Verwegene Lesarten – Predigt zu Matthäus 12,33–35 (36–37) von Matthias Storck

Einspruch

„Jeder Mensch ist ein stiller Schrei, anders gelesen zu werden.“

Dieses Wort der französischen Schriftstellerin Simone Weil (1909-1943) dreht mir die bekannten Sätze des Matthäusevangeliums im Gedächtnis um. Jesus betrachtet das Wort von seinen Folgen her. Es steht am Ende eines Prozesses. Die Frucht reift erst, wenn Same und Blüte vergehen. Gelesen wird das Ergebnis. Das Wort wächst, ehe es zur Sprache kommt. Geht es über die Lippen, gibt es Auskunft über seine Herkunft und verrät den inneren Zustand des Menschen, der es ausspricht. Ehe das Innerste nach außen gekehrt werden kann, reift das Wort. Gehörtes, Verschwiegenes, Bewahrtes und Verborgenes muss zuvor entziffert und erwogen werden. Zuletzt muss sich die Wahrheit gegen das Gewohnte behaupten. Das Sprechen beginnt lange vor dem Reden und erfüllt das Herz.

 

„Zerstörte Stadt“

Der Bildhauer Ossip Zadkine (1890-1967) schuf zum Gedenken an die Bombennacht des Jahres 1940, in der deutsche Flugzeuge die Stadt Rotterdam innerhalb weniger Stunden in ein Trümmerfeld verwandelten, ein einprägsames Denkmal: Ein Mensch reißt verzweifelt Arme und Schultern in den Himmel, als fürchte er von dort einen neuen Angriff. Sein Herz tut mir weh, denn es ist nicht mehr da. Dort, wo es hingehörte, klafft ein riesiges Loch. Ich weiß nicht, wann ich die einprägsame Skulptur zum ersten Mal sah. Der Bilder-Vorrat meiner Seele bringt sie schnell und genau zum Vorschein. Vielleicht habe ich den versteinerten Schmerz dieses Mannes erst begriffen, als ich sah, dass dort, wo das Herz der Stadt einmal schlug, ausschließlich neue Häuser stehen. Der Stadt, die er beweint, hat damals mit Herz und Geschichte auch ihr schönes Gesicht verbrannt. Im Hebräischen ist das Herz die Mitte der Person. Gefühl, Verstand und Gedächtnis haben dort ihren gemeinsamen Ort. Es ist Raum der Entscheidung und Wohnung Gottes. Der Bildhauer wusste das. Darum machte er ein großes Loch in die Mitte seines Denkmals. „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, heißt es in der Mitte des Textes. Das schöne Wort möchte einem angesichts des steinernen Mannes im Halse stecken bleiben. Dem bringt kein volles Herz mehr den Mund zum Überlaufen. Aber der Himmel schreit blau durch das Loch im steinernen Brustkorb. Eine klaffende Wunde gegen das Vergessen, durch die Gott selbst zum Zeugen aufgerufen wird. Dann kann keine Macht der Welt mehr verhindern, dass unsere Worte unsere Worte und unsere Taten unsere Taten bleiben. Aber der Mann ohne Herz sieht aus, als hätte er Angst, jetzt den Himmel zu verlieren.

 

Zuspruch

Verantwortung für das Wort führt zurück in die Stille. Die Unerbittlichkeit, mit der Jesus hier von der Frucht auf den Baum, vom Schatz auf den Menschen, vom Wort auf das Herz schließt, lässt, im Gegensatz zu anderem biblischen Gebrauch, keinen Raum für Gegenrede oder Ausflucht. Ihm geht es nicht um Äußerungen. Ihm geht es um das Sein. Das stellt mir einen weiteren Prüfstein für das Wort vor Augen. Wenn die Morgensonne im Maßwerk der hohen Chorfenster der Herforder Marienkirche innehält, entrollt sich im Mittelgang auf dem Steinfußboden ein leuchtender Teppich aus buntem Glas, der bis an die westliche Empore reicht. Dort springt das Licht aufwärts und malt einer Sandstein-Madonna aus dem 12. Jahrhundert und dem Kind auf ihrem Arm bildschöne, helle Gesichter. Beiden scheinen die lichten Augenblicke willkommen. Sie antworten mit einer innigen Anmut, wie ich sie selten sah. Das ist erstaunlich, denn der Mutter wurde das Gesicht zertrümmert und dem göttlichen Kind auf ihrem Arm der Kopf zerschlagen. Die junge Mutter hat durch alle Zerstörung hindurch ihre Haltung bewahrt. An ihrem beredten Schweigen kann sich niemand vorbeireden.

Was mag in den Herzen derer gesteckt haben, die ihr das Gesicht zerschlugen? Zweierlei vermochte alle rohe Gewalt nicht zu besiegen. Die Schönheit und die Botschaft dieser Marienfigur überstanden alle Anschläge. Aussage und Ausdruck kamen nun erst recht zur Geltung. Mit der Zerstörung des Gesichts schien jede Falte des Gewandes an Bedeutung zu gewinnen, und jede Wunde am Stein geriet zu einer eigenen Predigt. Es steht eine große Wahrhaftigkeit in diesen leuchtenden Linien. Der Meißel des Bildhauers war nur der Anfang. Alles, was sich in fünfhundert Jahren hier gesammelt hat, spricht nun mit und hat den stummen Wortschatz vermehrt. Viele Menschen haben seither in diese entstellten Züge geschaut, vielleicht Anhalt oder Trost gefunden, ehe sie die Kirche verließen. Die stille Aussage hat manches unnütze Wort zum Schweigen gebracht. Sie ist außerdem eine verwegene Lesart des Pauluswortes, das sich Albert Schweitzer als Kompass für seine theologische Arbeit wählte (2. Korinther 13,8): „Wir vermögen nichts gegen die Wahrheit, sondern nur für die Wahrheit.“

Wenn das Licht sich immer wieder in den steinernen Tüchern sammelt, malt es Innigkeit. Mutter und Säugling müssen ohne Worte miteinander reden. Aber sie können einander ins Herz sehen. Ihre Gesichter lernten sie gegenseitig auswendig. Das haben die Zerstörer in ihrer rohen Eile vergessen. Nun leihen sich Mutter und Kind alle Menschenworte immer aufs Neue von den Lippen derer, die sie anschauen, und warten darauf, neu gelesen zu werden. Damit ist aber die Handschrift der Geschichte noch lange nicht zu Ende buchstabiert.

Es liegt bei uns, immer von Neuem wahrzunehmen, was der Säugling ohne Kopf und Arme in unserer Zeit für Lasten aushalten muss. „Die Herrschaft ist auf seiner Schulter“, hatte es bei Jesaja (9,6) geheißen. Worte, die schon nach dem ersten Hören im Herzen wohnen bleiben und immer wieder aufwachen. Sie passen gut zu dem Kind, das auf seinen Schultern nun das Wüten der ganzen Welt zu tragen scheint. Ich weiß nicht, was diejenigen beseitigen wollten, die den kleinen Kopf zerschlugen. Getroffen haben sie Gottes menschliches Gesicht. Alle Sehnsucht nach Veränderung stand darin geschrieben.

Aber in dem kindlichen Torso schlägt Gottes Menschenherz weiter. Das hat kein Bildhauer erdacht. In solchen Bildern fällt Gott selbst der menschlichen Geschichte ins Wort und macht aus der Zerstörung, tröstlichen Zuspruch.

 

Anspruch

Wir werden beim Wort, bei den Wörtern genommen. Die Spruchfassaden, der falsche Schein, die „unnützen“ Täuschungen einer medienbesessenen Welt hindern uns nicht, genau zu lesen. Und sie bewahren uns nicht davor, genau gelesen zu werden. Gott kann nicht nur der Welt, sondern auch mir ins Wort fallen. Matthäus nennt das Gericht. Wahr ist und bleibt dann, was durch mein Inneres gedeckt ist. Ich werde gelesen. Es fragt sich nur, wer mich liest und wie ich gelesen werde. Deshalb kann ich die Bilder von Frucht und Baum, von leerem Wort und vollem Herzen nur aushalten, wenn ich auf den schaue, der sie gebraucht. Wenn dieser Christus mich entziffert, wird mein Stückwerk (1. Kor 13,9) zusammengelesen. Nur in dieser Gewissheit kann angesichts der Umbrüche und Einbrüche eines Leben wirklich Wort gehalten werden.

Der Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) hat in einem Sonett über einen Torso Auguste Rodins das Unvollständige zur tragenden Aussage gemacht. Seine Zeilen sind eine Brücke von den schweigsamen Prüfsteinen in meinem Gedächtnis zum Bußtag. Der Torso, den Rilke vor Augen hat, liest die Betrachtenden so lange und genau, bis sie verstehen: „ … da ist keine Stelle,/ die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“ Nicht von ungefähr, sondern mit gutem Grund ist es das Unvollständige, das uns am ehesten zu trösten und zu ändern vermag. Gott selbst sammelt die Bruchstücke ein.

Die Abendsonne macht dem düsteren Mahner in Rotterdam aus tausend Strahlen ein Bündel Licht ins Herzloch. Die helle Gegenwart Gottes erfüllt auch seine anhaltende Mahnung mit Wahrheit. Buße kann ja nur heißen, dass das Herz von einem anderen Licht erfasst wird. Der innere Wortschatz wird mit anderen Augen buchstabiert und „bewahrheitet“. Es ist die verwegene Lesart Gottes, die unser Wort ergreift. Ihr geht seine Wahrheit voraus. Die schon zitierte Simone Weil schrieb von dieser Wahrheit, dass sie mit Christus deckungsgleich ist. Darum kann Christus es ertragen, wenn die Menschen, vor die Wahl gestellt, der Wahrheit oder ihm den Vorzug zu geben, sich für die Wahrheit entscheiden. „Denn“, so bemerkt sie gelassen, „er war schon die Wahrheit, ehe er Mensch wurde.“