Schuhe aus, die Zukunft kommt! – Predigt zu Josua 5,13-15 von Nico Szameitat

Die Eltern sind sich sicher: Der eine Taufspruch soll es sein, der mit den Engeln. „Etwa Psalm 91?“  „Ja genau der: Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ „Mhm. Genau: Dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“ „Nee, den Satz nicht mehr, das mit dem Stein muss nicht sein.“

Psalm 91 Vers 11 feiert seit einigen Jahren Hochkonjunktur als Taufspruch. Und auch immer mehr Jugendliche wählen diesen Vers als Konfirmationsspruch aus. Der Wunsch dahinter ist nachvollziehbar. An der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt wünschen sich Menschen den Schutz Gottes. Und weil man den sich so schlecht vorstellen kann, ist das Bild vom Schutzengel nahe liegend. Da passt jemand persönlich auf mich auf, lenkt meine Schritte und schubst, wenn es sein muss, mir sogar kleine Stolpersteine aus dem Weg.

Doch ist die Bibel nicht so romantisch. Mit Ausnahme des Engels Raphael im Buch Tobit ist der Bibel der Glaube an einen persönlichen Schutzengel fremd. Engel sind Boten Gottes. Sie überbringen eine Botschaft und die ist nicht immer weiß und flauschig.

Als Angela Merkel am Morgen des 25. September 2017 aufwacht, muss sie sich erst einmal orientieren. Ist sie jetzt noch Kanzlerin oder nicht? Die ersten Hochrechnungen gestern, und dann irgendwann das vorläufige Endergebnis – vieles wie erwartet, und dann doch einige Überraschungen. Bei der Elefantenrunde im Fernsehen war es dann bunt und teilweise wild zugegangen. Der Wahlkampf ging mal wieder nahtlos in die Koalitionswerbungen über. Anstrengend!
Sie schwingt die Beine aus dem Bett und tapst barfuß ins Bad. Und dann diese Begegnung heute Nacht… Oder war das nur ein Traum gewesen? Da stand, als sie nach Hause kam, in ihrem Vorgarten plötzlich ein Mann mit einem Schwert. Sie war einfach zu müde gewesen, um sich zu erschrecken. Sie hatte ihn einfach nur gefragt: „Soll das jetzt ein Scherz sein oder meinen Sie es Ernst?“ Und was antwortete der Kerl? „Nein!“ Als ob man auf eine Oder-Frage mit Ja oder Nein antworten könnte! „Was wollen Sie um Gottes willen?“ „Genau.“, hatte er geantwortet. Noch so eine bekloppte Antwort! Und dann kam er rüber mit seiner Forderung: „Ein Stopp. Eine Woche Pause nur, bevor Ihr weiter verhandelt.“ „Und wofür soll das gut sein?“ Da lachte der Mann. An seine Antwort kann sie sich nicht mehr erinnern.
Muss wohl doch ein Traum gewesen sein. Aber schön wäre es schon, denkt sie, als sie sich die Zähne putzt, jetzt eine Woche Urlaub. Einfach weg. Auf die Insel oder so. Und wo sind eigentlich meine Pantoffeln?

Das Volk Israel hat es geschafft: Endlich! Nach ewigen Zeiten, die die Israeliten durch die Wüste gelaufen waren, sind sie nun endlich im versprochenen Land angekommen.
Gott hatte ihnen dieses Land versprochen, damals, als er sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit hatte. Mose war vorausgegangen und hatte sie zum Berg Sinai geführt. Da war ihnen auch noch ein Engel als Navigator versprochen worden: „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe.“ (Ex 23,20) Doch dann passierte die Sache mit dem Goldenen Kalb und es schien, als hätte Gott es sich anders überlegt: „Na gut, dann sollen sie mal sehen, wie sie alleine klar kommen.“
Tja, kein Engel, kein Kompass. Stattdessen jahrzehntelange Wanderung durch die Wüste. Kurz vor Ende der Reise starb Mose. Sein Nachfolger Josua führte das Volk nun das letzte Stück durch den Jordan hindurch in das verheißene Land. Und die Geschichte will es so, dass inzwischen nicht nur Mose, sondern die gesamte Generation, die damals aus Ägypten geflohen war, gestorben ist. Alle, die nun das neue Land betreten, kennen das alte Sklavenland nur vom Hörensagen. Es ist wirklich ein vollkommener Neuanfang!
Kaum im neuen Land angekommen, setzt Josua die alten Bräuche wieder in Kraft, die in der Wüstenzeit geruht hatten. Als Zeichen des Bundes werden alle Männer beschnitten. Danach ein paar Tage Erholung. Als Zeichen der Gemeinschaft feiert dann das ganze Volk erstmals wieder ein großes Passamahl. Und als Zeichen des Angekommen-Seins hört auch das Manna auf, das als ewige Zwischenmahlzeit vom Himmel fiel. Jetzt gilt es, sich von den Früchten des Landes zu ernähren.
Frisch gestärkt könnten die Israeliten nun mit Trompeten und Posaunen gen Jericho ziehen – und das tun sie ja auch drei Verse später –  wäre da nicht diese kleine Episode.
(Lesung von Jos 3,13-15 an dieser Stelle, falls nicht bereits vorher im Gottesdienst geschehen)

Kurz und rätselhaft ist die Begegnung:  Der Engel mit dem Schwert wie bei Bileams Eselin; der Befehl, die Sandale auszuziehen, wie am brennenden Dornbusch – ein Traum, in dem alles zusammenkommt.
Der Engelfürst, der vor Josua steht, ist keine sanfte Traumgestalt im weißen Gewand mit großen Flügeln, sondern ein Krieger mit einem Schwert. Nicht gerade das, was sich Taufeltern unter einem Engel vorstellen.
Und dieser Engelfürst rückt Josua erst einmal den Kopf zurecht. Auf die Frage, ob er Freund oder Feind sei, antwortet der Engel schlicht: „Nein“. Und mit diesem einen Wort macht er nicht nur deutlich, dass er weder Freund noch Feind ist, sondern dass die ganze Fragestellung unsinnig ist. Warum denkst Du, Josua, immer noch in diesen Kategorien aus der Wüstenzeit? Freund oder Feind? Koalition oder Opposition? Es gibt mehr als Falsch und Richtig, als Schwarz und Weiß. Und was es nun im neuen Land braucht, ist ein konstruktives und buntes Miteinander und kein Denken in alten Feindmustern.
Der Engel lässt es aber nicht bei dem Nein, sondern er offenbart sich: „Ich bin der Fürst über das Heer des Herrn. Und ich bin jetzt gekommen.“ „Na endlich“, denkt Josua, „hat ja auch ein paar Jahrzehnte gedauert. Endlich einmal göttliches Geleit.“ Und dann übermannt ihn doch die Ehrfurcht: Er wirft sich nieder, betet und fragt, was er nun tun soll. „Zieh die Sandale von den Füßen, denn die Stätte, worauf du stehst, ist heiliges Land.“ „Nur eine Sandale?“, denkt sich Josua. „Und was ist mit der anderen? Und welche nun, die rechte oder linke? Und was für eine geheimnisvolle Kultstätte habe ich hier unbewusst betreten? Ist das noch irgendwas von Abraham?“ Der Engelfürst seufzt deutlich vernehmbar. „Also, Rhetorik musst du noch lernen. Die eine Sandale steht für alle Sandalen Deines Volkes, ja für alle Sandalen der Welt. Und es geht auch nicht um diesen einen Quadratmeter hier, sondern um das ganze Land, das Ihr betretet, um Eure Zukunft. Oder um es kurz zu fassen:
Schuhe aus, die Zukunft kommt!“

Strandspaziergang im Frühherbst. Die Wolken ziehen kräftig vorbei und lassen ab und an Lücken für die Sonne, die dann meinen Rücken wärmt. Ich schmecke das Salz in der Luft und rieche den Tang der Nordsee. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus. Ich ziehe Schuhe und Strümpfe aus und kremple die Hosenbeine hoch. Barfuß an der Wasserkante entlang. Auf dem Wattboden federn die Füße, sinken nur manchmal leicht ein. Ein Schritt nach links und die kleinen Wellen umspielen meine Knöchel. Ein Schritt nach rechts und ich spüre den Sand und die Muschelscherben zwischen meinen Zehen. Vielleicht komme ich langsamer voran als in Schuhen. Aber wer will überhaupt schnell sein, wenn er barfuß geht? Barfuß spüre ich viel mehr von diesem Ort, von meinem Weg mit der Sonne im Rücken.

Am Morgen des 25. September 2017 hat Angela Merkel sich spontan eine Stunde mehr Zeit zuhause genommen, um mit ihrem Mann in Ruhe zu frühstücken. Auf die eine Stunde kommt’s heute auch nicht drauf an. Da klingelt es an der Tür. Seufzend stellt sie das Frühstücksei zur Seite und geht durch den Flur. Noch bevor sie die Haustür öffnet, hört sie eine vertraute Stimme: „Und finden Sie gefälligst heraus, wo meine richtigen Schuhe geblieben sind!“ Sie öffnet die Tür: „Herr Schulz! Was machen Sie denn hier?“ Er sieht ein wenig zerknirscht oder verwirrt aus, wie er da so auf der Stufe vor ihr steht. „Guten Morgen, Frau Merkel. Sie müssen wissen, heute Nacht, also da hatte ich so einen Traum, ein Mann, der vor mir, also ich glaube, dass es ein Traum war, aber das tut auch nichts zur Sache, und die letzten Wochen waren doch sehr anstrengend, also für uns beide, und was denken Sie, wenn wir mit den weiteren Verhandlungen einfach, also ich meine das nur als Vorschlag, noch ein wenig, vielleicht nur eine Woche…“ „Eine Woche Pause?“ fragt sie grinsend. „Äh, ja… Woher wissen Sie?“ „Kommen Sie erst einmal rein. Ich glaube, es ist noch Tee da. Ein Frühstücksei?“ Selten sah sein Chauffeur Martin Schulz so verwirrt.

Ach, ihr Menschen,
wenn Ihr an der Schwelle steht,
zu einer neuen Zeit,
zu einem neuen Land,
dann rennt nicht gleich los.
Das sind hier keine Bundesjugendspiele,
kein „Auf die Plätze-Fertig-Los!“
Haltet inne, macht eine Pause,
bevor euch noch der Schwert-Schlag trifft.
Zieht die Sportschuhe wieder aus.
Geht achtsam, geht heiter,
geht barfuß.
Spürt unter euren Füßen das Land – es trägt.
Spürt über euren Häuptern den Himmel – er trägt.
Vertraut den neuen Wegen.
Gott ist mit euch.
Sein Engel geleitet euch.

Amen.

Liedvorschläge:

EG 142,1.5.6 „Gott, aller Schöpfung heilger Herr“
EG 322,1-6 „Nun danket all und bringet Ehr“
EG 395 „Vertraut den neuen Wegen“
EG 437 „Die helle Sonn leucht‘ jetzt herfür“
freiTöne 145 „Die Seele wird frei“
freiTöne 194 „Go Gently, Go Lightly“ („Geht achtsam, geht heiter“)