„Und trotzdem bete ich.“ – Predigt zu Kolosser 4,2-4 von Wolfgang Vögele

Friedensgruß

Der Predigttext für den Sonntag Rogate steht Kol 4,2-4:

„Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir vom Geheimnis Christi reden können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, auf dass ich es so offenbar mache, wie ich es soll.“

Liebe Schwestern und Brüder,

man kann die Frage stellen, ob Gebete und Fürbitten einem kranken Patienten helfen. Ich gehe davon aus, daß Sie das American Heart Journal nicht kennen, eine angesehene medizinische Fachzeitschrift aus den USA. Im Jahr 2006 veröffentlichten sechzehn Forscher auf den Seiten 934 bis 942 der April-Ausgabe die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie. Das Team beschäftigte sich mit der Frage, ob Fürbitten von Freunden und Verwandten einen Effekt auf die Heilung von Patienten haben, wenn sie sich einer Bypass-Operation unterziehen müssen. Zwölfhundert Patienten wurden untersucht. Sie wurden in Gruppen eingeteilt. Für alle wurde gebetet. Einige Patienten wußten mit Bestimmtheit, daß für sie gebetet wurde. Andere wußten nur, daß möglicherweise für sie gebetet wurde. Die dritte Gruppe wußte nicht, daß für sie gebetet wurde. Das Ergebnis lautete: Das Fürbittengebet anderer hatte keine Auswirkung auf den Heilungsprozeß der Patienten. Bei denen, die wußten, daß für sie  gebetet wurde, kam es mit größerer Wahrscheinlichkeit zu Komplikationen. – Tja, und nun?

Was ist daraus zu schließen? Wenn Ihnen eine Bypass-Operation droht, liebe Schwestern und Brüder, dann lassen Sie lieber nicht für sich beten. Wenn man den Forschern Glauben schenken will, dann hat man den Eindruck, als würde Gott bei Herzkrankheiten lieber im Verborgenen arbeiten, aber nicht auf vorherige menschliche Aufforderung hin. Das wird im Evangelium und in der theologischen Wissenschaft anders gesehen.

Die Studie ist von Mißverständnissen geprägt, die leider in der Gegenwart der Moderne zahlreich geworden sind: Beten ist selbstverständlich kein mechanischer Vorgang. Wer betet und dabei bittet, der möchte nicht unbedingt zu praktischen Ergebnissen kommen. Der unbekannte Autor des Kolosserbrief befand sich irgendwo in Gefangenschaft. Im Sinne der medizinischen Studie hätte er um Befreiung bitten können. Er sagt auch, daß sich eine Tür öffnen möge. Aber das ist nicht die Gefängnistür. Er fordert seine angeschriebenen Freunde auf, daß sie um offene Türen für das Wort und das Geheimnis Christi bitten mögen.

Eine sensible theologische Aufmerksamkeit für das Beten finde ich bei dem Komponisten Arnold Schönberg (1874-1951). Schönberg war Jude und kam aus Österreich. 1933, bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten, ging er ins Exil. Er lebte damals in Berlin und wechselte zuerst nach Frankreich, dann in die USA. Er starb in Los Angeles nach dem Zweiten Weltkrieg. Sein ganzes Leben lang setzte sich Schönberg mit dem Judentum auseinander. Er trat aus der Synagoge aus, ließ sich evangelisch taufen. 1933 konvertierte er wieder zum Judentum. Bevor er starb, arbeitete er an einer Serie von Psalmenvertonungen. Das erste dieser Werke trug ursprünglich den Titel „Psalm 151“. In der Bibel sind 150 Psalmen gesammelt, Schönberg wollte diese Reihe fortsetzen. Er vollendete Komposition und Text, aber er strich irgendwann den ursprünglichen Titel und nannte das Werk „Moderner Psalm“. Schönberg schreibt: „Wer bin ich, daß ich glauben soll, meine Gebete seien eine Notwendigkeit? Wenn ich Gott sage, weiß ich, daß ich damit von dem Einzigen, Ewigen, Allmächtigen, Allwissenden und Unvorstellbaren spreche, von dem ich mir ein Bild weder machen kann noch soll. An den ich keinen Anspruch erheben darf oder kann, der mein heißestes Gebet erfüllen oder nicht beachten wird. Und trotzdem bete ich, wie alles Lebende betet; trotzdem erbitte ich Gnade und Wunder: Erfüllungen.“ Mich fasziniert dieser Liedtext seit Jahren, denn Schönberg fragt sich wenige Jahre nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, nach dem Holocaust, nach Flüchtlingselend und eigenem Exil, wie Menschen in der Gegenwart noch beten können. Und er kommt damit der Gebetsmeditation aus dem Kolosserbrief sehr nahe.

Schönberg betont zuerst einmal den unendlichen Unterschied zwischen Gott und Mensch. Für ihn ist es im Grunde schon ein Wunder, daß sich der Beter überhaupt traut, sich an Gott zu wenden. Der Beter fühlt sich an das Bilderverbot gebunden, und darum wagt er es nicht, Ansprüche an Gott zu stellen oder ihn fürbittend mit Forderungen zu plagen. Und trotzdem sagt Schönberg in seinem Psalm: Alle Menschen beten, ob sie sich dessen bewußt sind oder nicht.  Alle Menschen beten aus einem ganz einfachen Grund: Sie haben ihr Leben nicht selbst in der Hand. In einem begrenzten Kreis und Umfang können Menschen ihr Leben beeinflussen, handeln, Wirkungen auf andere ausüben. Aber es gibt auch vieles, das dem Menschen gar nicht zugänglich ist. Ein Beispiel: Auf gesunde Ernährung, viel Bewegung, regelmäßige Gymnastik, ausreichend Schlaf achten viele Menschen, in der Hoffnung auf ein langes Leben ohne schwere Krankheiten. Die genannten Aktivitäten sind alle wichtige Faktoren für ein langes Leben, aber es handelt sich nicht um sichere Gründe, die ein langes Leben garantieren. Auch körperlich und psychisch völlig gesunde Personen sind schon an einem plötzlichen Herzinfarkt oder einem Schlaganfall gestorben. Und nicht einmal der regelmäßig behandelnde Hausarzt kann solche Schlaganfälle vorhersehen. Im übrigen hat ein katholischer Psychiater einmal gesagt: „Auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot.“ Schönberg hat um diese Grundbedingungen des Lebens gewußt: Niemand kann dem Zufall ausweichen. Alle Menschen müssen sterben. Nicht auf alles kann ein Mensch Einfluß nehmen. Schönberg hat das gewußt, aber eben auch gesagt: Und trotzdem bete ich.

Und trotzdem bete ich. „Trotzdem erbitte ich Gnade und Wunder.“ Der Allmächtige, den Schönberg Gott nannte, ist Herr über Raum und Zeit und Zufall. Er kann Wunder vollbringen, die kein Mensch für möglich gehalten hätte. Und darin finde ich etwas von der gleichen Beharrlichkeit, die auch der Autor des Kolosserbriefes so sehr betont. Er ist gefangen, befindet sich also in einer unangenehmen, gefährlichen Notsituation. Ich finde es erstaunlich, daß dieser gefangene Briefschreiber nicht für seine eigene Befreiung bittet. Er bittet zwar um das Öffnen von Türen, aber die Tür soll sich für das „Wort“ Gottes auftun und nicht für ihn, den gefangenen Briefschreiber. Mehr als um die eigenen Ketten, die Gefangenschaft, die vermutlich elenden, menschenunwürdigen Bedingungen in einem antiken Gefängnis zielt er auf die Ausbreitung des „Wortes“ und des Geheimnisses Christi.

Das eigentlich unmögliche Beten des gefangenen Christen erwächst aus dem Glauben. Wie der Jude Schönberg wendet sich der gefangene Christ im Gebet an Gott. Beide erkennen die Allmacht, die Barmherzigkeit, die unermeßliche Größe Gottes an. Beide wissen sie offensichtlich, daß das Beten nicht einem Wunschkonzert zu vergleichen ist, welches ersehnte, erwünschte und benötigte Dinge, Personen und Haltungen mit Hilfe von Gottes Vorsehung nach Belieben herbeiführt. Es lohnt sich also, einen weiteren Blick auf das Beten zu werfen und darüber nachzudenken, was beim Beten eigentlich geschieht.

Beten ist nicht einfach die Übertragung des eigenen Handelns auf Gott. Der Beter bittet, sagen wir, um Regen, aber er weiß, die Menschen haben keinen Einfluß auf Wolken, Wind und klimatische Bedingungen. Also bittet der Beter Gott, stellvertretend für ihn zu handeln. Aber Gott ist kein Regenmacher. Wer Beten nach dem Modell betrachtet, eigene Ohnmacht durch Gottes Allmacht zu ergänzen, der macht es sich zu einfach.

Liebe Schwestern und Brüder, ich will ein anderes Modell vorstellen: Wer betet, hat zunächst einmal eingesehen, daß er sein Leben nicht nur aus eigener Kraft und eigenem Bewußtsein steuert. Er ist in vielem abhängig von anderen, von Randbedingungen, auf die er überhaupt keinen Einfluß hat. Wer betet, sieht also zunächst die Begrenztheit des eigenen Lebens ein. Menschen sind nicht allmächtig. Diese Einsicht beruht im übrigen nicht auf Kleingeist, sondern auf Demut. Wer solchermaßen betet, der deutet sein Leben auf eine ganz bestimmte Weise. Wer nicht betet, muß sagen: Mein Leben habe ich nicht selbst in der Hand, ich bin abhängig von Zufällen, von einem blinden Schicksal, dem ich unterworfen bin. Wer dagegen betet, sagt: Mein Leben habe ich nicht selbst in der Hand, ich kann einiges tun, aber ich bin auch abhängig. Ich bin nicht von einem Schicksal abhängig, sondern ich bin abhängig von einem Gott, der es mit mir, mit uns, gut und barmherzig meint. Ein bekannter Theologe hat es einmal so formuliert, daß er gesagt hat, das Beten sei ein Sprechen, das die Unabgeschlossenheit des Lebens zum Ausdruck bringt (Dietrich Korsch). Und im Gebet vergewissern sich Menschen der Glaubenstatsache, daß Gott für sie eine gute Schöpfung geschaffen, daß er sie zur Rechtfertigung und Erlösung bestimmt hat. Eine kalte Welt, in der niemand betet, wäre eine Welt, die dem Taumel des Zufalls ausgeliefert ist. Eine Welt, in der der Beter Gott anruft, ist geborgen,  in seiner Barmherzigkeit und Gnade, auch dann, wenn wir deren Wirkungen häufig schmerzlich und voller Verzweiflung vermissen.

An einer Stelle geht nun der Gefangene des Kolosserbriefs weit über Schönberg hinaus, nämlich dort, wo er vom „Geheimnis Christi“ spricht. Das hätte Schönberg kurz vor seinem Tod nicht nachvollziehen können.  Aber er sagt auch, daß Angehörige aller Religionen beten. Also betrachtet er Gebet als eine allgemeine menschliche Haltung und Handlung. Der gefangene Briefschreiber des Predigttextes spricht vom Geheimnis Christi. Was meint er damit? Das Geheimnis Christi deutet gerade auf den gekreuzigten und auferstandenen Mann aus Nazareth, mit dem sich Gott in besonderer Weise einig wußte. Diese Einheit zwischen Gott und Jesus ging so weit, daß Jesus als „Gottes Sohn“ bezeichnet wurde. An vielen Stellen sprach er von sich auch als „Menschensohn“. Er war und ist beides zugleich: Gottes Sohn, weil seine Beziehung zu Gott so intensiv war wie die keines Menschen zuvor; Menschensohn, weil er Höhen und Tiefen des Menschseins kennenlernte wie kein zweiter vor und nach ihm. Diese Beziehung zu Gott zeigte sich in Heilungen, Wundern, in großartigen Reden und neuen ethischen Forderungen. Aber wenn sich die sechzehn Mediziner aus der Studie des American Heart Journal daran gemacht hätten, einen wissenschaftlich belastbaren Beweis der Gottesbeziehung Jesu zu führen, sie wären gescheitert. Gott wird Mensch in Jesus Christus, aber er bleibt auch im Menschen Jesus Christus unsichtbar. Deswegen die  Rede vom Geheimnis Christi. Das Geheimnis kann nur geglaubt werden.

Wenn Christen zu Gott beten, nehmen sie dieses Geheimnis ernst. Sie rechnen deshalb nicht mit der unmittelbaren Erfüllung ihrer Gebete wie bei einer Bestellung im Internethandel, wo in 99 Prozent aller Fälle die bestellte Ware drei Tage später eintrifft. Wer betet, nimmt die Wirklichkeit Gottes ernst, seine Barmherzigkeit, seine Gnade, aber eben auch seine Verborgenheit, sein Geheimnis. Wer betet, der nimmt sein Leben nicht selbst in die Hand. Wer betet, der legt sein Leben zurück in die Hände Gottes. Wer betet, der rechnet mit Gnade und Wunder, jederzeit.

Christenmenschen können auf vielerlei Weise beten: sprachlos, stotternd, in abbrechenden Sätzen, hilflos, voller Widersprüche, aber auch singend, mehrstimmig, jubelnd, gemeinsam, frei oder nach den Vorbildern biblischer Gebete von den Psalmen bis zum Vaterunser. Gott hört jedes Wort, den hunderteinundfünfzigsten Psalm, und selbst beim neuntausendsiebenhundertunddreiundvierzigsten Psalm würde ihm nicht langweilig werden.

Wer betet, rennt bei Gott offene Türen ein, obwohl es kein Wissenschaftler für möglich halten würde. Wer glaubt und damit rechnet, der kann auch gewiß sein, daß Gottes Gnade und Barmherzigkeit in seinem Herzen eine offene Tür finden. Ich will nicht verschweigen, daß Sie, liebe Brüder und Schwestern, mit einer Reihe von erwünschten Nebenwirkungen rechnen müssen: eine große Dosis Freiheit, ein deutlicher Rückgang an Lebensangst und ein spürbarer Zuwachs an Glaubensgewißheit. Machen Sie sich keine Sorgen vor einer Überdosierung.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als Zufall, Glück und Willkür der Welt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.