Predigt zur Eröffnung der "Woche für das Leben"

„Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf. Niemand suche das Seine, sondern was dem andern dient…  Denn ‚die Erde ist des Herrn und was darinnen ist.‘“

Liebe Gemeinde,

„Alles ist erlaubt!“ – Das ist ein starker Satz im Eröffnungsgottesdienst der Woche für das Leben! Ein überraschender Satz zum Auftakt einer Woche, bei der es ja um den sorgsamen Umgang mit dem Leben geht, bei der es auch um den Einspruch gegen einen Umgang mit dem Leben geht, der in Spannung steht zu wesentlichen Grundorientierungen des christlichen Glaubens wie der Achtung vor der Menschenwürde und der dahinterstehenden Überzeugung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen. „Alles ist erlaubt.“ Gerade aus dem Munde des Apostels Paulus, der ja nun nicht unbedingt als Protagonist eines permissiven Lebensstils bekannt geworden ist, erwartet man diese Worte erst einmal nicht. Umso mehr gilt es, diese Worte zu hören. Umso mehr gilt es, Rigidität und Moralismus hinter sich zu lassen. Umso mehr gilt es die Botschaft der Freiheit wirklich ernst zu nehmen, die Paulus so wichtig gewesen ist.

„Alles ist erlaubt“, in diesem Satz, den Paulus gleich zweimal hintereinander gebraucht, schwingt uneingeschränkte Freiheit mit. Paulus spricht an dieser Stelle über das Götzenopferfleisch und die Frage, ob Christen das essen können. Aber die Worte haben weit über diesen Zusammenhang hinaus Bedeutung. Es gibt kein generelles Verbot von bestimmten Handlungen und Tätigkeiten und schon gar kein Denkverbot. Der Glaube eines Christenmenschen ist nicht Knechtschaft, sondern er bedeutet Freiheit. Freiheit im Denken, Freiheit in den Entscheidungen und Freiheit in den Taten. Gleichzeitig gilt: Die christliche Freiheit ist keine unkoordinierte, chaotische Freiheit, die allein nach dem Lustprinzip agiert oder der Willkür des einzelnen unterliegt. Die christliche Freiheit ist eine verantwortete Freiheit. Das hat Martin Luther so treffend in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ zum Ausdruck gebracht, in der er sich auf diese Worte des Paulus bezieht.

Damit wir gründlich erkennen, was ein Christenmensch ist, und wie es um die Freiheit stehe, die ihm Christus erworben und gegeben hat, wovon Sankt Paulus viel schreibt, will ich diese zwei Sätze aufstellen: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Diese zwei Sätze sind klar bei Sankt Paulus zu finden: „Ich bin frei in allen Dingen und habe mich zu jedermanns Knecht gemacht“; ebenso: „Ihr sollt niemand zu etwas verpflichtet sein, außer daß ihr euch untereinander liebet. Die Liebe aber, die ist dienstbar und untertan dem, das sie lieb hat.“

Mit der Freiheit eines Christenmenschen ist also immer die Frage verbunden: was dient dem Guten und was dient dem anderen? Es gibt wenige Themen, bei denen diese Frage so brisant wird, wie wenn wir es mit dem Beginn oder dem Ende des Lebens zu tun haben. Nirgends ist die Verantwortung größer, die uns als Christenmenschen zukommt, als wenn es um das Leben geht. Deswegen ist es gut, dass wir uns in der Woche für das Leben regelmäßig mit diesen Fragen beschäftigen.

Alles ist erlaubt! Aber was dient dem Guten, was dient dem Nächsten?

Wie gehen wir damit um, wenn wir uns ein Kind wünschen, wenn der Wunsch unerfüllt bleibt und wir vor der Frage stehen, ob oder wie wir die modernen Reproduktionstechnologien in Anspruch nehmen sollen, um ihn doch noch zu erfüllen?

Wer verstehen will, warum diese Frage so existentiell werden kann und solch tiefe Emotionen weckt, muss sich nur an seine eigenen Erfahrungen mit der Geburt von Kindern erinnern – der eigenen oder der von Freunden und Verwandten.

Es ist eine unbeschreibliche Erfahrung, ein Neugeborenes in den Armen zu halten. Ich erinnere mich selbst mit großer Bewegung an die Momente, als ich meine drei Söhne jeweils das erste Mal in den Armen hielt. Da vergisst man die Welt um sich herum, ist tief berührt und voller Staunen. Die Worte des Psalmisten, die wir zuvor gemeinsam gebetet haben kommen einem dabei in den Sinn: „Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele“. Und man kann Martin Luthers Worten nur zustimmen: „Wenn du ein Kind siehst, hast du Gott auf frischer Tat ertappt.“ Kinder sind etwas Wunderbares, und ein eigenes Kind geschenkt zu bekommen und aufwachsen zu sehen ist etwas ganz besonders Wunderbares.

Ich verstehe daher so gut, wenn Menschen, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können, alles nur Mögliche versuchen, um dennoch Eltern zu werden. Und dank der Errungenschaften der Medizin sind die Möglichkeiten heutzutage vielfältig, vielversprechend und oft von Erfolg gekrönt. Also müsste man ja eigentlich uneingeschränkt jeden Weg bejahen, der zur Erfüllung eines bisher erfolglosen Kinderwunsches führt.

Aber wer genau hinsieht, merkt, wie kompliziert es wird, wenn wir gerade in diesem Bereich den Satz des Paulus zur Sprache zu bringen versuchen: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient dem Guten.“ Was dient dem Guten, was ist richtig? Ich bin ich sehr dankbar dafür, dass viele Menschen sich in unseren Kirchen und in unserer Gesellschaft ernsthaft und kritisch mit den ethischen Fragestellungen auseinandersetzen, die mit den neuen Reproduktionstechniken verbunden sind.

Unser Auftrag als Christen ist ein klares Ja zum Leben. Und jedes Leben, das nicht zur Welt kommt, ist eine Niederlage. Und dennoch stellt sich immer wieder neu die Frage, was dient dem Guten, was ist für alle Beteiligten gut und richtig?

Je mehr Möglichkeiten wir dank des Fortschritts in Medizin, Biotechnologie und Wissenschaft haben, desto mehr Verantwortung haben wir auch. Mit den modernen medizintechnischen Entwicklungen ist eine tiefe Ambivalenz verbunden. In vielen einzelnen Fällen kann man nur dankbar sein dafür, dass die moderne Medizin heute bei Krankheiten helfen kann und die medizinische Biotechnologie Menschen heute helfen kann, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich unser Umgang mit dem Leben stillschweigend in eine Richtung verändert, die unseren Widerspruch finden muss.

Gott hat den Mensch geschaffen zu seinem Bilde. Welch ungeheure Aussage über die Kostbarkeit und die Würde des Lebens! Und diese Kostbarkeit beruht darauf, dass es eben nicht heißt: Der Mensch hat den Mensch geschaffen zu seinem Bilde. Gerade in seiner Unverfügbarkeit ist das menschliche Leben so kostbar! Möglicherweise stecken die größten Gefahren der Nutzung der neuen Biotechnologien bei der Entstehung menschlichen Lebens nicht in der bewussten Konstruktion von neuen Menschen, die manche als Frankenstein-Horrorvisionen an die Wand malen. Möglicherweise ist das viel Gefährlichere die schleichende Verfügbarmachung des Lebens, die Verbindung von Biotechnologie mit der modernen Konsumkultur.

Wer heute in den Supermarkt geht, um Kaffee zu kaufen, wird sich die Kaffeesorte aus dem Regal nehmen, die ihm am besten schmeckt. Und dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden. Man darf vielleicht die Hoffnung ausdrücken, dass der Kaffee fair gehandelt ist. Etwas entscheidend Neues aber kommt ins Spiel, wenn sich diese Möglichkeit der Auswahl je nach Präferenz nun erstmals auch auf die Entstehung menschlichen Lebens erstreckt. Genau dieses entscheidend Neue kommt durch die neuen Biotechnologien ins Spiel.

Dass es sich dabei keineswegs nur um eine Sorge im Hinblick auf die Zukunft handelt, sondern um tägliche Realität, kann jeder schnell erkennen, der sich im Internet umsieht. Wer auf die Internetseiten internationaler Fortpflanzungskliniken schaut, stößt auf das Ausmaß dieser schon heute international zu beobachtenden Kommerzialisierung der Entstehung menschlichen Lebens. Mit einem gegen entsprechende Gebühr zu erwerbenden Passwort besteht etwa die Möglichkeit, Eizellen für eine künstliche Befruchtung auszuwählen und zu erwerben. Dazu wird ein genaues Profil der Spenderin gegeben, das Haar- und Augenfarbe ebenso enthält wie Zahnqualität, Bräunungsfähigkeit, Körperfigur, psychische Grundstruktur oder Intelligenzquotienten. Die All-inclusive fee für den Erwerb von Eizellen liegt zwischen $18,500 und $22,000.

Für eine Leihmutterschaft, also das Austragen des eigenen Kindes durch eine andere Frau, entstehen Kosten von 45 000 bis 50 000 Dollar, darin sind neben den medizinischen Kosten die Rechtsanwalts- und Psychotherapiekosten der Leihmutter ebenso eingeschlossen wie ihre Schwangerschaftskleidung.

Man muss sich – ich wiederhole es - angesichts des Unbehagens, das sich aufgrund einer solchen Ökonomisierung von Leben einstellt,  klarmachen, dass die meisten Menschen, die diese Angebote nutzen, eine Leidensgeschichte ersehnter und dann doch versagter Elternschaft hinter sich haben. Aber auch wenn man der Versuchung vorschneller Diskreditierung oder gar Dämonisierung der neuen Möglichkeiten der Fortpflanzungstechnik widersteht, wird man um die Frage nicht umhin kommen, ob ein solcher Umgang mit menschlichem Leben oder seinen Bestandteilen als Ware eigentlich noch einer Sozialkultur entspricht, in deren Zentrum die Würde des Menschen steht. Der Kern des Würdebegriffs liegt ja genau in der Sperre gegenüber Verzweckung, Instrumentalisierung, Ökonomisierung. Es hat seine guten Gründe, dass das deutsche Embryonenschutzgesetz gegenüber der Verzweckung menschlichen Lebens eine klare Sperre einbaut. Ich hoffe, das bleibt so.

Je größer die Möglichkeiten, desto mehr Verantwortung haben wir – gerade auch als Christen in der Gesellschaft. Die Frage stellt sich jedes Mal ganz konkret: was dient dem Guten, was dient dem Nächsten, was dient dem Leben?

Liebe Gemeinde,

„Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist“ Dass Paulus an dieses Wort aus Psalm 24,1, erinnert, tut gerade bei diesem Thema wohl. Wir Menschen mögen mit unseren Technologien alle möglichen Allmachtsfantasien entwickeln. Am Ende ist die Erde des Herrn. Und Gott wird seine Schöpfung nicht loslassen. Gott schenkt uns immer wieder ein neues Herz und einen neuen Geist und damit auch die Sensibilität für die Grenzen, die er uns als seinen guten Geschöpfen gegeben hat. Gott lässt uns mit der anvertrauten Freiheit nicht allein, sondern gibt uns die Kraft, verantwortungsvoll damit umzugehen. Liebe zu üben gegenüber Geborenen und Ungeborenen. Jedes Mal von neuem darum zu ringen, was gut ist, was aufbaut und was dienlich ist.

Das wollen wir in dieser Woche des Lebens überall in Deutschland tun. Gott begleite uns dabei mit seinem Segen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN