Wer zuletzt lacht … - Predigt zu 1. Korinther 15,50-58 von Anita Christians-Albrecht

Was gibt es da noch zu lachen? - Unter dieser Überschrift stand ein Seminar, in dem es um den Humor am Lebensende ging. Lachen und Tod, Humor und Trauer – geht das? Ist am Lebensende nicht Schluss mit lustig? Bleibt einem da das Lachen nicht im Halse stecken?

 

Und doch begegnet einem der Humor auch am Lebensende. Und doch erweist sich oft genug gerade das Lachen als Kraftquelle in einer Situation, die eigentlich zum Weinen ist.

 

Manchmal entwickeln Sterbende eine Art ‚Galgenhumor‘ und schauen damit dem Unvermeidlichen trotzig ins Auge. Manchmal ist im Lachen aber auch ein klein wenig Hoffnung zu spüren mitten in dem, was Angst macht. Manchmal hilft Humor, die eigene Hilflosigkeit erträglicher zu machen. Im Bereich der Pflege kursiert z. B. folgende Begebenheit: Fragt der Patient auf der Palliativstation die Schwester: ‚Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Tumor und einer Krankenschwester?‘- ‚Nein.‘ - ‚Na ja, ein Tumor kann auch gutartig sein!‘1

 

Auch die Menschen, die beruflich immer wieder mit dem Tod konfrontiert werden, brauchen den Humor: Pfleger, Ärzte, Therapeuten, Seelsorger, sie können aus einem Lachen Kraft schöpfen in dem oft anstrengenden Arbeitsalltag und nennen nach dem Team oft den Humor als zweitwichtigste Ressource. Wo nicht gelacht wird, hat der Tod schon gewonnen.

 

Humor im Angesicht des Todes ist so etwas wie ein Gegenprogramm und bringt zwei Welten zusammen, die man eigentlich gar nicht zusammen denken kann.

 

Um ein solches Gegenprogramm zu unserer Welt geht es Paulus auch im Predigttext für den heutigen Ostermontag. Es geht um den Gegensatz von Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit, von Sterblichkeit und Unsterblichkeit, Tod und Leben und um ein großes Geheimnis.

 

Textlesung: 1. Kor. 15, 50-58

 

Es geht um Ostern bei Paulus und um die Frage, die wir uns stellen in diesen Feiertagen: Was feiern wir da eigentlich? Auf www.ostern-online.de wird es uns erklärt: Für die Christen ist die Auferstehung Jesu das zentrale Ereignis ihres Glaubens. Der Tod wird nicht als Ende, sondern als Neubeginn eines neuen Lebens gesehen. Damit soll im christlichen Osterfest bekundet werden, dass das Leben über den Tod siegen wird.

 

Hört sich gut an. Aber wie soll man sich das vorstellen? Wie soll das gehen? Das fragen nicht nur unsere Konfirmanden. Das hat damals die Gemeinde in Korinth auch schon Paulus gefragt.

 

Wir werden verwandelt, sagt Paulus. Wir werden alle verwandelt werden, und die Toten werden auferstehen als Unvergängliche. Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus.

 

Wir werden so verwandelt werden, dass der Tod und seine Handlanger und all die Todesmächte unserer Welt keine Macht mehr über uns haben. Terror, Krieg, Gewalt und Menschenverachtung, Krankheiten und begrabene Hoffnungen – all diese Kennzeichen unserer Vergänglichkeit werden überwunden sein. Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Es ist, als wenn wir uns neu einkleiden mit Leben, sagt Paulus: Denn dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.

Wunderbar! Und nun?

 

Wenn die Christen das glauben würden, meint ein Redakteur in der Süddeutschen Zeitung, dann müssten ihnen eigentlich Flügel wachsen, die Gemeinden müssten vor Kraft strotzen, ihre begeisterten Mitglieder müssten an Ostern durch die Straßen rennen und jedem ins Ohr brüllen: »Gott lebt! Wirklich, er lebt!« Stattdessen stehen sie mit allen anderen im Stau auf der Autobahn.2

 

So ganz Unrecht hat der Autor nicht, denn Umfragen zufolge ist tatsächlich vielen der Grund für das Osterfest nicht mehr bewusst. Für die meisten ist es vor allem ein harmonisches Familienfest, verbunden mit gutem Essen und Trinken und - Autobahnfahrten.

 

Und doch gibt es immer noch viele Menschen, denen vielleicht keine Flügel wachsen und denen man ihre Begeisterung nicht auf den ersten Blick ansieht, die sich aber fest auf die Botschaft von Ostern verlassen und immer wieder etwas von ihrer verwandelnden Kraft spüren.

 

Ein gutes Beispiel ist Paulus selbst: Ihm ist der auferstandene Jesus begegnet, und deshalb hat sich sein Leben komplett verändert. Aus dem, der die Christen vehement verfolgt hat, wird einer der wichtigsten Apostel. Paulus hat es erlebt: Die Auferstehungshoffnung verändert uns und unsre Sicht der Dinge.

 

Ich denke auch an das, was eine Freundin mir nach dem Tod ihres Vaters erzählte. Als sie ihn – vom Bestatter schön hergerichtet – vor sich im Sarg sieht, erkennt sie ihn nicht mehr als den Menschen, den sie liebt. Das, was sie vor Augen hat, ist nicht das Eigentliche. So viel mehr ist ihr Vater doch für sie. Und auf einmal ist sie sich ganz sicher: Dass es mehr gibt als dieses Vergängliche und Sterbliche, und dass dieses Unvergängliche bleiben wird.

 

Und wir?

 

Wo Glaube ist, das sind Lachen und Freude!, hat Martin Luther einmal gesagt.

 

Das sahen und sehen längst nicht alle so: Es gibt eine lange Traditionsreihe grimmiger Theologen3, die das Lachen kritisieren und Lachen als ‚Heidenspaß‘ ansieht. Bis in die Neuzeit hinein amüsieren sich Christen nur mit größter Zurückhaltung. So erzählt der Theologe Karl Barth z.B., dass er im November 1916 einen ‚aufrichtigen frommen Mann‘ getroffen habe, der der Meinung gewesen sei, ein Christ dürfe nie scherzen.

 

Eine Ausnahme gab es allerdings. Und die hat ganz ursächlich mit dem zu tun, was wir heute feiern. Im Mittelalter gab es die Tradition des Osterlachens. Das Lachen, das richtig laute Lachen, gehörte damals – im Ostergottesdienst - regelrecht zur Liturgie. Die Prediger haben die Aufgabe, die Menschen zum Lachen zu bringen und lassen sich einiges einfallen. Sie entwickelten Osterspiele, in denen der Tod und der Teufel sich zunächst diebisch freuen, dass sie den Sohn Gottes ans Kreuz gebracht haben. Doch dann, nach der Auferstehung, schauen sie dem Sieg des Lebens fassungslos zu und zanken sich am Ende sogar. Nun werden diese beiden, Tod und Teufel, ausgelacht, und es kommt richtig Stimmung auf. Auch Witze und Anekdoten werden von der Kanzel erzählt. Die Freude über die Auferstehung Christi soll an Ostern für alle sichtbar und erfahrbar sein. Tod, wo ist dein Sieg geblieben?

 

Mit dieser Terminierung war schon damals klar, warum Glaube und Lachen zusammen gehören, warum Christen einen Grund zum Lachen haben.

 

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Diese alte Volksweisheit hört sich zunächst banal an. Nach kurzem Nachdenken öffnet sich jedoch die ganze Dimension dieses Satzes: Wir lachen im Widerstand gegen das, was eigentlich nicht zum Lachen ist und bringen damit zwei Welten zusammen, die eigentlich nicht zusammenpassen.

Wir kennen das in der Kirche bei Beerdigungen. Am Ende, beim Kaffeetrinken, wird wieder gelacht – die Spannung, die der Tod und seine extreme Widerständigkeit bedeuten, erfährt ihre Auflösung.

 

Immer wieder hat der Humor Menschen auch geholfen, die z. B. unter Hitler oder anderen Diktatoren gelitten haben. In dieser Art von Humor wird so etwas wie eine Gegenwelt errichtet. Es ist schlimm, in einem Land zu leben, in dem es keinen Humor gibt. Aber es ist noch schlimmer, in einem Land zu leben, in dem man Humor braucht, hat Berthold Brecht einmal gesagt und damit gezeigt, dass Humor auch immer ein Element des Widerstandes in sich hat.

 

Sie kennen vielleicht die kleine Geschichte von Alfred Delp, dem katholischen Priester, der während der Nazizeit auf dem Weg zu seiner Hinrichtung ist. Er fragt den begleitenden Gefängnisseelsorger nach den letzten Nachrichten vom Frontverlauf. Aber der Pfarrer kann mit Neuigkeiten nicht aufwarten. Darauf Delp: ‚Na ja, in einer halben Stunde weiß ich sowieso mehr als Sie!‘ - Da bleibt einem fast die Luft weg. Das ist nicht nur politischer Widerstand, sondern auch Glaubenszuversicht. Diesen Humor kann nur der haben, der sich im Tiefsten und Letzten geborgen weiß. Aus der Geborgenheit im Letzten wird das Gelächter über das Vorletzte möglich, hat der Theologe Helmut Thielicke es einmal sehr treffend formuliert.

 

Dieses Lachen ist weit weg vom Lachen der Spaßgesellschaft. Es ist das Lachen der Hoffnung, des Widerstandes gegen das, was das Leben beschädigt und zerstört. Das Lachen der Christen weiß um eine andere Wirklichkeit hinter dem, was manchmal zum Weinen ist. Im Lachen bricht diese andere Wirklichkeit hinein in unsere Welt. Punktuell. Für einen Moment ist alles gut; für einen kleinen Augenblick ist die Erlösung spürbar. Für ein paar Sekunden wäscht das befreiende Lachen den Staub von der Seele.

 

Was gibt es in unserer vom Tod bestimmten Welt, in der wir unser vergängliches Leben leben, zu lachen?

 

Ich muss an den bekannten Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch denken. Er hat sich viel mit dem Thema Sterben und Auferstehung befasst:

 

Kennst Du diese plötzlichen Sekunden, fragt er in einem Chanson4,
wenn Dir einfällt, dass Du sterben musst
Siegessicher gehst Du durch die Stunden
doch auf einmal wird es Dir bewusst.

 

Hüsch ist später an Krebs erkrankt und wurde in dieser Phase auch einmal zur Bedeutung von Ostern befragt. Er sagte: ‚Wenn Christus nicht auferstanden wäre, hätten wir nicht das ewige Leben. Aber er ist auferstanden und wir mit ihm. Das ist der große Sinn unseres Lebens, das wir uns wiedersehen in Christus, mit Christus. Und wenn er nicht auferstanden wäre, wäre sein Grab auch unser Grab. Ich glaube an die Auferstehung und lasse meinen Jesus nicht.
 

‚Wer zuletzt lacht, lacht am besten‘ – sagt ein Sprichwort. Wir brauchen als Christen vielleicht manchmal einen etwas längeren Atem. Wir brauchen Widerstandskraft, wenn wir unsere Hoffnung nicht aufgeben wollen in einer Welt, in der der Tod weiterhin eine todsichere Sache ist. Unser Glaube aber sagt es wie das Sprichwort: Nicht alles, was schnell und vordergründig Erfolg hat, wird sich durchsetzen.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten! Amen.

 

Liedvorschlag: Jesus lebt, mit ihm auch ich (EG 115, 1.2.5.6) von Christian Fürchtegott Gellert (1757); Melodie: Jesus, meine Zuversicht (EG 526)

 

  1 I vgl. Humor und Tod – wer zuletzt lacht, lacht am besten? unter https://www.humorinstitut.de/media/HAUT_6-16_Seitenblick_Humor-5_Seidler...

2 I Christian Nürnberger in ‚Die Süddeutsche Zeitung‘, 30.2.2007

3 I Formulierung von Peter L. Berger: Erlösendes Lachen. Das Komische in der menschlichen Grunderfahrung. Berlin 1998.

4 I 1999, Hans-Dieter Hüsch, CD Kabarett-Chansons der frühen Jahre