Weihnachtspost - Predigt zu Johannes 1,3-6 von Manfred Wussow

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt.

 

Weihnachtspost

Die Überraschung ist gelungen. Ein Weihnachtsengel, ein Hirte, vielleicht auch ein Ochse erzählen uns ihre Geschichten. Geschichten aus der letzten Nacht. Geschichten von dem Kind. So weit weg – und doch so nah. Dass wir ihre Nacht „heilig“ nennen würden, konnten sie nicht ahnen. Der Ochse schüttelt den Kopf. So eine Eselei. War es doch eine Nacht, x-beliebig, wie jede andere auch  – bis, ja bis die Engel erschienen, die Hirten aufbrachen und die Ochsen ihre Nasen in die Krippe steckten.  Dass diese Nacht so anders werden würde, haben die Weisen in den Sternen gelesen. Doch das ist eine andere Geschichte. Zauberhaft, verträumt sind sie alle.

Inzwischen ist der 1. Weihnachtstag angebrochen. In den Zimmern liegen noch die Geschenke, das Altpapier und der Abwasch. Die Lust, in der Nacht noch Ordnung zu machen, hielt sich nicht lange. Der Wein war lecker. Wo hatten wir den noch mal her? Haben wir noch ein paar Flaschen? – Und dann gleich ein Festmenü. Oh, wie lecker die Pute riecht!

Fröhliche Weihnachten, sagen wir. Das steht nicht in den Sternen. Der Blick in den Kalender genügt.Aber schön wäre es schon, wenn die Weisen zu uns kämen. Irgendwie alles so dumpf, oberflächlich, langweilig. Denken Sie schon an die Arbeit? Nichts verträgt ein Mensch so schlecht wie eine Reihe guter Tage. Komisch. Warum ist im Kopf alles so verworren, gemischt, verkocht?

Sie sind richtig hier. Heute, am 1. Weihnachtstag, treffen wir auf einen alten Bekannten. Vielleicht ist er auch nicht so alt. Er hat einen Brief geschrieben. Einen Weihnachtsbrief? Womöglich. Wir können das offen lassen. Sorry, wir werden es schon merken.Ich lese ihn einfach einmal vor, ein paar Zeilen heben wir auch noch auf. Muss nicht alles auf einmal sein:

„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

 

Ein Zauberwort

So etwas hat mir bisher keiner geschrieben. Ihnen? Wir werden doch tatsächlich als „meine Lieben“ angesprochen, als „Gottes Kinder“! Kennt Johannes uns? Kennt er uns so gut? Zwar ist hier noch vieles offen, zumindest nicht abschließend geklärt, aber dass wir Gottes Kinder sind – das ist schon ein Satz! Woher Johannes das weiß? Oder ist es nur – falsche Vertraulichkeit? Ich bin misstrauisch. Entschuldigung.

 

Jedenfalls ist das Wort „Liebe“ hier das Zauberwort. Es geistert nicht nur durch unsere Kirche, es öffnet Herzen, Gedanken, Träume. Aber ganz speziell: Wir sind geliebt. Ich bin geliebt. Vom Vater. Dass mein Vater mich mochte, weiß ich – er ist lange tot. Zu Weihnachten kommen die Erinnerungen hoch. Als Vertriebener hatte er bei Liedern aus seiner Kindheit Tränen in den Augen. Ich verstand es nicht. Er brauchte seinen Schnaps. Aber der Vater, von dem hier die Rede ist, ist Gott selbst. Er hat alles gemacht. Er hat alles gut gemacht. Die Schöpfungsgeschichte ist seine Liebesgeschichte.  Seine erste! Als er das Licht geschaffen hat, musste die Nacht als erste daran glauben. Seine Liebe begleitet Menschen von Anfang an. Nein, nicht nur in meiner Biografie, vom Anfang der Welt. Viele Menschen sind dabei glücklich geworden, viele sind daran irre geworden. Viele Menschen haben in entsetzlichen Situationen Halt gefunden, viele haben ihre Hoffnungen irgendwo verloren. Geliebt zu sein, ist die älteste und schönste Sehnsucht aller Menschen. Zerbrechlich mutet es uns an. Manchmal kann ich mich selbst nicht lieben.

 

Haben Zauberworte eine Realität? Was zaubern sie, was verzaubern sie? Wenn etwas die Welt verzaubert, dann – die Liebe. Johannes schreibt doch tatsächlich: Wenn offenbar und für alle sichtbar werden wird, dass wir Gottes Kinder sind, werden wir Gott sogar gleich sein. Wir werden ihn sehen, wie er ist. Diesen Gedanken auszudenken, wage ich kaum. Wo Gott doch der große Unbekannte geworden ist, der Fremde! Ihn sehen … ihm gleich werden. Wie das wohl geht?

 

Eine Annäherung

Noch sind wir ganz im Bann von gestern. Heiliger Abend, Heilige Nacht. In den Kirchen, vielleicht auch bei Ihnen zu Hause, wurde die Weihnachtsgeschichte vorgelesen. Besungen. In die schönsten Worte gefasst. Da war der Kaiser Augustus. Große Politik zum Greifen nah. Sogar die Steuerpolitik. Ich suchte das römische Bundesgesetzblatt  - vergeblich. Die Archive schweigen. Aber ich sah Maria mit ihrem Josef über Land ziehen. Mit einem Kind im Bauch. Wie viele von ihnen waren schon unterwegs. An Land gespült. Verjagt, eingesperrt, zurückgeschickt. Kleine Schicksale passen in Steuer-Nr. – wenigstens in diese. Einen Platz gab es nicht. Gestern in der Nacht. Nur ein Stall. Ein Ochs, ein Esel sollen dabei gewesen sein. Von ihnen erzählte schon der Prophet. Sie wüssten, wo sie hingehören – viele Menschen wissen es nicht, wo sie zu Hause sind. Selbst in großen und schönen Häusern sind viele Menschen nicht zu Hause.

Aber das Kind wurde geboren. In Windeln gewickelt. In eine Krippe gelegt. Und irgendwo über den Feldern, nicht weit von hier, tat sich der Himmel auf. Die Nacht wurde hell und von Engelstimmen erfüllt. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Da ist es wieder. Oder endlich. Die Geschichte, die Augustus schreibt, die seine Annalen und Verdienste füllt – ein anderer hat sie eingefädelt. Mit langer Hand vorbereitet. Was in Steuerlisten erfasst werden soll, wird zu einem Evangelium für alle Welt. Doch es sind die Hirten, ärmlich, ungeliebt und schlecht beleumdet, die den Anfang machen. Den Anfang machen müssen. Pack! Sie finden Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Nicht nur große Geschichte im kleinen Nest (Bethlehem), kaum zu fassen: Gott wird Mensch. Ein Kind. Er fängt noch einmal neu an. Mit der Welt. Mit uns. Nur gesagt wird das nicht im Weihnachtsevangelium! Man kann es aber hören, mit großen Ohren hören:

„Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Man kann es hören … von selbst kommt man nicht darauf. Denn die große Geschichte wird von großen Menschen gemacht. Und große Menschen glauben daran.

Dass Gott nicht darauf kommt, nicht darauf setzt – wer hätte das gedacht? Er schreibt die Geschichte, die er einmal begann, mit seiner Liebe neu. Doch seine Liebe ist alt. Vom ersten Tag der Schöpfung bis zum letzten, von meinem ersten Atemzug bis zu meinem letzten, von meinen ersten Schritten bis zu meinen letzten. Augustus wird zum Chronisten, Zeitzeugen und Träumer. Degradiert. Darum steht er nur im ersten Satz – im letzten nicht mehr. Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …

 

Ich muss es mir nicht einmal zusammenreimen:  Bevor wir – einmal – Gott sehen und ihm gar gleich werden, wie es uns Johannes schreibt, hat uns Gott gesehen. Mit den Augen eines Kindes. In einem Stall. Unfassbar, er ist uns gleich geworden. Er hat sich mit uns gleich gemacht. Augenhöhe. Auf Augenhöhe. Was ist von Gott jetzt noch geblieben? Wo doch seine Herrlichkeit im Stroh liegt, seine Ehre Windeln trägt, sein Glanz im Windlicht untergeht …

Johannes hat einen tollen Brief geschrieben. Die Perspektive, die er wählt, spiegelt sich in der Geschichte von Weihnachten. Wer ist zuerst wem gleich geworden? Klar doch: er uns. Dann: wir ihm.

Dann!

 

Ehre und Friede

Die Engel haben das besungen. Sie mussten nur den Himmel öffnen. Dann konnte es wie Schuppen von den Augen fallen. Wir haben sie in ihrem „normalen“ Lob gehört! Wir haben in den Himmel gesehen! Hinter die Kulissen. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Die Ehre, die Herrlichkeit, der Glanz, die Gott zukommen, verwandeln sich in Frieden, in Liebe, in Barmherzigkeit. Die „Höhe“ misst sich an der „Erde“, die „Erde“ an der „Höhe“. Es sind keine zwei Welten, die hart und bitter aufeinandertreffen: Wo Gott ist, wo Gott Mensch wird – wird der Mensch. Huch. Ich zögere. Vorsichtshalber schlage ich in klugen Büchern nach. Wo Gott Mensch wird, wird der Mensch - Gott. Ich schlucke. Die drei großen Kappadozier – Kirchenväter - haben das schon vor über 1.500 Jahren so klar und rein formuliert, dass ich mit meinen Worten kaum noch mitkomme. Aber Johannes hat uns nicht umsonst heute einen Brief geschrieben:  „Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

Dass müssen wir heute lesen!

Nicht, dass Liebe kein schönes, herrliches, liebliches Wort ist, doch von Liebe reden wir ständig. Gefragt und ungefragt. Zu Weihnachten besonders. Eine Alternative? Weit und breit nicht in Sicht. Die Welt ist voll von diesem Wort. Sie quillt förmlich über. Es ist wohl einfacher, die Haare auf dem Kopf zu zählen als dieses Wort „Liebe“-  im Internet. Doch im Netz wird dieses Wort auch gefangen, geschüttelt und gequetscht. Am Ende passt Liebe sogar in eine Patronenhülse. Hass schmückt sich, Liebe zu vollenden. Mit der Wahrheit stirbt Liebe immer zuerst. Eine Überraschung? Nein, eine Welt, die ohne Liebe nicht leben, nicht träumen kann, aber ständig an ihr zerbricht. Am 1. Weihnachtstag ist das allemal der Rede wert! Einen Computer brauche ich dafür nicht.

„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.“

Zukunft

Eigentlich könnte ich jetzt Amen sagen. Finden Sie auch? Aber ich muss noch einige Zeilen aus dem Brief lesen, den Johannes uns geschrieben hat:

„Und jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht.  Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt.“

Für Johannes ist das der krönende Abschluss. Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Welt. Ein Plädoyer für die Liebe. Die Sünde lässt den Dingen ihren Lauf, die Sünde kennt keine Hoffnung, die Sünde gibt Menschen – und die Welt – auf. Die Sünde braucht keinen Gott, sie verträgt keinen Gott, sie duldet keinen Gott. Die höchste Kunst der Sünde ist, uns mit uns alleine zu lassen. Alles, was Johannes schreibt, ist wie ein Aufschrei – dagegen. Wer geliebt ist, wer geliebt wird – von Gott, findet ihn unter Engeln, Hirten und Ochsen.

Übrigens, sie ahnen es vielleicht auch, womöglich liegt es Ihnen auf der Zunge: Der Brief, den wir heute lesen, findet sich auch – ein wenig verändert – im Evangelium nach Johannes. Sogar die Kapitel stimmen überein (Joh. 3,16 – 1. Joh. 3,1´ff):

 

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab,  damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.