Ostern ist eine Auferstehungsgeschichte – Predigt zu 1. Samuel 2,1-2.6-8a von Christiane Borchers

Liebe Gemeinde!

Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Die Wärterin hat den Schlüssel in das Schloss gesteckt und die Tür aufgeschlossen. Dina ist von dem Geräusch aufgewacht. Sie liegt auf ihrer Pritsche und hebt leicht den Kopf. Die Wärterin öffnet die Gittertür. Dina bleibt liegen, guckt nur zu der Wärterin hoch. Sie erwartet nichts von ihr, außer dass sie ihr das Essen bringt wie jeden Tag. Dina hat sowieso keinen Appetit. Sie hat resigniert. Dina ist in einer nur wenige Quadratmeter großen Zelle eingesperrt. Das kleine Fenster hoch oben an der Mauer lässt nicht viel Tageslicht durch. Dina ist schon eine ganze Weile hier. Warum, weiß sie nicht. Niemand sagt ein Wort. Die Tage sind trostlos, die Unsicherheit ist zermürbend. Sie hat Angst, den Verstand zu verlieren. Sie zermartert sich den Kopf, jeden Tag aufs Neue. In der Nacht findet sie keine Ruhe. Sie muss abschalten, das weiß sie, sonst wird sie noch verrückt. Sie bekommt keine Antwort auf ihre Fragen.

Dina lässt den Kopf wieder sinken. Die Wärterin wird das Essen abstellen und wortlos die Zelle verlassen. „Hey, du da, aufstehen!“ befiehlt diese in einem barschen Ton: „Mitkommen.“  Dina reibt sich die Augen, begreift nicht sofort. „Hast du nicht gehört!“, schnauzt die Wärterin sie an „Mach schon! Glaubst du, ich will hier ewig auf dich warten?!“ Benommen richtet Dina sich auf, erhebt sich von der Pritsche und steht benommen auf. „Da lang“ kommandiert die Wärterin und stößt sie zur Tür hinaus. Mechanisch folgt Dina dem Befehl der Wärterin. Die Wärterin treibt sie einen Gang entlang, die Treppe hinunter, eine Etage tiefer dieselbe Richtung wieder zurück. Horrorgedanken schießen Dina durch den Kopf. Was wollen die von mir? Wollen sie mich verhören? Werden sie mich schlagen?

„Warten“ stoppt die Wärterin Dina. Die Wärterin macht vor einem Glashaus am Ende des Ganges Halt. Hinter dem Glashaus sitzen zwei Männer, die gelangweilt auf Papiere gucken. Sie beachten Dina nicht, tun so, als ob sie Luft wäre. „Habt ihr die Papiere fertig?“ fragt die Wärterin ungehalten. Einer der beiden Männer greift nach zwei, drei Papieren, stempelt sie und überreicht sie missmutig der Wärterin. „Da“, sagt er und wendet sich seinem Kollegen zu. Die Wärterin nimmt die Papiere an sich und drückt sie Dina in die Hand. „Du bist entlassen, du kannst gehen“, bollert sie, dreht sich auf den Absatz um und lässt eine verdatterte Dina stehen. Der eine Mann im Glashaus drückt auf den Knopfsummer, die Tür öffnet sich. „Na los“, herrscht er Dina an „Geh schon, oder soll ich die Tür wieder zumachen?“ Eilig verschwindet Dina durch die Tür. Sie steht draußen vor dem Gefängnis. Die Sonne scheint, verblitzt ihr fast die Augen,  grell leuchtet das helle Tageslicht. Monatelang hat Dina die Sonne nicht mehr gesehen.

Was ist passiert, fragt Dina sich. Sie wird keine Antwort darauf bekommen. Es wird ihr ein Rätsel bleiben, warum sie eingesperrt worden ist und warum sie wieder freigekommen ist. Innerlich fröstelnd entfernt Dina sich von dem Ort des Schreckens. „Bloß weg“ ist ihr einziger Gedanke. Gehetzt irrt Dina durch die Straßen. Sie läuft den ganzen Tag ziellos umher, es wird schon dunkel. Schließlich lässt sie sich auf eine Bank nieder, kommt ein wenig zur Besinnung. Was soll sie tun? Wohin soll sie gehen? An wen kann sie sich wenden? - Sie wird zu ihrer Mutter gehen und sie um Hilfe bitten.

Sie findet Obdach. Ihre Mutter gibt ihr eine erste Heimstatt. Sie kommt wieder zu sich selbst. Später helfen andere Menschen ihr weiter, sorgen dafür, dass sie ein Flugticket bekommt. Dina ist ein Land geflogen, indem sie in Sicherzeit ist.  Als sie im Gefängnis saß, hätte sie nicht gedacht, dass sich ihr Leben je ändern würde.

Sie hat sich von einer verzweifelten Frau, die resigniert hat, in eine Frau verwandelt, die wieder Hoffnung schöpft und lachen kann. Nicht ist nicht sofort geschehen, das hat gedauert und war ein  Prozess.

„Mein Herz ist fröhlich, mein Haupt ist erhöht“, jubelt Hanna in unserem Predigttext. Die, die als unfruchtbar galt, hat ein Kind bekommen. Hanna hat darunter gelitten, dass sie keine Kinder bekommen hat, obwohl sie bereits Jahre mit Elkana verheiratet ist. Kinderlosigkeit ist im Alten Israel für eine Frau ein großer Makel. Ein Mann kann seine kinderlose Frau verstoßen. Das kann ihre Existenz bedrohen und ihren Tod zur Folge haben. Wenn ihre eigene Familie sie nicht aufnimmt, ist sie verloren. Als letzte Möglichkeit bleibt ihr das Betteln. Wer sollte einer verstoßenen Frau Almosen geben? Der Mann wird schon seine Gründe haben, weswegen er sie verstoßen hat, denkt sich so mancher und geht vorüber. Eine Frau, die keine Kinder bekommt, ist eine Schande für den Ehemann und für die ganze Familie. Eine kinderlose Frau ist ausgeschlossen von der Gesellschaft, wenn überhaupt, wird ihr ein Platz am Rande zugewiesen. Sie wird nicht geachtet, bestenfalls geduldet.

Dass Hanna wegen ihrer Kinderlosigkeit todunglücklich ist, ist verständlich. Auch wenn ihr Ehemann Elkana sie liebt, verändert sich ihre Stellung  nicht. Die Schmach und Schande bleibt. Überglücklich ist sie, als sie wider Erwarten doch noch ein Kind zur Welt bringt.  Außer sich vor Glück lobt und preist sie Gott. Ihr Herz ist fröhlich, ihr Haupt ist erhöht. Aufrecht und stolz läuft sie fortan umher. Erhobenen Hauptes geht sie über den Platz und durch die Zelte. Durch die Geburt ihres Kindes hat sie Achtung und Anerkennung gefunden. Sie ist wie verwandelt. Ihr Leben hat noch einmal eine Wende genommen. Sie kommt sich nicht mehr nutzlos vor, ihr Leben bekommt einen Sinn. „Mein Mund hat sich weit aufgetan gegen“ ruft sie begeistert und triumphiert über ihre  Feinde. Hanna singt aus vollen Herzen ihr Loblied auf einen gerechten Gott.

Darf sie das? So offensichtlich über ihre Feinde triumphieren? Hanna ist davon überzeugt, dass sie das darf. Sie ist zuvor verachtet worden, jetzt ist sie erhöht. Zuvor ist sie nichts wert gewesen, jetzt hat sie ihre Stellung in der Gesellschaft. Sie hat es tief in ihrem Herzen immer gewusst: Gott wird Unbarmherzigkeit und Unrecht ahnden. Er straft und sorgt für Gerechtigkeit. Er kann Arme reich machen und Reiche arm. Er erhebt die Niedrigen aus dem Staub und stützt Gewaltige vom Thron. Er erniedrigt und erhöht. Das erinnert an den großen Lobgesang der Maria, als sie den Heiland geboren hat.     

„Ich freue mich, Gott, deines Heils“, ruft Hanna freudestrahlend aus. Gott hat ihr Elend gesehen und sich ihrer erbarmt. Hanna nennt ihren Sohn Samuel, das heißt: „Gott hört“. Gott hat ihre Klagen erhört und ihr geholfen. Hanna hat Gottes Hilfe persönlich erfahren. Sie weiß aber auch, dass Gott allen Menschen Frieden und Gerechtigkeit zugedacht hat. „Er hebt die Dürftigen auf aus dem Staub und erhöht die Armen aus der Asche. Er setzt sie unter die Fürsten und auf den Thron der Ehre“, preist Hanna ihren Helfer. Sie ist voll des Jubels und der Freude über Gott, der sie aus ihrer Not erlöst.

Hannas Loblied ist ein Osterlied. Sie ist auferstanden, hat erlebt, was Auferstehung bedeutet. Hanna Geschichte ist eine Auferstehungsgeschichte. Von Gott erwartet sie alles. Ohne Scheu trägt sie ihm ihre Not vor. Sie war ganz klein, Gott hat sie groß gemacht. Sie lag am Boden, Gott hat sie aufgehoben.

Ostern ist das ganz große Fest des Lebens. Was vorher tot war, ist lebendig geworden. Wo Staub und Asche war, blüht jetzt das Leben. Wer zuvor im Schatten stand, hat jetzt einen Platz an der Sonne. Wo vorher Türen verschlossen waren, tun sich jetzt die Pforten auf. Menschen wie Hanna und Dina haben die Sonne neu gesehen. Menschen wie Hanna und Dina haben ihre persönliche Auferstehung erlebt.

Ostern ersteht das Leben neu. Aus Tod wird Leben, Trauer verwandelt sich in Freude, aus Angst wird Zuversicht.

Ostern feiern wir das ganz große Fest der Auferstehung.

Ostern geht die Sonne auf,

Ostern bringt Licht und Leben.

Amen.

EG-Nr. 105: Erstanden ist der heilig Christ….