„Tüchtig zum Guten“ - Predigt zu Hebräer 13,20-21 von Dörte Gebhard

Liebe Gemeinde, liebe Gäste, all Ihr Tüchtigen von nah und fern,

heute sind Menschen unter uns, die die ganze Bibel durchgelesen haben, diese ganze Bibliothek von Schriften, die überhaupt nur dank unserem ultradünnen Papier handlich zu haben ist.

Die Heilige Schrift entstand, so weit wir das wissen können, ungefähr in einem Zeitraum von 1000 Jahren – und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Bibelfernkurs haben ungefähr in 1000 Tagen, also in etwas mehr als zweieinhalb Jahren tatsächlich alles gelesen! Von vorn bis hinten, auch die langweiligen Stellen und dann auch noch die Kirchengeschichte gleich hinterher studiert. Damit nicht genug, sie haben sich wohl 1000 Fragen gestellt und mindestens 800 in den dazugehörigen Lehrbriefen auch beantwortet, genau hingeschaut, wohl nicht nur einmal zweimal gelesen und manchmal beim dritten Mal immer noch gestaunt, dass so etwas alles in der Bibel steht. Die Korrigierenden, von denen heute auch einige hier sind, haben die Antworten studiert, und mussten nicht ganz selten wieder mit Fragen kämpfen, die aus den Antworten hervorkamen wie aus unversiegbaren Quellen.

Solche tüchtigen Leute hat die Christenheit nötig: die sich Zeit nehmen, einmal alles zu lesen, nicht nur die Lieblingsstellen, nicht nur das Liebreizende, nicht nur das, was man vorher schon gern hatte und gern hörte.
Solche tüchtigen Leute hat die Christenheit nötig: die sich in Diskussionen nicht auf ihre eigenen Vorurteile verlassen müssen, die nur so eine vage Ahnung haben, sondern die wissen, wovon die Rede ist, wenn gestritten wird über den Sinn und Zweck von Glauben und Tun, um das Potential zum Frieden, um die Kriege, die zwar im Namen Gottes geführt werden, aber gewiss nicht sein Wille sind.

Wir anderen haben tüchtig etwas nachzuholen! Daher habe ich eine kurze Zusammenfassung gesucht und bin im Hebräerbrief fündig geworden. Was wir „Hebräerbrief“ nennen, ist ursprünglich eine lange Predigt, die man dann am Schluss mit einer „Briefmarke“ versehen hat und losgeschickt hat – und alle, die den Brief bis heute erhalten haben, wissen nicht mehr, wer ihn zuerst bekam.
Im 13. Kapitel heisst es – alles in allem in nur zwei Versen:

Gott ist es, der Frieden schenkt.
Er hat den grossen Hirten der Schafe,
unsern Herrn Jesus,
heraufgeführt aus dem Totenreich.
Durch sein Blut
hat er den ewigen Bund in Kraft gesetzt.
Gott mache euch
[tüchtig] zu allem Guten,
damit ihr tun könnt,
was er will.
Er schaffe in uns,
was ihm gefällt,
durch Jesus Christus.
Der regiert in Herrlichkeit
für immer und ewig.
Amen.
(Hebr 13, 20f., Basisbibel; „tüchtig“ aus Martin Luthers Übersetzung)


Liebe Gemeinde,
nun habe ich nicht einmal 1000 Minuten, sondern nur 1000 Sekunden Zeit hier oben auf der Kanzel, um das zu predigen. Ich werde mir tüchtig Mühe geben. Ziemlich genau in der Mitte wird gewünscht: Gott mache euch tüchtig zu allem Guten, damit ihr tun könnt, was er will.

Tüchtig zu allem Guten – also fähig und kompetent, das Böse zu lassen und das Unsinnige und Dumme auch.
Tüchtig zu allem Guten – also einwandfrei tauglich, das Gute genau zu erkennen, herauszufinden aus dem Wust aus Gut und Böse und allen Halbheiten und Ambivalenzen dieser Welt.
Tüchtig zu allem Guten – also effizient und mit geeigneten Mitteln anderen hilfreich beizustehen, dann auch bald die Tüchtigkeit der Nächsten zu fördern.

So weit - so klar - so wunderbar.

Weit dahinter und darunter tönt noch eine Basslinie, die man nicht überhört, weil sie tendenziell dissonant klingt:

Gott mache euch tüchtig, damit ihr tun könnt, was er will.
Er schaffe in uns,
was ihm gefällt ...


Ich weiss nicht, wie es Ihnen und Euch geht, aber für meine Tüchtigkeit, glaube ich, bin ich doch immerhin selbst zuständig! Wer denn sonst?!
-
Gott.
So weit? Wirklich wahr? Das ist sonderbar!

Liebe Gemeinde,
das nehmen wir nicht so leicht hin! Wer macht hier was bei wem, wer ...?
Daran arbeiten und „hirnen“ [Schweizer Mundart] die Gelehrten schon etwas mehr als 1000 Jahre. Eine extreme Antwort hat sich im Laufe der Zeit gebildet:
„Dann kann man gar nix machen!“

Gott ist zuständig:
Gott ist es, der Frieden schenkt.
Gott war auch tüchtig:
Er hat den grossen Hirten der Schafe,
unsern Herrn Jesus,
heraufgeführt aus dem Totenreich.


Dann ist alles ziemlich übersichtlich und für uns für’s Erste konsequenzenlos:

„Alles, was geschieht, geschieht so, wie es geschieht, allein deswegen, weil Gott es so gewollt und bewirkt hat. Und darum ist alles, was ist, so, wie es ist, weil Gott es so gewollt und bewirkt hat.“[1]

Da kann man nix machen, da muss man auch nix machen ...
Manchmal begegnet einem diese Haltung:
„Eigentlich wollte ich die Welt retten ... aber es regnet.“
Nichts zu machen!
Warum sollte man nach dem Guten fragen, Gebote halten, Busse tun, die Zukunft ins Auge fassen, Urteile bilden, Verantwortung für irgendetwas übernehmen?
In einem Lehrbuch [zur Dogmatik] steht allerdings in der Fussnote: „Vermutlich hat es noch nie einen Menschen gegeben, der auch nur einigermassen konsequent nach dieser Theorie gelebt hat.“[2]

Offenbar ist ein derart tatenloses Leben viel zu anstrengend, um wirklich durchgehalten zu werden.
So nehmen wir unsere ganze Tüchtigkeit zusammen und hören noch ein drittes Mal genau zu:
Gott mache euch tüchtig, damit ihr tun könnt, was er will.

Wir werden von Gott „ertüchtigt“, aber tüchtig sein müssen wir dann schon selbst. Dafür sind wir in der Tat und mit Wort und Tat zuständig.
Wir können, was Gott wohlgefällig ist, nicht mehr und nicht weniger.
Wir können, was Gott gut gefällt, aber wir sind frei, tatsächlich.
Immer gibt es mindestens zwei Möglichkeiten, tüchtig zu sein oder eben auch nicht.

Das Bild vom Hirten ist alt. Es ist völlig zu Unrecht mit idyllischen Farben angepinselt. Der Hirte hat es mit höchst Lebendigem zu tun, auch mit Wölfen, die Hunger haben. [3]
Das Bild vom Hirten ist mehr als gut.
Der gute Hirte macht schon Feuer, wenn das Schaf noch gar nicht ahnt, dass es wieder Nacht werden wird. Aber ob das Schaf im Dunkeln bei der Herde bleibt, entscheidet es selbst. Ein Schaf wird nicht ferngesteuert, sondern behütet.
Der Hirte sucht die Weide aus, aber ob das Schaf an jedem Kraut einzeln herumnörgelt und mäkelt oder unterdessen schon tüchtig frisst, liegt ganz bei ihm.
Ein Schaf wird nicht gefüttert, sondern zu Gras und Wasser gebracht.

Gott befiehlt und bestimmt nicht einfach, sondern „macht tüchtig“.

Gott ist es, der Frieden schenkt.
Das hat nun einen fragenden Klang: Sind wir in der Lage, Frieden zu erhalten? Sind wir tüchtig friedliebend?

Sind wir tüchtig - also fähig und kompetent, das Böse zu lassen und das Unsinnige und Dumme auch?
Sind wir tüchtig – an den guten Gott überhaupt zu glauben angesichts der „Tatsachen“?

„Die Toren sprechen in ihrem Herzen:
Es ist kein Gott.
Sie leben anders, die Aufgeklärten.
Sie zucken die Schultern:
Gott – was soll’s?
...
Die klagen nicht mehr,
denen niemand erzählt hat,
von mehr als dem,
was halt „normal“ ist.
Was aber ist normal?
Die Rose, die Liebende
in den Händen halten,
oder die Bombe,
die sie zerfetzt?
Das Kreuz am Strassenrand,
unsinniges Opfer,
oder die Blumen,
die jemand
liebevoll gedenkend
zu dem Kreuz stellt?“ [4]

Liebe Gemeinde,
was aber ist normal?
-
Sind wir tüchtig – also einwandfrei tauglich, das Gute genau zu erkennen, herauszufinden aus dem Wust aus Gut und Böse und allen Halbheiten und Ambivalenzen dieser Welt?

Jetzt stellen sich selbstverständlich noch 1000 weitere Fragen über Gott und die Welt.
Belegen Sie also den Bibelfernkurs, dann haben Sie zwar nicht plötzlich alle Zeit der Welt, aber wenigstens 1000 Tage Zeit, herauszufinden, was Sie immer schon wissen wollten.
Dazu und für alles andere bitten wir:
Gott mache uns [tüchtig] zu allem Guten,
damit wir tun können,
was er will.
Er schaffe in uns,
was ihm gefällt,
durch Jesus Christus.
Der regiert in Herrlichkeit
für immer und ewig.
Amen.

 

[1] W. Härle, Dogmatik, Berlin/New York 1995, S. 289 zum Determinismus.

[2] Ebd.

[3] Vgl. H. Albertz, Blumen für Stukenbrock, Stuttgart 1981, S. 277f.

[4] G. Schneider-Flume, Grundkurs Dogmatik. Nachdenken über Gottes Geschichte, Göttingen 2004, S. 17f.