„Sunshine Reggae“ – Predigt zu Klagelieder 3,22-26 31 32 von Wolfgang Grosse

I. Licht sehen

Letzten Montag. In der Frühe. Sanft dringt die Sonne durch den Nebel. Wunderbar licht liegen Wiesen und Felder hinterm Deich. Zarte Orangetöne durchfluten die Welt. Von den Bäumen fallen glitzernde Tropfen, tränengleich.
Der erste Hahnenschrei vom nahegelegenen Hof. In der Ferne antworten die Kühe lebensfroh. Es überwältigt mich. Selbst die Kamera - sonst immer schussbereit im Handschuhfach - bleibt unberührt. Es schweigen Angst und Klage.

 

Meine Augen suchen das Licht. In mir summt ein altes Lied von Laid Back - aus meiner Jugend - „Sunshine Reggae“:

Gimme gimme, gimme just a little smile That's all I ask of you Gimme gimme, gimme just a little smile We got a message for you Sunshine, sunshine reggae Don't worry, don't hurry, take it easy Sunshine, sunshine reggae Let the good vibes get a lot stronger.

Gib mir ein Lächeln, das ist alles, wonach ich frage. Gib mir ein Lächeln, wir haben eine Botschaft für dich. Sunshine Reggae, ärgere dich nicht, übereile nichts, nimm es leicht. Sunshine Reggae, lass die guten Schwingungen stärker werden.

Etwas verwirrt stehe ich da. Ein neuer, frischer Morgen. Es wird mir warm ums Herz.

Ich bin hinausgefahren. An die Wümme, einem kleinen Seitenarm der Weser. Still lag noch die Stadt. Allein die Zeitungsboten gingen ihren Weg. Verteilten Schwarz auf Weiß, was am Abend vorher geschehen war. Bundestagswahl.
Die große Erschütterung, als es Dunkel wurde. Aber das interessierte mich nicht. Die Prozentzahlen und Diagramme, die Analysen und Farbspiele.

Aus Abend und Morgen: ein neuer Tag! Gott ist treu. Und ich denke: Amen!

II. Trauer

Das Volk sitzt da. Staubig ist die Straße. Gelähmt von den Ereignissen. Sie können den Blick nicht heben. Noch nicht einmal innerlich. Groß ist die Not. Zuviel war passiert. Damals vor gut 2500 Jahren in der Stadt Jerusalem. Der Tempel zerstört, die Mauern der Stadt geschliffen. Menschen, die arbeiten könnten, Handwerker und kluge Beamte: ins Exil deportiert. Den Kindern fehlen die Eltern, den Alten und Kranken die Versorger und allen die Hoffnung. Stumm hallt der Schrei durch die Gassen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Gott scheint abwesend.

III. Lichtgestalt(en)

Ein Mann geht durch die Straßen. Jeremia heißt er - vielleicht. Es gibt diese Menschen. Diese Besonderen. Erwählten. Berufenen. Heiligen. Jesus heißt ein Anderer. Er sieht die Not, die Trauer, die Hoffnungslosigkeit. Heimatlose Verzweiflung. Er sieht die Menschen an. Nimmt sie ernst. Von Angesicht zu Angesicht. „Wenn nicht zu Gott, wohin dann?“ fragt er sich. Obwohl er doch selbst so viele Fragen hat angesichts der Situation.

Aber:
Er will nicht stumm bleiben. Kann es nicht. Das ist nicht seine Aufgabe. Früh hatte er sich aufgemacht. Ist hinausgegangen. Alles hinter sich lassen. „Let’s have a Break.“  Ein Bruch.Manchmal ist das not-wendig. Wortwörtlich. Um Not zu wenden.
Draußen vor der Stadt hatte er gebetet. Der Blick auf die sanften Hügel. Die Wiesen und Felder. Er kniete nieder, sengte den Blick.

Er betete (nach dem Wochenpsalm 30 = EG 715):

Gott, wie sollen wir dich preisen? Tief ist der Schmerz. Ziehst du uns heraus? Wir schreien zu dir. Mache du uns gesund. Lobsingen wollen wir dir, wir, deine Heiligen, und deinen heiligen Namen preisen!

Aber dein Zorn? Selbst ein Augenblick scheint zu lang für uns. Du versprichst lebenslange Gnade. Wir haben geweint. Sind verzweifelt. Lass uns spüren, lass uns freuen: Jeder Morgen ist neu, und deine Treue ist ewig. Verwandle unsere Klage.
Dass wir tanzen. Dass graue Trauer sich lichtet, und Licht unser Herz durchströmt. Dass wir Dir singen und unsere Stimmen immer wieder das Dunkel vertreiben. Guter Gott, du bist treu. Danke.
Jeremia.
Er sprach das Amen. Diesen Morgen.

Als er die Augen wieder öffnete, durchbrach die Sonne das Dunkel. Es schweigen Angst und Klage. Der Hahn krähte. Sunshine Reggae. Ein neuer, frischer Morgen. Ein warmes Herz.

Aus Abend und Morgen: ein neuer Tag!  Gott ist treu. So geht er zurück in die Stadt.

IV. Hoffnung

Er geht durch die Straßen. Er sieht die Not, die Trauer, die Hoffnungslosigkeit.  Er sieht die Menschen an. Nimmt sie ernst. Von Angesicht zu Angesicht. Er spricht sie an. Jeden Einzelnen. Leise. Sanft ist seine Stimme. Fast flüsternd, engelgleich:

Du, die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.

Sondern sie ist alle Morgen neu, und seine Treue ist groß.

Der HERR ist mein Teil, auch dein,  spricht meine Seele; darum will ich, darum sollst auch du auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.

Es ist ein köstlich Ding, geduldig zu sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.

Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl  und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. Die Menschen schauen auf. Schauen ihn an. Tief in seine Augen.
Sie sind verwirrt. Sie erheben den Blick. Sie fühlen die sanfte Berührung der Stimme. Fast zärtlich legt Jeremia gleichzeitig seine Hand auf den Arm. „Stehe auf. Erhebe dich. Und geh. Der Weg mag steinig sein.
Aber Gott ist treu. Er hilft. Gott erhöht.“ Und die Menschen stehen auf. Der gebeugte Rücken wird gerade. Der trübe Blick wird klar und entschlossen. Verzweiflung wird zu entschlossenem Kampf. Hoffnungslosigkeit zu mutigem Engagement.
Gott ist treu. Deshalb wollen wir kämpfen.

Wann, Jeremia, wann, Jesus, wann geht die Nacht in den Morgen über? So fragten die Menschen damals. So fragen wir heute. Ich erinnere mich an eine rabbinische Geschichte. Ein Meister sitzt im Kreis seiner Schüler und stellt genau diese Frage: Wann geht die Nacht in den Morgen über?
Die Schüler sind ratlos. Dann gibt einer von ihnen eine fragende Antwort: „Wenn man die Äste eines Baumes erkennen kann?“ „Nein“, antwortet der Rabbi. Einer anderer Schüler versucht es: „Wenn man ein Schaf von einer Ziege unterscheiden kann?“ „Nein“, antwortet der Rabbi. Da bedrängen die Schüler den Rabbi um eine Antwort. Und er spricht: „Die Nacht geht in den Morgen über, wenn man in dem Gesicht eines Menschen seinen Bruder oder seine Schwester erkennt.“

V. Herbst

September 2017. der Fünfundzwanzigste. Ein Montagvormittag. Nach der Wahl. DER Wahl.

Wunden lecken. Allgemeines Entsetzen. Ich bin zurück in der lauten, und immer noch merkwürdig stillen Stadt. Der graue Nebel will sich nicht heben. Bremen liegt im Flusstal. Noch immer wird scheinbar auf Prozente und Farbbalken gestarrt.
Stumm. Wie konnte das passieren? Vielleicht ist es aber einfach auch nur der Flussnebel. Ich lege die mitgebrachten Brötchen für das gemeinsame Frühstück auf den Tisch. Unser Hausbäcker hat sein Bestes getan. Golden knusprig liegen sie da.
Meine Frau starrt mich an. „Wie kannst du nur nach dem gestrigen Abend? Ich habe Angst!“

Auf einmal steht Jeremia neben mir. Als ob er mir die Worte in den Mund legt antworte ich: „Die habe ich auch. Aber wir sind stark. Unsere Demokratie ist stark. 12 einhalb Prozent sind viel. Ja. 25 Prozent Nichtwähler sind viel. Ja. Viel zu viel.
Aber 87 Prozent der Wählerinnen und Wähler machen mir viel Mut und Hoffnung. Lass uns essen und genießen. Wir leben. Und wir leben gut. Gott segne diesen guten Morgen. Gott meint es gut mit uns. Gott ist treu.“
Meine Frau schaut mich an und sagt: „Deine Augen leuchten gerade wie ein Sonnenaufgang.“ Und sie gibt mir einen Kuss.

Amen.

[Ein möglicher Schluss mit Jesaja 58,7-12, falls Erntedank gefeiert wird …]

VI. Erntedank

In vielen Gemeinden in Deutschland wird dieses Wochenende Erntedank gefeiert. Die Altäre sind geschmückt. Ernte-Umzüge ziehen durch die Dörfer und Straßen. Das Wissen von Gottes Güte ist (noch) vorhanden. Uns geht es gut! Wir haben guten Grund zu Danken. Das täglich Brot … es ist nicht selbstverständlich. Vielleicht gerade deshalb, gerade nach dem letztem Wahlsonntag, und es wäre doch mal ein Wahlprogramm,  ein bisher ungehörtes, „unerhörtes“ Parteiprogramm,
das ein anderer Prophet für diesen Sonntag „Erntedank“ herausgegeben hat:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen:

»Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«. Es könnten Jeremias Worte sein. Oder auch Jesajas. Oder meine. Oder deine? Gottes Güte leuchtet. Jeden Morgen neu. In den Gaben am Altar.
Brich dem Hungrigen dein Brot. Abendmahl. Wenn wir in wirklicher Gemeinschaft feiern.

Herbst. September 2017.

Gottes Güte hat entschieden: wir sind nicht gar aus. Gottes Barmherzigkeit hat kein Ende. Sie ist alle Morgen neu, und seine Treue ist unermesslich. Gott hält an uns fest, darum hoffen wir auf ihn. Denn Gott ist freundlich, weil wir nach ihm fragen. Es ist ein köstlich Ding sein, geduldig zu sein und auf Gottes Hilfe zu hoffen. Ja, Gott, wir sind ungeduldig, hoffen auf dich, Gott wissen, dass du hilfst. Denn du verstößt nicht ewig; sondern auch wenn wir grübeln und traurig sind: Du erbarmst dich immer wieder nach deiner großen Güte.

Amen.