Nur sich selber oder die anvertraute Herde weiden – Predigt zu Hesekiel 34,1-2.(3-9).10-16.31 von Mira Stare

Liebe Schwestern und Brüder,

die heutige Schriftlesung aus dem Buch Hesekiel setzt sich mit dem Hirtenbild auseinander. Hirte ist in der Bibel einer der wichtigsten Alltagsberufe. Die wesentliche Aufgabe des Hirten ist die zuverlässige Sorge für die einzelnen Tiere wie auch für die gesamte Herde. Das Hirtenbild wird in der Bibel und auch im Buch Hesekiel auf die Menschen übertragen, die in der Gemeinde eine Leitungsfunktion in Bezug auf andere Menschen haben. Schließlich wird das Hirtenbild für Gott und im Neuen Testament auch für Jesus verwendet.

Nicht immer werden in der Bibel die Hirten gelobt. Auch im ersten Teil der heutigen Schriftlesung dominiert die kritische Stimme gegenüber den Hirten Israels. Denn sie haben ihre wesentliche Aufgabe, für die ihnen anvertraute Herde bzw. anvertrauten Menschen zu sorgen, völlig vernachlässigt. So bringt die Hauptproblematik bereits der einführende Wehruf zum Ausdruck:

Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? (Hes 34,2).

Die Hirten, die nur sich selber und nicht die Herde weiden, sind keine Hirten. Sie schauen nur auf ihr eigenes Interesse. Dabei sorgen sie nicht mehr für die ihnen anvertrauten Tiere, sondern nutzen und beuten sie sogar aus und das bis zur Vernichtung. So nehmen diese Hirten von ihren Tieren Milch zum Trinken, die Wolle für die Kleidung und das Fleisch der geschlachteten Tiere zum Essen. Ebenso kümmern sie sich nicht um die verletzten oder verirrten Tiere. Demzufolge werden die schwachen und verlorenen Tiere zur Beute und zum Fraß wilder Tiere. 

Im Buch Hesekiel greift Gott selber in dieses Geschehen des Ausbeutens ein und kommt zum Beschluss:

Die Hirten „sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen“ (Hes 34,10).

Gott macht klar, dass diesen Hirten seine eigenen Schafe anvertraut sind. Da die Hirten sie aber nicht behütet, sondern ausgenutzt haben, werden sie ihnen genommen. Gott rettet seine Schafe aus ihren Händen. Er selber wird sich nun um sie kümmern. Er wird sie suchen und auf die gute Weide führen. So spricht er eine seiner schönsten Zusagen:

„Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist“ (Hes 34,15f).

Liebe Schwestern und Brüder, auch wenn die Worte aus dem Buch Hesekiel schon vor vielen Jahrhunderten aufgeschrieben worden sind, sind sie noch immer aktuell. Sie möchten nicht nur die Verantwortungsträger*innen in verschiedenen Kontexten (wie zum Beispiel Gesellschaft, Kultur, Politik, Wirtschaft, Religion) ansprechen. Nein, sie stellen jede und jeden von uns vor die Frage: Weiden wir nur uns selbst oder die uns anvertraute Herde? Bemühen wir uns, dass es nur uns selber gut geht, oder auch unseren Mitmenschen? Die Mitmenschen, die uns anvertraut sind, finden wir bereits in der eigenen Familie (Partner*in, Kinder, Eltern, Großeltern, Schwiegereltern und die Mitglieder der erweiterten Familie). Auch in den Bereichen, wo wir mit anderen Menschen miteinander arbeiten und leben, haben wir die Hirtensorge inne. Ebenso bei unseren Nachbaren, Freunden, Bekannten. Nach dem Vorbild Gottes, der sich als Hirte vor allem um seine verlorenen und verletzten Schafe kümmert, sind auch wir motiviert, uns vor allem den Menschen, die in ihrem Leben ausgesetzt, schutzlos, verletzt oder verloren sind, fürsorgend zuzuwenden. Wenn wir unsere Augen und Ohren und vor allem unsere Herzen öffnen, dann werden wir jeden Tag die neuen Möglichkeiten entdecken, wo wir als Hirtinnen und Hirten in unserer Zeit zum Einsatz gerufen sind.

Gott selbst wie auch sein Sohn Jesus Christus gehen uns als gute Hirten voraus. Liebe, Achtsamkeit und Barmherzigkeit sind uns Menschen durch sie geschenkt. Wir können jeden Tag unseres Lebens, sowohl in unseren schönsten als auch in unseren dunkelsten Tagen gewiss sein: Wir können nicht zugrunde gehen. Denn Gott und Jesus, unsere guten Hirten, sorgen für uns und schenken uns jeden Tag neu das Leben und die Gemeinschaft mit ihnen und unseren Mitmenschen. Wir bekommen von ihnen die gute und bleibende Weide und sind von ihnen getragen und versorgt. So brauchen wir nicht mehr ängstlich nur um uns selber besorgt sein und nur uns selber weiden, sondern können unsere ganze Achtsamkeit der uns anvertrauten Herde widmen. Es sind die Menschen, die uns von Gott geschenkt sind, und wir dürfen als Hirtinnen und Hirten für sie tätig sein. Es sind die Menschen, die letztlich Gott selber gehören. Erweisen wir uns als gute und vertrauenswürdige Hirtinnen und Hirten unserer Mitmenschen. Gott und Jesus zeigen uns den Weg und gehen uns als große Hirten mit Liebe und Barmherzigkeit voran.