Von Wüsten und Schlangen – Predigt zu 4. Mose 21, 4-9 von Helmut Dopffel

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext hat eine Vorgeschichte: Das Volk Israel wandert, nach dem gloriosen Auszug aus Ägypten, durch Wüsten. Das ist anstrengend, gefährlich, und vor allem lang. 40 Jahre, damals ein ganzes Menschenleben. Nun endlich stehen sie wenige Kilometer vor dem Ziel, dem Land, in dem Milch und Honig fließen. Aber der Weg ist versperrt, unüberwindbar. Also müssen sie umkehren, zurück, wieder in die Wüste. Die Stimmung ist schlecht, kein Wunder.

Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor der Speise die uns nicht satt macht. Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange aus Kupfer und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.“ (Numeri 21, 4-9).

Die Wüste und die Schlangen. Ich vermute, die allermeisten von Ihnen sind noch nie längere Zeit durch eine Wüste gewandert. Und wie lange ist es her, dass Sie eine Schlange in freier Natur gesehen haben? Und doch: Wüste und Schlangen, wir wissen, wie das ist, haben zumindest eine Vorstellung, Bilder im Kopf und im Herzen. Und Gefühle. Sie stammen vielleicht aus Filmen oder Büchern, aber nicht nur. Tief in uns tragen wir ein Wissen um die Wüste und um Schlangen. Wüste, da ist alles endlos und ortlos und schutzlos, Sand und Fels, gleißend hell am Tage und tiefdunkel in der Nacht, überwölbt von einem kalten Sternenhimmel. Wüste, das ist Freiheit und Abenteuer. Wüste, das ist Treibsand und Sandsturm und Gefahr und Einsamkeit und Durst. Das Leben steht immer auf dem Spiel in der Wüste. Und wir verstehen das so genau, weil wir wissen, was Wüste ist, weil wir alle immer wieder im Leben Wüstenerfahrungen machen. Es gibt die inneren Wüsten, in denen wir leben, einsam, und da ist nichts, das uns nährt. Ich kenne Menschen, die so ihr Leben beschreiben: Ich lebe in einer Eiswüste. Und wir alle verstehen, was das heißt.

Und Schlangen? Stellen Sie sich vor, Sie sind mit dem Hund unterwegs oder im Garten, und der stöbert plötzlich eine Schlange auf. Plötzlich sind beide, Hund und Mensch, auf Alarm. Ja nicht zu nahe drankommen! Schlange bedeutet Gefahr, ganz real falls sie giftig ist, aber auf jeden Fall unheimlich, ungreiflich, plötzlich da aus dem Nichts und dann schon wieder weg. Und dazwischen, wenn‘s böse kommt, der Biss. Ein Alptraum vieler. Und wieder kommt der Alptraum üblicherweise nicht aus einem realen Erleben, sondern steckt tief in uns, durch Geschichten vielleicht, oder noch tiefer. Die Schlange, das ist das, was unser Leben und unsere Welt bedroht. Die Schlange ist das Gift, das uns vergiftet. Die Schlange ist der Tod. So wird es ja bereits ganz am Anfang der Bibel erzählt.

Die Wüste und die Schlangen. Das Volk Israel hat genug von der Wüste. Ja, sie sind frei, und sie leben. Aber was zählt das schon gegen alle die Nachteile: Es ist heiß, es ist gefährlich, es gibt wenig zu essen und über Wochen immer das gleiche, „das Essen schmeckt uns nicht“, es ist langweilig, und es geht immer so fort. Das kann kein Mensch aushalten. Sie verlieren ihren Lebensmut. Sie wollen endlich ankommen, in der Heimat. Die Wüste ist keine Heimat. Die neue Heimat kennen sie nicht, denn sie liegt in der Zukunft und sie haben sie noch nie gesehen. Da meldet sich die alte Heimat, Ägypten. Ägypten-Nostalgie macht sich breit. Was ist schon die Freiheit, gegenüber der erwartbaren Sicherheit Ägyptens! Früher, da war es doch besser. Natürlich stimmt das nicht, wie hatten sie gelitten, oder nicht sie, sondern ihre Eltern und Großeltern und die Vorfahren weiter zurück. Nie und nimmer war das Heimat gewesen. Und die Heimat liegt nie in der Vergangenheit. Diese alte Heimat gab es nie, sie ist nur Phantasie, und eine gefährliche dazu. Aber all das ist vergessen, jetzt, in der Wüste. Ägypten-Nostalgie. Fische und Knoblauch statt dem ewig klebrigen Manna. Früher war alles besser. Dahin wollen sie zurück.

Und also murren sie. Heute würden sie demonstrieren: Mose, du Verräter! Gott, du Verräter! Ihr habt uns nur hierhergebracht, damit wir sterben. Ihr wollt uns töten. Wir wollen zurück, in die Heimat, die es nie gab.

Was für ein Vorwurf. Was für eine Lüge.

Und dann geschieht genau das, was sie Gott und Mose vorwerfen. Der Tod kommt, heimlich und schnell gekrochen, aus allen Winkeln, aus dem Sand, aus den Felsen. Schlangen, tödliche Kobras, hunderte, mit einem Biss der brennt wie Feuer und tötet.

Ist das eine Strafe Gottes? Eine Erziehungsmaßnahme? Davon ist in der Geschichte nicht die Rede. Es wird nur nüchtern erzählt, dass Gott das wahr werden lässt was die Menschen ihm unterstellen.

Und das Merkwürdige ist, dass er ihnen damit die Tür zur Zukunft öffnet.

Weil sie nicht mehr weiter wissen, die Menschen in der Wüste und unter Schlangen, kommen sie zu Mose: Wir haben gesündigt! Bitte Gott, dass er uns rettet und die Schlangen wegnimmt.

Die Schlangen nimmt Gott nicht weg. Aber er heilt. So, wie es in den alten Zeiten gar nicht so unüblich war. Heute kommt uns das vor wie ein bisschen Magie und ein bisschen fantasy. Da sollen sie hinschauen, auf diese Kupferschlange am Stab, und wer es tut, der bleibt am Leben. Ich wette, alle haben es getan, ob sie es nun glauben oder nicht, aber es ist die einzige Chance.

Was sehen sie? Was sehen wir?

Mit dem Sehen ist es ja so eine Sache. Man kann so oder so sehen. Ein Gesicht eben, ein paar Augen. Oder wir sehen in die Augen, sehen die Freude in den Augen oder die Angst oder die Liebe, und im Gesicht die Lebensgeschichte eines Menschen. Genau hinschauen, dann sehen wir mehr als das, was sich biometrisch erfassen lässt. Dann sehen wir einen Menschen, und manchmal können wir ihm oder ihr mitten ins Herz schauen. Und wir spüren das ja auch umgekehrt, ob ein Mensch uns sieht oder nur unsere Oberfläche. Genau hinschauen sollen sie, die Menschen in der Wüste, so dass sie die Geschichte hinter der Geschichte sehen, und das Gesicht hinter der Schlange.

Was sehen sie? Was sehen wir? Eine Schlange aus Metall, Kupfer oder Bronze, aufgerichtet an einem Stab, so ähnlich vielleicht wie die Äskulapschlange, die wir von den Apotheken kennen und auf Arzneimitteln, nur dass die Äskulapschlange nicht giftig ist. Ist das nicht seltsam, ja unpassend, dass sich Gott solcher Mittel bedient. Zwischen Magie und fantasy? Es wird im AT erzählt, dass man viel später diese Metallschlange aus dem Jerusalemer Tempel entfernt und vernichtet hat. Sie war zu heidnisch. Aber Gott hat keine solchen Skrupel, er passt sich an, er passt sich uns an, unseren Vorstellungen und unseren Lebenswelten und dem, was uns plausibel erscheint, und wenn er damit uns erreichen kann, dann nutzt er sogar ein bisschen Magie und fantasy. Sonst käme er nie zu uns. Da hat er keine Berührungsängste. Da ist er ganz bei uns. Das ist das erste, die erste Wahrheit und Botschaft hinter der Schlange. Um uns zu heilen, lässt Gott sich ganz tief auf uns ein.

Und das ist auch noch heute so. Gott kommt zu uns auf seine, vor allem aber auf unsere Weise. Er begegnet uns im Alltag und im Gottesdienst, im Äskulapstab der Medizin wie im fröhlichen Kindergeschrei auf dem Spielplatz und in den Tränen aller Traurigen dieser Welt. In den merkwürdigen Begegnungen die wir haben, in den Stimmungen des Tages, in den Klängen der Musik. So berührt er uns, unser Herz. Und wir sehen ihn, wenn wir hinschauen.

Was sehen sie? Was sehen wir? Gott kommt zu uns, um uns zu heilen und zu retten. Nicht wir kommen zu ihm. Gott findet uns wieder, nicht wir ihn. Nicht ihr habet mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt, sagt Jesus viel später.  Er findet uns – und sei es mit einer Schlange auf einer Metallstange – nicht wir finden ihn. Er kommt zu uns in allen möglichen menschlichen Verkleidungen und Lebensweisen. Wir schauen hin und sehen.

Was sehen sie? Was sehen wir? Gott kommt, er heilt und rettet und orientiert uns. Aber nicht so, wie die Menschen in der Wüste es erwarten und erbitten. Das ist ja fast immer so. Gott erfüllt unsere Bitten selten so, wie wir uns das vorstellen. Er nimmt das Böse, das Übel, das Leiden nicht einfach weg. Aber er heilt. Mitten in der Wüste und mitten unter Schlangen. Wo sind wir schon der falschen Nostalgie erlegen, dem Festhalten an der Vergangenheit, den Lügen über die gute alte Zeit? Wo sind wir nicht bereit, loszulassen und uns auf die Gegenwart und Zukunft einzulassen? Gott nimmt uns die falsche Nostalgie aus den Herzen und die Lügen und die Vorwürfe. Gott beendet die Nostalgie. Die Heimat liegt nicht hinter euch, sondern vor euch. Gott nimmt uns die Angst. Die falsche Nostalgie, und die Lügen und die Vorwürfe kommen doch aus unserer Angst, Angst, dass wir in der Wüste verloren sind und sterben, an Hunger und Durst und Langeweile. Und was hat uns schon alles gebissen und vergiftet auf unserem Lebensweg, und wo haben wir andere gebissen und vergiftet? Die Wunden schmerzen vielleicht immer noch, brennen wie Feuer.  Er nimmt uns das Gift aus den Adern, an dem wir kranken und mit dem wir andere infizieren. Er hilft uns aus unseren Krisen. Er heilt durch einen Blick. Denn er nimmt uns die Angst. Auch die Schlangen wirken und beißen und vergiften uns durch unsere Angst, die Angst, dass das Leben für uns zu kurz sein könnte oder zu wenig erfolgreich, dass es andere immer besser haben, dass wir das Beste im Leben verpassen. Er nimmt uns die Angst, denn er schaut uns an. Und wir spüren: er sieht mich. Er sieht mich ganz und gar und liebt mich ganz und gar.  Das ist ein langer Weg, für uns und für Gott. Es braucht einen langen Atem. Im Leben, im Glauben, in der Kirche. Wir sind alle gebissen. Aber wir leben. Und wir können heil werden.

Was sehen sie? Was sehen wir? Eine Schlange. Die Schlange, die beißt und tötet. Doch nun soll sie heilen. Wie kann das sein? Wir wissen, nicht erst heute, sondern schon damals:  Quantum facit venenum – Die Menge macht das Gift. Und aus Gift kann man Gegengift gewinnen. Doch das gilt noch in ganz anderer Weise. Es ist wie im Spiegel. Die Schlange, das ist ja nicht nur, was uns äußerlich und von außen bedroht. Die Schlange und ihr Gift, das steckt in uns selbst. Und heil werden, oder zumindest auf den Weg der Gesundung zu kommen, das beginnt oft so, dass wir den Mut finden, diese Schlange in uns selbst anschauen. Das ist nicht angenehm. Aber nur so, wenn wir dem Schrecklichen ins Auge sehen, standhalten, die bittere Wahrheit auszusprechen, ja, das bin ich, oder Das bin ich auch - zumindest vor uns selbst, beginnt Heilung. Wir haben gesündigt, jawohl. Rette uns. Und Gott sagt: Schaut die Schlange an. Ohne Angst. Es ist nicht, wie ihr denkt, dass dann alles noch viel schrecklicher wird. Nein, im Gegenteil, so beginnt ihr heil zu werden.

Was sehen sie? Was sehen wir? Leben, wo wir nur den Tod vermuten. Licht, wo wir nur Dunkelheit empfinden. Liebe, wo wir nur Schrecken spüren. Eine Umkehrung, wie sie da geschieht, wo Gott spricht und handelt. Weil Gott Leben aus dem Tod holt, und Licht ins Dunkel, und den Schrecken durch seine Liebe vertreibt. Im Neuen Testament wird diese geistliche Umkehrung auf die Spitze getrieben. Da ist es das Kreuz, das zum Heil wird. Auf das Kreuz schauen in Krisenzeiten, das hat eine lange spirituelle Tradition, etwa im Krankenhaus oder in der Sterbebegleitung. Was sehen wir? Ein Kreuz, ein Folter- und Todesinstrument, einen Menschen, der unter schrecklichen Qualen stirbt. Was sehen wir?  Die Herrlichkeit und Gnade und Liebe Gottes. Da verwandelt sich das Kreuz in eine Ikone, und der Blick des Gekreuzigten hält uns fest. Und wir hören die kleinen Dialoge am Kreuz: Vater, vergib ihnen. Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Es ist vollbracht.

Was sehen sie? Was sehen wir? Eine Schlange aus Metall, ein Mensch am Kreuz. Und in all dem begegnet uns Gott und heilt uns und nimmt uns an der Hand. Er liebt uns, und wir erkennen ihn. Amen.

Liedvorschläge:

EG 452               Er weckt mich alle Morgen

EG 548               Kreuz auf das ich schaue

EG 361               Befiehl du deine Wege

EG 170               Bewahre uns Gott