinnerung halten.

Denn die Dinge aus der Schöne-Sachen-Schublade bekommen meist einen Ehrenplatz in der Vitrine. Beim Saubermachen fallen sie mir wieder in die Hände. Im Alltag habe ich sie selten in Gebrauch. Wann nutze ich denn wirklich einen silbernen Dochtabschneider? Wozu ist der ziselierte Süßstoffspender gut, wenn wir doch nicht mal Zucker in den Kaffee geben? Schöne Dinge, die niemand braucht, stehen irgendwann im Weg. Und verstellen den Blick aufs Wesentliche.

Danaer-Geschenke

„Ich bin nicht mit leeren Händen zu Ihnen gekommen.“

Sagt der Minister, der seinen Wahlkreis aufsucht. Und bringt einen Scheck mit für eine soziale Einrichtung oder die Bewilligung eines schon lange erhofften Vorhabens. Und hofft, dass diese Geschenke Wohlwollen erzeugen und Verständnis dafür, dass andere Erwartungen sich nicht erfüllen. Oder wenigstens Beziehung stiften. „Den wähle ich, weil er mich beschenkt hat“, sagen wir dann. Und es ist erstaunlich, wie einfach die Gaben da manchmal sein dürfen. Und wie wenig nützlich.

Manche reden dann von Danaergeschenken. Das sind Gaben, die Eindruck machen oder beschwichtigen – und dann kommt hinterher etwas nach, das viel unangenehmer ist als der Verzicht auf diese eine Wohltat.

Deshalb tun wir gut daran, genauer hinzuschauen, was uns da eigentlich versprochen wird. Was verbirgt sich hinter den Versprechen von Bürgernähe und Partizipation? Mehr Geld für die Bildung – wie viel und für wen? Ein besseres Verkehrskonzept – an welcher Stelle und zu welchem Preis?

Dreißig neue Diakonenstellen sollen den Pfarrplan 2024 versüßen. Beeindruckend. Aber umgerechnet auf 50 Kirchenbezirke dann vielleicht doch nicht mehr so viel. Genau wie die Zusagen, mehr Geld für Projekte an die Gemeinden auszuschütten – und die können es dann doch nicht so kreativ einsetzen, wie es gedacht war, weil das kirchliche Arbeitsrecht es nicht erlaubt.

Und schon ist das, was da so scheinbar weise und klug erdacht wurde, gar nichts mehr nütze. Es macht nur zusätzliche Arbeit und ein schales Gefühl, mit Cleverness übers Ohr gehauen zu werden. Was nach einem schlauen Plan aussah, schafft keine neuen Beziehungen. So kann Kirche nicht wachsen. Im Gegenteil. Sie verliert noch an Vertrauen. Selbst Engagierte fühlen sich getäuscht und wenden sich ab, sind demotiviert und verärgert.

Vorsicht also vor solchen Geschenken, die niemand braucht, obwohl sie so schön aussehen. Und: Vorsicht beim Schenken! Nicht immer ist das, was besonders begehrenswert erscheint, auch das, was man wirklich nötig hat…

Geistliche Bedarfsanalyse

„Ich wollte nicht mit leeren Händen zu euch kommen.“

Paulus erinnert sich gut an seinen ersten Besuch in Korinth. Er hatte schon von den Menschen gehört, die er dort kennenlernen würde. Von ihrer Sehnsucht nach Gott. Von ihrer Situation. Von ihren Fragen. Er kannte die Spielregeln einer solchen Stadt, hatte selbst lange genug in Orten gelebt, in denen es ganz ähnlich zuging, wo es einen großen Hafen gab und Handel und Römisches Recht und griechische Götter. Wo Menschen aus den verschiedensten Kulturen zusammenlebten und wo diejenigen am meisten Ansehen hatten, die sich souverän bewegen konnten zwischen den Ständen, die vielsprachig waren und gewandt, voller Bildung und Weisheit.

Er selbst gehört auch dazu. Bestens ausgebildet, mehrsprachig, klug und von Haus aus privilegiert. Dass er ein schlechter Redner gewesen sein soll, kann man sich kaum vorstellen, wenn man seine Briefe liest. In theologischen Diskussionen mit ihm ziehen andere schnell den Kürzeren. Es wäre ihm ein Leichtes, mit etwas rhetorischen Handwerkszeug seine Gastgeber zu beeindrucken. Und vermutlich war es auch das, was alle von ihm erwartet hatten.

Doch: Als ich zu euch kam, trat ich nicht als glänzender Redner oder Weisheitslehrer auf. Denn ich kam zu der Überzeugung, dass bei euch nichts so wichtig sei wie der Messias Jesus, und der als Gekreuzigter.

Ihr braucht keine philosophischen Abhandlungen über das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Ihr braucht keine komplizierten Mathematischen Formeln und keinen Dreistufenplan für Freiheit und Demokratie. Und glänzende Reden, geschliffene Rhetorik, blendende Analysen braucht ihr auch nicht.

Das alles würde euch sicher sehr beeindrucken. Es würde auch eine gewisse Bindung zwischen uns herstellen und Sympathie und Staunen. Aber über kurz oder lang würdet ihr merken, dass es nichts bringt, wenn ich euch für mich gewonnen hätte. Oder für das, was gerade „in“ ist.

Es hilft vielleicht für den Moment. Hilft, sich durchzusetzen im Beruf und sich einen guten Platz zu erobern in der Gesellschaft. Da ist es gut, wenn man weiß, wie das Spiel funktioniert, welche Weisheiten man beherrschen muss und wie man gut klarkommt mit den Mächtigen und Starken unserer Zeit. Aber die Herrschenden dieser Welt sind dabei, ihre Macht zu verlieren.

So klug ist Paulus, dass er das erkennt. Deshalb will er den Korinthern keine nutzlosen Geschenke seiner Menschenweisheit machen. Er hat Besseres im Gepäck. Weil nichts so wichtig ist wie der Messias Jesus, und der als Gekreuzigter.

Zweierlei Weisheit

„Ich komme zu euch, um euch Christus zu zeigen.“

Gottes Geheimnis. Gottes Weisheit.

So ganz anders als man es sich vorstellen würde. Verborgen vor denen, die sich mit der menschlichen Weisheit so gut auskennen. Verachtet und verurteilt. Und trotzdem nicht vernichtet. Da war Gott vor.

Wir reden von göttlicher Weisheit, im Geheimnis verborgen, die Gott vor aller Zeit bereitet hat, um uns an der göttlichen Gegenwart teilhaben zu lassen.

Wir reden von Hoffnung gegen den Augenschein. Von Vertrauen statt Angst. Von Verstehen wider alle Vernunft. Wir reden von einer Welt, in der das Schwache geschützt ist und die Starken ihre Macht nicht ausnutzen. Wo es auch verspielt zugehen darf und nicht immer alles gegeneinander aufgerechnet wird. Wo alle und jedes einen Platz hat, ohne im Weg zu sein. Wo selbst das Nutzlose noch eine Bedeutung hat und Wert und Würde und Glück.

Das ist Gottes Weisheit. Und die braucht ihr wirklich. Die macht euch mächtiger als alle Cleverness und alles Wissen unserer Zeit. Und ohne sie nützt euch auch alles andere nichts, nicht zusätzliche Stellen und auch keine Sonderzuweisungen. Weil sie nicht aus dem Verstand kommt, sondern aus der Liebe. Und weil sie nicht nach dem Nutzen schaut, sondern nach dem Herz.

Was kein Auge sah und kein Ohr hörte und was in keines Menschen Herz hinaufstieg, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben. Vor aller Zeit. Weil er uns wiederliebt. Und uns bei sich haben will.

Die schönsten Sachen sehen

„Ihr werdet ihr nicht mit leeren Händen kommen müssen.“

Ihr werdet vorbereitet sein, wenn es soweit ist. Wenn euch die Mächtigen dieser Zeit nichts mehr anhaben können. Wenn ihr hinüberwechselt in Gottes neue Welt.

Dann müsst ihr nicht in den Schubladen eurer Erinnerung kramen und schauen, ob sich etwas Besonderes darin findet, das ihr ihm bringen könntet. Müsst nicht überlegen, wie viel man investieren sollte und was dabei herausspringt. Müsst keinen guten Eindruck hinterlassen. Müsst nicht Angst haben, dass es nicht reicht.

Gott selbst legt euch das größte Geschenk in die Hände. Und sorgt dafür, dass ihr es auch erkennt und liebhabt. Die Geistkraft hat es uns enthüllt. Sie ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.

Sie sieht hinter die Fassade. Erkennt, was in dir steckt. Liebt dich, wie du bist und freut sich an allem, was sie findet. Staunt über das, was sie längst weiß: Wie wunderbar du gemacht bist. Wie viel du anderen bedeutest. Wonach du dich sehnst. Wie stark du vertraust, wie beharrlich du hoffst, wie fröhlich du glaubst.

Gott legt sich selbst in unsere Hände. Zeigt uns, wer er ist. Lässt sich von uns berühren und weitertragen. Wir werden seine Schönheit erkunden, und seine Liebe zu uns wird uns stark machen und mächtig und frei. Das ist seine Weisheit – und sie ist kein Geheimnis mehr.

Was kein Auge sah und kein Ohr hörte und was in keines Menschen Herz hinaufstieg, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben. Die Geistkraft hat es uns enthüllt. Sie ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.

So beruht euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

Und nichts sei bei euch so wichtig wie der Messias Jesus, der Gekreuzigte.

Gottes Weisheit. Unser Glück. Und alles, was wir nötig haben.

Amen.