Prophetisches Heimweh - Predigt zu Jeremia 23,5-9 von Matthias Storck

Prophetisches Heimweh

Der jüdische Dichter Franz Werfel (1890-1945) hat dem Propheten Jeremia ein bewegendes Denkmal gesetzt. Am Schluss des Romanfragments „Jeremias – Höret die Stimme“ lässt er den verzweifelten Propheten durch die verkohlten Trümmer des Jerusalemer Tempels irren. Jeremia stolpert über rauchgeschwärzte Steinquader, schwelende Holzbalken und meterhohen Schutt. Nur eine Ahnung lenkt ihn dorthin, wo das Allerheiligste gewesen sein könnte. Aus der Asche klaubt er eine Scherbe. Drei Wörter in hebräischen Buchstaben sind lesbar geblieben: „Damit du lebst.“ Mehr ist nicht zu erkennen, aber auch nicht weniger. So rettet der Dichter seinem Propheten und damit seinem verbannten und verbrannten Volk behutsam und treffsicher den Glauben.

„Damit du den Tod überwindest, habe ich solches an dir getan“, antwortet Gott dem verstummten Propheten. Und mit der ganzen Last der Geschichte bekommen diese Worte ein besonderes Gewicht: „Damit Israel das Gericht überwinde, habe ich es gehalten. Aus meiner Hand strömt nur Leben, wie könntest du, der meiner Hand entströmt ist, sterben und vergeblich gewesen sein!?[...] Damit du mein seist, damit ich dein sei, hast du gelitten[...] Du schöpfst die Verheißung nicht aus.“

 

Ungläubig glauben

Ich las das Buch als Lehrling. Diese Sätze am Ende sind mir im Herzen stecken geblieben. Ich weiß nicht, wie oft ich zu diesem Romanschluss zurückgekehrt bin. An diesen spärlichen Worten habe ich gelernt, wie sehr der Glaube, auch mein eigener, an Bruchstücken und Lebensscherben hängt. Starke Bilder und klare Worte kommen immer wieder, werden tausendfach wiederholt, aber sie erreichen die Seele nicht. Doch irgendwann, unvermutet, entfachen sie im Herzen ein helles Feuer.

Ich habe damals ungläubig und trotzig angefangen, mich hinein zu glauben in die dürftige Kraft des Wortes.

Die Sehnsucht der prophetischen Verheißungen öffnet behutsam die Tür zum Advent. Manche Worte beginnen zu leuchten und versehen das Dunkel im Gemüt mit dem freundlichen Licht, das „allen in die Kindheit scheint“ (Ernst Bloch).

In solchen Worten schlägt der Glaube die Augen auf, um den ewigen Himmel über der Menschengeschichte kindlich anzustaunen.
Viel später werden genau diese Worte den König Herodes blenden und den Kaiser Augustus in den Schatten stellen. Immer von neuem werden diese alten, stumm geglaubten Worte die lärmende Angst und die lähmende Kälte vertreiben, wenn Menschen bangen Herzens und wider allen Augenscheins auf ihren verheißenen Erlöser warten. Immer von neuem werden solche Worte Engel wecken und Leitern an den offenen Himmel lehnen. Die frühe Christenheit wusste, was ihr geschah, als sie das Ende der Angst und damit die größten Hoffnungen ihrer Geschichte einer kleinen Handwerkerbraut aus dem Herzen buchstabierte und in den großen Horizont weltweiter Erwartung stellte.

 

Rückwärts lesen

Lange zuvor war jedes dieser Worte schon teuer bezahlt. Der Prophet Jeremia hat sich, wie es verschiedentlich berichtet wird, keine Freunde gemacht, als er seine geschichtsverdrossenen und verzweifelten Landsleute an ihre alten Verheißungen erinnerte.

Manche Hoffnungsworte brennen schlimmer als offene Wunden. Unermüdlich sammelte der Prophet deshalb die Bruchstücke der alten Hoffnung aus den Trümmern der Geschichte und erinnerte seine Zuhörer mit ihren eigenen Worten an ihre Zukunft.

„Die Wiederholung sättigt die Erinnerung mit Segen“, sagt der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855).

Nicht weniger als die ganze Gerechtigkeit und den wahren Frieden buchstabierte sich der Prophet gegen das Wüten der ganzen Welt zusammen. Der frische „Spross“ am alten Stamm hat starke Wurzeln. Sie reichen zurück bis auf David und seinen Stammvater Isai. So lehrt Jeremia seine Landsleute, nicht nur ihre Verzweiflung, sondern auch ihre Verheißungen rückwärts zu lesen. Er erinnert sie daran, dass ihr größter König aus allerkleinsten Verhältnissen stammt.

Da sie allzu sehr mit Naheliegendem befasst sind, mangelte es den meisten Zuhörern offensichtlich an Vorstellungskraft. Zu schnell war die Blüte der bewegenden politischen und kulturellen Aufbrüche unter Davids Königshaus verwelkt. Wechselnde Mächte wie Ägypten, Assur oder Babylon hatten das Israel immer wieder in alle Welt zerstreut. Die Nachkommen wurden Fremdlinge im eigenen Land und Glauben. Zuerst verloren sie ihren Trotz, zuletzt ihren Gott. Wer konnte und wollte da auf alte Versprechen bauen?
Der Prophet verheißt neben Frieden und Recht auch noch Heil und Sicherheit. Aber bisher versanken die kühnsten Hoffnungen regelmäßig in den rauchenden Trümmern Jerusalems. Kostbarer Glaube verlor sich in den Höllen der Deportation oder verstummte angesichts der Menschenverachtung der Sieger. Erhaben, aber wirkungslos mussten die Worte des Propheten vor diesem Hintergrund erscheinen. Was gab es noch zu reden vom herrlichen Reich Davids? Es war zerfallen. Was half die Erinnerung an vergangene Weisheit und Pracht? Die vertraute Welt war vergangen. Der Tempel lag verwüstet, der Glaube war erschüttert. Der Schmerz machte alle Reste zu einem fremden Märchen. Der stolze Spross am Stamm Davids war Brennholz geworden. Selbst die Tatsachen reichten nicht mehr für Träume.

Angesichts unendlicher Verteilungskriege und Machtkämpfe mochte den Bewohnern der gesamten Provinz noch manches Mal Hören und Sehen vergangen sein, wenn das Rad der Geschichte Jahrhundert um Jahrhundert über sie und ihre Sehnsucht hinweg rollte. Die Verheißungen blieben mühsam. Die Wiederholung schmerzte, aber sie bewahrte vor dem Vergessen. So beginnt alle Hoffnung.

Die Weltgeschichte legt freilich keine Besinnungspausen ein. Sie kennt keine Schwelle und kein Maß. Umso erstaunlicher ist es, dass die Prophetenworte nichts von ihrer Kraft verloren haben. Im Wechsel der Mächte und Gewalten behaupteten sie sich gegen alle Deutungsversuche. Und als in der Welt, der sie entstammten, kaum ein Stein auf dem anderen blieb, wurden die Worte selbst zur Heimat. Für viele waren die alten Verheißungen jahrhundertlang ein „portatives Vaterland“, wie Heinrich Heine (1797-1856) es treffend nannte.

 

Unten anfangen

Kindliche Freudensprünge halten sich fest im Gemüt. Sie ermuntern, ganz klein anzufangen. Der Spross, von dem der Prophet spricht, könnte im Prozess der Weltgeschichte kaum unscheinbarer sein. Darum gehört viel Mut dazu, an winzige Anfänge zu glauben und sie einzuüben. In irdischer Niedrigkeit erblickt auch Gottes Gerechtigkeit das Licht der Welt. Der Hirtenjunge David und der Zimmermannssohn Jesus kommen nicht umsonst beide aus dem gleichen Stamm und beide von ganz unten.

Den Betrachtenden springen deshalb bei genauem Hinsehen mit dem austreibenden Spross gleich alle erregenden Themen der Menschheitsgeschichte ins Gesicht. Im Licht solcher Bilder sehen die eigenen Herrschaftsverhältnisse oder Machtgewichte ganz schnell ganz anders aus, als das Welttheater es so gern vorgibt.

Im zwanzigsten Jahrhundert ließen sich viele Juden, besonders in der osteuropäischen Diaspora, von dem großen Treiben nicht beirren. Sie klammerten sich an das, was ihnen von den Verheißungen geblieben war. Sie gaben die Hoffnung nicht auf, eines Tages den Berg Zion doch noch mit eigenen Füßen zu betreten. Sie lernten ihre Hoffnungslektionen klein und geduldig in der Muttersprache ihrer Väter. „Nächstes Jahr in Jerusalem!“, lautete ihr Gruß. Einer der wenigen, die es geschafft haben, den Höllen zu entkommen und in Jerusalem zu sterben, war Saul Tschernichowski (1875-1943). Für den tapferen Sprung aus dem Heimweh in die Hoffnung fand er große, kindliche Worte. In einem seiner Lieder heißt es:

„Wir wolln schaffen, lieben, leben,
Wirklich im Gelobten Land!
Häuser baun, nicht in den Wolken,
Aber in den Wüstensand.“

So zeigt die Erinnerung an lebendiges Grün, dass die ältesten Hoffnungen der Bibel oft jünger sind als mancher, der sie mühsam buchstabiert. Was wären Ordnungen wert, die nicht im Wirrwarr widerstreitender Vielfalt immer von neuem die Spur einer Gerechtigkeit verfolgten, die weder nach dem „Hörensagen“, noch nach dem „Ansehen der Person“ entscheidet? Die Feststellung, dass sich bis heute Frieden und Gerechtigkeit nur in der Bibel küssen, zeigt, dass es harter Arbeit bedarf, damit die alten Verheißungen den jungen Hoffnungen nicht davonlaufen.

 

„Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein“

Es soll uns freuen, aber niemals genügen, wenn ein Mensch lernt, sich mit seinesgleichen zu vertragen. Und wenn es den Frieden, der aufs Ganze geht, erst ganz zuletzt gibt, soll uns das bei unserem Einsatz für eine friedliche Welt nicht aus der Fassung bringen. Wenn die Gerechtigkeit in unseren Breiten nur mit geeichter Waage und einer Binde vor den Augen zu haben ist, soll uns selbst das nicht beirren. Zu allen Zeiten lebten die Menschen schon zwischen den Zeilen.

Aber wir übersehen den Anfang nicht, einen schwachen Spross in einer mit Macht überfüllten Welt.
So eine Geschichte hört nicht auf, wenn ein paar Hungrigen der Tisch gedeckt ist. Sie ist nicht am Ziel, wenn einige Gefangene freigekommen sind oder ein Internierungslager aufgelöst wird.
Es ist nicht nichts, wenn die Folter verboten ist, aber es ist noch lange nicht alles.
Der Zweig wird wachsen. Aber auch das ist nicht selbstverständlich.

Im Jahr 1980 schrieb der Liedermacher Wolf Biermann seiner Tochter Marie ein Willkommenslied an die Wiege. „Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein“, lautete die erste Zeile. Gemeint war eine Hoffnung, die nur schwer gedeihen konnte, weil in der Mitte Europas „Waffenwälder“ (anstelle der Engel) die Wiegen der Neugeborenen umstellten.

Niemand konnte damals wissen und kaum einer wagte noch zu hoffen, dass diese Waffen, die quer durch das geteilte Deutschland mit Atomsprengköpfen aufeinander zielten, eines Tages verschrottet würden. Man musste schon sehr „verrückt“ sein, um es zu glauben.

Als das dann geschah und der „Eiserne Vorhang“ zerriss, haben wir in Ost und West eine ebenso freudige wie hoffnungsvolle Lektion bekommen. Wir haben staunend gelernt, dass Gott seine Verheißungen mitten in unserer Welt und vor aller Augen erfüllen kann, solange wir nicht aufhören, ihn tatkräftig beim Wort zu nehmen.