Was ist richtig oder falsch? – Predigt zu Matthäus 12,33-35(36-37) von Barbara Bockentin

Mann oder Frau? Gerade hat das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts gezeigt, dass es so einfach nicht ist. Im Geburtenregister der Standesämter soll danach auch die Möglichkeit für die Angabe eines dritten Geschlechts vorhanden sein. Das, was für die einen endlich ein längst überfälliger Schritt ist, ist für die anderen ein Zeichen für den Untergang aller Werte.

Richtig oder falsch? In der Stadt, in der ich arbeite, hat die Stadtverwaltung zwei große Wohnblocks geräumt und versiegelt. Lange hatten die Bürgerinnen und Bürger das Vorgehen der Stadtverwaltung mit Sympathie begleitet. Dann die Nachricht, dass eine seit kurzem obdachlose Frau ermordet worden war. Sie wohnte vorher in einem der Häuser. Jetzt wird das Vorgehen der Verwaltung für ihren Tod verantwortlich gemacht.

Das sind nur zwei Beispiele, an denen deutlich wird, dass es gar nicht so einfach ist, Entscheidungen zu treffen. Und mal ehrlich, wer von uns übersieht denn die Auswirkungen der eigenen Entscheidungen? Das was heute richtig erscheint, kann schon morgen falsch sein. Der Maßstab für mein Handeln ist verloren gegangen oder zumindest unscharf geworden.

Entweder – oder: so klar redet Jesus. „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.“ auch dieser Satz stammt aus seinem Mund. „Glaubst du?“, so forscht Jesus bei seinem jeweiligen Gegenüber immer wieder. Entweder ganz oder gar nicht. Ausweichen, das ist gar nicht möglich. Und so finden die Menschen, denen Jesus begegnet, auch immer eine Position zu ihm. Entweder sie lassen alles stehen und liegen und folgen ihm nach oder sie legen ihm Fallstricke, an denen sie sein Auftreten und seine Worte messen. Entweder sie unterstützen ihn und jubeln ihm zu oder sie verlangen seinen Tod.

Diese Einstellung ist verführerisch, weil alles so klar erscheint. So sind die Geschichten, die wir unseren Kindern vorlesen. Diesem Schema folgen viele Filme, die im Fernsehen oder im Kino laufen. In unserem Leben geht es ganz anders zu. Da gibt es zwischen Schwarz und Weiß viele Grautöne. Da kann morgen schon falsch sein, was heute noch richtig ist. Da wäre es bequem, wenn es nur schwarz oder weiß, gut oder böse gäbe.

Welche Konsequenzen so eine Weltsicht hat, erleben wir oft genug hautnah: Menschen müssen ihre angestammte Heimat verlassen, weil der Klimawandel geleugnet wird. Der Lebensraum für die Tierwelt wird immer kleiner, weil Monokulturen den größeren Gewinn versprechen.

Diese Einstellung ist verführerisch, weil sie mir zu einer Zuschauerposition verhilft. Ich kann nichts tun, weil ich in so vieles eingebunden bin. Ob ich mitmache bei der Aktion „Zukunft einkaufen“ oder nicht, ändern tut es nichts. Ob ich versuche, Energie zu sparen oder nicht, deswegen wird kein Kohlekraftwerk abgestellt. Ich würde ja gerne – aber die Umstände erlauben es nicht. Sie sind falsch und schlecht.

Entweder - oder: so klar redet Jesus. Er verlangt eine Stellungnahme. Ein Ausweichen ist nicht möglich. „Entweder der Baum ist gut … oder der Baum ist schlecht…“ Eine klare Diagnose, die ein klares Handeln verlangt. Sich wegducken gilt nicht. Sich vor der Verantwortung drücken ist unstatthaft.

Diese Einstellung ist schmerzhaft, weil sie mich trifft. „Wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid?“ Mit diesen Worten richtet Jesus den Fokus auf  seine Zuhörer, auf mich. Das Scheinwerferlicht, in dem ich mich unversehens wiederfinde, ist eine Zumutung.  Nichts mehr mit meiner Zuschauerhaltung. Nichts mehr damit, das große Ganze verantwortlich zu machen. Nichts mehr damit, mich selbst für zu klein und unbedeutend zu halten, als das ich etwas ändern könnte.

„Wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid? Denn wovon das Herz voll ist, davon redet auch der Mund.“ Die Widersprüchlichkeit, in der wir leben, malt uns dieser Satz Jesu vor Augen. Die Widersprüchlichkeit, in der wir uns gut eingerichtet haben, tritt uns hier entgegen. Änderungsvorschläge, die andere betreffen, habe ich rasch bei der Hand. Man müsste…. Da sollte man… Alles bleibt schön im Ungefähren. Ich kann mich weiter aufregen. Ich kann weiter über die Kurzsichtigkeit der Entscheidungen anderer lamentieren. Und täusche mich selbst damit darüber hinweg, dass ich auch selbst etwas ändern kann.

Jesu Worte kratzen an Oberfläche meiner Selbstzufriedenheit. Und dahinter sieht es längst nicht so strahlend und überzeugend aus, wie ich es mir immer wieder gerne vormache. „Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“, sagt ein Sprichwort. Die Klarheit, mit der Jesus Entscheidungen fordert, bringt mich an meine Grenzen. Macht mir schmerzhaft klar, dass ich von anderen die Konsequenz erwarte, die ich dann selber schuldig bleibe.

Den Klimawandel und die dafür Schuldigen anprangern, ist ein Einfaches und sogar en vogue. Sollen die doch ändern, was zu ändern ist: Kraftwerke abschalten, Filteranlagen installieren, umweltfreundlichere Autos bauen und, und, und… Mein Scherflein dazu beizutragen, fällt schon bedeutend schwerer. Das erfordert Konsequenz. Das hat zur Folge, dass ich Selbstkritik üben muss. Das macht Verhaltensänderungen unumgänglich.

„Denn an seinen Früchten könnt ihr den Baum erkennen.“ – Mein Tun bleibt nicht ohne Auswirkungen. Das ist mehr als eine Feststellung. Das ist die Zusage, die Jesus gibt. Sie lockt mich. Die Entscheidung, die ich fälle, hat Folgen. Nicht nur für mich, sondern für alle, mit denen ich das Leben teile, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Kirchengemeinde, in meinem Ort. So kann es sein – nicht nur für mich, auch für euch. So zu leben, erfordert manchmal Mut, weil es unbequem werden kann. Manches, was bisher selbstverständlich war, ist es nun nicht mehr.

Für die Fahrt zum Arbeitsplatz beispielsweise brauche ich jetzt etwas länger, weil ich auf der Autobahn nicht mehr als 120 km/h fahre oder besser noch ein Stück auf der parallel laufenden Landstraße. Das schadet der Umwelt weniger. Mich entspannt es.

Das was für andere gelten soll, gilt auch für mich. Wenn ich dieses Prinzip anwende, fällt es mir viel schwerer, die Welt und die Menschen um mich herum aus einer Zuschauerhaltung zu betrachten. Ich selbst trage dazu bei, wie das Leben auf dieser Erde funktioniert. Ich kann mich entscheiden und für diese Entscheidung einstehen. Dann bin ich kenntlich. Dann kann ich darauf hoffen, dass mein Leben gute  Früchte trägt.