Sich auf den Weg machen - Predigt zu 2. Mose 13, 20-22 von Peter-Michael Schmudde

Ich fange heute anders an als sonst: Ich erzähle Euch eine sehr persönliche Geschichte. Sie passt zum Ende eines Jahres. Und sie passt zum Beginn eines neuen. Und sie hat etwas mit mir, mit Euch und mit mir und mit einem dunklen Silvester zu tun. Und auch mit Gott. Ja, mit Gott.

Vor drei Jahren haben wir Silvester ziemlich leise und klein gefeiert. Das konnte nur so sein, weil ich gerade eine Entscheidung gefällt hatte. Es war eine harte Entscheidung. Es war eine Entscheidung gegen das, was wir an einem geliebten Ort schon seit einer langen Zeit als Familie hatten. Es war die Entscheidung für einen Wechsel von Ort und allem Gewohnten. Es war wirklich eine harte Entscheidung, glaubt mir. Denn eigentlich haben wir uns alle wohl gefühlt, dort, wo wir waren. Wir hatten Freunde. Wir hatten Familie um uns herum. Eigentlich hätte alles gut sein müssen. Eigentlich.
Nur mein Berufliches war im Laufe eines Jahres qualvoll gestorben. Nach und nach. Kein Wiederbelebungsversuch hatte etwas gebracht. Zwischendurch war ich vom Kämpfen in ein depressives Funktionieren gefallen.

Um es kurz zu machen: Obwohl ich immer dachte: ‚Du bist ein guter Pfarrer!’, genügten zwei Menschen, um mir und vielen anderen einzureden, dass genau das nicht stimmt. Mit kaum merklichen Nadelstichen und geschickten Beinstellaktionen hatten sie es am Ende geschafft. Sie stichelten über meine Predigten. Über meine Art Abendmahl zu feiern. Über meine Art, mit Menschen zu reden. Sie führten Listen über meine mangelnde Kompetenz und über alle meine Fehler. Am Ende habe ich nur noch versucht, es allen recht zu machen – vor allem den beiden. Es war keine gute Zeit zum Kämpfen. Und es war keine gute Zeit, harte Entscheidungen zu treffen. Und es war nicht die Zeit, auf die Meinung von anderen zu hören. Es war die Zeit, in der ich mir meiner eigenen Werte wieder sicher werden musste und in der ich mir mühsam wieder die Freiheit erkämpft habe, auf mich selbst mehr zu achten als auf die Meinung der anderen.

Natürlich habe ich Hilfe gehabt. Es gab eine Supervisorin, eine kluge, lebenserfahrene Frau, die mir mein eigenes Ich wieder aus dem Wust von Erwartungen und Hamsterradfunktionieren wieder auszugraben half. Es gab einen guten Personalchef, der mir nüchtern meine Möglichkeiten dargelegt hat. Es gab meine Familie, die mich meinen eigenen Wert immer wieder spüren ließ. Dafür bin ich allen unendlich dankbar. Auch den vielen Freunden, die mich im Gebet begleitet haben und die manchmal für mich mit den Löwen gekämpft haben. Vor allem aber bin ich ihnen dankbar dafür, dass sie alle mir die Kraft wiedergegeben haben, mich für mich zu entscheiden. Und für das, was mir wichtig und richtig erscheint. Unter dem Druck der Verhältnisse war das kaum noch zu erkennen gewesen.

Am Silvesterabend vor drei Jahren war vieles noch unsicher. Aber mir war klar: Ich musste gehen, wenn ich nicht vollständig als Person verschwinden wollte. (Und wer will das schon?)

An jenem dunklen Winterabend war ich traurig. Alles war wie von einer Wolke verdeckt. Ich konnte mir nicht vorstellen, was kommt. Aber es war auch so, als hätte ich wieder mein altes Feuer zurück, das mich wieder den Menschen sein ließ, der ich bin – besser gesagt: Den Menschen, der ich sein wollte: Frei in seinen Entscheidungen und frei von allen Erwartungen und überbordenden Forderungen von Leuten, die es nicht gut mir meinten.

Und wenn sich tagsüber immer eine Wolke über meine Zukunft legte, hatte ich doch in manchen Nächten wieder das Feuer vor mir, das mir Licht für meinen Weg gab.

Ich hatte aufgehört, mich treiben zu lassen. Sondern ich ging wieder selbst. Aus dem scheinbar Bequemen in die unklare Freiheit.   

Das alles hat mich anders gemacht. Nicht unbedingt besser. Aber ich kann seitdem besser zu dem stehen, was ich bin. Ich muss mich nicht treiben lassen. Ich habe die Freiheit, aufzustehen und meine Entscheidungen zu treffen und selbst zu gehen. Es hat mich kritischer gemacht gegenüber dem, was andere für das Beste halten. Und genau das halte ich für ein Geschenk des Himmels.

Und GOTT zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Eine Geschichte ist mir in dieser Zeit wichtig geworden: Sie erzählt davon, wie eine Gruppe ägyptischer Sklaven über Jahrhunderte jeden Tag willenlos getrieben wurde von denen, die über sie bestimmten. Eines Tages sind sie daraus aufgebrochen. Denn es war ihnen klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Mitten in der Nacht sind sie aus ihren sicheren Siedlungen losgegangen. Sie hatten nur eine Wüste vor Augen und eine völlig dunkle Zukunft. Was sie zurückließen, war nicht alles schlecht: Es gab immerhin zu essen und zu trinken. Aber etwas ließ sie wissen, dass die Freiheit und die eigene Würde wichtiger ist als das, was sie hatten. In einer Nacht haben sie ihre Entscheidung gefällt, hatten sich aus allem befreit, was sie abhängig machte, hatten den Mächten Adieu gesagt, die ihnen einreden wollten, dass es ohne sie nicht ginge. Adieu – auf Gott. Auf die Macht der Freiheit hatten sie sich ab jetzt zu verlassen. Der zeigte sich ihnen: Bei Tag als Wolke und bei Nacht als Feuer. Und es ist ein langer Weg gewesen mit unklarem Ausgang. Bis heute sind sie unterwegs und hoffen auf die Ankunft – dort, wo es gut ist. Zwischendurch haben sie viele Durststrecken durchstehen müssen. Zwischendurch haben sie auch gefunden, was einen Vorgeschmack von dem gibt, was sie ersehnen: Es gab die blühenden Landschaften und die große Herrschaft. Und auf ihrem Weg durften wir mit ihnen gehen. Es gab einen, der uns Hoffnung gemacht hat, dass wir auch dazugehören dürfen. Seitdem folgen wir ihnen und der Wolke und dem Feuer. Ich bin sicher: Wir werden ankommen. Denn ich glaube, jeder der sich diesem Weg anschließt, darf die Hoffnung haben: Dieser Aufbruch ist richtig.

Obwohl man manchmal ganz schön müde werden kann. Und weil es immer welche gibt, die immer schon alles wissen: Die wissen, dass wir in der Wüste bleiben und, dass das alles mit uns nichts mehr wird. Manchmal habe ich auch Angst. Angst davor, dass alles Finstere, was wir uns ausmalen, irgendwie doch auch stimmen könnte.

Als ich zu Silvester vor drei Jahren in meiner Dachkammer wach im Bett gelegen bin, habe ich auch ganz oft denken müssen: Was wird sein? Was wird kommen? Was, wenn es keinen guten Ort für Dich geben wird? Es war, als setzte sich die Wolke auf meine Gedanken. Ich war manchmal entsetzt davor, dass ich hier alles aufgeben muss, um ich auf einen Weg zu machen, den ich doch weder sehen noch so richtig glauben kann. Eine neue Stelle, ein neuer Weg – die Frage danach, ob ich überhaupt noch wieder so arbeiten und so fröhlich mit der Welt würde umgehen können, wie ich es gewohnt gewesen bin… Es gab die dunklen Zeiten. Da war nichts mehr gut. Aber im entscheidenden Moment habe ich daran gedacht, dass da welche für mich mit dem reden, der die Freiheit ist. Da ist ein Feuer für mich angegangen – so eins, das auch die bösen Geister bannt. Und ich konnte dann wieder schlafen mit dem guten Gedanken, dass es wird – was auch immer.

Und GOTT zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Ich habe heute hier eine gute Station erreicht. Ich bin gern, wo ich bin. Manchmal packt mich noch die Trauer darüber, was ich verloren habe, was wir verloren haben. Aber ich bin sicher: Es war gut zu gehen.Manchmal haben die Sklaven aus Ägypten auch gute Stationen erreicht. Manchmal haben sie dazu gehört. Manchmal haben sie gewusst: Hier war Gott am Werk. Feuer und Wolke haben uns den richtigen Weg gezeigt. Aber oft mussten sie auch wieder aufbrechen und trauernd alles zurücklassen. Ich weiß auch: Da wo ich bin, werde ich nicht stehenbleiben. Ich weiß, dass Zeiten kommen und Zeiten gehen. Verrückterweise bringen mir mein Geburtstag und gerade dieser Silvesterabend mit den düsteren Erinnerungen von vor drei Jahren das Kommen, das Bleiben und das Vergehen besonders nah. Ich werde es nicht ändern können: Der Weg geht weiter. Und solange ich die Wolke und das Feuer sehe, habe ich nur eine Bitte: Lass mich durch Dein Feuer entflammen mitten in der Nacht und lass mich auch am unklaren Tag hinter der Wolke Deine Zukunft glauben!

Ein altes Gebet sagt: "Gepriesen seist Du, der Du uns diese Zeit hast erreichen lassen."

Seien wir also dankbar für das, was wir haben! Für ein Jahr, in dem trotz Unordnung und Baustellen auch Schönes entstand, in dem es Ordnung und Beständigkeit gab inmitten politischer Ungewissheit, ein Jahr, das in Menschen Kraft weckte, FÜR etwas zu kämpfen, ein Jahr, das neben Leid auch Freude, Glück und Zusammenhalt brachte - und viel Konfetti. Ein Jahr voller Entscheidungen und Entwicklungen, die nicht immer einfach, sondern auch hart gewesen sind. Und seien wir froh über einen Gott, der uns die Freiheit zum Aufbruch schenkt. Und die Freiheit zur selbst entscheidenden Sicht auf die Welt. In diesem Sinne: Ein frohes neues Jahr!

Amen