Ob etwas bleibt? - Predigt zu Matthäus 28,1-10 von Peter Michael Schmudde

Auf dem Tisch brennt eine Kerze. Die großen, wasserhellen Kinderaugen schauen in das Licht. Es ist wie Zauberei, dieses flackernde Etwas.
Und dann pustet einer. Und alles ist vorbei. Die blauen Augen wandern flink durch den Raum: Irgendwo muss die Flamme doch geblieben sein. Ist sie weg jetzt? Wohin denn nur?
Sie schaut mich an, schaut durch den Raum. Und ein bisschen muss sie weinen. Es war doch so schön – jetzt ist es weg.
In ihren Tränen spiegelt sich mein eigenes Fragen. Schon als das seltsame Kind, das ich war, habe ich mir seltsame Fragen gestellt. Und solche Fragen sind immer noch da.

Ob etwas bleibt?
Wohin geht die Flamme einer Kerze, wenn ich sie auspuste?
Was bleibt von den Büchern, die ich gelesen habe?
Geht es einfach weg, was ich erlebt habe?
Bin ich immer derselbe? Wird’s je wieder so schön?
Werde ich mein Paradies noch einmal finden, wenn ich an den Ort gehe, an dem es begraben liegt?
Ist alles noch wahr, was ich jetzt mache, wenn ich alt geworden sein werde?
Was wird aus dem Augenblick mit meinem Opa? Wo ist das, was zwischen uns war, jetzt, wo er tot ist? Bleibt etwas von der Liebe, die ich mal für jemanden hatte und die irgendwann ging? Und wohin ist sie gegangen?
Ob etwas bleibt?

Sie gehen durch den frühen Morgen. Dorthin, wo er liegt in dieser Höhle. Immer noch ist es nicht richtig wahr. Zittrig wie ein Vogel im Käfig flattern ihre Seelen. Irrsinnig quält sie jetzt wie in den beiden durchwachten Nächten der Wunsch, dass es doch nicht wahr sein möge: Wie sie seinen blutigen Körper vom Kreuz genommen haben, wie sie ihn in Tücher gewickelt und mit Kräutern bedeckt haben, wie die Männer den großen Stein vor die Öffnung gerollt haben… Die Bilder brennen in der Seele und in den tränenleeren Augen. Was suchen sie eigentlich hier? Was wollen sie finden? Erinnerungen?
Erinnerungen finden, ja, vielleicht. Aber geht das? Sich erinnern, wenn alles noch so lebendig ist? Und doch: Vorbei, vorbei…?
Ihre heimatlos gewordene Liebe irrt ziellos herum. Und sie braucht ein Asyl. Ja, erinnern wäre gut. Vielleicht kann sie sich da einnisten, ein wenig bleiben: In der Erinnerung. Wie er war, wie er ausgesehen hat, gesprochen, gelacht, geliebt und getanzt hat. Sich der Worte erinnern. Und immer wieder an sein Gesicht. Vielleicht findet die heimatlose Liebe dort mit der Trauer einen kühlen Platz. Vielleicht ist es gut, sich den schweren Stein noch einmal anzusehen. Vielleicht kommen auch die Tränen wieder über das, was sie einst hatten: Eine Liebe, die so stark war, dass sie Ewigkeit versprechen konnte. Einen Menschen zu lieben, heißt sagen, du wirst nicht sterben. Das geht nie vorbei. Aber: Wo ist es hin?

Fragen. Danach, ob wahr bleibt, was gewesen ist. Oder ob Ende wirklich Ende heißt. Der kühle Morgenwind des ersten Wochentages lässt sie frösteln, lässt sie spüren, wie leer, kalt und tot ihre Seelen sind, für jeden Wind ein leichtes Spiel.
Wohin ist das alles, was einmal Kraft, Energie, Licht, Luft, Segen und Leben war?
Ist es denn wirklich möglich, dass es einfach verschwindet, weg, als sei es nie da gewesen? Ist das Leben wirklich so, dass wir alle fortgesetzt und immerzu etwas zu Grabe tragen?

Manchmal gehe ich zu den Gräbern, in denen schon so viel von meinem bisherigen Leben liegt. Ich möchte es wiederfinden: Das was da war. Ich möchte sehen, ob da noch etwas ist. Wenigstens möchte ich es betrauern dürfen. Will ich das?
Und ich finde etwas. Es lebt wieder. Aber es ist nicht dasselbe, was es war. Es ist Erinnerung, aber auf einmal ist es wieder da. Es riecht und schmeckt und sieht aus wie früher. Aber ich bin nicht mehr derselbe. Ich bin anders. Und was ich treffe vom Vergangenen, hat sich nicht nur selbst verändert, sondern es hat sich auch verändert, dadurch, dass ich mich verändert habe. Nach manchen Träumen erwache ich und bin todtraurig, dass ich jetzt hier und jetzt bin und nicht da, wo ich mal war.

Manche Sachen werden nicht mehr gut. Ich hätte sie so gern wieder gut. Aber ein unsichtbarer Graben liegt dazwischen. Und auch das, was wieder gut wird, trägt doch die Spuren der Zeit auf sich, in denen es nicht gut war. Manchmal finde ich etwas, was mich überrascht.

Der kühle Morgenwind scheint plötzlich stillzustehen. Vor dem Stein liegen die Wächter wie tot. So, als sei die eben noch so schauerlich bewachte schreckliche Wirklichkeit nicht mehr wahr. Sie sehen etwas, wie einen Blitz. Und eine Stimme beantwortet ihnen die Frage, von der sie selbst gar nicht gewusst haben, wie sie wirklich heißt: „Ich weiß, dass Ihr Jesus, den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier.“
Euer Leben liegt nicht in den Gräbern, die Ihr Euern Vergangenheiten gemacht habt. Es ist Leben. Es lebt.
Aber nicht dort, wo Ihr es hinlegen wolltet. Geht mit denen, die dazu gehören. Dorthin, wo es angefangen hat. Dort werdet Ihr es sehen.
Als sie die Füße umfangen und er ihnen sagt: Friede sei mit Euch!, da fühlt es sich vertraut an, aber es fühlt sich ganz anders an. Da sind die Wunden an seinem Körper und die Wunden auf ihrer Seele. Sie fühlen sie an ihm und an sich. Und doch: Es ist etwas da – hell und wie ein Blitz. Und was eben noch stimmte, stimmt nicht mehr. Und die Unabänderlichkeiten liegen am Boden, als seien sie tot.
Jetzt sollen sie nach Hause gehen. Dorthin, wo alles anfing. Sie sollen nicht in dem Garten der Toten bleiben, sie sollen los – neu, mit der Liebe im Herzen, die ihm versprochen hat, dass er nicht stirbt. Nicht geht. Nicht verlischt. Nichts ist aus. Aber nichts ist, wie es war. Und was kommt, wird etwas vertrautes Neues sein.
Mein Leben liegt nicht in Gräbern. Und das Erinnern ist wirklich nur ein Asyl, ein Zelt für meine schon so oft heimatlos gewordene Liebe und für die Trauer um das, was gewesen ist.
Das Leben lebt. Mit allem, was war in dem, was kommen wird. Es geht nichts verloren. Aber es wird anders sein.

Ich zünde die Kerze wieder an. Plötzlich ist sie wieder da, die Flamme. Sie sieht genauso aus wie vorher. Und doch ist sie eine andere. Die glücklichen Augen des kleinen Mädchens bestaunen das Auferstehungswunder.
Und ich möchte an Ostern glauben. An das Leben. An das, was kommt. Mit allen Narben dessen, was war. Denn das Leben ist auferstanden und hat den Tod besiegt. Amen.