Völkerball für Geliebte – Predigt zu Deuteronomium 7,6-12 von Nico Szameitat

Ich sehe die Turnhalle noch vor mir. An der Wand festgeschnallte dicke Matten neben dem Klettergerüst. Quietschiger Boden mit buntem Linienwirrwarr. Und lange niedrige Bänke, auf denen wir zu Beginn des Sportunterrichts saßen. „Wir spielen heute Völkerball!“ Was machen eigentlich andere Lehrer, wenn sie keine Lust haben? Unser Sportlehrer ließ dann Völkerball spielen. Und das begann immer damit, dass zwei Sportskanonen vom Lehrer zu Mannschafts-Kapitänen ernannt wurden. Die durften sich abwechselnd diejenigen aussuchen, die in ihrer Mannschaft spielen sollten. Und natürlich wählten die zuerst ihre Freunde und dann die anderen, die auch irgendwie sportlich waren. Zuletzt wurde der Rest verteilt: Die Kleinen, die Dicken, die Brillenträger. Die, die keiner haben wollte. Die für die Mannschaft mehr eine Last als ein Gewinn waren. Und jedes Mal zögerten die Mannschaftskapitäne, wer aus dem Rest das geringere Übel wäre.
Ich gehörte zum Rest. Ich war unsportlich und Brillenträger. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mir je in meiner Schullaufbahn eine Mannschaft zusammenstellen durfte. Ich kann mich aber gut erinnern, was für ein Gefühl es war, zum Rest zu gehören.
Und dann begann das Spiel. Ich erinnere mich beim Völkerball nur daran, dass man sich gegenseitig abwerfen musste. Und manche hatten eine diebische Freude daran, die aus der anderen Mannschaft möglichst hart zu treffen. Dann galt es, keinen Schmerz zu zeigen. Vor allem, wenn man ohnehin schon zum Rest gehörte.

Ob Mose klein, dick oder kurzsichtig war, wissen wir nicht. Aber wir können der Bibel entnehmen, dass er wohl gestottert hat. Ich stelle mir vor, dass er aufgrund des Sprachfehlers schon eine Art Außenseiter war. Und vielleicht ist so einer das ideale Sprachrohr für ein Außenseitervolk: Ein kleines Volk, das in Ägypten Sklavendienste verrichten musste, dem schließlich die Flucht gelang und das nun seit langer Zeit durch die Wüste zieht: Das Volk Israel.
Kurz vor der Ankunft im Land, das Gott ihnen versprochen hat, hält Mose eine Rede an das kleine Volk:

(Denn) du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern – , sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat. (Dtn 7,6-12, Luther 2017)

Das ist der Traum der Kleinen: Einmal auserwählt sein. Und dann werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.
Das Volk Israel steht an der Grenze zu einem neuen Leben. Wenn sie erst das versprochene Land betreten, dann würden sie unter Gottes Schutz endlich sesshaft werden. Dann hätte jeder ein eigenes Stück Land und könnte sich eine Zukunft aufbauen. Und dann würde aus dem heimatlosen Volk Israel endlich das Land Israel werden. Sie würden groß und mächtig werden und könnten es endlich mit den anderen Völkern aufnehmen.
Das ist der Traum der Kleinen: Einmal auserwählt sein. Und dann werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.
Wenn mich der Sportlehrer beim Völkerball nur einmal als Mannschaftskapitän auserwählt hätte, dann hätte ich auch die Sportskanonen als Letzte genommen.

Wikipedia: „Völkerball ist ein Ballspiel mit variabler Anzahl von Spielern in zwei Parteien und nicht exakt festgelegter Spielfeldgröße. […] Das Völkerballspiel entstand […] aus einem rituellen Kriegsspiel. Der ursprüngliche Spielgedanke symbolisiert die Schlacht zwischen zwei Völkern, die sich unter ihren Königen in einem Vernichtungskrieg gegenüber stehen. […] Jeder Treffer eines gegnerischen Spielers markiert einen Gefallenen, der aus dem Spielgeschehen ausscheiden muss. […] Das Spiel (die Schlacht) endet mit der vollständigen Vernichtung eines der beiden Völker.“[i]

Mose spielt mit seiner Rede Völkerball. Denn ihr habt ja gerade nur die schönen Sätze gehört. Drumherum, wenn es um die anderen, die fremden Völker geht, verwendet Mose gar nicht so schöne Worte:
einnehmen … keine Gnade …Du, Israel, wirst alle Völker vertilgen… ausrotten einzeln nacheinander…  ihre Namen auslöschen.“
Aus dem Traum der Kleinen, die auserwählt werden, wird eine Gewaltphantasie. Ist das die ewige Gewaltspirale, die kein Ende findet? Dass Macht immer zu Machtmissbrauch führt? Dass, wer Gewalt erfahren hat, später auch Gewalt ausübt, wenn er nur die Gelegenheit dazu bekommt? Ich habe noch immer die Bilder aus Hamburg vor Augen. Brennende Barrikaden, Straßenschlacht, Krieg zwischen dem schwarzen Block und der Polizei. Gewalt, die zu Gewalt anstachelt. Wie durchbricht man nur diese Gewaltspirale?

Der Traum des Volkes Israel bewahrheitete sich nur zum Teil. Ja, es gab in dem neuen Land Krieg. Aber Israel war nicht immer der Sieger. Und nein, es floss dort keine Milch und Honig. Und nein, Israel wurde auch kein Ernst zunehmender Konkurrent für die anderen Machthaber. Im Gegenteil: Das Volk Israel blieb der Spielball der Mächtigen. Und im Laufe der Jahrtausende machte das Volk Israel, das heutige Judentum, die Erfahrung, dass das Leben als Gottes auserwähltes Volk kein einfaches Leben ist. Denn jetzt waren es die anderen Völker, die diese Worte benutzten: ausrotten, auslöschen, vertilgen. Wie durchbricht man nur diese Gewaltspirale?

Die Juden sind und bleiben Gottes auserwähltes Volk. Und sie sind es ja eben nicht, weil sie besonders groß oder mächtig oder toll sind: Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern – , sondern weil er euch geliebt hat. (Dtn 7,7) Die Liebe ist es, die die Kleinen zu Auserwählten macht. Das kleine Volk muss nichts leisten, es muss keine großen Taten vollbringen: Es wird einfach geliebt.

Und diese Liebe zu den Kleinen und den Außenseitern ist der Refrain, der die ganze Bibel durchzieht. Du, kleiner Hirtenjunge David, wirst König, weil Gott Dich liebt. Du, unbedeutendes Mädchen Maria, wirst den Christus zur Welt bringen, weil Gott Dich liebt. Du, unbeliebter Zöllner Zachäus, steige vom Baum herunter und iss mit uns, weil Gott Dich liebt. Die Liebe ist es, die die Kleinen zu Auserwählten macht.
Und der, den wir Gottes Sohn nennen, der ein Jude war, und der wie kein anderer von Gottes Liebe erzählte, er nahm uns mit hinein. Durch das Wasser der Taufe gezogen stehen wir plötzlich neben ihm und er flüstert uns zu: „Jetzt gehört ihr dazu! Und wenn ihr zu Gott beten wollt, sagt einfach „Vater“ zu ihm: „Vater unser im Himmel.“

Ein Gottesvolk: Die Juden. Ein Gottessohn: Jesus Christus. Und ganz viele Gotteskinder: Ihr alle. Nicht, weil ihr besonders groß oder mächtig oder toll seid – sorry, darum geht es nicht. Nein, weil Gott euch liebt, die Kleinen, Dicken und die Brillenträger genauso wie die Sportskanonen. Wir sind Auserwählte, weil wir Geliebte sind. Und unsere Aufgabe als Auserwählte ist es, diese Liebe zu leben. Und laut und bunt Nein zu rufen, wenn Hass oder Rache sich wieder zu einer schwarzen Spirale drehen wollen, wenn Menschen mit Steinen werfen, im Schanzenviertel oder bei Facebook.

Eine Demonstration in Hamburg fand ich besonders schön: „Lieber tanz ich als G20!“. Bis in die Nacht tanzten 11.000 Menschen aus verschiedensten Nationen friedlich von den Landungsbrücken bis in die Innenstadt. Was für eine wunderbare Idee!

Und am Ende der Zeiten wird der Basketballkorb zum Kronleuchter und der Quietscheboden zum Parkett.
Die Sporthalle verwandelt sich in einen großen funkelnden Tanzsaal.
Es ist Völkerball. Und Gott lädt ein.
Den Eröffnungstanz tanzt der Ewige persönlich mit seinem auserwählten Volk.
Und dann tanzt er mit einem nach dem anderen.
Und die Völker tanzen untereinander und miteinander.
Die Engel musizieren und die Menschen singen - und dann musizieren die Menschen und die Engel singen.
Wir singen, spielen und tanzen die ganze Nacht Bach, Mozart und Debussy.
Und der Ewige wirbelt lachend über die Tanzfläche.
Amen.


 

 

[i] Wikipedia-Artikel „Völkerball“, abgerufen am 12.7.2017.