Tuppence – Predigt zu Markus 12,41-44 von Martin M. Penzoldt

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte. (Mk 12,41-44)

Liebe Gemeinde,
gestern kam meine Schwester vorbei und als ich ihr den Predigttext erzählte, sagte sie lapidar: „Dazu muss man nichts weiter sagen. Das ist in sich klar. Jedes weitere Wort kann nur schaden.“
Klingt ja wie vom Luther, dachte ich: „Tritt fest auf, mach´s Maul auf, hör bald auf.“ Ja, kann ich dann nur noch sagen – und AMEN.
Es sei denn, wir klären das noch mit dem „Scherflein“.
Diese Geschichte heißt nach der Überschrift in der Lutherbibel: „Das Scherflein der Witwe“. Und jeder weiß, was ein Scherflein ist und was es heißt, sein Scherflein beizutragen. Oder doch nicht?
Es kam ein Mann zu seinem Pfarrer, nahm ihn bei Seite und sagte: „Das Scherflein der Witwe habe ich noch übrig.“ Da meinte der Pfarrer: „So viel möchte ich von Ihnen gar nicht haben.“

Das ist eben der Clou der Geschichte: Ein Scherflein ist eine sehr kleine Gabe, es sind zwar nur zwei kleine Münzen, zwei halbe Pfennige, aber für die, die wenig hat, sind sie eben alles, was sie hat.
Das Scherflein der Witwe bedeutet: Diese Frau gibt ihr Alles!
Es scheint wenig. Aber es ist zugleich mehr als alle Scheine, die andere von ihrem Überfluss abgeben und einlegen.
 

 

I. Die Gabe – Ökonomie

Unter Anleitung von seiner Nanny Mary Poppins gibt Michael alles, was er gespart hat - einen tuppence (two pence) - der alten Vogelfrau für ein Säckchen Vogelfutter, woraufhin sein Banker-Vater ihm vorwirft, wie er sich damit an Aktien für weltweite Gleisbauten und Staudämme hätte beteiligen können. Ist es nicht falsch, das wenige auch noch zu geben?
Es ergeben sich jetzt zwei Möglichkeiten: Wer nur vom Überfluss abgibt, könnte man sagen, der teilt sein Herz zwischen dem Vertrauen auf Gott und dem Vertrauen auf die eigene Kraft.
Wer auch den letzten Rest gibt, vertraut sich ganz Gott an.
Das ist leicht zu verstehen, da hat meine Schwester recht, aber es ist schwer – eigentlich unmöglich – das nachzumachen. Und gerade dabei, heißt es, schaut Jesus genau hin. Jesus setzte sich nun in die Nähe des Opferkastens im Tempel und beobachtete die Leute, die ihre Gaben einwarfen. Er will den Menschen, die ihm folgen, etwas zeigen.

Noch einmal: Wenn Bill Gates in den letzten Jahren drei Milliarden Dollar Ausschüttung an Aktiengewinn gespendet hat, dann sind das auch für ihn keine Peanuts. Aber überfließende Gelder.
Wenn mir eine arme Rentnerin aus der Gemeinde zehn Euro zusteckt und bedauert, dass sie mir nicht mehr geben kann, dann gibt sie dies vom Lebensnotwendigen ab. Weil diese Geldopfer nicht vor aller Augen geschehen, weil das richtige Geben oft im Verborgenen bleibt, darum setzt sich Jesus gegenüber den Opferkasten und schaut genau zu. Er zeigt die beiden Möglichkeiten, die wir haben, mit unseren Mitteln umzugehen:
1. Wenn ich an Mitteln etwas übrig habe, dann gebe ich.
2. Wenn ich etwas habe, dann gebe ich.
Im ersten Augenblick hört sich der Unterschied nicht so groß an, darum lassen wir uns das literarisch verdeutlichen und merken bald, dass die beiden Möglichkeiten meilenweit auseinander sind.

Der russischen Schriftstellers Iwan Turgenjew erzählt: „Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens für die Erziehung von Kindern, für die Heilung von Kranken und den Unterhalt von Greisen spendet, dann erregt das meinen Beifall und rührt mich. Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung nicht die Erinnerung an eine arme Bauernfamilie zu unterdrücken, die eine kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm. `Nehmen wir Katja zu uns´, meinte die alte Frau, `dann geht unser letzter Groschen drauf – dann langt‘s nicht mehr zum Salz für die Suppe…´ `Nun… dann essen wir sie eben ungesalzen´, gab ihr der Bauer, ihr Mann, zur Antwort.“
Und Turgenjew schließt seine Erinnerungen ab mit den Worten: „Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern.“

 

II. Die Gewissensfrage – Ethik

Geben und wieviel oder Nichtgeben ist eine Gewissenssache. Ich hatte eine Patientin, die hat sich gequält mit der Frage, ob sie einer Frau auf der Bank vor dem Supermarkt nicht doch hätte etwas geben sollen. Das ist uns nicht fremd. Was macht man angesichts der überwältigenden und von den Massenmedien plakativ ins Haus gelieferten Not der Welt? Da fühlt man sich schon herausgefordert oder aber belästigt, jedenfalls mit schlechtem Gewissen zurückgelassen. Und jetzt kommt auch noch Jesus. Jesus, der uns auf die Finger sieht.
„Ich komme jeden Tag an vier bis fünf Bettlern vorbei“, schreibt eine ratsuchende Frau, „meistens den gleichen, die mich flehend ansehen. Ich kann aber nicht allen etwas geben, schon gar nicht jedes Mal. Aber ich ertrage die enttäuschten Blicke schwer. Nur: wer ist der Bedürftigste? Und wird dieser dann nicht jedes Mal etwas erwarten? Ich quäle mich ständig herum, mit der Folge, dass ich keinem etwas gebe. Was wäre richtig?“
Was sollen wir sagen? Es ist zunächst gut, dass sich jemand überhaupt noch ansprechen lässt. Diese moralische Achtsamkeit ist für den Einzelfall sinnvoll. Sie stößt jedoch bei vielen Bittenden an ihre Grenzen. Da muss man die spontanen moralischen Gefühle mit Vernunft abgleichen. Es wird schlicht zu umfangreich. Man ist ja nicht Albert Schweitzer oder der Heilige Martin. Dass man dann doch lieber niemandem gibt, ist häufig der Ausweg. Es gibt ja Gründe auf diese Weise nicht helfen zu wollen.
Es kann auch zu Abwehr führen, wenn wir zu sehr angegangen werden.
Eine weitere Erzählung: Noch einmal Baron Rothschild, er empfängt einen Bettler. Triefäugig und abgerissen erzählt der seine schreckliche Leidensgeschichte. Der Reiche hört zu, Mitleid stiehlt sich in sein Gesicht. Mit Tränen in den Augen klingelt der Baron seinem Diener. Der Arme hoffte auf ein gutes Almosen, aber der Reiche sagt: „Schmeiß ihn hinaus, er bricht mir das Herz!“
Es geht ans Herz, es geht um das Herz. Eigentlich will man auch geben und tut es dann nicht und die Bettler wollen bekommen und bekommen nichts.

Was sagt ein Ethiker dazu? Kant hat gesagt, die Pflicht, Wohltaten zu erweisen, ist unvollkommen ( = nicht zwingend), man kann ihr ja nur im begrenzten Maße nachkommen. „Also ist“, schreibt Kant „diese Pflicht nur eine mögliche; sie hat Spielraum, mehr oder weniger hierin zu tun, ohne dass sich die Grenzen davon bestimmt angeben lassen.“ (Metaphysik der Sitten 2.Teil VIII, 2. Fremde Glückseligkeit)
In einer Schrift zur Erziehung sagt er dann deutlich: Man solle nicht „das Herz der Kinder weich machen, dass es von dem Schicksale des anderen angesteckt werde, als vielmehr wacker.“ (Pädagogik, Hg. Natorp, Akademie Ausgabe Band IX, S. 490)
Man braucht bei der Wohltätigkeit eine „wackere“ Vernunft. Andernfalls läuft man Gefahr, sich zu verausgaben oder alles abzublocken.
Also soll man überlegen, wie und wieviel man geben will, auch spontan. Aber nicht so tun, als würde man die Welt damit retten, wacker zu bleiben.

Man kann auch mal über die Pflicht hinaus handeln. Am Abend vor der ersten schriftlichen Examens-Klausur traf ich auf einen Mann meines Alters vor meiner Haustür: Ein Kellner, in Schwarz gekleidet, aber im Regen ohne Mantel und ohne Schuhe. Er tat mir leid, ich fragte, was los sei. Er sei unvermittelt von seiner Freundin hinausgeworfen worden, sagte er, er wisse nicht, wohin. Da ich das gut verstehen konnte, nahm ich ihn die Nacht auf. Er schlief schnarchend auf einer Matratze in meiner Studentenbude.
Am nächsten Tag gab ich ihm alte Schuhe von mir und Frühstücksgeld, ging hochgemut zum Examen und schrieb eine glatte Eins. Ich war wie in Drachenblut getaucht. Mir hätte nichts passieren können. Aber es war doch eine absolute Ausnahmehandlung. Man kann es anderen nicht empfehlen.

 

III. Aber es geht um das Ganze – Religion.

Soviel zur Ethik. Das klingt alles nicht gerade nach Jesus. Es geht bei Jesus auch nicht um Ethik.
Steht am Ende dieser Episode etwa der Satz: Gehe hin und tue desgleichen? Sind wir etwa diese Witwe? Nein. Was will uns Jesus denn dann sagen?
Es gibt Situationen da geht es um´s Ganze. Es gibt Entscheidungen im Leben, die kann man nicht mit halbem Herzen treffen. Es geht nicht es nicht um ein Stück Kuchen, da geht es um die Bäckerei, es geht nicht um Almosen, es geht um das Herz.
Die Geschichte vom Scherflein der Witwe steht im Markusevangelium am Ende des Berichts vom Wirken Jesu. Es folgt die Passion. Jesus selbst wird jetzt alles geben, was er hat, was er ist. Seine Liebe zu den Menschen wird ihm das Leben kosten. Und so ist die Tat der Witwe nicht zuerst Vorbild für unser Tun, sondern Gleichnis für die eigene Selbsthingabe von Jesus. Uns zu gute. Es zerreißt ihm das Herz. Das will er den Jüngern zeigen. Er beschämt uns nicht, er beschenkt uns.
Wenn wir gleich gemeinsam Abendmahl feiern, - diese einzigartige Liebeserklärung Gottes an uns – begegnen wir in besonders sinnlicher und spürbarer Weise dieser vorbehaltlosen Liebe Gottes.
Wir sind eingeladen, im Gedenken an Jesu Leben und Sterben, Gottes Liebe und unseres Glaubens gewisser zu werden. Und um den gemeinsamen Tisch, im Teilen von Wort, Brot und Wein wird sie für uns heute Morgen lebendige Gegenwart.
Jesus hat in einzigartiger Weise die Liebe Gottes gelebt im Umgang mit den Menschen, die ihm begegnet sind. Er hat gezeigt, dass Gottes Liebe vorbehaltlos allen Menschen galt. Er hat soziale und religiöse Grenzen überschritten und Konventionen und Traditionen um der Menschen willen durchbrochen. Er hat sich aus Liebe zu den Menschen mit den religiösen und politischen Autoritäten angelegt und ist diesen Weg im Vertrauen auf Gottes Liebe konsequent bis zum bitteren Ende in Treue gegangen.
Jetzt ist die Predigt doch wieder etwas länger geworden. Und wer seinen Platz in dieser Geschichte immer noch sucht, der findet ihn gleich im ersten Vers. Es wäre nicht das Schlechteste, wenn es von uns heißen könnte: „Und viele Reiche legten viel ein.“ Amen.