Opfer sind passé – Predigt zu Hebräer 9,(11-14)15(16-26a).26b-28 von Peter Haigis

Tanzverbote?

Alle Jahre wieder … ist nicht nur Weihnachten, sondern auch Ostern. Alle Jahre wieder geht dem Osterfest die Passionszeit voraus, die sozusagen im Karfreitag gipfelt. Und alle Jahre wieder hebt um diesen Tag eine merkwürdige Debatte an, ob gesetzliche Tanzverbote an Karfreitag Sinn machen oder nicht. Auch in diesem Jahr wird es Leute geben, die kaum größere Lust verspüren, als ausgerechnet an diesem Tag des Jahres ihrem Tanzvergnügen nachzugehen. Wo Verbote sind, da regt sich eben auch die Lust, diese zu missachten oder zu übertreten – vielleicht sogar noch umso mehr.

Ich persönlich bin diese Debatte leid. Wir leben in einer Gesellschaft, in der ohnehin jede und jeder in seiner Freizeit tun und lassen kann, was er will. Wer mit der christlichen Tradition von Passion und Ostern etwas anfangen kann, der wird an Karfreitag vielleicht Gottesdienste und Meditationen oder Andachten besuchen, vielleicht auch ein Konzert, die Aufführung einer Passionsmusik oder ähnliches. Wer damit absolut nichts anfangen kann, wird diesen Tag anders gestalten und vielleicht – warum nicht? – Tanzen gehen. Jeder nach seiner Fasson!

Ist es so einfach? So beliebig? Einen kleinen Haken hat die Sache freilich: Noch ist der Karfreitag ein staatlich geschützter Feiertag. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass das Anliegen, das hinter diesem christlichen Feiertag steht, auch als gesamtgesellschaftlich relevant aufgefasst werden kann. Und in der Tat: Man muss keineswegs Christ sein, um den Sinn von Karfreitag zu verstehen. Im Kern geht es an diesem Tag darum, dass wir in einer Welt leben, die ohne die Beschädigung menschlichen Lebens und ohne Opfer offenbar nicht auskommt. Und das ist beschämend! Karfreitag kann eine Chance sein, hier innezuhalten und darüber nachzudenken, warum dies so ist oder auch möglicherweise so sein muss bzw. wie wir mit derlei Beschädigungen und Opfern umgehen wollen. Eine Chance, nicht mehr und nicht weniger – und die verdient es, im Trubel der übrigen 364 Tage im Jahr mit ihrem Rummel nicht unterzugehen.

Wer trotzdem lieber tanzen will oder muss – bitte! Man kann niemanden zu Anstand und Respekt gegenüber denen zwingen, die das Leben eben nicht als unversehrt ansehen oder gar erleben. Aber dann wenigstens hinter verschlossenen Türen!

 

Opfer

Im religiösen Sinne von „Opfer“ zu reden, ist aus der Gewohnheit gekommen. Wir kennen „Mordopfer“, „Unfallopfer“ etc. und wir „opfern“ allenfalls unsere Zeit, unser Geld oder unsere gute Laune. Dieser gewandelte Sprachgebrauch hat mit einer veränderten Lebenswirklichkeit zu tun. Beides, die veränderte Lebenswirklichkeit wie der gewandelte Sprachgebrauch, trennt uns von der Zeit, vom Lebensort und von den Gewohnheiten, die der Verfasser des Hebräerbriefs und seine Adressaten kennen. Und es ist gut, dass wir diesen Abstand haben, denn er ist ganz im Sinne des Hebräerbriefs – wie wir gleich noch sehen werden. Genau genommen hat der Hebräerbrief seinen Anteil an der Abschaffung religiöser Opfervorstellungen und damit auch an der Abschaffung der Opferpraxis.

Zu der Zeit, als der Hebräerbrief abgefasst wurde, war das religiöse Opferwesen im höchsten Maße alltagspräsent, unter anderem im Jerusalemer Tempelkult, aber auch in heidnischen Zusammenhängen im weiten römischen Weltreich. Es wurde geopfert, um die Götter zu beeinflussen, um sie milde zu stimmen. Es wurde geopfert, um Gott zurückzugeben, was ihm gehört an Leben. Und es wurde geopfert – so insbesondere im Judentum –, um vor Gott eine Sühneleistung zur Vergebung von Schuld und Sünde zu erbringen. Der Opferdienst im Jerusalemer Tempel stand – ganz abgekürzt formuliert – in der Funktion, Gemeinschaft zwischen dem Menschen und Gott zu ermöglichen. Der Mensch war in und durch Sünde verunreinigt und von Gott in seiner Heiligkeit und vollendeten Reinheit getrennt. Hier schloss das Opferwesen die Kluft und überbrückte den Graben. Die Priester im Tempel vollzogen dies in ihren täglichen Opfern mit den individuell dargebrachten Opfergaben und der Hohepriester vollzog es einmal im Jahr stellvertretend für das ganze Volk.

 

Gott und menschliches Leiden

Der Verfasser des Hebräerbriefes, den wir übrigens nicht namentlich kennen, schreibt an Gemeinden judenchristlicher Herkunft und er steht beim Blick auf die Frage „Opfer – ja oder nein?“ vor einem nicht gerade kleinen Problem. Eines ist ihm jedenfalls klar und daran soll nicht gerüttelt werden: Jesus ist der Christus; er ist der Sohn Gottes. Dieses Bekenntnis, das Christen zu Christen macht, ist ihm eine unaufgebbare Voraussetzung. Doch dieser Jesus von Nazareth starb am Kreuz einen blutigen und schmachvollen Foltertod. Warum? Wie lässt sich das mit seiner Gottessohnschaft zusammenbringen? Welchen Sinn sollte sein Tod haben, wenn er nicht einfach nur grausames und willkürliches Schicksal ist?

Eine Möglichkeit wäre es, den Tod Jesu, also den Tod des Sohnes Gottes, als Selbsthingabe zu verstehen. Das läge dann ganz auf der Linie von Weihnachten und der Menschlichkeit Gottes. Gott ist in Jesus den Menschen ganz nahe gekommen. Er ist sozusagen „einer von uns“ geworden, hat „Fleisch und Blut“ angenommen, wie es traditionell heißt – damit die Menschen Gott besser verstehen und damit Gott die Menschen versteht, gewissermaßen von innen heraus. Dabei ist Gott nicht nur das Schicksal eingegangen, das mit jedem menschlichen Leben verbunden ist, nämlich zu scheitern, zu leiden und zu sterben. Er ist zugleich das Risiko eingegangen, missverstanden bzw. überhaupt nicht verstanden und erkannt zu werden – und genau aus diesem Grund dann auch an Leib und Leben bedroht zu werden. Man kann sagen – und Jesu Tod so deuten: in ihm hat sich Gott selbst bis ins tiefste menschliche Martyrium hinein erniedrigt.

 

Christus als der ultimative Hohepriester

Das wäre – wie gesagt – eine Möglichkeit. Der Verfasser des Hebräerbriefes wählt jedoch einen anderen Weg. Er interpretiert Jesu Tod vom Opfergedanken her. Und auch hier ergeben sich wiederum unterschiedliche Möglichkeiten: So könnte man z.B. Jesus selbst als den Gegenstand verstehen, der geopfert wird. Ein Gedanke, der übrigens an anderen Stellen des Neuen Testaments auftaucht: Jesus als Opferlamm. Doch auch hier schlägt der Verfasser des Hebräerbriefs eine andere Richtung ein: Bei ihm ist Jesus Christus selbst der Hohepriester.

Wenn wir dem Gedankengang des Verfassers des Hebräerbriefes genau folgen, merken wir, dass er sich selbst zu diesem – offenbar ganz neuen und originellen – Gedanken erst durchringen muss. Deshalb steht zunächst noch die etwas schiefe Parallele im Raum, dass der Hohepriester bei seinem Opferritus natürlich nicht sein eigenes Blut vergießt, sondern das von Opfertieren, während Jesus bei seinem Tod am Kreuz sein eigenes Blut vergießt, das dann als viel wertvoller erachtet wird als das Blut eines jeden Opfertieres.

Entscheidend ist für den Verfasser des Hebräerbriefes aber gar nicht so sehr das Blutritual, sondern etwas anderes. Das wird am Ende unseres Abschnittes deutlich: Entscheidend ist für ihn, dass Jesus Christus wie ein Hohepriester für uns Menschen bei Gott einsteht – als Fürsprecher der Menschen vor Gott.

Damit verändert sich aber noch etwas anderes ganz entscheidend: Opfer, wie sie bislang praktiziert wurden, mussten immer wieder neu vollzogen werden, Jahr für Jahr oder auch Monat für Monat bzw. Woche für Woche. Denn immer wenn die Sünde erneut zwischen Mensch und Gott trat (also ständig), musste sie auch wieder neu aus der Welt geschafft und die Reinigung vollzogen werden – durch Opferungen. Das „Opfer“ Christi dagegen ist einmalig und unwiederholbar. Es genügt, dass Jesus Christus einmal dieses höchste und größte und in seiner Art einzigartige Opfer vollzogen hat und nun zum immerwährenden Fürsprecher und Anwalt der Menschen vor Gott geworden ist, denn als Sohn Gottes ist er Gott ja nahe wie niemand sonst.

Alles, was wir bislang erlebt haben, war die ständige Wiederholung der Opferungen im Tempel. Doch nun geht der Blick direkt in den Himmel. Mit der alten Opferpraxis ist Schluss. Der Mensch hat sie nicht mehr nötig. Jesus, der Mensch gewordene Gottessohn, tritt für den Menschen vor Gott ein – ohne weitere Opfer.

 

Opfer sind passé

Nach dem Tod Jesu Christi bedarf es keiner Opfer mehr – jedenfalls nicht im religiösen Sinn. Aus Gottes Perspektive ist die Opferung von Lebendigem – zu welchem Zweck und für welche Sünde auch immer – ein- für allemal passé. Wenn das aber vor Gott gilt, sollte es nicht umso mehr vor und unter uns Menschen gelten? Sollten Opfer nicht auch in dieser Welt passé sein?

Das würde zunächst bedeuten, dass es uns verboten ist, menschliches Leben zu opfern. Dann sollten wir es aber auch nicht so nennen, denn die Sprache verrät uns. Dass sich Soldaten im Kriegseinsatz „opfern“, ist widersinnig. Schlimm genug, wenn sie dabei ihr Leben lassen müssen – aber es für einen höheren Zweck quasi veredeln zu wollen, ist verquer. Umgekehrt müssen wir uns eher fragen, was mit und an unserem Leben schief läuft, wenn es derlei scheinbarer „Opfer“ bedarf. Wenn überhaupt, dann sind „Opfer“ ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt mit der Art und Weise, wie wir leben. Spätestens nach Jesu Tod also sind „Opfer“ ein Skandal – wenn sie es nicht schon zuvor waren und eben erst spät in der Geschichte der Menschheit durch den Anfang, der mit Karfreitag einsetzt, als solch ein Skandal erkennbar wurden.

Was im Blick auf den Tod von Soldaten im Kriegseinsatz gilt, stellt sich an anderen Bereichen unseres Lebens nicht anders dar: „Opfer“ in der Medizin oder für pharmazeutische Forschung? Verkehrstote als „Unfallopfer“? „Opfer“ einer terroristischen Gewalttat? Immer zeigt das Wort „Opfer“ eigentlich nur an, dass etwas mit unserem Leben nicht stimmt. Denn wenn es „Opfer“ gibt oder scheinbar geben muss, so ist das unerträglich.

Ebenso unerträglich sind die „Opfer“ einer Erdbeben- oder Flutkatastrophe. In diesem Fall wird sich unsere Klage und unser Protest möglicherweise auch gegen Gott richten – im Namen Jesu Christi, der doch allem Opferwesen ein Ende gemacht hat. Im Angesicht derartig schrecklicher Ereignisse fragen wir uns nach dem Sinn solch einen Todes. Möglicherweise entdecken wir über diesem Fragen auch unser eigenes schuldhaftes Handeln und Planen, denn dass Menschen bei Erdbeben unter den Trümmern von Häusern begraben werden oder in Wasserfluten umkommen, ist zum Teil auch menschengemacht. Oft trifft es die Armen, die sich das teure Bauland nicht leisten können und in gefährlichen Flussmündungsgebieten ansiedeln müssen oder die sich keine stabilen Häuser zu bauen vermögen…

„Opfer“ sind immer skandalös und unerträglich, auch wenn es vielfach unvermeidlich ist, von „Opfern“ zu sprechen. Sie zeigen uns an, wo etwas mit unserem Leben nicht stimmt. Und das gilt sicherlich nicht nur für menschliches Leben; es gilt auch für das Leben von Tieren. Selbst wenn das religiöse Opferwesen mit Tieropfern ausgedient hat, so gibt es heute dennoch sinnlose Massenschlachtung und Massenkeulung von Tieren. Und wir müssen uns kritisch fragen: Welcher Lebensstil rechtfertigt solches Massensterben?

Opfer sind passé! Vor Gott, aber auch vor den Menschen. Wo sie geschehen und wo wir von ihnen sprechen, ist unser Leben beschädigt und schreit nach Heilung. Amen.