Möglichkeitsmensch - Predigt zu 1. Mose 16,13 von Bischof Dr. Michael Bünker

Diese Predigt wurde zum Ökumenischen Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt auf der Schlosswiese Wittenberg im Rahmen des Kirchentages 2017 gehalten.

 

Liebe Gottesdienstgemeinde auf der Schlosswiese,

in meiner österreichischen Heimat gehört es zum guten Ton, dass man den Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil gelesen hat. Er erzählt die Geschichte Kakaniens, so nennt Musil die alte Habsburgermonarchie, kaiserlich und königlich, k und k, daher Kakanien. Im Roman prallen zwei Prinzipien aufeinander, einmal der Wirklichkeitssinn und dann der Möglichkeitssinn. Diesen Prinzipien begegnen wir heute überall, wir begegnen ihnen, wenn wir auf Europa blicken, auf seine Wirklichkeit und auf seine Möglichkeit, wir begegnen ihnen im Blick auf unsere Länder, wo wir auch alles Mögliche wahrnehmen und uns ausmalen und in ein Verhältnis bringen müssen zur Wirklichkeit, wie sie nun einmal ist, wir begegnen ihnen auch in unserem persönlichen Leben, das ja nie einfach aufgehen will und aufgehen soll im Wirklichen, sondern sich immer darüber hinaus sehnt und träumt in das Reich der Möglichkeiten. Im Roman Robert Musils bewegt sich Ulrich, die Hauptfigur, eben der Mann ohne Eigenschaften. Ulrich ist ein Möglichkeitsmensch. Möglichkeitsmenschen haben gewisse Schwächen, sie können sich schwer oder gar nicht für dies oder das entscheiden, sie verirren sich auf den ausgetretenen Straßen der allgemeinen Regeln und der Vernunft, sie gebrauchen gerne und viel zu oft den Konjunktiv, wenn sie reden. Aber sie bringen eine große Stärke mit: Möglichkeitsmenschen sind Anwälte für die noch nicht geborenen Wirklichkeiten! So formuliert es Musil: Möglichkeitsmenschen sind Anwälte für die noch nicht geborenen Wirklichkeiten.

Einem solchen Möglichkeitsmenschen, einem solchen Anwalt der noch nicht geborenen Wirklichkeit begegnet Hagar auf ihrer Flucht in der Wüste. Weil das Buch Genesis lange vor Robert Musils Mann ohne Eigenschaften geschrieben wurde, steht dort noch nichts vom Möglichkeitsmenschen. Die Bibel nennt den Anwalt der noch nicht geborenen Wirklichkeit einen Engel, einen Boten Gottes. Das tut die Bibel öfter, wenn sie nicht recht weiß, wie diese Personen bezeichnet werden sollen, die als Anwältinnen und Anwälte der noch nicht geborenen Wirklichkeit in Erscheinung treten. Hagar, die schwangere, flieht. Der Engel fragt sie: Woher kommst du? Wo willst du hin? Sie kann nur auf die erste Frage antworten: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen. Auf die zweite Frage, auf die nach der Zukunft, nach ihrem Ziel, weiß sie nichts zu sagen. Ihre Wirklichkeit kennt keine Möglichkeit. Nicht mehr. Noch nicht. Sie steckt fest. Wie die Menschen auf der Flucht, die irgendwo zwischen Serbien und Ungarn, im Libanon oder in Jordanien, auf einer griechischen Insel oder in Italien oder hier bei uns in den langen Verfahren feststecken. Woher sie kommen, das wissen sie. Wie es weitergeht mit ihnen, wo sie hinwollen dürfen, das wissen sie oft nicht. Die biblische Geschichte verdichtet diese Fluchterfahrung in wenigen Worten und konzentriert sie ganz auf die schwangere Frau, auf den verletzlichsten Ort, den Menschen kennen, den verwundbarsten Ort der ganzen Welt. Im Buch der Offenbarung begegnet uns wieder die schwangere Frau, auf der Flucht vor dem Drachen, vor dem apokalyptischen Bösen, das das Leben insgesamt bedroht, indem es diesem einen Leben, dem noch ungeborenen, im Leib seiner Mutter nachstellt. Ich bin geflohen. Ich weiß nicht wohin. Immer wieder lenkt die Bibel unseren Blick auf die Verletzlichen. Wenn schon sonst niemand – Gott naht sich ihnen. Er sieht sie, genau die, die aus dem Blick aller anderen verschwunden sind. Für Abram und Sarai, wie die beiden Alten, die Hagar zur Flucht getrieben haben, hier noch heißen, war die Schwangere aus den Augen, aus dem Sinn. Allein bleiben sie zurück mit ihrer Zukunftslosigkeit.

Du wirst ein Kind gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen. O ja, das kommt uns bekannt vor. Fast wortgleich sagt das der Engel, der Möglichkeitsmensch, auch der jungen Maria: Du wirst schwanger werden, einen Sohn gebären und sollst ihm einen Namen geben: Jesus.

Mit dem Namen ändert sich plötzlich alles. Hagar weiß: Wer einen Namen hat, hat Zukunft. Wer einen Namen hat, wird unter die Lebendigen gezählt. Wer einen Namen hat, gehört dazu. Ist vom No-body zum Some-body geworden. Der Möglichkeitsmensch ist der Anwalt der noch nicht geborenen Wirklichkeit. Der Engel gibt dem noch nicht geborenen Sohn der Hagar einen Namen. Ismael. Das heißt: Gott hört. Der Engel sieht schon, was noch gar nicht da ist. Er sieht die Zukunft mitten in der undurchschaubaren Gegenwart, die vielleicht noch verdunkelt und überschattet ist von den schlimmen Dingen der Vergangenheit. Darauf reagiert Hagar und legt sich auf ihren Namen für Gott fest: Du bist ein Gott, der mich sieht. El-Roi auf Hebräisch, kurz und bündig. Die Zukunft öffnet sich uns gemeinsam, Frau und Kind und Frau und Kind und Gott. Und wie im Überschwang beginnt sie plötzlich auch den Ort zu benennen, das ist der Brunnen und er verdient es auch, einen eigenen Namen zu tragen, Brunnen des Lebendigen, der mich sieht, und er liegt zwischen zwei Orten, deren Namen ebenfalls genannt werden: Kadesch und Bered.

Mit ihrer eigenen Geschichte, ihrer eigenen Erfahrung benennt Hagar alles: Himmel und Erde, Gott, Kind und Brunnen und nimmt damit sich selbst und alles hinein in die Geschichte, die ihr eröffnet wird, die ihre Geschichte wird. Plötzlich weiß sie, wo sie hin will. Da ist nichts Fremdes mehr, nichts bleibt unpersönlich, anonym. Alles hat mit ihr zu tun und fügt sich zum Guten. Es ist ihre Welt, ihre Geschichte, ihr Leben. Sie kann ihren Weg gehen.

Ich staune immer über die biblischen Geschichten, die uns erzählen, wie konsequent der liebende Gott sich den Menschen zuwendet. Am liebsten denen, die am Rand stehen. Die verschwunden sind, vergessen wurden, von denen wir keine Namen wissen und nie einen erfahren werden. Er sieht sie, genau sie, die sonst übersehen werden oder am besten ganz verschwinden sollen. Er sieht sie, genau sie, gerne, er sieht sie sogar lieber als sich selbst.

Allzu oft und allzu gern wurde aus dem Gott, der mich sieht ein absoluter Überwachungstyrann, der mich bespitzelt und überwacht. Die moralische Superinstanz, die selbst die kleinsten Verfehlungen, die im Dunklen geschehen, noch wahrnimmt und registriert. Was für eine Verkehrung! Im Namen Hagars und ihres Gottes widerspreche ich einem solchen Gottesbild. Dieses Sehen, der Blick der Videoüberwachung, fixiert die Gegenwart, indem es die Vergangenheit für alle Zeit dokumentiert. Es will die Wirklichkeit sichern, ohne Möglichkeit wahrzunehmen. Misstrauen und Angst lenken den Blick. Zukunft eröffnet das keine. Gottes Sehen hingegen befreit von den Schatten der Vergangenheit, bricht die bedrückenden Zwangslagen der Gegenwart auf und öffnet die Zukunft. Es ist die Zuwendung aus Liebe. Dass wir diese biblischen Geschichten haben, dass uns hier auf der Schlosswiese in Wittenberg von einer schwangeren Frau in der Wüste Negev an einem Brunnen erzählt wird, das ist ein besonderes Geschenk, ein Reichtum, eine Inspiration für unseren Glauben und unser Leben. Unser Möglichkeitssinn wird geweckt! Wir können anders, wir können neu, weil Gott uns hört, weil Gott uns sieht. Er will uns erhören und ansehen. Es ist nichts als Gnade, wunderbare Gnade, es ist Amazing Grace.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus,

Amen