Vision mit klarem Blick - Predigt zu Jesaja 6,1-13 von Susanne Ehrhardt-Rein

I.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Das hat Helmut Schmidt einmal gesagt, ein kluger Realpolitiker.

Er meinte: Wir brauchen Nüchternheit und Klarheit. Die Welt ist kompliziert. Die Probleme, die wir lösen müssen, sind komplex. Da brauchen wir keine Spinner, die utopische Ideen verwirklichen wollen.

Gerechtigkeit, Frieden, Menschlichkeit – dazu brauchen wir Bodenhaftung und klare Gedanken. Realitätssinn und eine Politik der kleinen Schritte.

Wer Visionen hat, sollte um Arzt gehen – aber nicht in die Politik.

Leute, die utopische Visionen im richtigen Leben verwirklichen wollen, haben schon schlimme Katastrophen ausgelöst. Das Himmelreich kann man nicht auf die Erde zwingen – und wenn man es versucht, bleiben Gerechtigkeit, Frieden und Menschlichkeit schnell auf der Strecke. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts haben eine solche Spur der Gewalt hinterlassen. Und das hat noch kein Ende: Gewalt herrscht in vielen Ländern. Menschen leiden, weil andere Menschen ihre Visionen mit aller Macht verwirklichen wollen.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen – aber nicht die Wirklichkeit damit umgestalten.

Wir hören heute von einer Vision, die der Prophet Jesaja gesehen hat.

Jesaja, Sohn des Amoz, lebte vor mehr als 2700 Jahren in Juda. Ein gebildeter Mann, mit guten Kontakten zum Königshof in Jerusalem. Es sind unruhige Zeiten, es sind ungerechte Zeiten. Soll das kleine Land sich gegen die Großmächte zur Wehr setzen? Die politischen Allianzen sind verwirrend. Aber auch innenpolitisch ist die Lage schwierig. Jesaja kritisiert soziale Ungerechtigkeit: Die Fürsten sind bestechlich, die Richter beugen das Recht, die Reichen leben auf Kosten der Armen. Stolz und Eitelkeit beklagt der Prophet: „Sie beten an das Werk ihrer Hände.“ (Jes 2,8). Die Herrscher Jerusalems sind sich selbst genug. Ein Haus nach dem anderen kaufen sie auf, einen Acker nach dem anderen (Jes 4,8). Sie bereichern sich an der Notlage der Armen. Böses nennen sie gut und Gutes böse, und halten sich selbst für klug (Jes 5,20f.). Der Prophet Jesaja sagt: Die Bedrohung von außen, durch fremde Mächte, folgt aus dieser Ungerechtigkeit, denn Gott ist zornig geworden darüber. Aber auf Gott hört niemand mehr. So beklagt es Jesaja und sieht eine große Katastrophe auf das kleine Land zukommen: Krieg und Untergang.

Jesaja hat eine Vision, mitten in diesen unruhigen Zeiten:

 

Lesung Jes 6, 1-13

 

II.

Jesaja hat eine Vision. Keine Vision einer idealen Welt. Keine Utopie, für die er kämpfen soll.

Jesaja sieht Gottes Thron. Er hört Gottes Stimme.

Was niemand sehen kann, nimmt er wahr: Gottes Gegenwart.

Was niemand hören kann, dröhnt ihm in den Ohren: Gottes Stimme.

Rauch beißt ihm in die Augen. Fremdartige Wesen nehmen ihm die Sicht. Ihr Flügelschlag lässt ihn zurückschrecken. Solchen Gesang hat er noch nie gehört. Sie singen von dem, was keiner sehen kann: Gott allein ist heilig. Sie reden vom Anspruch, den Gott hat: Das Land, die Welt ist von seiner Herrlichkeit erfüllt.

Was sie sagen, öffnet Jesaja die Augen: „Weh mir, ich vergehe!“ (Jes 6,5) Ich bin doch nur einer von vielen. Nicht besser, als alle anderen.

Jesaja hört: Gott braucht ihn. Er soll reden - und er wird reden, öffentlich und vor aller Welt: „Hier bin ich, sende mich!“ (Jes 6,8)

Seine Aufgabe wird undankbar sein und gefährlich. Er wird sich den Mund verbrennen und mit seinem Leben für die Wahrheit bezahlen. Seine Botschaft ist eine Vision der Zerstörung:

So, wie ihr lebt, zerstört ihr das Land. Ihr hinterlasst eine Spur der Verwüstung. Auf Gottes Ehre trampelt ihr herum. Sein Ebenbild erkennt ihr nicht in den Menschen. Wüst und leer wird das Land sein, Mord und Totschlag treffen euch am Ende selbst.

Das sieht und hört Jesaja, dort im Allerheiligsten, vor Gottes Thron. Eine Vision von Gott – eine Vision des Schreckens.

 

III.

Kann das wahr sein? Ist das Gottes Wille: diese Selbstzerstörung, diese Schreckensbilder? Gibt es keine andere Botschaft aus dem Allerheiligsten? Jesaja findet sich damit nicht ab. Und er verbrennt sich zum zweiten Mal den Mund mit seiner Frage: „Herr, wie lange?“ (Jes 6,11)

Diese Frage trifft Gott ins Herz. Sie nimmt ihn beim Wort. Wenn deine Ehre das ganze Land füllt – dann kann es doch nicht immer so weitergehen.

„Wie lange, Herr?“ (Jes 6,11)

Das ist die Frage der Geschundenen und Vergessenen. Das ist die Frage der Mutter, deren Kind gerade in der somalischen Wüste verhungert. Die Frage des Tuberkulosekranken in Kalkutta. Die Frage der geflüchteten Familie im Boot auf dem Mittelmeer.

Wie lange, Herr?“ – das fragen Menschen, die leiden. Und das fragen Menschen, die sich nicht abfinden mit Ungerechtigkeit und Zerstörung.

Wie lange, Herr?“ (Jes 6,11)

Jesajas Frage durchbricht den tödlichen Kreislauf. Sie nimmt Gott beim Wort und sie konfrontiert uns mit den Folgen unseres Handelns.

Jesaja legt den Finger in die Wunde mit seiner Schreckensvision.

Diese Bilder vom Schrecken sind realistisch, keine Vision eines Spinners. Erst ganz am Schluss scheint eine zaghafte Hoffnung auf. Aber auf diese Hoffnung läuft alles hinaus. Es wird etwas Neues wachsen, mitten im verwüsteten Land. Wie ein neuer Trieb an einem abgehauenen Baumstumpf, wie ein Samenkorn in der verbrannten Erde.

 

IV.

Eine Vision vom Neuen, Lebendigen, das da kommen soll – ein Bild von der Welt, wie sie sein soll. Wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen. In der Schwerter zu Pflugscharen werden und die Menschen wie Geschwister miteinander leben.

Mohammad hat eine solche Vision.1 Er ist jetzt fünfzehn Jahre alt. Als er zehn war, brach in Syrien der Krieg aus. Seitdem wird seine Heimatstadt Aleppo zerstört. Damit kann er sich nicht abfinden: „Als ich all die Trümmer sah, den Schutt und die Asche, da habe ich mich gefragt: Wie kann man das alles nur jemals wieder aufbauen?“ Mohammad begann, Aleppo wieder aufzubauen: aus Papier und Pappe, mit Kleber und Farben. Ein Modell seiner Stadt im Frieden, auf einer Holzplatte im Keller des Hauses. Große Häuser mit Solarzellen auf dem Dach, ein Fluss mit Schiffen, Parks und Spielplätze, die Zitadelle und eine Moschee, Zebrastreifen und Hubschrauberlandeplätze. Eine Vision vom Frieden. Nur die Menschen fehlen.

Anfang 2016 war das Leben im Keller unter Beschuss und Bombenangriffen unerträglich geworden. Heute lebt die Familie in der Türkei. Sein erstes Modell musste Mohammad zurücklassen bei der Flucht, aber er hat ein neues angefangen. Das dritte Aleppo, nach der zerstörten realen Stadt, nach dem zerstörten ersten Modell. Zwischendurch verließ ihn er Mut. Wozu weiterbauen an dieser Vision, wenn die Realität doch ganz anders aussieht? Mohammad träumt davon, Architekt zu werden. Welche Chancen hat er, als Flüchtling im Exil? Manchmal fragt er seinen Vater: „Wann kehren wir zurück?“ Es ist schwer, nicht aufzugeben, sagt der Vater.

„Wie lange noch?“ – so fragt Mohammads Vater. So fragen die Menschen, die dieser Krieg vertrieben hat.

„Herr, wie lange?“ – so frage ich bei den täglichen Nachrichten. Wo bleibst Du, Gott, mit Deiner Macht und Herrlichkeit? Wo bleibt Dein Samenkorn, das in der verbrannten Erde keimt und wächst?

 

V.

Jesajas Vision ist nicht die weltfremde Utopie eines Spinners. Jesaja ist ein Sehender mit klarem, nüchternem Blick für die Realität. Er geht durch sein Land und sieht Ungerechtigkeit und Unfrieden. Er geht in das Allerheiligste des Tempels und sieht die Herrlichkeit Gottes – und er sieht das zerstörte Land. Beides gehört zusammen. Wer die Menschen bedrückt, wer das Land zerstört, der stellt Gottes Herrlichkeit infrage.

Jesaja hält fest an dem, was Gott ihm sagt: Gott gehört das Land, ihm gehört die Erde. Er hat Anspruch auf die Menschen, auf uns. Gott erhebt Anspruch auf unsere Herzen, auch wenn sie gefühllos sind. Er erhebt Anspruch auf unsere tauben Ohren und auf unsere blinden Augen. Gott sucht sich Menschen, wie Jesaja, die den Mund aufmachen: Sieh hin, hör hin, nimm wahr, was in der Welt geschieht. Gott sucht sich Menschen wie Mohammad, die an der Vision einer lebendigen Stadt festhalten, mitten im Krieg. Gott spricht durch die Vision des Propheten und durch die Vision dieses Kindes: Hoffnung für das verwüstete Land.

 

Jesaja sagt uns durch die Zeiten: Macht eure Augen und Ohren auf! Öffnet eure Herzen für das, was in der Welt geschieht. Wendet euch nicht ab von den Orten der Verwüstung und des Schreckens. Macht den Mund auf, auch wenn ihr euch den Mund verbrennt. Redet von Gottes Herrlichkeit und davon, dass er Anspruch erhebt auf uns und auf unsere Welt. Fragt Gott: Wie lange, Herr? (Jes 6,11) Sucht das Samenkorn, das in der verbrannten Erde überlebt hat. Sucht es in euren Herzen und in den Träumen von einer besseren Welt. Nehmt Gott beim Wort, denn er allein ist heilig.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 1 I Vgl. Szymanski, Myke, Neue Heimat, Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 20 vom 19.5.2017, S. 20-26.