Zeugnistag – „ … ist okay“ – Predigt zu 2. Korinther 12,1-10 von Wolfgang Grosse

Mittwoch gab es Zeugnisse. Halbjahreszeugnisse.
Mein Sohn, 17 Jahre alt, 11. Klasse, nächstes Jahr Abitur – so Gott will, und er will -hat natürlich auch eins bekommen. Gesehen hatte ich es bis Freitag noch nicht. Ich konnte nur aus seiner Stimmung und seinen Zwischentönen erahnen: Es schien zumindest für ihn in Ordnung zu sein. Vielleicht mit ein paar Abstrichen. Aber ich war ja neugierig. Freitagmittag sagte ich dann ganz beiläufig: „Sag mal, gab’s nicht Zeugnisse?“ „Jo, alles gut. Sport 14 Punkte, Geo (Geographie, der eine Leistungskurs) 11 Punkte. Der Rest ist okay.“ Okay ist relativ, ich weiß. Aber auch er ist schon darauf getrimmt: Schwächen gibt es nicht in unserer Gesellschaft. Und Schule ist ein Abbild der Gesellschaft.

Die Guten, gegen die keiner eine Chance hat, und die Streber sind sowieso ein Gräuel, und die Speichellecker, die Einschleimer, die schon ganz früh kapiert haben: Es geht in dieser Welt nur darum, die anderen abzuhängen, sie hinter sich zu lassen. Wenn es sein muss, mit ein bisschen Mobbing. Aber so scheint das ja zu sein, schon von klein auf.

„America first“ … „Me first“ … die Worte sind beliebig zu ersetzen in einer Zeit, in der Ausgrenzung, Abschottung und Nationalismus wieder an der Tagesordnung ist. Was für eine egoistische Zeit.

Mit diesem Zeugnis wird das nichts mit einer Lehrstelle! So wird das nie ein akzeptables Abitur; einen Studienplatz kannst du dir abschminken… Wie viele junge Menschen haben sich solche oder ähnliche Sätze in diesen Tagen anhören müssen? Mein Sohn nicht. Aber … auch ich bin nicht frei von solchen Gedanken. Gott sei Dank, ich erinnerte mich rechtzeitig an meine Schulzeit damals, fragte nicht nach sondern fragte mich: Was für ein Zeugnis würdest du wohl bekommen? Heute? Nicht Schulzeugnis. Aber vielleicht so etwas wie ein Halb-Lebenszeugnis. Ich bin 50 Jahre alt. Was für ein Zeugnis würde ich mir selbst ausstellen? Und Gott? Würde Gott okay sagen zu meinem Leben?

„Hmmm, okay … wie meinst du denn das?“ fragte ich meinen Sohn. „Na, okay halt. Passt schon. Willst es jetzt echt sehen, oder was?“ Gewissensfrage. „Nee, ist schon gut. Ich vertraue dir. Wirst es schon wissen.“

Er schaute mich verwundert an. So nach dem Motto: Das meinst du jetzt nicht ernst, oder? Wie bist du denn drauf? Andere Eltern bekommen eine Krise und du … Du sagst einfach: Lass stecken? Alles gut? Ehrlich? „Du bist aber gnädig.“

„Was ist mit dem Rest?“ fragte ich trotzdem. Mein Sohn schaute mich verwundert an. Und er kapierte scheinbar sehr schnell. „Rest ist Rest. Halt die anderen Fächer. Du weißt doch: jeder hat Stärken und Schwächen. Was ist mit dir? Stärken und Schwächen?“ „Willst du jetzt hören wie toll ich bin?“ „Nein, aber bekommst du eigentlich auch mal ein Zeugnis?“

Seine unvermittelte Frage traf mich. Zeugnis? Meine Stärken und Schwächen? Was heißt das in unserer Zeit? Gehöre ich zu den Starken oder zu den Schwachen? Wahrscheinlich ist das gar nicht so leicht zu sagen. Es wird immer noch jemanden geben, der schwächer ist, aber bestimmt auch genug Menschen, die stärker sind. Und, was heißt stark? Was heißt schwach? Geht es um den Geldbeutel? Oder um die körperliche Verfassung, oder die geistige? Um ein Zeugnis oder gar um den Glauben?

Stark und Schwach ist in unserer Gesellschaft klar formuliert. Der Slogan: Mein Haus, mein Auto, meine Familie, mein Boot … etc. … und auch in Variationen … hat sich als Satz dermaßen festgesetzt, da kommen wir nicht umhin. Letztendlich ist er ja auch Realität. Und doch ist er so relativ.

Die allein erziehende Mutter mit ihren drei Kindern - von der die Nachbarn sagen: "Die arbeitet nicht, die ist nur zu Hause." - , ist die stark oder ist die schwach? Der Polizist, der auf den Demonstranten eben nicht einprügelt, - ist der stark oder schwach? Der Banker, der seine Kinder immer nur sieht, wenn sie schon im Bett sind und schlafen, - ist der stark oder schwach? Was zählt also?

„Papa, sag mir: Worüber predigst du kommenden Sonntag?“ „Ich predige über Paulus und die Gemeinde Korinth. Eine blöde Situation damals vor ungefähr 2000 Jahren. In Korinth da zählte Stärke. Schwäche war nicht erlaubt. Das ewige Spiel der Macht. Damals wie heute.
Paulus hatte die Gemeinde gegründet. Mühsam. Aber sie war entstanden. Sie hatten seinen Worten, seinem Zeugnis von Jesus Christus geglaubt. Dann war er abgereist. Aber es gab viele Prediger damals. Auch in Korinth. Große Redner, Charismatiker, Ekstatiker, große Wortführer, die von ihren tollen Taten und Erlebnissen mit Gott erzählten. Wunder! Krankenheilungen. Offenbarungen, Visionen und sog. Zungenreden! Das beeindruckte die Menschen schon. Mein Haus, mein Auto, meine Familie, mein Boot … mein Gott! Paulus war da schnell vergessen. Kein gutes Zeugnis für ihn.

Aber er gab nicht auf. Kämpfte um die Korinther. Kämpfte mit sich. Er schrieb der Gemeinde: (Übersetzung: Gute Nachricht)

Ihr zwingt mich dazu, dass ich mein Eigenlob noch weiter treibe. Zwar hat niemand einen Nutzen davon; trotzdem will ich jetzt von den Visionen und Offenbarungen sprechen, die vom Herrn kommen. Ich kenne einen mit Christus verbundenen Menschen, der vor vierzehn Jahren in den dritten Himmel versetzt wurde. Ich bin nicht sicher, ob er körperlich dort war oder nur im Geist; das weiß nur Gott. Jedenfalls weiß ich, dass diese Person ins Paradies versetzt wurde, ob körperlich oder nur im Geist, das weiß nur Gott. Dort hörte sie geheimnisvolle Worte, die kein Mensch aussprechen kann. Im Blick auf diese Person will ich prahlen. Im Blick auf mich selbst prahle ich nur mit meiner Schwäche. Wollte ich aber für mich selbst damit prahlen, so wäre das kein Anzeichen, dass ich den Verstand verloren hätte; ich würde ja die reine Wahrheit sagen. Trotzdem verzichte ich darauf; denn jeder soll mich nach dem beurteilen, was er an mir sieht und mich reden hört, und nicht höher von mir denken. Ich habe unbeschreibliche Dinge geschaut. Aber damit ich mir nichts darauf einbilde, hat Gott mir einen »Stachel ins Fleisch« gegeben: Ein Engel des Satans darf mich mit Fäusten schlagen, damit ich nicht überheblich werde. Dreimal habe ich zum Herrn gebetet, dass der Satansengel von mir ablässt. Aber der Herr hat zu mir gesagt: »Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Je schwächer du bist, desto stärker erweist sich an dir meine Kraft.« Jetzt trage ich meine Schwäche gern, ja, ich bin stolz darauf, weil dann Christus seine Kraft an mir erweisen kann. Darum freue ich mich über meine Schwächen, über Misshandlungen, Notlagen, Verfolgungen und Schwierigkeiten. Denn gerade wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.

Mein Sohn guckte mich verwundert an. „Verstehe ich nicht. Will er nun angeben oder den Schwanz einziehen? Der Typ ist doch völlig abgedreht. Visionen, unaussprechliche Worte und sowas. Naja, Stachel im Fleisch … und Schwäche ist Stärke … ehrlich, das ist doch Quatsch, Papa.“

Eigentlich hatte mein Sohn ja Recht. Was für verrückte Sätze. Völlig gegen unserer Zeit. Sie stellen alles auf den Kopf. „Du hast ja recht. Das mag auf den ersten Blick stimmen. Der Typ Paulus kämpft mit sich und der Gemeinde. Man merkt auch: diese Zeilen sind ihm eigentlich zuwider. Aber er muss sie schreiben. Er muss sich auf die Argumentation der angeblich „Großen“ einlassen bevor er seine eigentliche Botschaft anbringen kann. Denn auch er kennt das Spiel der Macht durchaus.“

„Ach hör‘ mir auf mit Macht. Wir haben doch sowieso keine Chance gegen die „Großen“ … Was soll das? Trump macht doch auch was er will.“

„Stimmt schon. Aber nicht wirklich. Das weiß auch Paulus. Er fängt an zu prahlen, anzugeben mit seinen Visionen, Offenbarungen, dem Paradies und unaussprechlichen Worten. Aber er weiß, dass das eigentlich nichts bringt.“ „Kein Wunder. Blöde Angeberei. Fake News, sozusagen.“ „Naja, ob fake oder nicht sei mal dahin gestellt. Aber du hast recht: Angeberei. Glänzende Seifenblasen, die oft schnell zerplatzen.“

„Und was bringt das dann?“ „Paulus will auf etwas anderes hinaus. Er kommt mit einer völlig konträren Botschaft. Er stellt alles auf den Kopf. Schwäche ist Stärke. Er ist stolz auf die eigene Schwäche. Das ist es.“
„Nee, ne? Das meint er nicht ernst, oder?“ „Doch. Ganz ernst. Er steht zu seinen Schwächen.“ „Versager? Looser?“ „Nein, eigentlich ein Gewinner. Gerade weil er zu seinen Schwächen steht. Sein sog. Stachel im Fleisch, seine wie auch immer geartete Krankheit … er weiß, dass er nicht davon loskommt und akzeptiert sie.“ „Was für eine Krankheit?“ „Keine Ahnung. Aber sie muss ihn sehr belastet haben.“

Ich sah es meinem Sohn an. Es arbeitete in ihm. Schwäche und Stärke. Schwäche in Stärke. Das muss ein junges Hirn erst einmal zusammen bekommen. „Du meinst jetzt aber nicht die 5 Punkte in Kunst, oder?“ „Ist das dein Stachel?“ „Nö, eher … naja … ich geb‘ ja zu, dass ich manchmal völlig verplant bin und nichts auf die Reihe bekomme.“ „Das passt schon eher zum Stachel. Aber ist das nicht vielleicht auch ein Gewinn für dich?“ Mir kam in diesem Moment eine Idee.

„Papa, du sagst doch selbst immer, dass ich nichts auf die Reihe bekomme. Wo soll da also was Positives sein?“ „Naja, dein Chaos bringt doch auch was Kreatives mit sich. Was ist denn mit deiner Fotografie? Die Kamera zwischendurch. Das ist doch echt toll, was du da machst.“ Seine Fotos sind wirklich sehr gut. Eine Perspektive für seine berufliche Zukunft? Was sollen da die 5 Punkte in Kunst, ehrlich? Vatergedanken.

Aber so schnell ließ sich mein Sohn nicht abspeisen. „Okay, aber das meint Paulus ja nicht wirklich, oder?“ „Nein, da hast du recht. Paulus meint etwas ganz anderes.“
„Und was?“ „Wer definiert denn, wer stark und wer schwach ist? Wer oben und wer unten ist? Sagen das die Zeugnisnoten? Oder das Portemonnaie? Oder ob man in Straße oder Stadtteil X oder in Straße oder Stadtteil Y wohne? Ob der Vater Angestellter oder Selbständiger ist? Was sind unsere Maßstäbe?“ Er nickte.

„Paulus sieht auf Gott. Und Jesus, und wie unsere Maßstäbe durchkreuzt wurden. Er sieht, wie Gott seine Macht abgab und Mensch wurde, schwach wurde, verletzlich. Schwach bis zum Tod am Kreuz. Du weißt schon Karfreitag. Und dann Ostern.
diese Erkenntnis gibt Paulus die Stärke zu sagen: ich kann meine Schwäche annehmen. Ich kann mit ihr leben. Ich muss mich nicht angeberisch groß machen und alles Negative an mir vertuschen. Denn Gott macht mich groß, weil er meine Schwächen kennt. Weil Gott in seiner Größe schwach wurde und doch den Tod besiegte.“

„Papa?“ „Ja?“ „Ich kapier‘ das ja schon ein bisschen mit Gott und Stärke und Schwäche. Aber irgendwie ist das so abstrakt …“
Da hatte er mich wohl mal wieder kalt erwischt. Nicht der Papa sondern der Pastor hatte gesprochen. „Hast recht. Vielleicht einfach so: Gott hat dich lieb so wie du bist. Er kennt dich. Mit deinen Stärken und mit deinen Schwächen. Und er ist gnädig.“ „Ehrlich?“ „Ja. Denn das Leben ist wichtig. Glück ist wichtig. Liebe ist wichtig. Nicht die Stärken und Schwächen. Deshalb ist Gott gnädig. Gnade ist wichtig.“

Mein Sohn zögerte. „Willste es jetzt sehen oder nicht?“ „Wie du willst.“ Mein Sohn stand auf und nahm mich unvermittelt in den Arm. „Habe - glaube ich - was kapiert. Bist schon okay, Papa. 11 Punkte mindestens. Hab dich lieb. Ich hol’s mal.“ Er ging in sein Zimmer. Holte sein Zeugnis. Gut, dass er nicht meine kleine Träne sah. Schwäche und Stärke. Was soll’s?
Bisschen stolz war ich aber schon auf mich. Ich weiß, Eigenlob und so. Gott verzeiht auch mir. Meine Schwächen. Meine Stärken. Durch seine Gnade. Das ist okay. Amen.